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Aus dem Buch: Hrsg. Christoph Kolb - Totes Leben
 
Aschekinder
von Matthias Ramtke


Grau, Blau und Weiß dominierten die Ebene. Farben, mit denen wir aufwuchsen, die uns unser ganzes Leben über begleiteten, die zu einem Teil von uns wurden.
Der Wind ließ graue Aschefinger vom Eis aufsteigen. Finger, die sich zu Krallen formten, umherwirbelten, sich ballten und wieder über das Eis strichen wie die knochige Hand eines Toten. Die Schicht war allumfassend, legte sich über jeden Winkel der Erde, verdeckte den Himmel und die Sonne und ließ den Horizont ver-schwinden.

Blau glänzte das Eis, das in Momenten wie diesen, wenn der Wind die Asche in Aufruhr versetzte, durch die Tristesse sickerte wie ein Lichtschein der Hoffnung in finsterer Nacht. Mehr vermochte das Blau nicht zu sein. Ein kurzes Flackern, nicht mehr als ein Gespenst, eine Geschichte, eine Legende. Aber es schien in unseren Herzen, das tat es immer.

Auch das Weiß kam nur zum Vorschein, wenn sich die Asche erhob, und erinnerte uns daran, dass es unter all dem Elend und dem Gift eine verborgene Welt gab. Eine Vergangenheit, für die es sich zu kämpfen lohnte, die aber auf ewig verloren war.

Und die Tiere. Leuchtende Inseln in einem Meer aus erloschenem Feuer. Eisbären, Robben, Polarfüchse, Schneehasen, Rentiere und Elche, Hunde und Krähen. Mehr kannte ich nicht, über andere Tiere hatte ich nur gelesen. Sie waren unser Lebensinhalt, denn für mehr lebten wir nicht. Wir lebten, um zu überleben.
Eine aussterbende Rasse, die verzweifelt nach jedem Grashalm griff, den sie zu fassen bekam.

"Erec", flüsterte Agatha, "hör auf zu träumen, du Yeti. Konzentrier dich, ich hab echt Kohldampf." Ihre Worte brachten mich zurück in die Realität. Ich schüttelte kurz den Kopf.
"Entschuldige", sagte ich und widmete mich wieder dem Eisbären, der in zweihundert Schritt Entfernung helle Spuren auf dem schwarzen Eis hinterließ.

Ich erinnerte mich an die Worte meines Vaters, der mir erzählt hatte, dass die Eisbären vom Aussterben bedroht seien und dass sie es schon waren, bevor die Menschen in die Arktis und die Antarktis hatten fliehen müssen. Die letzten bewohnbaren Gegenden auf dem Planeten. Abstriche musste man natürlich in Kauf nehmen: Keine Bäume, keine Wärme, keine Autos, kein Netz. Mich störte es nicht, ich kannte es nicht anders. Agatha und ich, auf die Welt gekommen vor siebzehn Jahren, gehörten zur ersten, im ewigen Eis geborenen Generation. Aschekinder nannte man uns. Der Titel besaß einen faden, traurigen Beigeschmack, auch wenn er uns eine Identität verschaffte.

Der Eisbär blieb stehen, kratzte auf dem Eis, hob den Kopf und schnupperte, dann drehte er uns die andere Seite zu und trottete den Weg zurück, den er gekommen war.
"Was macht er da?", fragte Agatha und ihre Stimme klang gedämpft durch den Mundschutz, den sie trug.
Ich zuckte mit den Schultern, dann ergriff ich ihre Hand und zog sie mit mir hinter einen Hügel.
Wir liefen parallel zum Bären, immer darauf bedacht, ihn nicht auf uns aufmerksam zu machen.
"Ist eigentlich auch egal, was er macht", erklärte ich. "Wenn er nicht bald zur Ruhe kommt, können wir nicht näher an ihn heran."
"Einfach hinlaufen und ihn erschießen? Wie wäre das?"
"Nein."
"Ich bitte dich. Der Bär hat keine Chance!" Sie wollte gerade aufstehen und auf das Tier losstürmen, doch ich hielt sie zurück.
"Nein! Denk an Bastian! Drei Schüsse hat er abgefeuert und der Bär ist trotzdem immer weiter auf ihn zu gerannt, bis er ihn -"
"Ja, ich weiß", unterbrach sie mich. "Ich war dabei, falls du das vergessen hast."
"Es war nicht böse gemeint. Ich möchte nur nicht, dass dir etwas passiert. Manchmal trifft man nicht richtig, dann erreicht der Impuls nicht das Gehirn oder das Herz, sondern bleibt irgendwo in den Gliedmaßen oder sonst wo. Wir sollten das nicht riskieren. Nur schießen, wenn wir uns sicher sind!"
Sie nickte, und ich sah durch die Schutzbrille, dass ihre Augen glänzten. Bastian war ebenfalls als Aschekind geboren worden. Ein Mensch, ein Freund, ein Bruder. Wir brachten jede Woche eine Handvoll Asche aus den weiten Ebenen der Arktis mit und streuten sie auf sein Grab.

Der Bär lief weiter, wir folgten ihm. Wir hörten sein kehliges Schnauben und seine Tatzen, die über das Eis scharrten.
Ab und zu senkte er die Schnauze auf den Boden, hielt kurz inne und lief dann weiter. Er verfolgte wohl eine Spur. Fressen oder gefressen werden.

Mein Vater erzählte mir oft davon, dass die Menschen früher dachten, sie wären die Spitze der Evolution. Jetzt wussten wir es besser, jetzt wussten es alle besser. Die Spitze der Evolution konnte nicht so dumm sein, ihren eigenen Lebensraum so zu Grunde zu richten, dass ein Leben praktisch kaum noch möglich war. Ein Teil, ein winziges Teilchen. Mehr waren wir nicht und mehr durften wir auch nicht sein. Mehr wollte ich gar nicht sein.

Wenn man nichts anderes kannte außer dem Leben von der Hand in den Mund, ständige Kälte, die in die Glieder fuhr, Ascheregen, der die Kleidung bedeckte und im Gesicht verschmierte, Schutzmasken und -brillen, damit nicht zu viel der tödlichen Substanz in den Körper geriet. Die permanente Angst, eines Tages einfach nicht mehr aufzuwachen, weil das Herz und der Geist sich weigerten, in diesen Zuständen weiterzuleben. Wenn man nichts anderes kannte, dann war diese Existenz das Leben. Das einzige Leben, das wahre Leben ...
ISBN: 978-3-940830-80-7

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