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Aus dem Buch: Scythe - Neal Shusterman
 
Scythe - Kein Verdunkeln der Sonne

Der Scythe kam spät an einem kalten Novembernachmittag. Citra saß am Esstisch und quälte sich mit einer besonders kniffligen Mathematikaufgabe, schob Variablen hin und her, ohne eine Lösung für X oder Y zu finden, als diese neue, sehr viel bösartigere Variable in die Gleichung ihres Lebens trat.
Die Terranovas hatten oft Besuch, deshalb gab es kein Gefühl von Vorahnung, als es an der Wohnungstür klingelte ? kein Verdunkeln der Sonne, das die Ankunft des Todes vor ihrer Tür angekündigt hätte. Vielleicht sollte das Universum sich dazu herablassen, solche Warnungen zu erteilen, doch im großen Plan der Dinge waren Scythe nicht übernatürlicher als Steuereintreiber. Sie tauchten auf, gingen ihrem unangenehmen Geschäft nach und waren wieder verschwunden.
Ihre Mutter machte die Tür auf. Citra sah den Besucher nicht, weil er zunächst durch die geöffnete Tür verdeckt war. Sie sah bloß, wie ihre Mutter dastand, plötzlich unbeweglich, als hätten ihre Blutbahnen sich verfestigt und sie würde, wenn man ihr einen Stoß versetzte, umfallen und auf dem Boden zerschellen.
"Darf ich hereinkommen, Mrs Terranova?"

Die Stimme des Besuchers verriet ihn. Volltönend und unausweichlich wie der dumpfe Ton einer eisernen Glocke, voller Zuversicht in die eigene Fähigkeit, all jene zu erreichen, die erreicht werden sollten. Noch bevor sie ihn sah, wusste Citra, dass er ein Scythe war. Mein Gott! Ein Scythe ist zu uns nach Hause gekommen!
"Ja, ja, natürlich, kommen Sie herein." Citras Mutter trat beiseite, um ihn vorgehen zu lassen, als wäre sie die Besucherin und nicht er.
Er trat über die Schwelle, seine weichen, slipperartigen Schuhe machten kein Geräusch auf dem Parkett. Seine vielschichtige Robe war aus glattem elfenbeinfarbenem Leinen, und obwohl ihr Saum über den Boden streifte, war sie absolut makellos. Scythe konnten die Farbe ihrer Robe frei wählen, wie Citra wusste ? alles bis auf Schwarz, denn das galt als unangemessen für ihre Profession. Schwarz, das war die Abwesenheit von Licht, und Scythe waren das Gegenteil. Sie waren lichtvoll und erleuchtet, sie galten als Krone der Menschheit ? deshalb wurden sie auch für ihren Beruf erwählt.
Manche Scythe-Roben leuchteten, andere waren eher matt. Wie die üppigen fließenden Roben von Renaissance-Engeln schienen sie gleichzeitig schwer und leichter als Luft. Unabhängig von Stoff und Farbe, waren Scythe am einzigartigen Schnitt ihres Gewandes in der Öffentlichkeit leicht zu erkennen, so dass man ihnen gut aus dem Weg gehen konnte ? wenn man denn wollte. Ebenso viele fühlten sich von ihnen angezogen.
Die Farbe der Robe sagte häufig etwas über die Persönlichkeit eines Scythe aus. Das elfenbeinfarbene Gewand dieses Scythe war angenehm, weit genug entfernt von einem echten Weiß, das die Augen mit seiner Helligkeit schmerzte. Aber das änderte nichts daran, wer und was er war.
Er schlug seine Kapuze zurück und enthüllte sauber frisiertes graues Haar, ein trauriges Gesicht mit von der Kälte roten Wangen und dunklen Augen, die für sich schon fast wie Waffen wirkten. Citra erhob sich. Nicht aus Respekt, sondern aus Angst. Unter Schock. Sie versuchte, nicht zu hyperventilieren, gab sich alle Mühe, keine weichen Knie zu kriegen, die sie jedoch mit ihrem Zittern verrieten. Sie spannte mit aller Kraft ihre Muskeln an. Was immer der Scythe hier wollte, er würde sie nicht zusammenbrechen sehen.
"Sie dürfen die Tür schließen", sagte er zu Citras Mutter. Citra sah, wie schwer es ihr fiel. Solange die Tür offen stand, konnte ein Scythe im Flur noch umkehren. In dem Moment aber, in dem sie geschlossen wurde, war er endgültig bei einem zu Hause.
