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Aus dem Buch: Hrsg: Helga Sadowski - Champ & Kauline
 
Champ und Kauline
Marco Floris

An einem ganz gewöhnlichen Tag im August begegneten sich Champ und Kauline. Die beiden Kaugummis befanden sich inmitten ihrer Produktion. Die Bänder liefen wie immer auf Hochtouren.
In diesem Lärm war ein leises Stimmchen zu vernehmen: "Was ist das für ein Körper? Schlank und duftend, hui!" Voller Erstaunen nahm Champ sein Äußeres wahr.
Wie ein Blitz schoss auf einem Band nebenan die hübsche Kauline heran.
"Puh, das war aber schnell!", schnaufte sie.

Eine Weile liefen die Bänder parallel nebeneinander her. Kauline warf einen scheuen Blick zu Champ hinüber. Sie sahen sich tief in die Augen und erröteten, waren sie doch gänzlich unbekleidet.
"Ich bin ein Junge! Was bist du denn?", fragte Champ nicht gerade schüchtern.
"Ich bin ein Mädchen", hauchte Kauline "Mein Name ist Kauline und wie heißt du?"
"Mein Name ist Champ, Champ Gum. Himmel, Gum, bist du süß!"
Ihre Röte vertiefte sich. "Du siehst aber auch nicht schlecht aus."
Plötzlich bewegte sich ihr Band schneller als seines.
"Hey, nicht so schnell, wo willst du hin?", rief er ihr nach. "Ich kriege dich, ich kriege dich, ja jetzt, oooh neiiin!"
An dieser Stelle liefen die Bänder in verschiedene Richtungen weiter.
Ob sie sich jemals wiedersehen würden?
Sie wurden auf dem Weg zur Verpackungsstraße durch diverse Tunnel befördert. Champ bekam einen blauen Anzug und Kauline ein rotes Kleidchen. Schließlich wurden beide in ihre Versandkartons gesteckt. Nur leider nicht in den gleichen.
Champ fand sich in einem Tante-Emma-Laden in Finkenwerder wieder. Aber wo war die Schöne aus der Fabrik abgeblieben? Suchend schaute er sich nach ihrer Verpackung um. Konnte sie aber nicht entdecken.
Kauline dagegen landete in einem Automaten im Hamburger Hafenviertel. Es war furchtbar eng, man hatte sie mit ganz vielen anderen Kaugummis zusammengepfercht. Ein schreckliches Schicksal. Kein Champ weit und breit. Etliche Tage vergingen, bis sie von einem besoffenen Matrosen befreit wurde. Er stierte verwirrt auf das Päckchen in seiner Hand.
"Was mach ich denn damit? Ich wollte doch Kondome, diese Dinger verkleben mir doch nur die Kauleiste!"
In diesem Augenblick kam ein kleines Mädchen vorbei. Er hielt ihr den Kaugummi hin.
"Nimm Kleines, fü? das Ande? bisch? du noch schu? klein", lallte er.
Das Mädchen schüttelte ablehnend den Kopf.
"Ich darf von Fremden nichts annehmen." Und rannte davon.
Er zuckte mit den Schultern und legte das Päckchen auf den Kaugummiautomaten. Schwankenden Schrittes entfernte er sich.

