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Aus dem Buch: Die Ehre des J├Ągers
 
Die Ehre des Jägers
Andreas Groß

1.
Sonn Kaza Dor verschmolz mit der Dunkelheit. Er war ein Shinobi, ein schwarzer Jäger, ein Todbringer. Er war der Beste seines Standes. Niemand außer ihm konnte so viele Erfolge vorweisen. Wenn der Clanherr der Yuu Dai ihn aussandte, war sein Opfer bereits verloren.
Er zügelte sein El cherd und glitt geräuschlos aus dem Sattel. Obwohl sein Hengst niemals davonlaufen würde, schlang er die Zügel um den Stamm einer Palme, die sich abseits des Hauses erhob.
El cherds waren die bekanntesten Nutztiere auf Saturus. Um sie als Reittiere verwenden zu können, musste man sich ihrer bereits als Jungtiere annehmen, sobald sie von ihrer Mutter entwöhnt waren. Nur in dieser Zeit war es möglich, sie zu zähmen und daran zu gewöhnen, dass sie einen Saturer auf ihren Rücken sitzen ließen. Andernfalls blieben sie wilde, ungestüme Tiere und waren dann bestenfalls als Zugtiere zu gebrauchen. Die El cherds banden sich bis ans Lebensende an ihren Halter, sollte es ihm gelungen sein, ihren Willen zu brechen und sie auf sich zu fixieren. Dieses Band konnte von keinem anderen Eigner durchbrochen werden, denn die El cherds ließen sich von niemand anderem als ihrem ersten Herrn beherrschen. Aus diesem Grund war es unmöglich, ein gezähmtes El cherd zu verkaufen. Es wäre für den neuen Besitzer unbrauchbar.

