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Aus dem Buch: Hrsg. Dieter K├Ânig - Vor verschlossenen Pforten
 
Götter im Tod
Annika Maeck-Pechmann

Hades` Reich.
Helheim.
Tuonela.
Die Unterwelt ist eine schöne Vorstellung. Ein Reich, in das wir gehen, wenn wir sterben. Dort herrscht jemand über uns, vorzugsweise ein Gott mit irgendwelchen herausragenden Begabungen. Dort sitzen wir mit ihm an einer Tafel, trinken, speisen und lassen es uns gut gehen, so wie wir es im Leben nie erfahren hatten.
Diese Vorstellung von einem besseren Leben, obwohl wir tot sind, hat mich nicht zögern lassen, meinen Schmerz zu beenden. Jahrelang hatte ich davor zurück geschreckt, mich zu überfordern.
In der Hoffnung, der Lungenkrebs würde verschwinden, hatte ich nach der Schule nichts Neues angefangen. Als das Endstadium des Krebses immer näher kam und der Tod unausweichlich wurde, hatte ich mich entschieden, alles zu beenden. Ich wollte selbst bestimmen, wann es für mich Zeit war zu gehen.
Es blieben nur Stücke von gebrochenen Erinnerungen. Ich erinnere mich, dass ich über mein Handy Musik gehört hatte. Aber, Gott verfluche mich, welches Lied ich beim Absprung gehört hatte, wusste ich nicht mehr. Ich hatte auf einer Klippe gestanden, die hoch über das Meer ragte. Ein schöner Ort zu sterben. Ich war einfach gesprungen und hatte mich das erste Mal in meinem Leben frei gefühlt.
An den Aufprall kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern. Alles wirkte verschwommen und zerbrochen. Eine wirkliche Erinnerung an meine letzte Sekunde besitze ich nicht.
Zögerlich stand ich auf und wischte über meine Beine, um den Dreck von mir abzuklopfen, doch als ich mich berührte, zuckte ich erschrocken zusammen. Ich war nackt.
Fassungslos schaute ich an mir herunter. Das konnte doch nicht wahr sein!
Mich nervös umblickend, entschied ich, dass es erst mal das Beste sei heraus zu finden, was ich jetzt tun sollte. Schließlich hatte ich mir nicht allzu viele Gedanken über das Leben nach dem Tod gemacht. Einen Terminplan konnte ich mir ja schlecht anlegen, zumal ich vorher nicht wusste, wo ich mich nach meinem Tod befand Aber nun stand ich hier am Strand, wo ich mein Ende hatte finden wollen und blickte hinaus aufs Meer.
?Toll.?, murmelte ich und ging auf das Wasser zu. Es lag eine Weile zurück, dass ich am Meer gewesen war. Ich hockte mich hin und berührte die kalte Nässe, wobei ich lächeln musste. An diesem Ort zu springen, gehörte zu meinen wirklich guten Ideen, obwohl ich vorher nicht hatte wissen können, dass ich nach dem Sprung noch in den Genuss des Meeres käme.
Ein Aufschrei zerriss die wohlige Stille und ließ mich zusammenfahren, so dass ich aufsprang und mich suchend umblickte. Eine Frau und ein Mann standen vor einem Felsvorsprung.
Unsicher, ob sie mich sehen konnten, versuchte ich meinen Körper mit den Händen zu bedecken. Ohne Erfolg verlor es seinen Sinn, weshalb ich so tat, als wäre ich entspannt und verschränkte meine Arme vor dem Körper.
Jedoch fiel mir erst jetzt auf, dass mich bloß der Mann anschaute und die Frau mit vor dem Mund zusammen geschlagenen Händen auf etwas hinter mir starrte.
Irritiert folgte ich ihrem Blick und spürte die aufkommende Panik, die ich wohl hätte verspüren sollen, bevor ich sprang.
Das da war mein Gesicht, bloß zertrümmert.
Das da war mein Körper, bloß entstellt.
Das da war ich, bloß tot.