In der Zwischenzeit in Finkenwerder langweilte sich Champ fast zu Tode, nur die Erinnerung an Kauline hielt ihn aufrecht. Da öffnete sich die Eingangstüre.
Fritjof Petersen betrat den kleinen Laden, um sich mit etwas Proviant einzudecken. Er wollte heute noch verreisen.
"Moin Tante Lina, na wie geid di dat?"
"Na watt willste heute min Jung?" Beide Hände in ihre nicht gerade schmalen Hüften gestemmt schaute sie ihn fragend an.
Fröhlich lächeln gab er ihr Bescheid: "Nur en büschen watt für Unnerwechs, ich fliech gleich in Urlaub."
"Da, nimm den Kaugummi, der hilft deinen Ohren beim Druckausgleich." Mit diesen Worten reichte sie ihm das Päckchen rüber, in dem sich Champ befand. Er nahm es in die Hand und meinte: "Gute Idee, jetzt noch paar Kleinigkeiten un dann geid datt los."
Er ließ seinen Blick über die wenigen Regale gleiten. Die Neugier von Tante Lina war noch keineswegs befriedigt.
"Fliecht deine Freundin mit?"
Während er antwortete griff er nach einem Päckchen Kautabak und zwei Zeitschriften.
"Nee, die hat keinen Urlaub gekricht, aber sie fährt mich nachen Fluchhafen nach Hamburch."
Die gute Seele des kleinen Ladens tippte alles in die Kasse ein und nannte den Preis. Frietjof bezahlte und nahm die Tasche mit der bereits eingepackten Wahre entgegen. Sein gegenüber meinte noch schnell: "Na denn, da wünsche ich dir eine gute Reise, mach uns keine Schande nich!" Schelmisch zwinkerte sie ihm zu. "Denn Tschüss auch", rief sie ihm noch hinterher als er den Laden verließ.
Den Gruß erwidernd machte er sich auf den Weg nach Hause, um noch ein paar Dinge zu erledigen, bevor seine Freundin ihn abholen würde.

