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Aus dem Buch: Grauen in der Dunkelheit
 
Schlaflos
Marco Callari


Mit dem Einschlafen ist das so eine Sache.
Auf der einen Seite gibt es Menschen, die sich bloß hinzulegen brauchen und keine Minute später bringen sie die Wände durch ihr Schnarchen zum Wackeln. Nach meiner Erfahrung gehören 99,9 % der Weltbevölkerung dieser Gruppe an. Ich gehöre leider nicht dazu.
Meine Eltern, mein achtjähriger Bruder, mein Cousin, meine Cousine, meine Freunde, vermutlich jeder Mensch, den ich kenne, sind dieser Gruppe beigetreten. Und jedes Mitglied scheint als Willkommenspräsent einen Ein- und Ausschalter geschenkt bekommen zu haben, der ihnen an die Schläfe verpflanzt wurde. Sobald ihr Kopf nun das Kopfkissen berührt, drücken sie den Schalter auf Aus und Körper und Geist schalten sich für den Rest der Nacht ab.
Bedauerlicherweise gehöre ich zu den restlichen 0,1% - was man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen muss: Null-Komma-Eins Prozent! Das ist verdammt wenig! Was bin ich doch für ein Glückspilz ...
Und das ist die andere Seite: Das Glück all dieser armen Seelen, die den 0,1% angehören, äußert sich darin, dass ihnen keine Mitgliedschaft zuteil, und so auch kein Schalter an die Schläfe transplantiert wird, der Verstand, Gedanken und innere Stimmen abschaltet, sobald ihr Kopf das Kissen berührt.
Aus diesem Grund liege ich - wie in so vielen Nächten zuvor - seit einigen Stunden mit geschlossenen Augen wach, wogegen die Tür in meine Gedankenwelt weit offen steht und die Stimme in meinem Kopf keine Ruhe gibt. Im Hintergrund spielt leise Musik aus der Stereoanlage, deren Sleeptimer ich auf sechzig Minuten eingestellt habe. In der Hoffnung, dass mir in dieser Stunde ein Lied die Hand reicht und mich ins Traumland herüberzieht. Üblicherweise läuft es allerdings darauf hinaus, dass ich sechzig Minuten später erneut die Ausschaltzeit einstellen kann. Und eine weitere Stunde später sicherlich noch einmal.
Während ich mich hin und her wälze, drehen sich die Zeiger der Uhren fröhlich in der Runde; die Zeit hat und wird einfach nie Rücksicht auf irgendwen nehmen. Wie gern würde ich ihr in solchen Nächten eine Ankerkette umlegen und den Anker werfen, damit sie solange stillsteht, bis ich eingeschlafen bin. Anschließend kann sie doppelt so schnell vergehen, sodass der Tag rasch anbricht und die Dunkelheit nicht allzu lange über meinen Verstand liegt. Aber das ist Wunschdenken, weshalb die Kirchenglocken in der Ferne mittlerweile drei Uhr schlagen, was bedeutet, dass ich seit geschlagenen zwei Stunden mit dem Einschlafen kämpfe.
Das Schlimme daran ist, wenn ich zu lange wach liege, überkommt mich mit einem Mal die Angst - die Angst vorm Einschlafen! Die Angst vorm Übergriff der Dunkelheit, die einen stundenlang in ihrer Gewalt hält. Wie die Schwärze vor der Geburt, die nach dem Tod wiederkommt. Weshalb ich den Schlaf oft mit dem Tod vergleiche, und in diesen angsterfüllten Momenten kann ich es kaum erwarten, endlich wieder die Augen zu öffnen, um von einem neuen Tag begrüßt zu werden. Für gewöhnlich verdrängt das Tageslicht alle Schatten und Ängste.
