Sarturia.com Buchinhalt Vorschau


Aus dem Buch: Hrsg. Helga Sadowski - Weihnachtsgeschichten
 
Hals und Beinbruch
Dietmar Zambori

"Norman, du musst los, Schatz. Aufstehen! - Norman! - Norman!" Die Stimme seiner Mutter wurde immer lauter. Dann kam das Rütteln und das Schütteln das Norman kaltherzig und grausam aus dem Land der Träume riss.
"Ma - ma", brachte er mit gequollenen Augen heraus "Heute - frei, Norman - schlafen."
"Norman nicht schlafen! Du hast versprochen mit Mr. Jenkins Hunden rauszugehen! Außerdem musst du den Weg streuen. Ich muss los in die Arbeit, bis heute Abend Liebling." Es gab noch einen feuchten Schmatzer auf die Wange, der mit einem lauten "Maaaaammmaaa!!" hingenommen wurde.
Wie eine Mumie aus den alten Schwarz-Weiß-Filmen bewegte sich Norman durch das Haus. Er wusch sich und gönnte sich erst mal einen heißen Kakao. Er starrte mürrisch auf die Uhr und stellte fest, dass es erst sieben Uhr war. In den Ferien stand er normalerweise nie vor zehn auf! Er zog sich einen dicken Mantel und die Schuhe an, warf sich Schal und Mütze über und verließ das Haus. Er hatte schließlich ein Versprechen gegeben - und wer würde denn so kurz vor Weihnachten etwas Unartiges tun? Norman rutschte über den verschneiten Weg und bewegte sich eher schlitternd als gehend zu dem übermäßig dekorierten Haus seines Nachbarn Mr. Jenkins, einem alten, hageren Mann mit altmodischen Koteletten und tiefem, ansteckendem Lachen.
Immer noch völlig übermüdet klopfte Norman an die geschmückte Türe worauf lautes Gebell ertönte.
"Morgen, Junge, na, wie geht s dir?", begrüßte ihn Mr. Jenkins in einem dicken Weihnachtspullover mit aufgesticktem Elchmuster.
"Müde, sonst gut - und Ihnen?"
"Bin wahnsinnig im Stress, habe noch eine Menge bis morgen zu tun, weil ehm ? die Familie ? die Familie kommt vorbei. Jedes Jahr vor Weihnachten läuft mein Herz einen Marathon", murmelte er. "Und dann ist meine Frau gerade jetzt bei ihrer Schwester. Die hat die Masern bekommen, so kurz vor den Feiertagen und das in ihrem Alter! Herrjemine, wenn es kommt, dann ganz Dicke, nicht wahr?"
"Verstehe. Tut mir leid, das zu hören. Ich nehme dann mal die Hunde, ja?", sagte Norman und packte die neun Leinen.
Mr. Jenkins und seine Frau waren wahre Hundenarren. Sie besaßen einen Dackel, einen Retriever, einen Bernhardiner, einen Wolfshund, einen Collie, einen Beagle, einen Schäferhund und zwei Terrier. Die Hunde sprangen Norman freudig an und versuchten abwechselnd, ihm das Gesicht abzuschlecken.
"Ganz ehrlich Mr. Jenkins, wie kann man nur so viele Hunde haben?"
"Ach, die Kleinen gehören einfach zu uns", meinte er "Normalerweise kümmern sich ja meine liebe Frau oder die ... die Kinder um die Tiere. Wie ich schon sagte, sind die Feiertage sehr stressig und ich wäre einfach nicht dazu gekommen, mich um die Hunde zu kümmern." Den Bernhardiner hinter dem Ohr kratzend fuhr er fort. "Ich kann mich nicht dran erinnern, jemals ohne die kleinen Kläffer gewesen zu sein". Plötzlich verharrten die Hunde in ihren Freudensprüngen und blickten allesamt zu ihrem Herrchen. "Jaja, tut mir leid, meine Güte, seid ihr empfindlich. Also Norman bis später, ich habe noch eine Menge zu erledigen." Dann schlug er hinter dem Jungen die Türe zu.
"Na los, kommt, ihr kleinen Kläffer." Die Hunde stürmten zeitgleich in alle Richtungen los. "Schon gut, schon gut, ihr seid super artige, wunderschöne Wölfe, majestätisch und erhaben!"
Fast zwei Stunden schleppten ihn die Hunde durch den in weiß gehüllten Park. Eigentlich hatte er vor, diesen Ort, der sonst zu seinem täglichen Schulweg gehörte, mindestens zwei Wochen zu meiden. Norman musste dennoch zugeben, dass diese verschneite Landschaft, umspielt vom künstlichen Licht der Laternen, etwas Magisches an sich hatte. Hier war niemand außer ihm und den Hunden, fast so, als ob die vielen geschmückten Fenster einzig für sie alleine leuchteten.