Rieke befand sich zu dieser Zeit in Hamburg und besuchte ihre Eltern. Sie schaute kurz in das Zimmer ihrer kleinen Schwester.
"Hallo Luise, wie war dein Tag?"
Die angesprochene lümmelte gerade auf ihrem Bett herum und schaute von ihrem Buch auf.
"Stell dir vor", plapperte sie los, "mir wollte ein besoffener Matrose Kaugummis schenken."
Entsetz rief Rieke: "Die hast du doch wohl nicht angenommen!"
"Bin doch nicht blöd", entrüstete sich die Kleine. "Ich bin um die nächste Ecke und hab den beobachtet. Er legte das Päckchen oben auf den Automaten und verschwand. Dann bin ich zurück geflitzt und hab es mir geholt." Freudestrahlend setzte sie sich auf und hielt Rieke das Päckchen Kaugummi entgegen. "Hier guck mal, nimm dir auch einen, die schmecken nach Kirsche."
Rieke nahm sich den am weitesten herausschauenden, wickelte ihn aus und schob sich den Streifen genießerisch in den Mund.
"Du hast recht, Schwesterherz, der schmeckt wirklich fantastisch", bestätigte sie. "Dankeschön! Wir sehen uns morgen. Ich fahre Fritjof gleich zum Flughafen, er fliegt nach Mauritius für acht Tage. Er hatte doch diese Reise gewonnen, erinnerst du dich?"
"Ja, bestelle ihm schöne Grüße, einen guten Flug und einen schönen Urlaub."
"Das werde ich ihm ausrichten." Mit einem Augenzwinkern winkte Rieke ihrer Schwester zu. Dabei schmatzte sie noch einmal kurz.
Ein wahres Glück für Kauline, als Rieke sie mit ihrem Speichel belegte und auf ihr herumkaute. Sie fühlte sich sofort sauwohl, sodass sie für kurze Zeit vergaß an Champ zu denken. Kaugummis lieben es, so behandelt zu werden.
Wo will sie hin, wer ist Fritjof, fragte sich Kauline neugierig. Sie war gespannt, wohin ihre Reise noch führen würde.
Plötzlich ein Gedanke:
Ach du heilige Kauleiste, ?CHAMP? Gerade noch himmelhochjauchzend und nun total betrübt.
Durch die gleichmäßige Kaumassage von Rieke beruhigte Kauline sich schnell wieder.
Auf Riekes Weg quer durch Hamburg wechselten alle Ampeln auf Rot. Von wegen grüne Welle. Rieke wurde immer nervöser und trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad. Auf dem letzten Drücker stand sie vor Fritjofs Tür und klingelte Sturm. Dieser war mal wieder die Gelassenheit in Person. Auf Champ kauend empfing er sie mit den Worten: "Was soll die Hektik, wir haben doch noch massig Zeit. Der Flieger geht doch erst in drei Stunden."
"Wie, es ist doch schon 15 Uhr."
"Quatsch, es ist erst 14 Uhr, hast du deine Uhr nicht umgestellt?"
"Stimmt, du hast ja so recht, ich dumme Gans."
Sie begrüßten sich leidenschaftlich, als hätten sie sich mehrere Tage nicht gesehen. Das lag bestimmt nur daran, dass sie sich die nächsten acht Tage vermissen würden.
Als sich ihre Lippen der beiden berührten, trauten beide Kaugummis ihren Augen nicht. "Champ!", rief Kauline erfreut melodisch aus. Erleichtert und glücklich rief Champ: "Cherrie!"
Sie umarmten sich und konnten ihr Glück kaum fassen. Ohne Punkt und Komma, redete Kauline drauflos: "Wir haben uns wieder, du hast mir so gefehlt, wo warst du, was hast du erlebt?"
Champ war leicht verwirrt, weil er nicht wusste, was er zuerst beantworten sollte, zumal es ihm auf der Seele lag, dass sie sich in Kürze wieder trennen müssten. Ihm war nicht klar, wie er ihr das beibringen sollte.
"Äh, ich, ja, äh", begann er etwas holprig. "Du hast mir auch sehr gefehlt. Dachte, ich sehe dich nie wieder. Wie geht es dir denn, meine Süße?" Er versuchte mit dieser Frage etwas Zeit zu gewinnen. Angestrengt dachte er nach. Zuversichtlich und mit lieblicher Stimme flüsterte sie ihm zu: "Liebster, du fliegst gleich nach Mauritius. Du darfst nicht traurig sein. Wir müssen nur ganz fest daran glauben, dass wir uns wiedersehen."
Ihre Worte erwärmten sein Herz. In diesem Moment lösten sich Rieke und Fritjof wieder voneinander.
Kauline klammerte sich an Champ und purzelte in Fritjofs Mund. Doch die Hoffnung, dort bei ihrem Liebsten bleiben zu dürfen, wurde von Fritjof zunichtegemacht.
"Deinen Kirschkaugummi kannst du behalten, ist nicht meine Sorte." Mit Daumen und Zeigefinger hatte er Kauline ergriffen und beförderte sie wieder zurück in den Mund seiner Freundin.
Die Enttäuschung saß bei den beiden Kaugummis sehr tief.
Während der Fahrt zum Flughafen hatten Rieke und Fritjof eine angeregte Unterhaltung. Was Champ und Kauline immer wieder einen Blickkontakt ermöglichte. Dabei genossen sie den wundervollen Moment, von kariesfreien Zähnen massiert und gewalkt zu werden.
Die Fahrt endete für die beiden viel zu schnell.
Nachdem das verliebte Paar am Flughafen angekommen war und das Auto im Parkhaus abgestellt hatte, begaben sich die Beiden in Richtung Abflughalle.

