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Aus dem Buch: Simon Heiser - Aus dem Dunkeln
 
Ich war zwölf, als mir meine Mutter genommen wurde. Bald darauf sollte sie ein launisches Schicksal durch etwas ersetzen, das einer Mutter ähnelte, aber doch etwas ganz anderes war: eben meine Heilerin.
Anstatt mit dem Rauchen anzufangen oder sonst wie zu rebellieren, habe ich eine Art Freundin gefunden. Und die hat mir das Tagebuch ans Herz gelegt.
Als ich mit meinem Vater zum ersten Mal ihre Praxis betrat, stellte sie sich mir als ?Doktor Buchen? vor. Ich weiß noch genau, dass außer uns noch mehr Erwachsene mit ihren Problemkindern da waren. Aber Doktor Buchen nahm sich, sobald sie unserer gewahr wurde, die Zeit, vor mir in die Hocke zu gehen und sich mir mit einem sanften Händedruck persönlich zuzuwenden. Obwohl ich damals sehr scheu und zerbrechlich war, gefiel mir diese Geste. Nicht so sehr, dass ich mich getraut hätte, sie direkt anzusehen. Aber doch so weit, dass ich eine erste Form von zartem Vertrauen zu der Frau fasste.
Sie sagte, ihr Name sei Annika. Ob ich ihr nicht auch meinen Namen verraten wolle, als Teil eines fairen Handels sozusagen. Ich habe mich erst geziert und mich nach einem Loch zum Verkriechen gesehnt. Aber wie das so ist mit der Sympathie, wäre ich mir unanständig vorgekommen, ihre kleine Gabe nicht zu erwidern. Deshalb nannte ich ihr nach einigem Zögern das einsilbige Ding, über das mein Vater und meine tote Mutter vor meiner Geburt glücklich gelächelt haben mussten. Rau und angenehm spürte ich dabei die Hand meines Vaters im Nacken.
?Paul ??
Meine Stimme konnte kaum mehr als ein dünner Hauch gewesen sein. Doch Doktor Buchen verstand. Für mich ein Zeichen, dass sie mit ihren Gedanken bei der Sache war. Sie lächelte. Ich sah dieses Lächeln nicht wirklich, sondern nahm eher aus dem Augenwinkel ein weißes Funkeln wahr, wie die Reflexion eines Lichtstrahles. Ich hob auch die Mundwinkel ein kleines Stück. Damit war der Deal besiegelt. Mit dem Lächeln noch mehr als mit dem Handschlag.
Wegen dieses Tauschgeschäftes hielt ich wenige Sitzungen später das kleine Büchlein in den Händen, welches in nächster Zeit auf Annikas Rat hin die meisten meiner Gedanken aufnehmen sollte. Mein Vater brachte es mir mit skeptischem Blick aus einem Schreibwarengeschäft mit. Er übergab es mir so unbeholfen, wie ich es linkisch entgegen nahm.
An uns beiden war kein Schreiberling verloren gegangen. Besonders an Vater nicht. Leere Bücher, die man selbst mit etwas füllen sollte, was über reine Notizen hinausging, schrien uns Herausforderungen entgegen, auf die wir nicht bereit waren einzugehen. Ich schrieb auch für die Schule nie mit besonderem Eifer, geschweige denn für mich alleine.
Gut, ich hatte mich ab und an kleinen Geschichten versucht, wenn gerade nichts anderes zu tun war. Denn meine Videospiele ? die archaischen, die es damals schon gab ? mochte Vater nicht so gerne. Wenn er da war, kramte ich die eckigen grauen Module mit den kitschigen Etiketten ungern heraus, da Spielgerät und Fernseher ihren Platz im gemeinsamen Wohnzimmer hatten, und Papa, was dessen Benutzung betraf, am längeren Hebel saß.
Richtig verloren hatte ich mich im Schreiben aber nie. Dafür schien mir die Fähigkeit zu fehlen, kindliche Fantasie in Worte zu kleiden. Ich war nie böse darum. Welche Talente mir auch immer in die Wiege gelegt worden waren, das Schreiben gehörte nicht dazu. Und es machte mir nicht das Geringste aus.