Durchgefroren und zitternd übergab er Mr. Jenkins die Hunde und erhielt im Gegenzug ein paar nette Worte und eine große Zuckerstange.
Den Rest des Vormittags verbrachte er eingekuschelt vor seiner Konsole, als plötzlich Sirenen zu hören waren. Ein Krankenwagen fuhr um die Ecke und hielt vor Mr. Jenkins Haus. Norman stürmte die Treppen hinunter und verharrte im Türrahmen.
"Oh nein!"
Mister Jenkins lag dort mit verdrehtem Bein. Die Sanitäter hatten sichtlich Probleme den alten Mann zu beruhigen, der partout nicht auf die Krankentrage gelegt werden wollte.
"Hören sie doch. Ich kann nicht mit, nicht heute! Morgen ist Weihnachten, ich habe Verpflichtungen! Vermaledeit, wie kann das denn nur passieren, ausgerechnet jetzt?", fluchte er und strampelte wild mit dem schiefen Bein, wobei er immer wieder einen Schmerzensschrei zwischen seinen Zähnen herauspresste.
Norman sprang hinter den Krankenwagen und hämmerte sich die Faust an den Kopf. Wie konnte er nur so vergesslich sein? Er war doch heute dran gewesen, Schnee zu schippen und Kies zu streuen. Er war Schuld an Mr. Jenkins Lage, weil er nicht dafür gesorgt hatte.
Nicht nur sein Bein war gebrochen, sondern auch das Weihnachtsfest fiel ins Wasser. Dennoch wagte Norman nicht, hervorzutreten und sich der Verantwortung zu stellen. Er hasste sich dafür so feige zu sein, der innere Kampf der beiden Normans auf seinen Schultern war schon längst entschieden. Klammheimlich schlich er sich mit knautschenden Schritten in sein Zimmer zurück und versteckte sich unter seiner Decke. Der Versuch zu schlafen wurde durch schreckliche Gewissensbissen vereitelt. Auch sein Appetit und seine Unlust verschwunden. Nichts machte ihm mehr Spaß, weder Fernsehen noch Computerspielen.
Die Nacht brach schnell über die Stadt herein und brachte Schwärze und noch tiefere Temperaturen mit sich. Norman wollte sich gerade etwas Milch holen, als er plötzlich Licht in Mr. Jenkins Haus erblickte. Aber das konnte doch gar nicht sein?
Bestimmt waren das Einbrecher, überlegte er und rannte in sein Zimmer, zog sich einen Pullover über und stürmte die Treppen hinunter, wobei er nach der Schneeschaufel griff. Eigentlich wäre es ja das Klügste gewesen, die Polizei anzurufen, aber was, wenn er sich irrte. Was, wenn Miss Jenkins zurückgekehrt wäre und plötzlich von einer Hundertschaft der Polizei ergriffen würde? Nein! Mehr Leid konnte und wollte er nicht über die arme Familie Jenkins bringen.
Vorsichtig schlich er sich um das festlich dekorierte Anwesen, vorbei an geschmückten Tannen, grinsenden Schneemännern und Plastikhirschen. Zum Licht waren jetzt auch plumpende und klumpende Geräusche gekommen. Etwas tönte und etwas quietschte, während sich Norman zum Kellerfenster hinunter beugte, um einen besseren Blick auf die vermeintlichen Einbrecher zu erhaschen. Klick.
Plötzlich drehte sich das Fenster und Norman fiel und fiel, weiter und weiter und weiter, bis er auf ein großes Kissen klatschte, das aussah wie ein großes Bärchen.
"Ich bin bewaffnet! Ich habe eine Schneeschaufel ...", schrie er und wedelte auf wackligen Beinen mit einem losen Stiel herum. "Wow ?"

Norman war überall außer in einem gewöhnlichen Keller, eines gewöhnlichen Hauses, einer gewöhnlichen Stadt. Der Raum, in den er gefallen war, war riesig, gigantisch, endlos, monströs und weitläufig, dass ihm glatt die Adjektive ausgingen, wenn er ihn beschreiben sollte.
Überall standen unwahre, bunte Maschinen, welche die Form von Spielzeug hatten. Aus ihrem mechanischen Inneren Fahrräder, Puppen, Springteufel, Modellautos und Roboter auf ein Netz aus Fließbändern spuckten. Tausend mal tausend Spielzeugarten rasten durch die Halle, wo sie zusammengesteckt, verarbeitet und in große Kisten gepackt wurden. Anschließend wurden sie mit glitzerndem Geschenkpapier und Schleifen versehen.
