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Aus dem Buch: Helga Sadowski Hrsg. Traumfängerin
 
Die Traumfängerin
Michelle Schmiedeberg

Es war einmal ein Mädchen, das jeder nur als "die Trostspenderin" kannte. Jeden Tag saß die Kleine an der gleichen Straßenecke und hörte sich die Probleme und Albträume der Passanten an. Egal ob Sommer oder Winter, jung oder alt, reich oder arm, sie war immer da und hatte für jeden ein offenes Ohr. Im Gegenzug erhielt sie hin und wieder etwas zu essen und zu trinken oder ein paar Münzen. Sie nahm jedoch nie mehr, als sie für den Rest des Tages brauchte oder die Menschen, denen sie half, entbehren konnten. Bis eines Abends ein verhutzeltes, kleines Männchen mit knielangem Bart auf sie zutrat und sagte: "Ich bin der Sandmann und ich möchte, dass du meine Traumfängerin wirst."
"Was ist eine Traumfängerin?", fragte das Mädchen. Der siehst genau so aus, wie ich mir den Sandmann immer vorgestellt habe, dachte es bei sich.
"Meine Gehilfin im Kampf gegen den Schwarzen Mann, der den Menschen die Albträume bringt. Nun komm, mehr kann ich dir unterwegs erzählen." Er reichte ihr seine Hand, die sie ohne zu zögern ergriff, und wenige Augenblicke später flogen sie auf einer flauschigen Wolke dem klaren Sternenhimmel entgegen. Die neue Traumfängerin staunte mit offenem Mund über den Anblick, der sich ihr nun bot. Die Stadt war jetzt ein Meer kleiner, strahlender Lichter, die sich unter ihnen auf der Erde ausbreiteten.
Eine wohlige Wärme stieg in dem Mädchen auf, obwohl es mit nicht mehr als einem dünnen Leinenkleid und einer Wollweste durch die Wolken glitt. Ein Blick auf seine nackten Hände zeigte ihm, dass es nun ebenfalls in einem warmen, goldenen Licht zu strahlen begonnen hatte.
"Jedes dieser Lichter steht für ein Kind", erklärte der Sandmann, "welches es zu beschützen gilt. Der Schwarze Mann arbeitet fleißig daran, sie alle auszulöschen, denn sie leuchten nur, solange die Kinder angenehme Träume haben, die ihre Fantasie beflügeln und ihnen zeigen, dass die Welt noch Gutes in sich trägt. Deine Aufgabe ist es nun, seine Albträume einzufangen, während ich die Guten verteile. Nur so können wir seinen Plan vereiteln",.
"Und wie mache ich das?", wollte die Traumfängerin wissen.
Ihr Eifer entlockte dem Sandmann ein zufriedenes Lächeln.
"Genau das möchte ich dir jetzt zeigen. Hier, nimm!" Er reichte ihr ein riesiges Netz, das aus reinem Licht gesponnen war. Es fühlte sich warm und leicht in ihrer Hand an. Der Sandmann nahm ihr das Netz wieder ab und verstaute es in seinem Rucksack.
"Wie genau du damit Albträume fängst, zeige ich dir, wenn es soweit ist. Erstmal musst du lernen, dich von Wolke zu Wolke zu bewegen, ohne abzustürzen."
Den Rest des Abends nutzten sie, um von einer Wolke zur nächsten zu springen.
Die Traumfängerin hatte so viel Selbstvertrauen, dass sie kein einziges Mal an die Möglichkeit eines Absturzes dachte. Es fühlte sich so an, als hätte sie noch nie etwas anderes getan.

Mitten in der Nacht wurden sie von dunklen Schatten überrascht, die ganz nah an ihnen vorbei auf die Stadt unter ihnen zurasten. Der Sandmann holte schnell das Netz hervor.
"Nun ist es an der Zeit, mit dem Netz zu arbeiten. Im Grunde ist es ganz einfach. Hast du schon einmal kleine Kinder beobachtet, wie sie versuchen, Schmetterlinge zu fangen? Ja? Gut, denn genauso funktioniert es. Ziele auf den Kopf des jeweiligen Albtraums und die goldenen Fäden erledigen den Rest."
Der Sandmann gab der Traumfängerin das Netz zurück und gemeinsam machten sie sich daran, dem Treiben der Albträume ein Ende zu bereiten. Alles schien gut zu gehen. Zumindest bis der letzte Schatten erkannt hatte, dass sie von einer noch unerfahrenen Traumfängerin gejagt wurden. Er stieß das Mädchen an, sodass es von der Wolke fiel.


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