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Aus dem Buch: Solange du atmest - Joy Fielding
 
KAPITEL 1

Das Kribbeln begann in ihrer Magengrube, ein unbestimmtes Nagen, das in ihre Brust wanderte und sich dann nach oben und außen ausdehnte, bis es ihren Hals erreicht hatte. Unsichtbare Finger legten sich um ihre Kehle und drückten fest gegen ihre Luftröhre, sodass die Sauerstoffzufuhr unterbrochen wurde, bis ihr schwindlig wurde. Ich habe einen Herzinfarkt, dachte Robin. Ich kriege keine Luft. Ich sterbe.
Die Frau mittleren Alters, die ihr in der kleinen Praxis gegenübersaß, schien es gar nicht zu bemerken, so sehr war sie mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Irgendwas mit einer dominanten Schwiegermutter, einer schwierigen Tochter und einem Mann, der sie nicht genug unterstützte.
Okay, reiß dich zusammen. Konzentrier dich. Schließlich zahlte die Frau - wie heißt sie noch, verdammt? - keine hundertfünfundsiebzig Dollar pro Stunde, um dafür mit leerem Blick angestarrt zu werden. Sie erwartete, dass Robin zumindest aufmerksam zuhörte. Man ging nicht zu einer Therapeutin, um ihr beim einem Nervenzusammenbruch zuzusehen.
Du hast keinen Nervenzusammenbruch, versuchte Robin sich zu beruhigen, als sie die vertrauten Symptome erkannte. Es ist auch kein Herzinfarkt. Es ist eine Panikattacke, schlicht und einfach. Und nicht deine erste. Mittlerweile solltest du dich weiß Gott daran gewöhnt haben.
Aber das ist mehr als fünf Jahre her, dachte sie im nächsten Atemzug. Die Panikattacken, die sie früher beinahe täglich überfallen hatten, gehörten der Vergangenheit an. Doch die Vergangenheit lässt einen nie los. Heißt es jedenfalls immer.
Robin musste sich gar nicht fragen, wodurch die plötzliche Attacke hervorgerufen worden war. Sie wusste genau, was - wer - dafür verantwortlich war. Melanie, dachte sie. Als sie aus der Mittagspause in ihre Praxis zurückgekehrt war, hatte sie eine Nachricht ihrer drei Jahre älteren Schwester auf der Mailbox vorgefunden. Robin hatte das Telefon angestarrt und überlegt, ob sie einfach nicht zurückrufen, die Nachricht löschen und so tun sollte, als hätte sie sie nie erhalten, als ihre Klientin gekommen war. Dann musst du eben warten, hatte sie ihre Schwester stumm wissen lassen, ihren Notizblock genommen und war in den größeren Raum gegangen, in dem sie ihre Klienten empfing.
"Geht es Ihnen gut?", fragte die Frau sie jetzt, beugte sich in dem blauen Polstersessel vor und musterte Robin argwöhnisch. "Sie sehen irgendwie komisch aus."
"Könnten Sie mich kurz entschuldigen?" Robin war von ihrem Stuhl aufgesprungen, bevor die Frau etwas erwidern konnte. Sie rannte ins Nebenzimmer und schloss die Tür. "Okay", flüsterte sie und stützte sich mit beiden Handflächen auf ihren Schreibtisch, sorgfältig darauf bedacht, nicht zu dem blinkenden roten Licht ihres Telefons zu blicken. "Atmen. Einfach ruhig weiteratmen."
Okay, du hast diagnostiziert, was los ist. Du weißt, wodurch es ausgelöst wurde. Jetzt musst du dich nur noch entspannen und dich auf deine Atmung konzentrieren. Im Zimmer nebenan wartet eine Klientin. Du hast keine Zeit für diesen Mist. Also reiß dich zusammen. Wie hatte ihre Mutter immer gesagt? Auch das geht vorbei.
Aber nicht alles ging vorbei. Oder wenn, kam es oft von hinten zurück und biss einen in den Arsch. "Okay, tief einatmen", ermahnte sie sich noch einmal. "Und noch mal." Nach drei weiteren Zügen ging ihr Atem fast wieder normal. "Okay", sagte sie. "Okay."