Tagebuch zu führen war ebenfalls neu für mich. Ich hielt mein Leben nie für interessant genug, um darüber Protokoll zu führen, obwohl Doktor Buchen darüber anderer Ansicht zu sein schien. Schon damals hatte ich kapiert, logisch, dass es die tote Mutter war, die Annikas Interesse weckte. Schließlich war das ihr Beruf. Meine Mutter und meine geistige Gesundheit und noch viel mehr.
Aber Annika war in Ordnung. Und nicht nur unser erster Handel war fair. Obwohl mein Vater stets chronisch pleite war, durfte ich immer zu ihr kommen ? das sagt doch einiges über Fairness aus, oder nicht?
Meine Heilerin sagte damals, dass mein Leben in nächster Zeit voll sein würde von sich dahin ziehenden endlosen Tagen, in denen ich Gefahr laufen würde, in meiner Gedankenwelt zu versinken. Wahrscheinlich auch in Melancholie, Depressionen, Wutanfällen und so weiter. Sie nahm da kein Blatt vor den Mund. Das Tagebuch wiederum begründete sie als ein Instrument, mit dem ich für mich selber Trittsteine erschaffen könne. Diese sollten mich mit kleinen Sprüngen über den Sumpf der Niedergeschlagenheit bringen, wenn ich vor lauter Tränen um meinen Verlust keinen Horizont mehr sah. Durch das Aufschreiben kleiner positiver Ereignisse diesen gezielt einen Wert geben. Ein jeder Trittstein stellte ein Erlebnis dar, und sei es noch so winzig, welches ich ohne das Buch gleich wieder vergessen hätte.
Mit Hilfe dieser Möglichkeit, Dinge zu Papier zu bringen, konnte ich Kraft aus Tagen ziehen, die sonst spurlos an mir vorbeigezogen wären. Etwas, das sich während des Tages ereignet hat, von dem ich dann abends sagen konnte, dass es gut war. Doktor Buchen sagte, dass ich mir so selbst helfen könnte, den Blick auf die erbaulichen Seiten des Lebens nicht zu verlieren.
Als ich in jenem Sommer im Schreibwarengeschäft Schulzeug eingekauft hatte, waren mir jene Tagebücher schon nebenbei aufgefallen, ohne dass ich ihnen größere Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Sie lagen in einem Korb für Sonderangebote herum. Jedes Exemplar in Plastik eingeschweißt und mit einem roten Etikett versehen. Darauf ein durchgestrichener Preis und ein neuer, der mit dickem Filzstift von Hand darunter gekritzelt war.
Damals kümmerte ich mich um Hefte, Stifte und Einbände für meine Bücher, und schenkte dem Korb und seinem Inhalt keine Beachtung. Umso überraschter war ich, als mein Vater dann, viele Wochen später, mit einem solchen Tagebuch aus dem Laden in der Hand nach Hause kam. Scheinbar hatten sie sich nicht sonderlich gut verkauft. Ich glaubte, dass sie Ladenhüter waren. Perfekt für meinen Vater, der schon früher sparte, wo es nur ging. Er wollte keine Abstriche am eigenen seltenen Luxus machen müssen. Nach Mamas Tod war er aber regelrecht besessen geworden von der Vorstellung, uns könnte das Geld ausgehen.
Ich fand das Buch weder gut noch schlecht. Vom Aussehen her, meine ich. Im Wühlkorb des Ladens gab es die Dinger in zwei Ausführungen, pink und hellblau ? wie originell ?, wobei die schlichten Muster, die darauf abgebildet waren, dieselben blieben. Gewellte Striche waren das, dickere und dünnere, die sich von einer Ecke in die andere zogen und dabei ab und zu in Kreisen ausliefen. Unauffällig und irgendwie nicht völlig ohne Eleganz. Das Äquivalent eines silbernen Kleinwagens auf deutschen Straßen. Für die Massen gemacht.
Ich fand es zuerst schwer, mich damit zu identifizieren, aber vielleicht lag das auch mehr an der eigentlichen Sache als an dem Buch an sich. Ein leeres Buch will gefüllt werden. Und ich war der talentlose Schreiber, der vor den unzähligen weißen Blättern saß.