Ich hörte, wie die Frau zu dem Körper stürzte und ich hörte, wie sie um Hilfe schrie, doch ich selbst verspürte nichts von dem. Ich spürte einfach nur eine unnatürliche Kälte über mich kommen. Mit meinen Händen rieb ich über meine Arme und Schultern, ich berührte meinen Bauch, meinen Hals, mein Gesicht. Es fühlte sich so falsch an. Mein Körper lag dort, doch ich stand hier und spürte, dass ich doch noch existierte.
"Keine Sorge. Das Gefühl geht vorbei."
Ich drehte mich um und blickte dem Mann, der mich vorhin schon so angesehen hatte, direkt ins Gesicht. Er war nicht besonders groß, nicht besonders dünn, nicht besonders hübsch, aber dafür besaß er eine besondere Art und Weise, besonders arrogant zu wirken. "Wer bist du?", fragte ich verwirrt.
"Tut mir leid. Meine Manieren! Ich bin Robin Peter Jakob Schmidt. Nenn mich bitte Jake." Er zwinkerte mir zu und hielt mir seine Hand hin, die ich zwar annahm, aber viel anfangen konnte ich damit nicht.
"Vielleicht sollte ich mich anders ausdrücken.", meinte ich immer noch verwirrt. "Ich meinte: Was bist du? Warum kannst du mich sehen? Bist du tot? Wo sind wir?"
Jake verzog das Gesicht, als würde ich ihn anwidern, zog dann aber seine Jacke aus und reichte sie mir. Vorerst dankbar nahm ich sie, zog sie mir über und fühlte mich gleich ein wenig wohler in seiner Gegenwart. Während die Frau neben meiner Leiche einen Krankenwagen rief, griff Jake meine Hand und meinte bloß: "Komm. Lass uns verschwinden!"
Er führte mich am Strand entlang, hinter den Felsvorsprung und dann einen schmalen Trampelpfad die Klippe hinauf. Währenddessen redete er ohne nachzudenken auf mich ein: "Das hier ist Rügen. Wir befinden uns zwischen Saßnitz und Lohme an der berühmten Kreideküste. Ganz ehrlich, es gibt bessere Orte, um zu springen."
"Ich fand´s schön hier."
Jake lachte über meinen Kommentar, brauchte aber anscheinend all seine Kraft, um den Pfad hinauf zu kommen und verstummte.
Oben angekommen wartete ich auf ihn und fragte, da seine Antwort mich nicht befriedigte: "Dass wir auf Rügen sind, weiß ich! Aber wo sind wir? Ich meine, tot bin ich mit hundertprozentiger Sicherheit!"
Jake schaute mich an. Sein Gesicht war puterrot angelaufen und er keuchte ziemlich heftig. "Such es dir aus. Himmel. Hölle. Hades. Tuonela. Nur halt anders. Sagen wir, jetzt gerade bist du in meinem Reich!" Er deutete auf etwas hinter mir und als ich mich umdrehte, zeigte sich mir ein bizarres Bild.
Um einen Baum herum waren Holzpflöcke in den Boden getrieben worden, jedoch konnten sie keine Absperrung bilden, denn zwischen ihnen blieben jeweils mindestens zwei Meter Platz.
An dem Baum lehnten mehrere Bootsplanken und in einem Fass, das uralt sein musste, konnte ich Gebrauchsgegenstände wie Kleidung, Bücher und Brettspiele erkennen. Weiterhin offenbarte dieser Platz, womit Jake sich gern die Zeit vertrieb. Mehrere Decken lagen über die Sitzfläche und Armlehnen eines Campingstuhls, bei dem nur an dessen ausgebleichter Rückenlehne zu erraten war, dass er einst dunkelblau gewesen sein musste. Davor stand eine Holzkiste, auf die Jake immer seine Füße zu legen schien, und neben dem Stuhl stand ein altes, klappriges Tischchen mit einem abgegriffenen Fernrohr.
"Jetzt tu nicht so, als wärst du überrascht." Jake schob sich an mir vorbei, ließ sich auf die Decken in dem Campingstuhl fallen und griff sein Fernrohr. "Ohne dieses Schmuckstück hier hätte ich dich nicht springen sehen. Ach so, weil du dich fragtest, wofür die Holzpflöcke. Wir sind nicht die einzigen Untoten und ich muss mein Territorium markieren!"