Der Scythe sah sich um und entdeckte Citra sofort. Er lächelte.
"Hallo, Citra", sagte er. Die Tatsache, dass er ihren Namen kannte, ließ sie genauso erstarren wie seine Erscheinung zuvor ihre Mutter.
"Sei nicht so unhöflich", sagte ihre Mutter zu hastig. "Begrüße unseren Gast."
"Guten Tag, Euer Ehren."
"Hi", sagte ihr jüngerer Bruder Ben, der an die Tür seines Zimmers gekommen war, nachdem er die tief dröhnende Stimme des Scythe gehört hatte. Er brachte die einsilbige Begrüßung nur mit Mühe und einem Quieken hervor, blickte von Citra zu seiner Mutter und dachte das Gleiche wie sie. Für wen ist er gekommen? Werde ich es sein? Oder werde ich zurückbleiben, um den Verlust zu betrauern?
"Ich habe im Flur einen einladenden Duft gerochen", sagte der
Scythe und atmete tief ein. "Nun sehe ich, dass ich richtig vermutet habe, dass er aus dieser Wohnung kommt."
"Ich habe gerade einen Makkaroni-Auflauf gemacht. Nichts Besonderes." Bis zu diesem Moment hatte Citra nicht gewusst, dass ihre Mutter so ängstlich sein konnte.
"Das ist gut", sagte der Scythe, "denn ich brauche nichts Besonderes." Dann setzte er sich auf das Sofa und wartete geduldig auf das Abendessen.
War es zu viel zu glauben, dass der Mann lediglich wegen einer Mahlzeit hier war? Schließlich mussten auch Scythe irgendwo essen. In Restaurants wurde ihnen das Servierte üblicherweise nicht in Rechnung gestellt, doch das bedeutete nicht, dass Hausmannskost zur Abwechslung nicht begehrenswerter sein konnte. Es gab Gerüchte von Scythe, die von ihren Opfern verlangten, ihnen eine Mahlzeit zu bereiten, bevor sie nachgelesen wurden. War es das, was hier passierte?
Was immer die Absichten des Scythe sein mochten, er behielt sie für sich, und sie hatten keine andere Wahl, als ihm zu geben, wonach er verlangte. Würde er jemanden verschonen, wenn das Essen nach seinem Geschmack war?, fragte Citra sich. Kein Wunder, dass die Leute sich überschlugen, um einem Scythe in jeder erdenklichen Weise gefällig zu sein. Hoffnung im Schatten von Angst ist die stärkste Motivation auf der Welt.
Auf seine Bitte hin brachte Citras Mutter ihm etwas zu trinken und gab sich nun alle Mühe, damit das heutige Abendessen das köstlichste werden würde, das sie je zubereitet hatte. Sie war keine leidenschaftliche Köchin. Normalerweise kam sie gerade rechtzeitig von der Arbeit nach Hause, um schnell irgendetwas zusammenzurühren. Aber heute Abend könnte ihr Leben von ihren fragwürdigen Kochkünsten abhängen. Und was war mit ihrem Vater? Würde er rechtzeitig heimkehren, oder würde die Nachlese in der Familie in seiner Abwesenheit stattfinden?
Trotz ihrer Furcht wollte Citra den Scythe nicht mit seinen Gedanken allein lassen, also ging sie mit ihm ins Wohnzimmer. Ben, der offensichtlich ebenso fasziniert wie verängstigt war, setzte sich neben sie.
Der Mann stellte sich schließlich als Ehrenwerter Scythe Faraday vor.
"Ich ? ähm ? hab in der Schule mal ein Referat über Faraday gehalten", sagte Ben, und seine Stimme brach nur einmal. "Sie haben sich nach einem coolen Wissenschaftler benannt."
Scythe Faraday lächelte. "Ich hoffe, einen angemessenen historischen Patron gewählt zu haben. Wie viele Wissenschaftler wurde Michael Faraday zu Lebzeiten zu wenig geschätzt, doch ohne ihn wäre unsere Welt nicht, was sie ist."
"Ich glaube, ich habe Sie in meiner Scythe-Sammlung", plapperte Ben weiter. "Ich habe fast alle midMerikanischen Scythe ?, aber auf dem Bild waren Sie noch jünger."