Zwischen den skurrilen Apparaturen rannten kleine Wesen umher, die allesamt die gleiche Uniform trugen, rotweiße Socken mit schwarzen Schuhen, grüne Latzhosen und Zipfelmützen.
"Hey, du da?! Was tust du hier?" Eines der kleinen Wesen schwebte um Norman herum, das von einer Art Ventilator-Jet-Pack in der Luft gehalten wurde.
"Ich... ich bin Norman."
"Freut mich für dich. Ich bin Nummer 508, aber das habe ich nicht gefragt!"
"Ich bin durch das Kellerfenster gefallen und du bist ganz schön unfreundlich."
"Tzz! Also ich glaube, du spinnst wohl! Unfreundlich! Und selbst wenn, habe ich doch wohl allen Grund dazu. Ein Eindringling und das ausgerechnet heute! Dieses Jahr ist verflucht! Na ja, hilft ja nichts, los komm, ich bring dich zu Nummer Eins."
"Wer ist Nummer Eins?"
"Wer ist Nummer Eins? Wer ist Nummer Eins?" äffte er Norman nach. "Was für eine Frage, los komm." Nummer 508 pfiff und ein geflügeltes Schaukelpferd erschien, das sich geschickt unter Norman manövrierte und ihn in die Luft hob.
Im Flug führte 508 ihn an den zahlreichen gewaltigen Konstrukten vorbei, die sich drehten und streckten, hoben und senkten und dabei unendlich vielen Knopfaugen, Stoffschnauzen und Plastikköpfen Leben schenkten. Die anderen Nummern unter ihnen waren viel zu sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt, als dass ihnen Norman auffiel.
Irgendwann tat sich ein merkwürdiges, krummes Gebäude vor ihnen auf, über dem es doch tatsächlich schneite. Das Haus funkelte rot wie ein kandierter Apfel, auf dem eine dicke Schicht Puderzucker ruhte. Riesige Zuckerstangen und Weihnachtsbäume, die von bunten Glaskugeln und strahlenden Lichterketten behangen waren, rankten sich um den seltsamen Bau, hier mitten im Keller von Mr. Jenkins.
"Was ist das?", fragte Norman verwundert. "Wohnt hier etwa der Weihnachtsmann? Seid ihr Elfen? Ihr seid Elfen!" Staunend stand er da mit offenem Mund.
"Du bist ja eine richtige Blitzbirne, hmm?"
508 führte Norman in das Haus, dessen Tapeten und Teppiche mit typischen Weihnachtssymbolen bestickt waren. Die schiefen Möbel schienen aus Lebkuchen und Früchtebrot geschaffen zu sein, anstatt aus Holz, wie es sonst üblich war. Nach dem Marsch durch ein langes Labyrinth aus Korridoren und Gängen, erreichten sie einen großen Raum, in dem ein sperriger Kamin wärmendes Feuer spendete. Auf einem roten Ohrensessel in der Ecke saß dort ein etwas größerer Elf, der seinen Kopf müde in die Arme legte und laut säuselte.
"Nummer Eins, wir haben hier einen Eindringling aus der Oberwelt."
"Was? Ach, du bist ehm ? Norman Reeds, dreizehn, Linkshänder und bei dreiundzwanzig Minus."
"Woher weißt du das?", fragte er erstaunt.
"Weil es mein Job ist, das zu wissen. Ich bin oberster Elf der ersten Generation und schon so lange dabei, dass ich nur ein Foto sehen muss, um dir zu sagen ob du in Minus oder Plus bist."
"Was ist das für ein Plus-Minusgerede?"
"Das ist doch klar: schlechte Kinder stehen im Minus, gute Kinder im Plus."
"Wieso stehe ich denn im Minus?"
"Tzz! Die meisten Kinder stehen im Minus und dann kurz vor Weihnachten tun sie plötzlich alles dafür, um ja als brav und ordentlich dazustehen, bis sie das haben, was sie wollen. Mach dir keine Sorgen, du bekommst deine Geschenke schon, letzten Sommer warst du bei über vierhundert Minus ... aber eigentlich ist das sowieso egal. Was bemühe ich mich hier überhaupt, dir das zu erklären!", schimpfte er jetzt und donnerte seine Fäuste auf die Armlehnen. "Es ist aus, es gibt keinen Weihnachtsmann mehr, also gibt es kein Weihnachten mehr, das Fest fällt dieses Jahr aus!", schluchzte er und ließ enttäuscht seine spitzen Ohren hängen.
