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Aus dem Buch: Detlef Klewer Hrsg. - BESTIARIUM
 
Hans Jürgen Hetterling
Domina Perchta

Atemlos hielt ich inne. Lange, so lange hatte ich mit Eifer, ja, an Wahnsinn grenzendem Fanatismus meinen Weg verfolgt. Rigoros den Pfad meiner Bestimmung beschritten. Und jetzt - endlich am Ziel angelangt - was würde ich vorfinden ...?
Nur ein Ammenmärchen, oder ... eine wirkliche, tödliche Bedrohung?
Die Dunkelheit schlug über mir zusammen wie die Schwingen eines gigantischen, lautlosen Totenvogels. Dort, wo ich herkam, glaubte man an diesen schwarzgefiederten Todesboten, dessen Ruf großes Unheil ankündigte. Ich tat einen Schritt vorwärts. Geröll knirschte unter meinen Stiefeln. Jetzt befand ich mich im Inneren der Höhle, die als einziges Ziel all mein Sinnen und Handeln beherrscht hatte - all die Zeit. Warum zögerte ich noch?
Die Klaubauf-Höhle nannte man sie unten im Dorf, das eine Unendlichkeit entfernt zu sein schien. Entfernt von den nahezu undurchdringlichen, labyrinthartigen Wäldern, in denen sich so dicht Stamm an Stamm schmiegte, dass selbst im Hochsommer kaum ein Lichtstrahl durch ihr verfilztes Blätterdach drang. In deren Mitte die Höhle lag, von der es hieß, sie sei der Schlund der Hölle.
Draußen würde sich nun ein trüber Wintertag seinem Ende entgegen neigen und Schatten der Dämmerung über Fels und Wald kriechen wie Ahnungen böser Träume. Meine Hände tasteten nach der Taschenlampe in meinem Parka. Da! Etwas bewegte sich vor mir - in der absoluten Finsternis der Höhle. Mein Herz hämmerte so laut, dass ich glaubte, das - was da auch immer vor mir in der Schwärze lauerte - müsste es wahrnehmen. Meine zitternde Hand holte die Lampe hervor. Schaltete ich sie jetzt ein, machte ich mich sichtbar. Aber was spielte das noch für eine Rolle? Sofern es sich bei dem, was ich bis hierher verfolgte, tatsächlich um eben jenes handelte, wofür ich es hielt, dann war ihm längst meine Witterung aufgefallen. Und sicherlich verfügte es auch über die Gabe, im Dunkeln sehen zu können. Dennoch zögerte ich. Draußen heulte der Wind und ließ mich glauben, die Stimmen verdammter Seelen in ihm zu vernehmen. Raubtierartiges Grollen vor mir. Eine Bewegung, wie von etwas Massigem, Wuchtigen. Geröll knirschte unter scharfkantigen Hufen. Hufen?
In meinem Herzen wich der Hass, dieser jahrelange fanatische Zorn, der meine Schritte hierher lenkte, in diesen Wald, in diese Höhle, eisiger Furcht.
"Wenn deine Theorie stimmt", hörte ich die Stimme eines alten Mannes aus meiner Vergangenheit, die aus der Dunkelheit zu dringen schien, "und du findest, wonach du suchst - dann wirst du nicht mehr weglaufen können. Dann wird es dich in Stücke reißen noch bevor du auch nur daran denken kannst, zu schreien."
Die Taschenlampe in meiner Hand flammte auf. Ein entsetzlich würgendes Gefühl ließ meine Kehle eng werden, als mein Blick den Schatten traf, der sich langsam umdrehte. Sich mir zuwandte. Mich fixierte.
Mit Augen, die in der Finsternis leuchteten und mich zu durchdringen schienen, wie mit Höllenfeuer.
Panik wallte in mir auf, verwandelte mein Blut in flüssigen Stickstoff von arktischer Kälte. Mein Herz hämmerte, als wolle es jeden Moment zerspringen, während sich Beklemmung ähnlich Stahlklammern um meinen Brustkorb legte.
Ich warf einen raschen Blick zurück, zum Eingang der Höhle. Großer Gott, schon so weit entfernt! Es konnte nicht sein. Und dennoch: Die kleine, von grauer Dämmerung trübe erhellte Eingangspforte bildete nur noch einen winzigen Punkt in der Ferne. Ein Meer schwarzer Undurchdringlichkeit trennte mich nun von ihr. Die Klaubauf-Höhle verschlingt die, die sie betreten.