Zwischen den kartonierten Seiten des Einbandes baumelte ein rotes Lesezeichen, welches bei beiden Varianten identisch war. Es wirkte, als bestünde es aus einer Mischung aus Wolle und Kunststoff. Mein Vater hat mir natürlich ein blaues gekauft, obwohl mir auch pink nichts ausgemacht hätte. Ich hatte ohnehin nicht vor, es außerhalb meines sicheren Zimmers mit seinen hunderten Verstecken, die nur ich allein kannte, mit mir herumzutragen. Wenn ein Zwölfjähriger mit einem Tagebuch von anderen Jungs erwischt wird, mochte sein Ruf für die nächsten Jahre empfindlichen Schaden nehmen.
Wenn man das Büchlein aufklappte, nachdem man den weichen, nachgiebigen Kunststoff entfernt hatte, fand man reinweißes, dünnes Papier, das mit dunkelgrauen Linien versehen war. Kein Rand, kein sonstiger Komfort, wie etwa eine Kalenderfunktion oder auch nur ein kleines Kästchen, das die Schulferien anzeigte. Nur die Linien und das rote Lesezeichen.
Ich saß lange auf meinem drehbaren Stuhl in meinem Zimmer und starrte dieses merkwürdige Geschenk an, während ich es mit einer Hand festhielt, damit es nicht wieder zuklappte. Es wurde vom Licht meiner Leselampe beleuchtet, denn ich hatte die Rollläden heruntergezogen, obwohl es draußen erst früher Abend und noch taghell war. Die Dunkelheit hatte mir in den letzten Wochen Trost gespendet.
Wie lange ich letztendlich da saß und starrte, weiß ich nicht zu sagen. Es war nicht so, dass mich eines meiner Spielzeuge oder irgendein anderes Ding aus dem Chaos meiner Unordnung abgelenkt oder mein Denken angezogen hätte. Ich dachte in diesem Augenblick an überhaupt nichts. Seltsamerweise fühlte ich mich zum ersten Mal seit Langem wieder frei. Frei von quälenden Stürmen in meinem Kopf, die selbst im Schlaf nie völlig abgeflaut waren. Ich hatte eine Aufgabe vor mir, auf die ich mich konzentrieren musste.
Letztlich war es dieses Gefühl von Freiheit, das mich dazu veranlasste mir einen Stift zu nehmen, einen Kugelschreiber. Mein allererster Eintrag lautete folgendermaßen: ?Das hier ist scheiße!?
Das schrieb ich nur, weil es in diesem Alter irgendwie ein Zeichen von Unabhängigkeit ist, sich mit Obszönitäten abzugeben und damit die Grenzen der Erwachsenen auszuloten. Eigentlich fand ich das Buch gar nicht mehr so scheiße. Nicht, nachdem ich diese Sturmflaute in meinem Schädel genossen hatte.
Dann fiel mir ein, dass ich ja das Wichtigste vergessen hatte. Im Fernsehen oder den Jugendzeitschriften sah man immer, dass solche Tagebucheinträge mit einem Datum versehen waren. Also sah ich auf meinen Kalender, der in einer Ecke des Schreibtisches stand und ebenfalls ein Geschenk meines Vaters war, und notierte über meiner Unflätigkeit: 3. September 1989.
So sah es besser aus. Was ich ebenfalls aus dem Fernsehen hatte, war, dass man seine Einträge immer mit Liebes Tagebuch ? beginnt. Das hielt ich aber für Augenwischerei und vor allem für absolutes Mädchenzeugs. Ich beschloss deshalb, auf diese Form der Etikette zu verzichten.
Ich las die vier Worte, die ich kurz zuvor niedergeschrieben hatte. Doktor Buchen meinte, dass ich auf jeden Fall darauf achten müsse, immer mir selbst gegenüber ehrlich zu sein, und auch auf ihre »zarte« Seele keine Rücksicht nehmen dürfe. Anders ausgedrückt wollte sie, dass ich immer frei von der Leber weg schrieb.
Ich überlegte, ob die Worte tatsächlich dem entsprachen, was ich empfand. Noch bevor ich das Büchlein geöffnet hatte vielleicht, aber nun nicht mehr, deshalb strich ich ?Das hier ist scheiße? durch und löste mich von den Empfindungen, die mich noch geritten hatten, als Papa mir meinen neuen Gefährten mit einem abfälligen Naserümpfen in die Hand gedrückt hatte. Ich wollte etwas verfassen, das aktueller war. Nur was?