Aber es war nicht okay, und sie wusste es. Melanie rief aus irgendeinem Grund an, und was immer dieser Grund sein mochte, er war nicht gut. Seit dem Tod ihrer Mutter hatten die Schwestern kaum miteinander gesprochen, und seit Robin Red Bluff nach der überstürzten Wiederheirat ihres Vaters verlassen hatte, gar nicht mehr. Nichts in fast sechs Jahren. Kein Glückwunsch, nachdem Robin in Berkeley einen Master in Psychologie gemacht hatte, keine Aufmunterung, als sie im folgenden Jahr ihre eigene Praxis eröffnet hatte, nicht einmal ein beiläufiges "viel Glück", als sie und Blake ihre Verlobung bekanntgegeben hatten.
Und so hatte Robin mit Blakes Ermutigung und Unterstützung vor zwei Jahren alle Kommunikationsversuche mit ihrer Schwester eingestellt. Riet sie ihren Klienten nicht immer, sie sollten aufhören, sich die Stirn blutig zu rennen, wenn sie mit einem unbeweglichen Objekt oder unüberwindbaren Konflikt konfrontiert waren? Wurde es nicht Zeit, dass sie ihrem eigenen weisen Rat folgte?
Aber es war natürlich immer leichter, Ratschläge zu geben, als sie anzunehmen.
Und nun rief aus heiterem Himmel ihre Schwester an und hinterließ eine kryptische Nachricht auf ihrer Mailbox. Wie ein Krebsgeschwür, von dem man angenommen hatte, es sei herausgeschnitten worden, und das dann umso aggressiver und virulenter zurückkam.
"Ruf mich an", lautete die Botschaft, die sie auf die Mailbox gesprochen hatte, ohne ihren Namen zu nennen, weil sie es für selbstverständlich hielt, dass Robin die Stimme ihrer Schwester selbst nach all den Jahren erkennen würde.
Und das hatte sie natürlich auch, weil Melanie eine Stimme hatte, die man unweigerlich im Ohr behielt, egal wie viel Zeit vergangen war.
Welche neue Hölle wartete nun wieder, fragte Robin sich und atmete noch ein paarmal tief durch, ohne sich auf weitere Spekulationen einzulassen. Die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass ihre Fantasie nicht mit der Realität mithalten konnte. Bei Weitem nicht.
Sie überlegte, sich mit Blake zu besprechen, entschied sich jedoch dagegen. Er war beschäftigt und würde auf eine Störung ungehalten reagieren. "Du bist die Therapeutin", würde er ihr erklären und knapp an ihr vorbeiblicken, als wäre dort jemand Interessanteres aufgetaucht.
Robin verdrängte alle Gedanken an Blake, strich ihre schulterlangen, blonden Locken hinter die Ohren und kehrte mit einem aufgesetzten aufmunternden Lächeln in das andere Zimmer zurück. "Tut mir leid", erklärte sie der wartenden Frau, die ihren ersten Termin hatte und deren Namen Robin nach wie vor nicht einfiel. Emma oder Emily. Irgendwas in der Richtung.
"Alles okay?", fragte die Frau.
"Alles bestens. Mir war nur kurz ein bisschen flau."
Die Frau kniff die Augen zusammen. "Sie sind doch nicht schwanger, oder? Ich fände es furchtbar, mit der Therapie zu beginnen, und dann hören Sie auf, um Ihr Baby zu bekommen."
"Nein. Ich bin nicht schwanger." Um schwanger zu werden, muss man Sex haben, dachte Robin. Und sie und Blake hatten seit einem Monat nicht mehr miteinander geschlafen. "Alles bestens", sagte sie, während sie verzweifelt versuchte, sich an den Namen der Frau zu erinnern. "Bitte fahren Sie fort. Sie hatten gesagt, dass ?"
Was zum Teufel hatte die Frau gesagt?
"Ja, also, ich hatte gesagt, dass mein Mann absolut nicht hilfreich ist, wenn es um seine Mutter geht. Als wäre er wieder zehn Jahre alt und hätte Angst, den Mund aufzumachen. Sie sagt total verletzende Sachen zu mir, und er tut so, als hätte er nichts gehört. Und wenn ich ihn darauf hinweise, sagt er, ich würde übertreiben und solle mir das alles nicht so zu Herzen nehmen. Meine Tochter hat es natürlich auch schon mitgekriegt. Und jetzt ist sie genauso unverschämt. Sie sollten hören, wie sie manchmal mit mir redet."
Sie glauben, Sie hätten Probleme, dachte Robin. Sie glauben, Ihre Familie wäre schwierig?
"Ich weiß nicht, warum meine Schwiegermutter mich so hasst."
Sie braucht keinen Grund, dachte Robin. Wenn sie nur ein bisschen so ist wie meine Schwester, verachtetet sie Sie aus Prinzip. Weil Sie existieren.
