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Aus dem Buch: Die Rivalin - Michael - Robothan
 
Agatha

Ich bin nicht die wichtigste Person in dieser Geschichte. Diese Ehre gebührt Meg, die mit Jack verheiratet ist. Sie sind die perfekten Eltern von zwei perfekten Kindern, einem Jungen und einem Mädchen, blond und blauäugig und süßer als Honigkuchen. Meg ist wieder schwanger, und das freut mich riesig, weil ich auch ein Baby bekomme.
Ich lege die Stirn an die Scheibe und blicke den Bürgersteig hinauf und hinunter, vorbei an dem Gemüsehändler, dem Frisörsalon und der Modeboutique. Meg ist zu spät. Normalerweise hat sie um diese Zeit schon Lucy in der Schule abgesetzt, Lachlan in den Kindergarten gebracht und sich zu ihren Freundinnen in dem Café an der Ecke gesellt. Ihre Müttergruppe trifft sich jeden Freitagvormittag, besetzt einen Tisch im Freien und rangiert die Kinderwagen wie Schwertransporter auf dem Fahrzeugdeck einer Fähre. Ein Skinny Cappuccino, ein Chai Latte, ein Kännchen Kräutertee ?
Ein roter Bus hält und verdeckt die Sicht auf Barnes Green gegenüber. Als er weiterfährt, sehe ich Meg am anderen Ende der Straße. Sie hat ihre Stretchjeans und einen weiten Pullover an und trägt ein buntes Dreirad. Wahrscheinlich hat Lachlan darauf bestanden, damit zum Kindergarten zu fahren, was sie aufgehalten hat. Vermutlich ist er auch noch stehen geblieben, um die Enten, die Sportgruppe und die alten Leute anzugucken, die Tai Chi machen und sich so langsam bewegen wie StopMotion-Puppen.
Aus diesem Winkel sieht Meg gar nicht schwanger aus. Erst wenn sie sich zur Seite dreht, sieht man die basketballgroße Ausbuchtung, proper und rund. Letzte Woche hab ich gehört, wie sie über geschwollene Knöchel und Rückenschmerzen geklagt hat. Ich weiß, wie sie sich fühlt. Meine zusätzlichen Pfunde machen das Treppensteigen zum Fitnesstraining, und meine Blase hat die Größe einer Walnuss.
Sie blickt nach rechts und nach links, überquert die Straße, entschuldigt sich bei ihren Freundinnen, küsst sie auf beide Wangen und gurrt die Babys an. Alle Babys sind süß, sagen die Leute, und das stimmt vermutlich auch. Ich hab schon in Kinderwagen geguckt, in denen gollumartige Wesen mit hervortretenden Augen und zwei einzelnen Haarsträhnen lagen, und trotzdem immer etwas Liebenswertes entdeckt, weil sie so frisch und unschuldig sind.
Ich soll neue Ware in die Regale in Gang drei stapeln. In diesem Teil des Supermarkts kann man normalerweise problemlos trödeln, weil der Leiter, Mr Patel, ein Problem mit Produkten für weibliche Hygiene hat. Wörter wie "Tampons" oder "Slipeinlagen" kommen ihm nicht über die Lippen - stattdessen spricht er von "Frauenartikeln" oder zeigt einfach auf die Kartons, die ausgepackt werden sollen.
Ich arbeite vier Tage die Woche von frühmorgens bis um drei. Ich fülle die Regale nach und etikettiere die Waren mit Preisschildern. An der Kasse lässt Mr Patel mich nicht arbeiten, weil ich angeblich Sachen kaputt mache. Das ist nur einmal passiert, und es war nicht meine Schuld.
Bei seinem Namen hatte ich einen Pakistaner oder Inder vermutet, doch Mr Patel erwies sich als walisischer als ein Gänseblümchen, mit rotem Schopf und einem gestutzten Schnurrbart, der ihn aussehen lässt wie einen - unehelichen, rothaarigen - Sohn von Adolf Hitler.
Mr Patel mag mich nicht besonders und will mich dringend loswerden, seit ich ihm erzählt hab, dass ich schwanger bin.

"Erwarten Sie keinen Mutterschaftsurlaub - Sie sind keine Vollzeitangestellte."
"Das erwarte ich auch gar nicht."
"Und Arzttermine legen Sie außerhalb der Arbeitszeit."
"Klar."