Der Mann sah aus wie etwa sechzig, sein Haar war schon völlig ergraut, sein Kinnbärtchen jedoch noch grau-schwarz meliert. Es war selten, dass ein Mensch sich so alt werden ließ, ohne sich auf ein jüngeres Ich zu resetten. Citra fragte sich, wie alt er tatsächlich war. Wie lange war er schon damit beauftragt, Leben zu beenden?
"Sehen Sie so alt aus, wie Sie wirklich sind, oder sind Sie aus eigener Wahl am fortgeschrittenen Ende der Zeitskala?", fragte sie.
"Citra!" Ihre Mutter hätte um ein Haar die Auflaufform fallen lassen, die sie gerade aus dem Ofen nahm. "Wie kannst du so etwas fragen?"
"Ich mag direkte Fragen", sagte der Scythe. "Sie zeugen von einem ehrlichen Geist, also werde ich ehrlich antworten. Ich gestehe, dass ich viermal über den Berg gekommen bin. Mein natürliches Alter liegt irgendwo bei einhundertachtzig, die exakte Zahl habe ich vergessen. Seit neuerem habe ich mich für diese ehrwürdige Erscheinung entschieden, weil ich feststelle, dass es für die Menschen, die ich nachlese, tröstlicher ist." Dann lachte er. "Sie halten mich für weise."
"Sind Sie deshalb hier?", platzte Ben heraus. "Um einen von uns nachzulesen?"
Scythe Faraday schenkte ihm ein unergründliches Lächeln.
"Ich bin zum Abendessen hier."

Citras Vater kam, als das Essen gerade aufgetragen werden sollte. Ihre Mom hatte ihn offenbar über die Situation informiert, so dass er emotional besser darauf vorbereitet war als sie vorhin. Sobald er die Wohnung betreten hatte, ging er zu Scythe Faraday, schüttelte ihm die Hand und gab sich viel jovialer und gastfreundlicher, als ihm zumute sein musste.
Die Mahlzeit verging hauptsächlich in verlegenem Schweigen, unterbrochen von Kommentaren des Scythe. "Sie haben ein wunderschönes Zuhause." "Was für eine geschmackvolle Limonade!" "Das muss der beste Makkaroni-Auflauf in ganz MidMerica sein!" Und obwohl alles, was er sagte, ein Kompliment war, löste der Klang seiner Stimme bei allen jedes Mal ein seismisches Beben die Wirbelsäule hinunter aus.
"Ich habe Sie noch nie in der Gegend gesehen", sagte Citras Vater schließlich.
"Ich wüsste auch nicht, wie und wann", antwortete er. "Ich bin keine öffentliche Figur, so wie manch andere Scythe es anstreben. Einige Scythe suchen das Rampenlicht, aber um die Aufgabe angemessen zu erledigen, bedarf es einer gewissen Anonymität."
"Angemessen?" Die bloße Vorstellung empörte Citra. "Es gibt eine angemessene Art nachzulesen?"
"Nun", erwiderte er, "es gibt auf jeden Fall eine falsche." Mehr sagte er nicht dazu, sondern aß bloß seine Makkaroni.
Als das Essen fast beendet war, sagte er: "Erzählen Sie mir etwas über sich." Es war keine Frage oder Bitte. Man konnte es nur als Befehl deuten.
Citra war sich nicht sicher, ob es Teil seines kleinen Todestanzes war oder ob es ihn ehrlich interessierte. Ihre Namen kannte er schon, bevor er die Wohnung betreten hatte, also wusste er wahrscheinlich auch alles, was sie ihm erzählen konnten. Warum dann fragen?
"Ich arbeite in der historischen Forschung", sagte ihr Vater.
"Ich bin Ingenieurin für Nahrungsmittelsynthese", sagte ihre Mutter. Der Scythe zog die Augenbrauen hoch. "Und doch haben Sie dieses Gericht selbst zubereitet."
Sie legte ihre Gabel ab. "Alles aus synthetisierten Zutaten."
"Aber wenn wir alles synthetisieren können", erwiderte er,
"wozu brauchen wir dann noch Ingenieure für Nahrungsmittelsynthese?"
Citra konnte förmlich sehen, wie das Blut aus dem Gesicht ihrer Mutter wich. Es war ihr Vater, der sich aufraffte, die Existenz seiner Frau zu verteidigen. "Es gibt immer Raum für Fortschritt."
"Ja ? und Dads Arbeit ist auch wichtig!", sagte Ben.
