Sarturia.com Buchinhalt Vorschau


Aus dem Buch: Hrsg. Anke Tholl - CERNobyl
 
Das Zeitportal
Christoph Kolb

Astrid wusste nicht genau, wie lange sie schon wartete, aber es musste eine Ewigkeit sein und sie begann sich zu langweilen. Sie hatte gehofft, dass an einem Dienstag das Amt nicht allzu gut besucht sein würde. Doch offenbar hatten noch mehr Menschen denselben Gedanken gehabt. Sie vermied es, mit einem der anderen Wartenden ins Gespräch zu kommen. Nicht, dass es ihr womöglich so ergehen würde wie der jungen Frau, die einige Stühle weiter Platz genommen hatte. Diese hatte ein Gespräch mit einer älteren Dame begonnen, welche direkt neben ihr saß. Doch Gespräch konnte man es eigentlich nicht nennen, da die alte Frau seit einer gefühlten Ewigkeit und in einem niemals abreißenden Redeschwall von ihren Operationen berichtete. Ausgehend von ihrem Alter konnte man vermuten, sie hätte ein halbes Jahrhundert in Arztpraxen und Krankenhäusern verbracht. Die junge Frau war zu höflich, um zu intervenieren, und kommentierte mit inhaltlosen Floskeln den Redeschwall, wenn sie denn eine Gelegenheit bekam. Der Rest der Wartenden hüllte sich in Schweigen, wahlweise in Zeitschriften oder Handys vertieft. Am interessantesten war ein Kind, das unablässig in seiner Nase bohrte. Astrid hoffte inständig, dass ihre Nummer bald drankam.
"... und nicht nur das. Wir haben noch viel mehr im Programm. Wer hat nicht schon immer davon geträumt, den Umbau des Stuttgarter Bahnhofs mit eigenen Augen sehen zu können? Das gibt es nur bei uns. Buchen Sie noch heute, um auch morgen wieder im Gestern anzukommen."
Die Worte erregten Astrids Aufmerksamkeit. Ausgesprochen worden waren sie von einem rundlichen Mann, der mit eiligen Schritten den Wartesaal betreten hatte. Drei Personen, ein Mann und zwei Frauen, folgten ihm. Sie alle trugen eine Art enganliegenden, silbernen Overall. Eine der Frauen hatte eine kurios aufgetürmte Frisur und blickte sauertöpfisch drein. Der Mann neben ihr war kahlköpfig und machte den Anschein, die Frau mit einem gutmütigen Lächeln aufmuntern zu wollen. Den Abschluss der Truppe bildete eine junge Frau mit streng zurückgekämmten Haaren, die unablässig auf ein flaches Ding in ihren Händen schaute, welches ein elektronisches Tablet zu sein schien. Sie alle versammelten sich am Ende des Wartesaals um den rundlichen Mann herum. Die junge Frau mit der strengen Frisur war nun vor die Gruppe getreten und ließ ihre Finger flink über das Tablet huschen.
Dann wurden ihre Bewegungen langsamer und sie hob ihren Kopf. Aus ihrem Tablet schoss plötzlich ein kleiner Strahl. Astrid erschrak. Aus dem Nichts hatte sich durch den Strahl eine Öffnung geschält. Von Höhe, Breite und Form erinnerte es an eine größere Tür. Eine Öffnung aus weißem Licht, mitten im Raum.
Astrid sog scharf den Atem ein. Einige Sekunden lang starrte sie fassungslos auf das Lichtobjekt und konnte nicht fassen, was sich gerade vor ihren Augen abgespielt hatte.
Die übrigen Wartenden im Saal zeigten keine Regung. Das Phänomen, nur wenige Meter von ihnen entfernt, nahmen sie nicht zur Kenntnis.
Die alte Frau war in ihren Aufzählungen mittlerweile bei einer Operation am Steißbein angelangt und das Lächeln ihrer zuhörenden Sitznachbarin wirkte gequält. Das Kind hatte sich dafür entschieden, das Bohren in der Nase mit dem Zeigefinger der anderen Hand fortzuführen. Die übrigen Wartenden im Saal waren noch immer in Handys und Zeitschriften vertieft.
Astrid stand auf und schritt langsam auf die Gruppe zu, die jedoch keine Notiz von ihr nahm. Der rundliche Mann war damit beschäftigt, auf den Kahlköpfigen und die Frau einzureden, während die Dame mit dem Tablet abwechselnd ihren Blick zwischen ihrem handlichen Computer und der Öffnung wandern ließ.
Schließlich sagte sie: ?Es ist so weit.?
?Sehr gut?, meinte der rundliche Mann und wandte sich an die beiden anderen. ?So, nun bitte einer nach dem anderen das Portal passieren. Bitte warten Sie, bis der Erste komplett das Zeitportal passiert hat. Einer nach dem anderen bitte?
Der Kahlköpfige und die Frau mit der kuriosen Frisur gingen auf die Öffnung zu. Der Mann schritt voran. Doch als er das Portal passieren wollte, stieß er dagegen, als wäre das Lichtobjekt eine massive Mauer. Verwirrt von dem Aufprall klopfte er unsicher dagegen.
Der rundliche Mann war sichtlich überrascht. Er wechselte einen ungläubigen Blick mit der Frau, die das Tablet hielt und verwirrt die Anzeigen darauf prüfte.
?Keine Sorge?, meinte er unsicher lächelnd. ?Nur ein kleiner technischer Defekt. Unsere Temporalmechanikerin wird das Problem sicher gleich behoben haben. Und ich kann Ihnen versprechen, dass wir trotzdem nicht zu spät ankommen werden.?
Er hatte versucht, einen Scherz zu machen. Doch offenbar lief der ins Leere. Die Frau mit der seltsamen Frisur war erzürnt und machte ihrem Ärger Luft.
?Ich weiß, Sie wollen nach Hause?, bemühte er sich verständnisvoll. ?Genießen Sie einfach noch diese letzten Augenblicke im Jahr 2017 und erfreuen Sie sich an der Architektur in diesem - ähm - Wartesaal, wie er typisch für die Anfänge des Jahrtausends in Süddeutschland ist.?
Die Frau schien von der Aussicht, weitere Zeit in einem süddeutschen Warteraum des Jahres 2017 zu verbringen, nicht sonderlich begeistert zu sein. Der rundliche Mann versuchte es weiter mit Beschwichtigungen, während er immer wieder zu der Technikerin blickte, die auf ihrem Tablet herum wischte. Der kahlköpfige Herr neben der ärgerlichen Frau, von der Astrid vermutete, dass sie seine Ehefrau sein musste, versuchte es ebenso mit Beschwichtigungen, wie es der andere Wartende zuvor getan hatte.

ISBN978-3-940830-71-5

Hier endet die Vorschau! Legen Sie sich deshalb das Buch gleich in den Warenkorb oder bestellen Sie es bei Amazon als Ebook für Ihren Kindle.