Die Gestalt vor mir erhob sich aus zuvor offenbar kauernder Haltung zu ihrer vollen Größe. Von annähernd menschlichen Proportionen, überragte sie mich aber bei weitem. Mein Verstand hegte keinerlei Zweifel daran, was sich da vor mir in der Finsternis befand: Zu lange schon jagte ich sie, alles Auffindbare über sie sammelnd, jeder noch so vagen Spur nachgehend. Und nun stand ich hier, und es befand sich hier - und sah mich an.
Ein Wesen, mit Armen und Beinen, doch gänzlich von zottigem Fell bedeckt, wie dem eines Affen oder Bären. Eine bleiche Fratze bestialischer Bösartigkeit, tierischer Wildheit und sadistischer Brutalität - durch ungebändigte Natur in Haut und Knochen gehüllt, menschliche und tierische Physiognomie gleichsam verhöhnend, gekrönt von einem Paar mächtiger Hörner, die an das Geweih eines Steinbocks erinnerten. Die Beine endeten in gespaltenen Hufen.
Die Hände, die das Wesen nun erhob, erschienen erschreckend menschlich mit ihren fünf Fingern und dem quergestellten Daumen. Am Ende der Finger schimmerten Krallen, geschaffen, um zu schlitzen, zu zerfetzen, zu zerreißen.
Etwas Großes, Schweres, das sich offensichtlich in seinen Klauen befand, glitt zu Boden, als die Kreatur auf mich zutrat. Ich musste hochblicken, um in seine gelblich schimmernden Augen zu schauen, die von merkwürdigem, geradezu verstehendem Ausdruck erfüllt schienen. Sie sahen keineswegs menschlich aus, die Pupillen bildeten kleine, sichelförmige Schlitze, ähnlich denen eines ins Licht blickenden Raubtieres, Und dennoch handelte es sich um keine Tieraugen, in die die meinen blickten. Das Geschöpf warf seinen mächtigen Schädel in den Nacken und die Höhle erbebte von seinem Gebrüll, dass ich meinte, vor Entsetzen besinnungslos zu Boden zu stürzen. In diesem Moment überkam mich die Erkenntnis, einen weiteren elementaren Fehler begangen zu haben, außer, mich allein bei einbrechender Dunkelheit mitten in einem unzugänglichen, abgelegenen Wald in eine Höhle zu wagen, in der ich zu Recht die Behausung eines mehr als gefährlichen Lebewesens vermutete.
Dem Gebrüll des Untiers nämlich antwortete draußen ein vielstimmiges Geheul, das nur den Schluss zuließ, dass hier weitere dieser Unholde existierten. Wie viele? Dutzende? Eher Hunderte, wie es sich anhörte.
Jetzt kam das gehörnte Wesen auf mich zu. Seine Klauen, die sich jetzt als vor Blut triefend entpuppten, langten nach meinem Gesicht - doch vorsichtig, als wollten sie es betasten. Lag es an dem schwachen, flackernden Licht, oder huschte etwas wie ein Lächeln über die gefurchten Züge des Untiers? Meine Lampe anhebend leuchtete ich ihm direkt ins Gesicht. Nun ließ sich das Geschöpf in seiner ganzen bizarren, bedrohlichen Hässlichkeit erkennen - und ich wusste jetzt, dass der leibhaftige Teufel keiner Legende entsprang. Ich stand ihm gegenüber.
Meine zitternde Hand zog den großkalibrigen Revolver, den ich seit Jahren, seit dem Beginn meiner Suche nach dem Ungeheuer, bei mir trug. Der Bocksbeinige verfolgte meine Bewegungen mit seinen gelben, fluoreszierenden Augen. Und nun bestand kein Zweifel mehr, dass das Ungeheuer über etwas wie einen menschlichen Verstand verfügte, denn es lachte. Tief, grollend. Das Geräusch klang wie eine Drohung, doch die Kreatur lachte ... ISBN: 978-3-940830-93-7


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