War mir an diesem Tag etwas Gutes widerfahren? Nun, dachte ich, während sich ein winziges Grinsen auf meine Lippen stahl, vielleicht nicht heute, aber dafür gestern. Also schrieb ich: ?Ich erinnerte mich auf meinem Nachhauseweg an unseren ersten Besuch bei Dir, Annika. Ich fand es sehr schön, als Du mir die Hand gegeben hast, und es tut mir leid, dass ich Dir nicht in die Augen gesehen habe. Ich bin manchmal etwas schüchtern. Ja, während man offen und ehrlich ist, kann man gewisse Dinge über sich selbst lernen. Ich hoffe, Du hast das nicht als unhöflich empfunden. Das fände ich sehr schade, weil ich Dich gemocht habe an diesem Tag. Du hast mich ein bisschen an meine Mama erinnert.?
Ich spürte, wie ich während des Schreibens einen roten Kopf bekam. Das mit der Ähnlichkeit, die ich wohl so dringend sehen wollte, war dann doch etwas zu ehrlich. Daher strich ich auch das wieder durch.
Mittlerweile sah die erste Seite sehr verkritzelt aus. Auch meine Hand war ganz schwarz, weil der Kuli schmierte. Ich warf den billigen Stift beiseite und nahm mir einen Bleistift zur Hand. Der ließ die Schrift zwar nicht ganz so kraftvoll wirken, aber er unterband dieses ekelhafte Schmieren, das ich bis heute nicht ausstehen kann.
Mit diesem Wechsel klappte der Rest des Eintrages ganz gut. Und während der Arbeit merkte ich so überhaupt nichts von der Herausforderung der leeren Seiten.
Ich berichtete von unserem ersten Besuch in Annikas Praxis, zu dem mich mein Vater mit grimmigem Gesicht geleitet hatte. Er dachte an die Ausgaben, die er haben würde. Aber trotz seiner vielen Fehler wusste er doch, dass es manchmal das Beste ist, über den Tellerrand hinaus zu blicken. Das hieß in diesem Fall, seinem gebrochenen Sohn die Unterstützung zukommen zu lassen, die er selbst ihm nicht bieten konnte.
Die Praxis lag in der Wehrtorstraße, nur ein paar Blocks von meiner Schule entfernt. Auch von dem Häuschen aus, das ich mit Dad zusammen bewohnte, waren es bis zu Doktor Buchens Arbeitsplatz nur wenige Minuten mit dem Auto und einige Minuten mehr mit dem Fahrrad.
Das lag natürlich daran, dass die Stadt selber nicht mehr als ein unbedeutender Fleck auf der Landkarte ist. Die Wehrtorstraße ? heutzutage hat man sie umbenannt, wie ich gehört habe ? gehörte zu einem der ältesten Teile der Stadt, wo sich heute Moderne und Vergangenheit treffen.
Hohe Glasfassaden ragen dort über alten Fachwerkhäusern empor, auf einem Fundament rötlicher Steinplatten, die wie frisch glasiert aussehen. Der größte Teil dieser Gegend ist Fußgängerzone, damals wie heute. Schön gestaltet mit gut gepflegten Bäumen, matt silberfarbenen Abstellringen für Fahrräder, glänzenden Sitzbänken und breiten Bordsteinen, hinter denen sich ein Schaufenster ans nächste drückt.
Wie gigantische Augen stieren diese Ladenfronten gierig auf das Geld in den Taschen der Vorbeigehenden. All das habe ich auf den ersten beiden Seiten meines neuen Tagebuchs festgehalten. Ihren ehemaligen Namen erhielt die Straße wegen der nahen Denkmäler in Form gut erhaltener, mittelalterlicher Stadtmauern, deren Türme und Außenbereiche tagtäglich von Touristen erkundet wurden.
Obwohl der Tourismus stark zurück gegangen ist und die Straße nun scheinbar anders heißt, wird sie für mich immer die Wehrtorstraße bleiben. So ist das wohl mit alten Gewohnheiten, besonders mit denen, die man sich als Kind angeeignet hat.


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