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Aus dem Buch: Meine Hölle, die du nicht siehst
 
Alleingelassen
Florian Krenn


"Tu das nicht", mahnte die Stimme von Peters Mutter, als dieser nach der Keksdose langte.
Ertappt blickte Peter sich in der leeren Wohnung um. Niemand befand sich außer ihm im Raum. Stille. Er streckte sich und angelte das Objekt der Begierde von der Kredenz herunter. Begierig öffnete er das Behältnis aus Porzellan und steckte sich zwei Kekse in den Mund.
"Warte nur, bis Vater heimkommt!", schalt ihn die Mutter. Vor Schreck verschluckte sich Peter und er musste husten. Das Gefäß entglitt ihm und zerbarst am Boden in tausend Stücke. Die weißen Porzellansplitter zwischen den Keksen erinnerten Peter an ausgeschlagene Zähne. Panik stieg in ihm hoch. Sein Bauch begann zu verkrampfen. Warum hatte er nicht auf seine Mutter gehört?
"Mama?" Keine Antwort. "Mama ..."
Plötzlich erklangen schwere Schritte vor der Tür. Ein Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt und ruckartig herumgedreht.
Schnell versuchte Peter, die Beweise seiner Tat unter der Kredenz verschwinden zu lassen.
"Was machst n du da?", lallte sein Vater hinter ihm. "Lass mal sehen."
Grob zog er Peter hoch. Als er die zerbrochene Keksdose erblickte, stieg dem Angetrunkenen die Zornesröte ins Gesicht.
"Ach so, du dreckiger, kleiner Dieb!"
Peter konnte den billigen Schnaps riechen, den sein Vater nach der Arbeit getrunken hatte. Nach dem er meistens roch.
"Ich schuft mir den ganz n Tag den Arsch ab, um uns über die Rund n zu bringen, und du kleiner Nichtsnutz stopfst dir die Kekse in n Wanst? Na warte!"
Peter zitterte vor Angst. Er wusste, was ihn erwartete. "Mama, hilf mir", flehte er leise.
"Was?" Die Unterlippe seines Vaters bebte vor Zorn. "Was sagst du da?"
Schallend versetzte er Peter eine Ohrfeige.
"Mama ...", wimmerte dieser. ?Halt mich.?
"Mama ist nicht hier!", brüllte ihn sein Vater hasserfüllt an. "Du hast sie vor acht Jahren umgebracht! Wegen dir ist sie tot! Weil sie dich Drecksbalg kriegen musste! Wärst du statt ihr gestorben ... wär für uns alle besser gewesen!"
"Ich hasse dich", flüsterte Peter.
"Und ich hasse dich!" Sein Erzeuger verzog verächtlich die Lippen. "Dir werd ich ne Abreibung verpassen! Stehlen und frech sein, das lass ich nicht durchgeh n!"
Diesmal schlug er mit der Faust zu. Der erste Schlag schleuderte Peter gegen die Wand. Mit schnellen Schritten war sein Vater über ihm.
"Ich habe dich gewarnt", erklang die Stimme seiner Mutter.
Der zweite Schlag ließ seine Lippe platzen.
"Mama ..."
Der dritte Schlag brach seinen Kiefer.
"Ich bin bei dir." Seine Mutter strich über seinen Kopf.
Der vierte Schlag zertrümmerte Peters Jochbein.
"Ich halte dich fest. Ich beschütze dich.!
Der fünfte Schlag raubte Peter das Bewusstsein.
Seine Mutter empfing ihr Kind. Umarmte es fest. Laut seinem Vater war sie bei Peters Geburt gestorben, doch er log. Mutter war nie weg gewesen. Sie hielt sich immer in Peters Nähe auf, begleitete ihn, gab ihm Ratschläge und beschützte ihn, so gut es ging. Ohne sie hätte Peter schon lange aufgegeben.

Ende der Leseprobe