"Und wenn Sie keine Kartons mehr heben können, müssen Sie aufhören."
"Ich kann Kartons heben."
Mr Patel hat zu Hause eine Frau und vier Kinder, doch das bringt ihn noch lange nicht dazu, verständnisvoll mit meiner Schwangerschaft umzugehen. Ich glaube, er mag Frauen nicht besonders. Womit ich nicht meine, dass er schwul ist. Als ich in dem Supermarkt angefangen hab, klebte er an mir wie ein Hautausschlag - fand alle möglichen Vorwände, sich an mir vorbeizudrücken, wenn ich im Lagerraum war oder den Fußboden wischte.
"Uups!", sagte er und presste seinen Steifen gegen meine Pobacken. "Ich wollte nur mein Rad abstellen."
Perverser Sack.
Ich lade meinen Wagen wieder voll, nehme den Etikettierer und überprüfe die Einstellung. Letzte Woche hab ich die Dosenpfirsiche mit einem falschen Preis ausgezeichnet, und Mr Patel hat mir acht Pfund vom Lohn abgezogen.
"Was machen Sie?", bellt eine Stimme. Mr Patel hat sich von hinten angeschlichen.
"Ich fülle die Tampons nach", stottere ich.
"Sie haben aus dem Fenster gestarrt. Ihre Stirn hat diesen fettigen Abdruck auf der Scheibe hinterlassen."
"Nein, Mr Patel."
"Bezahle ich Sie fürs Tagträumen?"
"Nein, Sir." Ich weise auf das Regal. "Die Tampax Super Plus sind aus - die mit dem Applikator."
Mr Patel fühlt sich offensichtlich nicht mehr ganz wohl in seiner Haut.
"Na, dann holen Sie welche aus dem Lager." Er weicht ein paar Schritte zurück. "In Gang zwei hat irgendjemand gekleckert. Wischen Sie das auf."
"Ja, Mr Patel."
"Danach können Sie nach Hause gehen."
"Aber ich arbeite bis drei."
"Devyani wird für Sie einspringen. Sie kann die Trittleiter hochsteigen."
Damit meint er, dass sie nicht schwanger ist, keine Höhenangst hat und ihn sein "Fahrrad abstellen" lässt, ohne ihm feministisch zu kommen. Ich sollte ihm mit einer Klage wegen sexueller Belästigung drohen, doch ich mag diesen Job. Er gibt mir einen Vorwand, in Barnes und näher bei Meg zu sein.
Im Lagerraum hinter dem Supermarkt fülle ich einen Eimer mit Seifenwasser und suche mir einen Schwammwischer raus, der noch nicht bis auf den Metallrahmen runter ist. Gang zwei ist näher an den Kassen, deshalb hab ich gute Sicht auf das Café und die Tische draußen. Die Babys von Megs Freundinnen werden in Kinderwagen und Buggys geschnallt. Meg macht eine letzte Bemerkung, lacht und wirft ihr Haar nach hinten. Beinahe unbewusst schüttele ich auch meines. Es funktioniert nicht. Das ist das Problem mit Locken - sie fallen nicht, sie hüpfen.
Megs Frisör hat mich gewarnt, dass ich nicht den gleichen Schnitt tragen könnte wie sie, doch ich wollte nicht auf ihn hören.
Meg steht vor dem Café und schreibt jemandem eine SMS. Vermutlich Jack. Sie besprechen bestimmt, was es zum Abendessen gibt, oder machen Pläne fürs Wochenende. Ich mag Megs Schwangerschaftsjeans - mit elastischem Bund. Ich frage mich, wo sie sie gekauft hat.
Auch wenn ich Meg fast jeden Tag sehe, hab ich erst einmal mit ihr gesprochen. Sie hat mich gefragt, ob wir noch Bran Flakes haben, aber die waren ausverkauft. Ich wünschte, ich hätte Ja sagen können. Ich wünschte, ich hätte durch die Plastikschwingtür ins Lager eilen und mit einer Packung Bran Flakes nur für sie zurückkommen können.
Das war Anfang April. Ich hab damals schon vermutet, dass sie schwanger ist. Vierzehn Tage später hat sie einen Schwangerschaftstest aus dem Gang für pharmazeutische Produkte mitgenommen, und mein Verdacht hat sich bestätigt.
Jetzt sind wir beide im dritten Trimester und in vier Wochen fällig.