"Was, warum?! Das darf nicht passieren!"
"Natürlich darf es das nicht, aber der Weihnachtsmann liegt im Krankenhaus!"
"Mr. Jenkins ist der Weihnachtsmann?!"
"Natürlich ist er das, glaubst du wir brechen einfach so in einen Keller ein und errichten da unsere Werkstatt? Herrje, bist du ein Schnelldenker! Tut mir leid, wir sind einfach alle nur durch und fertig mit den Nerven, so etwas ist noch nie passiert. Was sollen wir nur tun? Der Weihnachtsmann ist nicht da. Milliarden Kinder werden übermorgen erwachen und enttäuscht unter den Baum blicken - wo ... wo einfach nichts sein wird! Nichts! Keine Geschenke, und ohne Geschenke kein Kinderlachen, und ohne Kinderlachen und Freude wird der Weihnachtsmann vom Geschenkbringer zum Unglücksbringer."
"Können wir denn da nichts unternehmen? Was ist mit den Elfen, kann denn keiner von euch die Geschenke bringen?", fragte Norman und dachte zum ersten Mal seit Jahren an Weihnachten nicht an sich oder die vielen Geschenke, die er sich wünschte. Sein Magen zog sich zusammen, als er überlegte, dass er schuld an ihrer Lage war. Allem Anschein nach hatte er der ganzen Welt Weihnachten versaut. Nummer Eins hatte Recht, ein Fest ohne Kinderlachen wäre ein furchtbares Unglück, etwas das er sich nie verzeihen konnte. Blöder, blöder Norman, verfluchte er sich. Sieh dir an, was deine Schusseligkeit und deine vergessliche Art dir eingebracht haben.
"Nein, vergiss es, wir passen nicht in das Kostüm, sind viel zu klein und ... Moment mal!" schrie er und sprang vom Sessel. Er rannte aus dem Zimmer, nur um ein paar Sekunden später mit einer großen Box zurückzukommen, die er aufriss und den Inhalt hervorholte. Nummer Eins hielt jetzt doch tatsächlich den roten Anzug vom Weihnachtsmann in den Händen.
Ohne ein weiteres Wort rannte er blitzschnell um Norman herum und ehe er sich versah, war er auch schon in roten Samt gehüllt. Der Bauchansatz fehlte ihm deutlich. Doch trotz der Größe, an der es Norman deutlich mangelte, fühlte er sich ungewöhnlich wohl in dem berühmtesten Anzug der Welt.
"Ich ... wow ... ich ... wow ... ich soll den Weihnachtsmann spielen?"
"Du musst! Wir haben keine andere Wahl, morgen ist Heiligabend und es gibt noch eine Menge zu tun. Willst du schuld sein, wenn Weihnachten dieses Jahr ausfällt?"
"Nein, nicht noch mal", flüsterte er.
"Also, können wir auf dich zählen? Ich lösche auch deinen Namen von der Minusliste."
"Alles klar ich bin dabei." Es sollte wohl so sein, Norman würde dieses Jahr den Weihnachtsmann spielen.
"Hast du gehört, 508? Sag den anderen Bescheid, dreht die Maschinen voll auf und gebt nochmal richtig Vollgas, wir müssen Weihnachten retten!"
"Komisch, ist das wirklich Mr. Jenkins Anzug? Ich dachte, der Weihnachtsmann ist dick und bärtig."
"Das mit dem Bart ist da so eine Sache und sein Bauch ... nun ja, seine Frau hat ihn auf Zwangsdiät gesetzt, alles nur wegen diesem Pseudogesundheitskram. Einmal im Jahr darf er aber so richtig zuschlagen und sich bis oben vollstopfen. Die Kochkunst der Misses muss ihn schließlich für den härtesten Marathon der Welt stark machen", erklärte der Elf mit erhobenem Finger.
"Eine Frage habe ich noch, wieso seid ihr hier? Lebt der Weihnachtsmann nicht etwa am Nordpol?"
"Ja, früher. Aber die Zeiten haben sich geändert, da hat man doch keine Ruhe mehr. Ständig diese Forscher und sowieso, alle paar Jahrhunderte so ein Tapetenwechsel ist doch auch ganz schön.
Und überhaupt, was ist denn unauffälliger als so ein Haus mitten in der Vorstadt. Und jetzt, junger Mann, folgst du mir, ich werde dir erklären, was du übermorgen zu tun hast, und das wird sicherlich kein Zuckerstangenschlecken."


Hier endet die Vorschau! Legen Sie sich deshalb das Buch gleich in den Warenkorb oder bestellen Sie es bei Amazon als Ebook für Ihren Kindl.
.