Damit hatte Jake mehr Fragen, als ich auf einmal stellen konnte, in mir aufgewirbelt. "Kannst du Gedanken lesen?", platzte es schließlich aus mir heraus, ohne, dass ich weiter darüber nachdenken konnte.
Jake, der mich durch sein Fernglas beobachtete, wie ich zu dem Fass ging und nach brauchbarer Kleidung für mich suchte, nickte und meinte als wäre es selbstverständlich: "Klar. Jeder von uns bekommt eine Fähigkeit. Sollen die hohen Gottheiten Hades und Hel in ihren Reichen bleiben und die Toten zu Sündenarbeiten knechten. Wir sind unsere eigenen Götter im Tod."
"Eigene Götter, eigene göttlichen Fähigkeiten?", fragte ich und zog eine Jeans und Hemd hervor.
"Klar, sonst wäre der Tod ja langweilig."
Das klang ja beinahe so, als hätte sich Jake vorher Gedanken darüber gemacht, wie er sein Leben leben wollte nach dem Tod. Ich glaube, jeder andere Mensch tickte wie ich und sprang einfach, in der Hoffnung, dass es besser sein würde, egal wo, wie und als was man landete. Somit konnte ich den einzigen Punkt auf meiner Liste abhaken und hatte jetzt nichts zu tun. Klang eigentlich nicht schlecht. "Und wo sind die anderen Toten?" Ich schlüpfte in die Kleidung, die ich mir ohne Fragen genommen hatte, während er kurz überlegte.
"Den letzten habe ich auf Hiddensee gesehen, aber die sind ja auch nicht zu unterscheiden von den Lebenden. Hey, was hältst du davon, wenn wir in die Stadt gehen und mal nach forschen, wie göttlich du bist?"
Keine Ahnung, warum er dazu in die Stadt wollte, aber wenn es unbedingt sein musste. Wir liefen eine Weile durch den Wald und er pfiff eine Melodie, die mir sehr bekannt vorkam. "Welches Lied ist das?", fragte ich neugierig.
"Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass das dein Todessong ist. Immortals. Ziemlich passend, wie ich finde. Das hätte ich auch mal abziehen sollen, als ich gegangen bin."
Schön, dass er es passend fand. Über mich brachen bloß die mit diesem Lied verbundenen Erinnerungen herein. Vor nicht einmal einer halben Stunde hatte ich mit meiner Schwester telefoniert und versprochen, ihr zum Geburtstag das Album von Fall out Boy zu schenken.
Missmutig folgte ich Jake in irgendeinen Bus und ignorierte ihn, als er mir vorschwärmte wie toll es sei, tot zu sein, weil man jetzt legal Schwarzfahren durfte. Bezahlungsmöglichkeiten gab es für uns ja nicht. Und dann riss er einen Witz nach dem anderen und erfreute sich an meiner ausdruckslosen Miene. Erst als eine Schulklasse in den Bus stieg, verstummte er endlich.
"Angst vor kleinen Kindern?", fragte ich, als ich sah, wie er auf seinem Sitz ein Stückchen kleiner wurde.
"Nein. Aber Kinder spüren es, wenn etwas nicht stimmt. Sie wissen, dass wir da sind!", sagte er mit verschwörerischer Stimme. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er plötzlich mit einem lauten Buuh! aufgesprungen wäre und sich tot gelacht hätte über mein Gesicht.
Grinsend stand ich auf und machte somit einem Kind Platz - was es natürlich nicht wissen konnte - und beobachtete, wie Jake sich immer weiter an das Fenster des Busses drückte, um dem Kind auszuweichen.
Ich drehte mich lachend um und machte einen Schritt Richtung Fenster, wobei mir jäh ein Kind in den Weg lief. Viel zu spät bemerkte ich dieses Hindernis und lief direkt in das Kind hinein.
Ich stolperte und krachte zu Boden, Kinder um mich herum lachten, als sie mich auf dem Boden knien sahen - Moment! Irritiert schaute ich auf, sah wie eine Frau sich zu mir herab beugte und mir aufhalf. "Hast du dir weh getan, Sarah? Bitte halte dich fest oder setzte dich auf einen freien Platz.", sagte sie und legte meine Hand um eine der Festhaltestangen im Bus.