Das stimmte. Melanie hatte sie von dem Moment an gehasst, an dem sie ihre neugeborene jüngere Schwester zum ersten Mal gesehen hatte, eifersüchtig, weil sie die Aufmerksamkeit der Mutter plötzlich teilen musste. Sie hatte Robin gekniffen, wenn diese friedlich in ihrem Bettchen geschlafen hatte, und nicht aufgehört, bis der Säugling mit winzigen Blutergüssen übersät war; als Robin zwei war, hatte Melanie ihr mit einer Schere die Locken abgeschnitten; als Robin mit sieben vermeintlich arglos Fangen mit ihr gespielt hatte, hatte Melanie sie gegen eine Mauer geschubst und ihr die Nase gebrochen. Ständig kritisierte sie Robins Kleidergeschmack, ihre Interessen und ihre Freundinnen. "Das Mädchen ist ein dummes Flittchen", war ihr höhnischer Kommentar zu Melanies bester Freundin Tara gewesen.
Oh, warte - da hatte sie recht gehabt.
"Ich habe alles getan, um Frieden mit der Frau zu schließen. Ich war mit ihr einkaufen. Ich war mit ihr Mittag essen. Ich habe sie mindestens dreimal pro Woche zu uns nach Hause zum Abendessen eingeladen."
"Warum?", fragte Robin.
"Warum?", wiederholte Frau.
"Warum machen Sie sich die Mühe, wenn sie so unangenehm ist?"
"Weil mein Mann denkt, dass es sich so gehört."
"Dann soll er mit ihr einkaufen und Mittag essen gehen. Sie ist seine Mutter."
"So einfach ist das nicht", wandte die Frau ein.
"Doch, es ist genau so einfach", entgegnete Robin. "Sie ist unhöflich und respektlos. Sie sind nicht verpflichtet, sich das anzutun. Hören Sie auf, mit ihr einkaufen und essen zu gehen. Laden Sie sie nicht mehr zum Abendessen ein. Wenn sie fragt, erklären Sie ihr, warum."
"Und was soll ich meinem Mann sagen?"
"Dass Sie es satthaben, mit so viel Missachtung behandelt zu werden, und es nicht länger hinnehmen wollen."
"Ich glaube, das kann ich nicht."
"Was hindert Sie daran?"
"Es ist kompliziert."
"Eigentlich nicht."
Sie wollen kompliziert? Ich geb Ihnen kompliziert: Meine Eltern waren vierundzwanzig Jahre verheiratet, in denen mein Vater meine Mutter mit jeder Schlampe betrogen hat, die ihm über den Weg lief, darunter auch meine beste Freundin Tara, die er nur fünf Monate nach dem Tod meiner Mutter geheiratet hat. Und um die Geschichte richtig interessant zu machen, war Tara zu der Zeit noch mit meinem jüngeren Bruder Alec verlobt. Wie kompliziert finden Sie das?
Oh, warten Sie - es gibt noch mehr.
Tara hat eine Tochter aus ihrer ersten gescheiterten Ehe mit Anfang zwanzig. Cassidy müsste jetzt etwa zwölf sein. Süßes Mädchen. Mein Vater vergöttert sie und hat ihr mehr Liebe gezeigt als einem seiner eigenen Kinder. Apropos, hatte ich erwähnt, dass ich seit sechs Jahren nicht mehr mit meiner Schwester gesprochen habe?
"Manche Menschen sind einfach Gift", sagte Robin laut. "Am besten, man hat so wenig wie möglich mit ihnen zu tun."
"Selbst wenn es enge Verwandte sind?"
"Gerade wenn es enge Verwandte sind."
"Wow", sagte die Frau. "Ich dachte, Therapeuten sollen einem Fragen stellen, damit man die Sachen selbst herausfindet."
Sollten sie das? Gott, das könnte Jahre dauern. "Ich dachte bloß, ich spar uns beiden ein bisschen Zeit."
"Sie sind aber tough", sagte die Frau.
Robin hätte beinahe gelacht. "Tough" wäre wahrscheinlich das letzte Wort, das ihr bei einer Selbstbeschreibung eingefallen wäre. Melanie war die Toughe. Oder vielleicht war "wütend" treffender. Solange Robin sich erinnern konnte, war Melanie wütend gewesen. Auf die Welt im Allgemeinen. Auf Robin im Besonderen. Wobei man fairerweise zugeben musste, dass Melanie es auch nicht immer leicht gehabt hatte. Verdammt, sie hatte es nie leicht gehabt.