Doch ist der Sonnenaufgang noch weit entfernt; und das nutzen die Ängste schamlos aus, um mir allerhand Schreckensszenarien in den Kopf zu setzen, was alles geschehen kann, wenn ein Sechzehnjähriger die Nacht allein zu Hause verbringt. Und mit diesen grauenvollen Gedanken gleite ich tatsächlich allmählich ins Traumland hinüber. Vermutlich wäre ich jeden Moment eingeschlafen, wäre da nicht plötzlich dieser Lichtschein hinter meinen Augenlidern aufgetaucht.
Verwundert öffne ich die Augen und werde sogleich von einem hellen, goldenen Licht geblendet. Schnell setze ich mich im Bett auf und schirme mit einer Hand meine Augen ab. Mit zusammengekniffenen Lidern blicke ich durch die Schlitze zwischen meinen Fingern und sehe - Was genau sehe ich da? Auf dem ersten Blick kommt es mir vor, als tobt ein regelrechter Sandsturm in meinem Zimmer. Zumindest sehen diese goldleuchtenden Steinchen wie Sandkörner aus, die wie eine riesige Staubwolke gut einen Meter über dem Teppichboden schweben. Noch bevor ich auf irgendeine Weise auf diese Erscheinung reagieren kann, schießt sie wie ein Schwarm Bienen vor und hüllt mich komplett ein. Sofort kneife ich die Augen zu und presse eine Hand vor den Mund. Mit der anderen wedle ich vor meinem Gesicht herum, um die leuchtende Masse wie eine lästige Fliege zu verscheuchen. Ich verharre einen Moment in dieser Position, und als ich die Augen wieder öffne, ist die Dunkelheit in mein Zimmer zurückgekehrt. Es fällt zwar etwas Mondlicht durchs Fenster, doch statt mich zu besänftigen, verlängert das kalte Licht bloß die Schatten der Möbel und der restlichen Gegenstände im Zimmer, wodurch ich mich nur noch mehr verkrampfe. Mein Herz schlägt wild in meiner Brust. Einzig die Klarheit darüber, worum es sich bei diesem leuchtenden Sand gehandelt hat und woher er kam, kann mich jetzt noch beruhigen. Aber eine Antwort darauf werde ich wohl nicht bekommen.
Bestürzt schalte ich die Nachttischlampe ein und blicke mich mit weit aufgerissenen Augen im Zimmer um. Überprüfe den dunkelblauen Teppich und sorgsam jede Falte in der bunten Bettdecke. Nicht ein goldleuchtendes Sandkorn kann ich finden. War ich etwa eingeschlafen und habe geträumt? Oder gehören Halluzinationen zu den Nachteilen des Alkoholkonsums? Hervorgerufen durch den Wodka, den ich vorhin auf der Party probiert habe?
Ich komme zu dem Entschluss, dass es irgendetwas davon gewesen sein muss, weshalb ich furchtlos die Decke beiseite schlage, die Beine aus dem Bett schwinge, in die Hausschuhe schlüpfe und das Zimmer verlasse.
Auf dem Weg ins Badezimmer höre ich unseren Hund bellen. Wenn sogar Tiere unter Schlafstörung leiden, gehört Dino in der heutigen Nacht mit zu den 0,1 %. Ja ja, wenn sich die Eltern in ihrem ?hohen? Alter immer noch liebend gern uralte Zeichentrickserien wie The Flintstones anschauen, kann sich das schon mal auf die Namensgebung des Haustieres auswirken. Jedenfalls erkenne ich seine Schlafstörung daran, dass der achtjährige Mischling ? halb Labrador, halb Schäferhund ? seit einiger Zeit in unregelmäßigen Abständen die düstere und kalte Novembernacht anbellt und dabei wahrscheinlich in seinem Zwinger auf und ab läuft.
So gern ich unser Haustier auch bellen höre, aber genau deswegen plagt mich eine weitere Angstvorstellung: Da ich allein zu Hause bin, hoffe ich nicht, dass sich ein Einbrecher Zugang in unser Haus verschaffen möchte, worauf das Tier mit seinem Bellen das Herrchen aufmerksam machen will. Denn Herrchen befindet sich momentan fünfzig Meilen von uns entfernt.

- Ende der Leseprobe -