"Was, historische Forschung?" Der Scythe wedelte abschätzig mit der Gabel. "Die Vergangenheit ändert sich nie ? und die Zukunft nach allem, was ich sehe, auch nicht."
Während die Bemerkung ihre Eltern verwirrte und beunruhigte, begriff Citra, was er sagen wollte. Die Entwicklung der Zivilisation war abgeschlossen. Das wusste jeder. Was die Menschheit betraf, gab es nichts Neues mehr zu erfahren. Nichts an ihrer Existenz musste noch enträtselt werden. Und das bedeutete, dass kein Mensch wichtiger war als irgendein anderer. Im großen Plan der Dinge war vielmehr jeder gleich nutzlos. Das wollte er ihnen sagen, und es machte Citra wütend, weil sie wusste, dass er in gewisser Weise recht hatte.
Citra war berüchtigt für ihre Wutausbrüche. Oft war ihr Zorn schneller als ihr logischer Verstand und verrauchte erst wieder, wenn der Schaden angerichtet war. Der heutige Abend sollte da keine Ausnahme bilden.
"Warum tun Sie das? Wenn Sie hier sind, um uns nachzulesen, dann bringen Sie es einfach hinter sich und hören auf, uns zu quälen!"
Ihrer Mutter stockte der Atem, ihr Vater schob seinen Stuhl zurück, als wollte er aufspringen und sie aus dem Zimmer werfen.
"Citra, was tust du?!" Die Stimme ihrer Mutter zitterte jetzt.
"Zeig ein wenig Respekt!"
"Nein! Er ist hier, er wird es tun, also lasst ihn. Es ist schließlich nicht so, als hätte er sich nicht längst entschieden. Ich habe gehört, dass Scythe sich immer festlegen, bevor sie ein Haus betreten, ist das nicht so?"
Der Scythe wirkte von ihrem Ausbruch in keiner Weise beunruhigt. "Manche schon, andere nicht", sagte er sanft. "Jeder von uns hat seine eigene Art."
Ben hatte angefangen zu weinen. Dad legte seine Arme um ihn, doch der Junge war nicht zu trösten.
"Ja. Scythe müssen nachlesen", sagte Faraday, "aber wir müssen auch essen und schlafen und einfache Unterhaltungen führen."
Citra zog ihm seinen leeren Teller weg. "Nun, die Mahlzeit ist beendet, Sie können also gehen."
Ihr Vater stand auf und fiel vor dem Scythe auf die Knie. Ihr Vater kniete tatsächlich vor dem Mann! "Bitte, Euer Ehren, vergeben Sie ihr. Ich übernehme die volle Verantwortung für ihr Benehmen."
Der Scythe stand auf. "Eine Entschuldigung ist nicht nötig. Es ist erfrischend, zur Abwechslung mal Widerspruch zu hören. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie öde das wird, die Appelle und unterwürfigen Komplimente, die endlose Parade von Kriechern. Eine Ohrfeige ist stärkend. Sie erinnert mich daran, dass ich ein Mensch bin."
Der Mann ging in die Küche und nahm das größte und schärfste Messer, das er finden konnte. Er schwang es durch die Luft, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich damit zustechen ließ.
Bens Jammern wurde lauter, die Umarmung seines Vaters fester. Der Scythe ging auf ihre Mutter zu. Citra war bereit, sich vor sie zu werfen, um die Klinge abzuwehren, doch anstatt das Messer zu heben, streckte der Mann seine andere Hand aus.
"Küssen Sie meinen Ring."
Das hatte niemand erwartet, am allerwenigsten Citra.
Citras Mutter starrte ihn an und schüttelte ungläubig den Kopf. "Sie ? Sie ? verleihen mir Immunität?"
"Für Ihre Freundlichkeit und das Essen, das Sie mir serviert haben, gewähre ich Ihnen ein Jahr Immunität gegen Nachlese. Kein Scythe darf Sie anrühren."
Aber sie zögerte. "Gewähren Sie sie lieber meinen Kindern."
Der Scythe hielt ihr den Ring weiter hin. Es war ein Diamant von der Größe seines Fingerknöchels mit einem dunklen Kern, der gleiche Ring, den alle Scythe trugen.
"Ich biete sie Ihnen an, nicht Ihren Kindern."
"Aber ?"
"Jenny, mach es einfach!", drängte ihr Vater.


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