Doppelt verdammt, dachte Robin. Wer will schon fair sein?
"Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht?", fragte die Frau. "Ihr Gesicht ?"
"Was ist mit meinem Gesicht?" Habe ich einen Schlaganfall? Bell-Lähmung? Was ist mit meinem Gesicht?
"Nichts. Es sah einen Moment lang ganz zerknittert aus."
"Zerknittert?" Robin merkte, dass sie brüllte.
"Tut mir leid. Ich wollte Sie nicht beunruhigen ?"
"Würden Sie mich noch mal kurz entschuldigen?" Robin stand so ruckartig auf, dass der Stuhl beinahe umgefallen wäre. "Ich bin gleich wieder da." Sie verließ ihre Praxisräume und lief den mit grauem Teppich ausgelegten Flur entlang bis zur Toilette, drückte die Tür auf und stürzte zum Waschbecken, um ihr Spiegelbild zu betrachten. Eine attraktive dreiunddreißigjährige Frau mit dunkelblauen Augen, angenehm vollen Lippen und einem annähernd herzförmigen Gesicht starrte ihr entgegen. Keine unappetitlichen Warzen oder Makel, keine auffälligen Narben oder Abnormitäten. Alles war an seinem Platz, vielleicht ein wenig schräg wegen ihrer leicht schiefen Nase. Aber nichts, was man als "ganz zerknittert" beschreiben könnte. Ihr Haar müsste nachgefärbt und geschnitten werden, stellte sie fest, als sie an einer widerspenstigen Locke zog. Aber ansonsten sah sie durchaus respektabel, ja, in ihrer rosafarbenen Bluse und dem grauen, gerade geschnittenen Rock, sogar professionell aus. Sie könnte ein paar Pfund zulegen, dachte sie und hatte wieder Melanies Stimme im Kopf, die sie daran erinnerte, dass sie trotz ihrer Errungenschaften und ihrem "schicken Uni-Abschluss" noch immer "flach wie ein Pfannkuchen" und "dürr wie ein Stock" war.
Sie spürte das Kribbeln einer weiteren Panikattacke, atmete vorbeugend ein paarmal tief ein und spritzte sich, als das nichts nutzte, eine Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht. "Okay, beruhige dich. Ganz ruhig. Alles ist gut."
Nur dass natürlich nicht alles gut war. Genau genommen war gar nichts gut. Trotz des "schicken Uni-Abschlusses" kämpfte ihre Praxis auch drei Jahre nach der Eröffnung immer noch ums Überleben; ihre Beziehung mit Blake mickerte genauso dahin und hing am seidenen Faden; ihre Familie war ein Haufen Irrer, mit Ausnahme ihres Bruders hatte sie praktisch keinen Kontakt mit ihr; und nun meldete sich ihre verlorene Schwester auf der Mailbox und verlangte eine Audienz. "Und mein Gesicht ist ganz zerknittert", jammerte Robin ihr Spiegelbild an, als sie ihre geschürzten Lippen und ihre verkniffenen Wangen bemerkte. "Du darfst nicht zulassen, dass sie dir so zusetzt." Sie atmete noch ein paarmal tief durch, durch die Nase ein, durch den Mund aus, die gute Energie einatmen, die schlechte ausatmen. "Nebenan sitzt eine Frau, die geduldig auf deinen Rat wartet", ermahnte sie sich. "Also geh da jetzt wieder rein und gib ihn ihr." Wie auch immer sie verdammt noch mal heißt.
Aber als Robin in den Behandlungsraum zurückkam, war die Frau verschwunden. "Hallo?", sagte Robin, öffnete die Tür zu ihrem Büro und stellte fest, dass der Raum ebenfalls leer war. "Adeline?", rief sie, als sie in den Flur zurückkehrte, der ebenfalls völlig verlassen war. Klar. Super Zeitpunkt, sich an ihren Namen zu erinnern.
Adeline war offensichtlich geflohen. Abgeschreckt von Robins "tougher" Fassade und ihrem "zerknitterten" Gesicht. Nicht dass Robin es ihr verdenken konnte. Die Sitzung war eine Katastrophe gewesen. Mit welchem Recht glaubte sie, andere Menschen beraten zu können, wenn sie selbst ein komplettes Wrack war?