Aber ich konnte ihr nicht antworten. Warum konnte sie mich sehen? Warum nannte sie mich Sarah? Warum behandelte sie mich wie ein kleines Kind?
Panisch schaute ich mich um, dann blieb mein Blick am Fenster hängen, welches etliche Spiegelbilder reflektierte - und somit auch meines. Ich in der Gestalt einer Sechsjährigen.
Ich hob meine Hand, die Hand des Kindes, und berührte meine Wange. Sie war pausbackig und rot. Ich hatte schulterlange, blonde Haare und grüne Augen. Ohne wirklich zu realisieren, was geschah, fing ich, nein, mein Körper, an zu schreien. Erschrocken wich ich zurück, stolperte erneut, doch als ich diesmal aufkam, drehte ich mich zur Seite und kroch rückwärts über den Boden davon. Eine Hand packte mich an der Schulter, zerrte mich auf die Beine und aus dem Bus heraus.
Noch während Jake und ich an der Haltestelle standen, fuhr der Bus davon und das Mädchen hörte auf zu schreien.
Ich beugte mich vorne über, stützte mich auf meine Knie und atmete erst mal tief durch. Das war wirklich das letzte, was ich noch einmal tun wollte.
"Was war das denn?", keuchte Jake, als wäre er derjenige, der gerade im Körper einer Sechsjährigen gesteckt hatte. "Du warst plötzlich weg, aber ich habe noch deutlich deine Stimme gehört. Meine Fresse, weißt du, was das war?"
Sprachlos schüttelte ich den Kopf. Jake sprach darüber, als hätte er im Lotto gewonnen und nicht gerade die persönliche Höchststrafe erlitten.
Meine Kindheit war wirklich nicht prickelnd. Immer wieder war ich im Krankenhaus gelandet und immer wieder hatte man mir die Chemotherapie auf den Hals gehetzt.
Lange Haare, so wie meine Freundinnen, hatte ich nie gehabt. Irgendwann hatte ich mich einfach mit Jungs befreundet, in der Hoffnung, dass das dann nicht auffiele. In der siebten Klasse hatte ich sogar ein Jahr lang so getan, als wäre ich wirklich ein Junge. Das flog dann aber auf, als meine Mutter mich bei der Zeugnisausgabe zwang, mit Kleid zur Schule zu gehen.
?Darin besteht deine Begabung! Das ist dein Talent! Los noch mal!? Ohne Vorwarnung schubste Jake mich von sich. Ich stolperte, mit den Armen wild um mich schlagend, in einen alten Mann.
Zusammen stolperten ich, der Mann, wir, aber diesmal schaffte ich es, mich gleich zu orientieren und bekam mit, wann ich die Kontrolle über den anderen Körper ergriff. Binnen einer Sekunde erkannte ich, wie der fremde Körper sich anfühlte und fing unser Gewicht auf. "Jake du Schwein!", fluchte ich und hob drohend den Gehstock, den der Alte in der Hand hielt, in die Richtung, in der ich Jake vermutete. Sehen konnte ich ihn aber nicht.
Eine Frau, die an der Haltstelle saß, schaute mich irritiert an und ich sah, wie sie zu mir kommen wollte, um mich zu fragen, ob alles okay sei. Doch da humpelte ich schon zu ihr und ließ mich neben sie auf die Sitzbank fallen. "Jake ist mein Enkel! Der hat mir meinen Porsche geklaut und treibt sich jetzt irgendwo rum, um meine Millionen zu verprassen, deshalb muss ich jetzt mit dem Bus fahren!" Ich grinste die Frau an, die nickte bloß rasch und wandte sich dann von mir ab.
Aber ich hatte nicht vor, weiterhin hier in diesem Körper zu bleiben. Mein leerer Terminplan des Todes war mit einem Schlag voll.
Dieser Körper war alt und gebrechlich und funktionierte nicht so, wie ich es für meine Zwecke gerne hätte. Jetzt, wo ich wusste, wie das Spiel des Todes funktionierte, wollte ich mehr davon. Ich wollte so leben, wie es für mich nur der Tod ermöglichte. Dieses Spiel des Todes gefiel mir mehr als mein Leben. Es machte gerade zu süchtig.


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