Kauline befand sich gerade zwischen den hinteren Backenzähnen, als sie spürte, dass sie den Halt verlor. Krampfhaft suchte sie nach einer sicheren Stelle im Mund. Aber so sehr sie sich auch bemühte, sie rutschte immer weiter über die Zunge dem Gaumensegel entgegen. Panisch schrie sie: "CHAMP!"
Todesängste durchströmten sie, den Schlund hinunter zu gleiten und ins Ungewisse zu fallen.
Champ beobachtete, wie sich der Gesichtsausdruck von Rieke schlagartig veränderte. Sie blieb stehen, ihre Augen wurden größer, der Mund öffnete sich weit und sie rang nach Luft.
Champ konnte Kauline sehen, wie sie kämpfte und schrie ihr zu: "Du schaffst das mein Mädchen, gib dich nicht auf!"
Kauline war zu sehr in Panik, um Champ zu antworten. Kurz bevor sie in den Abgrund zu fallen drohte, stieß Rieke einen starken Huster aus und schleuderte Kauline in hohem Bogen auf den Gehweg. Sie landete äußerst unsanft.
"Autsch, autsch, au!", jammerte Kauline. Ihr blieb keine Zeit sich zu erholen. Einer der vielen Passanten trat im Vorbeigehen voll mit dem rechten Schuh auf sie. Champ war total entsetzt, er konnte das alles gar nicht so schnell realisieren. Er war wie versteinert. Nicht zu glauben, was gerade geschah. Seine Kauline war eben noch da und nun wurde sie von einem Schuh mitgenommen. Er fühlte sich schwer vom Schicksal gebeutelt. Der Fußgänger, der eben auf Kauline getreten war, ging einfach weiter und betrat die Abflughalle. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass er einen blinden Passagier unter seiner Schuhsohle kleben hatte.
Rieke hatte aufgehört zu husten. Sie erholte sich schnell und betrat mit Fritjof ebenfalls die Halle. Erleichtert äußerte sie: "Das ist ja noch mal gut gegangen, mir wurde schon ganz schwarz vor Augen!"
"Alles OK mit dir", erkundigte sich Friedjof besorgt, "Oder muss ich den Flug stornieren?"
"Das wollte ich nur hören." Rieke legte den Arm um seine Hüfte und sie stellten sich am Check-In-Schalter der Mauritius-Airline an. Zum Glück hatten sie nur zwei Personen vor sich.
Direkt vor ihnen befand sich der Mann mit Kauline unterm Schuh.
Als dieser abgefertigt war und sich zum Gehen umwandte, musste Friedjof herzhaft gähnen. In diesem Augenblick konnte Champ einen Blick auf ihn erhaschen.
"Kauline!", brüllte Champ so laut er konnte, denn er hoffte, dass seine geliebte Kauline sich noch immer unter dessen Schuh befand. "Fürchte dich nicht, ich bin in deiner Nähe! Du bist mein Schicksal, ich liebe dich!" Leider bekam er keine Antwort.
Alles wird gut, alles wird gut, alles wird gut,! suggerierte er sich in Gedanken.
"Ihre Ausweispapiere bitte!", vernahm Frietjof die Stimme einer netten Dame hinter dem Schalter. Eilig reichte er ihr das Gewünschte hinüber.
Keine zwei Minuten später ertönte die Stimme erneut: "Legen Sie bitte ihren Koffer auf die Waage." Was er auch tat. Dabei unterhielt er sich intensiv mit Rieke über die Reise und was ihn dort erwarten würde.
Er freute sich zwar auf Sonne Sand und Meer, aber nicht so sehr, als wenn Rieke mit ihm flöge. Und irgendwo hegte er die leise Hoffnung, dass sie ihn vielleicht überraschen könnte und doch den Trip nach Mauritius mit ihm antrat.
Die Dame hinter dem Schalter schenkte Frietjof ein freundliches Lächeln als sie ihm die Papiere mit der Anweisung gab zurück: "Sie müssen zum Gate A17, ich wünsche Ihnen einen angenehmen Flug und einen erholsamen Urlaub, Herr Petersen."
"Vielen Dank, Ihnen auch einen schönen Tag!" Mit diesen Worten verabschiedete sich Fritjof und ging mit Rieke an den restlichen Schaltern vorbei in Richtung Café. Viel Zeit war zwar nicht mehr, aber für einen Cappuccino würde es wohl noch reichen
Herr Jansen, mit Kauline unter der Schuhsole, saß dort bereits völlig relaxt mit übereinandergeschlagenen Beinen. Genüsslich schlürfte er einen heißen Kaffee.
Champ roch den süß fruchtigen Geruch von Kauline und hielt Ausschau, er erkannte den Mann, der schon im Café saß und hoffte insgeheim, dass Fritjof sich ganz in seine Nähe setzen würde. Was dieser auch tat. Fast außer sich schrie Champ: "Kauline, Kauline, hier bin ich. Siehst du mich?" ISBN: 978-3-940-830-92-0


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