Robin ließ sich in den blauen Sessel fallen, den Adeline geräumt hatte, und sah sich in dem mit Bedacht dekorierten Raum um. Die Wände waren in einem blassen, aber sonnigen Gelb gestrichen, das eine optimistische Atmosphäre schaffen sollte. An der Wand gegenüber der Tür hing ein Poster mit bunten Blumen, Sinnbild für Wachstum und persönliche Entwicklung. Neben der Tür zu ihrem inneren Heiligtum ein Foto von Herbstlaub, eine subtile Erinnerung daran, dass Veränderung unvermeidlich und positiv war. Den Ehrenplatz hinter dem Stuhl, auf dem sie normalerweise saß, nahm ihr Lieblingsbild ein - eine Collage mit einer Frau mit lockigem Haar und einem besorgten Lächeln in einem Sturm aus abstrakten Regentropfen und glücklichen Emojis, über deren Kopf die Worte schwebten: WARUM WERDE ICH SO EMOTIONAL? Eine humoristische Note, damit ihre Klienten sich entspannten. Sie hatte das Bild auf einem Garagentrödelmarkt in der Nachbarschaft entdeckt, kurz nachdem sie und Blake zusammengezogen waren. Inzwischen machte er immer öfter "Überstunden". Wie lange würde es noch dauern, bis er von Auszug sprach?
"Ja, warum werde ich so emotional?", fragte sie die Frau auf dem Bild.
Die Frau lächelte ihr besorgtes Lächeln und sagte nichts.
Das Telefon in Robins kleinem Büro klingelte.
"Mist", sagte sie, lauschte, wie es zwei weitere Male klingelte, bevor die Mailbox übernahm. War es Melanie, die sich beschweren wollte, weil Robin nicht prompt zurückgerufen hatte? Robin stand langsam auf. Was solls? Sie konnte es genauso gut hinter sich bringen.
In ihrem Büro sah sie als Erstes das blinkende rote Licht des Telefons. Sie ließ sich auf den bequemen burgunderroten Ledersessel hinter ihrem kleinen Eichenschreibtisch fallen. Ursprünglich war es Blakes Schreibtisch in seiner ersten Zeit als Anwalt gewesen; er hatte ihn ihr überlassen, als er zu einer angeseheneren Kanzlei mit einem geräumigeren Büro gewechselt war, das einen Schreibtisch von angemessener Größe erforderte.
Hatten sie ihre Hochzeitspläne deshalb nie in die Tat umgesetzt? Hatte sie nicht die angemessene Größe für einen Mann von seiner wachsenden Statur?
Vielleicht war es auch die hübsche neue Assistentin, die er angestellt hatte, oder die attraktive junge Anwältin im Büro nebenan. Vielleicht war es eine Frau, die er in der Warteschlange bei Starbucks angelächelt hatte, deretwegen er Bedenken bekommen hatte.
Wie lange konnte sie die allzu vertrauten Anzeichen noch ignorieren?
Sie nahm den Hörer ab, lauschte der Ansage, die sie darüber informierte, dass sie eine neue und eine gespeicherte Nachricht hatte. "Um Ihre neue Nachricht anzuhören drücken Sie bitte 1 - 1."
Das tat Robin.
"Hi, hier ist Adeline Sullivan", sagte die Stimme. "Ich rufe an, um mich zu entschuldigen, dass ich einfach so weggelaufen bin. Ich fand, irgendwie passen wir nicht gut zueinander, und um eine Therapeutin zu zitieren, die ich kenne, ?ich dachte, ich spar uns beiden ein bisschen Zeit? und gehe einfach. Ich hoffe, Sie sind mir nicht böse, Sie können mir die Sitzung in Rechnung stellen. Sie haben mir ein paar Sachen mitgegeben, über ich nachdenken werde." Sie hinterließ eine Adresse, an die Robin die Rechnung schicken konnte. Robin löschte die Nachricht sofort. Wenn man doch alles so leicht tilgen könnte. Sie schloss die Augen, und ihre Finger schwebten über dem Telefon.
"Los", drängte sie. "Du kannst das." Sie drückte auf die Taste, um sich noch einmal die Nachricht ihrer Schwester anzuhören.
"Erste gespeicherte Nachricht", verkündete die Stimme vom Band, gefolgt von dem abrupten Befehl ihrer Schwester.
"Ruf mich an", sagte sie.
Robin musste Melanies Nummer nicht nachgucken. Sie kannte sie auswendig. Sie war ihr ins Hirn gemeißelt. Sie drückte die Tasten, bevor sie es sich anders überlegen konnte.
Am anderen Ende wurde beinahe sofort abgenommen. "Hat ja lange genug gedauert", sagte ihre Schwester ohne Vorrede.
"Was ist los?", fragte Robin.
"Ich glaube, du setzt dich lieber", sagte Melanie.

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