Kaza klopfte dem Tier sanft auf den Hals. Das El cherd hob den langen Rüssel und legte ihn auf Kazas Kopf. Der Shinobi erwiderte die zutrauliche Geste des Tieres, indem er über die raue Haut strich, und signalisierte ihm, dass es sich ruhig verhalten sollte. Sein Reittier verstand jede Anweisung sofort. Er liebte es und das El cherd erwiderte seine Gefühle mit tiefer Zuneigung. Dank der jahrelangen Abrichtung wusste das Tier, dass es keinen Laut von sich geben durfte.
Kaza streifte sich die Maske eines Shinobis über. Eigentlich benötigte er sie nicht, denn sein Opfer würde auf jeden Fall sterben. Doch der Ritus der Shinobi gebot es, das Gesicht vor dem Opfer zu verbergen.
Geräuschlos näherte er sich dem Gebäude, in dem sich Kato Masuda verbarg. Es war ein schlichter Holzbau, der mit Palmenblättern bedeckt war. Die Türe und die Fenster waren verschlossen, aber durch die schmalen Ritzen fiel ein schwacher Lichtschimmer. Die Tür würde für Kaza kein Hindernis darstellen, doch er beabsichtigte nicht, durch sie in das Haus einzudringen. Masuda rechnete zwar nicht mit seinem Kommen, aber Kaza würde nicht so leichtsinnig sein, den direkten Weg hineinzunehmen.
Er umkreiste das Gebäude in einem weiten Bogen und suchte dabei nach einer möglichen Schwachstelle. Da es eingeschossig war, zog er für einen Augenblick die Möglichkeit in Erwägung, über das Dach einzudringen. Er verwarf diesen Einfall jedoch sofort wieder, weil er sicher war, dass die trockenen Palmenblätter unter seinem Gewicht schlicht zerbrechen würden. Die entstehenden Geräusche würde man augenblicklich im Innern des Hauses vernehmen.
An der Rückseite des Gebäudes befand sich eine Veranda, an der sich ein Kakteenwald anschloss.
Die Holztür war verschlossen. Jedoch war durch den dünnen Kakamivorhang, der hinter den handbreit auseinander liegenden Streben befestigt war, deutlich zu erkennen, dass der dahinterliegenden Raum im Dunkeln lag. Masuda schien sich im vorderen Teil des Hauses aufzuhalten. Kaza wunderte sich, dass sich kein Wächter in der Nähe von Masuda befand. Offenbar fühlte sich der Dieb völlig sicher und befürchtete keinen Angriff in dieser abgelegenen Gegend.
Das Haus lag außerhalb der Stadt Naru inmitten eines lang gezogenen Wüstenabschnittes. Hier draußen wuchsen vorwiegend Kakteen und vereinzelt einige Taluspalmen, die sich an das trockene Klima des Planeten angepasst hatten. Die Oberflächen der Wüsten schimmerten leicht grünlich. Die Färbung stammte von einer Pflanzenart, die sich weite Teile von Saturus untertan gemacht hatte. Die Wurzeln dieser Pflanzen reichten weit in die Erde hinab, um das von mehreren Gesteinsschichten eingeschlossene Wasser zu erreichen. An der Oberfläche dagegen wuchs die Pflanze nur in die Ebene und starb schnell ab, wenn sich ein Trieb bildete, der versuchte, in die Höhe zu streben. Sie sog nur so viel Wasser nach oben, dass es gerade ausreichte, sich selbst zu erhalten. Ein Saturer würde sich niemals aus den Pflanzenresten mit ausreichend Wasser versorgen können, um in der Wüste zu überleben, falls er das unglückliche Schicksal erleiden sollte, sich ohne einen ausreichenden Flüssigkeitsvorrat in ihr zu verirren.
Kaza war von diesem Verhängnis nicht bedroht. Er war seit seiner Jugend darauf trainiert worden, in jeder Situation mit möglichst geringen Mitteln zu überleben. Er konnte tagelang ohne Wasser auskommen.
Nachdem er das Haus lange genug beobachtet hatte und sicher war, dass der Bewohner tief und fest zu schlafen schien, huschte er zur Veranda. Er erklomm die vier Stufen der kleinen Holztreppe und schlich zur Tür. Für einen Atemzug verharrte er und lauschte angestrengt in die Dunkelheit hinein. Doch kein Laut drang zu ihm durch. Alles blieb ruhig. Er zog seinen Spezialschneider hervor, mit dem er in der Lage war, jedes Material bis zu einer gewissen Dicke zu durchtrennen. Kakami war trotz seiner geringen Stärke und Leichtigkeit sehr widerstandsfähig. Es bot nicht nur Schutz vor lästigen Insekten, sondern sorgte auch im Innern des Hauses am Tag für ein angenehmes Klima. In der Nacht verhinderte es, dass die Räume zu sehr auskühlten. Hauchfeine Fäden löste man aus der Innenseite der Rinde, trocknete sie um daraus lange Stoffbahnen zu weben, die man als Vorhänge und Wandschutz verwendete.
Vorsichtig setzte Kaza die Klinge in der Höhe des Schlosses an, machte eine Kreisbewegung und entfernte den herausgeschnitten Teil des Kakamivorhangs. Er steckte das Werkzeug wieder weg, griff geschickt durch die Öffnung und legte den Sicherungshebel, der sich im Innern befand, um. Wieder lauschte er kurz, ehe er die Tür sanft zur Seite zog. Erleichtert registrierte er, dass sie sich völlig lautlos in der Schiene bewegte.
Er huschte ins Haus und schaute sich um. Schnell gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit, und er konnte die Umrisse der Einrichtung erkennen.
Wie erwartet hielt sich Masuda nicht in dem Raum auf. Behutsam setzte er einen Fuß vor den anderen, als er das Zimmer durchquerte und auf den gegenüberliegenden Ausgang zusteuerte.
Er legte sein Ohr an die Tür und vernahm gleichmäßige Atemzüge. Derjenige, der sich in dem Raum aufhielt, war eindeutig am Schlafen. Nach den Informationen, die er erhalten hatte, konnte es sich bei dem Schläfer nur um Kato Masuda handeln. Da er sich an diesem einsamen Ort allein aufhalten sollte.
Kaza zückte sein Ninkayo, ein sehr kurzes Schwert, das er auf altüberlieferte Weise auf dem Rücken trug. Es war die traditionelle Waffe eines Shinobi. Er hatte es vor neun Jahren zum Abschluss seiner Ausbildung von seinem Lehrmeister geschenkt bekommen. Damals war er sechzehn Jahre alt gewesen und es hatte ihn mit unendlichem Stolz erfüllt, dass er endlich zu einem vollwertigen Angehörigen der Shinobi geworden war.
Er legte die linke Hand auf den Griff der Tür und drückte ihn hinunter. Die Tür sprang einen Spalt auf. Vorsichtig lugte er durch die schmale Öffnung. Der Schläfer atmete ruhig und gleichmäßig weiter.
Kaza schlich ins Zimmer. Sein Blick huschte durch den Raum und erfasste jeden Gegenstand. In der Mitte des Zimmers stand ein breites Bett. Es bot Platz für zwei Saturer, doch unter der dünnen Decke lag nur eine Person. An den seitlichen Wänden befanden sich zwei große Truhen und ein schmaler, hoher Schrank.
Der Schläfer schien noch immer nichts von Kazas Anwesenheit zu spüren. Doch Kaza beging keineswegs den Fehler, sich Masuda leichtfertig zu nähern. Der Dieb konnte sich durchaus schlafend stellen.


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