Meg ist mein Vorbild geworden, weil bei ihr Ehe und Mutterschaft so leicht wirken. Erstens ist sie wirklich schön. Ich wette, sie hätte auch problemlos Model werden können - nicht der magersüchtige Laufstegtyp oder das umwerfende Wow-Girl von Seite drei, sondern das gesunde, natürliche Mädchen von nebenan, das für Waschmittel oder Hausratversicherungen wirbt und immer über Blumenwiesen läuft oder an einem Strand entlang in Begleitung eines Labradors.
Ich bin nichts von alldem. Ich bin weder besonders hübsch noch besonders interessant. "Ungefährlich" ist wahrscheinlich der treffende Ausdruck. Ich bin die weniger attraktive Freundin, die alle hübschen Mädchen brauchen, weil ich mich nicht in ihr Rampenlicht dränge und mit dem zufrieden bin, was übrigbleibt (Essen und Jungs).
Es ist eine der traurigen Wahrheiten des Einzelhandels, dass die Leute Regalauffüller nicht wahrnehmen. Ich bin wie ein Stadtstreicher, der in einem Hauseingang schläft, oder ein Bettler, der ein Schild hochhält - unsichtbar. Hin und wieder stellt mir jemand eine Frage, doch sie sehen mich nicht an, wenn ich antworte. Wenn es in dem Supermarkt eine Bombendrohung geben würde und alle außer mir evakuiert worden wären, und die Polizei würde fragen: "Haben Sie noch jemanden im Laden gesehen?", würden die Leute antworten: "Nein."

"Auch keine Regalauffüller?"
"Was?"
"Jemand, der die Regale auffüllt."
"Den hab ich nicht bemerkt."
"Es war eine Frau."
"Wirklich?"
Das bin ich - unsichtbar, unbedeutend, eine Regalauffüllerin. Ich blicke nach draußen. Meg geht auf den Supermarkt zu. Die automatischen Türen öffnen sich. Sie nimmt einen Einkaufskorb und schlendert durch Gang Nummer eins - Obst und Gemüse. Am Ende wird sie durch den nächsten Gang zurück und auf mich zukommen. Ich folge ihrem Weg und sehe sie kurz, als sie an den Nudeln und den Dosentomaten vorbeiläuft.
Dann biegt sie in meinen Gang ein. Ich schiebe den Eimer zur Seite, trete einen Schritt zurück und frage mich, ob ich mich lässig an meinen Wischschwamm lehnen oder ihn wie ein Holzgewehr schultern sollte.
"Vorsicht, der Boden ist nass." Ich höre mich an, als würde ich mit einer Zweijährigen reden.
Meine Stimme überrascht sie. Sie murmelt ein Dankeschön und gleitet an mir vorbei, sodass unsere Bäuche sich beinahe berühren.
"Wann ist es bei Ihnen so weit?", frage ich.
Meg bleibt stehen und dreht sich um. "Anfang Dezember." Sie bemerkt, dass ich ebenfalls schwanger bin. "Und bei Ihnen?"
"Auch Anfang Dezember."
"Welches Datum?", fragt sie.
"Fünfter Dezember."
"Ein Junge oder ein Mädchen?"
"Keine Ahnung. Und bei Ihnen?"
"Ein Junge."
Sie trägt immer noch Lachlans Dreirad. "Sie haben schon eins", sage ich.
"Zwei", erwidert sie.
"Wow!"
Ich starre sie an. Ich zwinge mich, den Blick abzuwenden. Ich gucke auf meine Füße, den Eimer, die Kondensmilch und das Pulver für Instant-Vanillesauce. Ich sollte noch etwas sagen, aber ich kann nicht mehr denken.
Megs Korb ist schwer. "Na dann, alles Gute."
"Ihnen auch", sage ich.
Dann ist sie weg und auf dem Weg zur Kasse. Plötzlich fallen mir all die Dinge ein, die ich hätte sagen können. Ich hätte sie fragen können, wo sie das Baby bekommt. Was für eine Art von Geburt? Ich hätte eine Bemerkung über ihre Stretchjeans machen und sie fragen können, wo sie sie gekauft hat.
Meg hat sich an der Kasse angestellt und blättert durch eine Klatschzeitschrift, bis sie dran ist. Die neue Vogue ist noch nicht erschienen, also begnügt sie sich mit Tattler und einer Ausgabe von Private Eye.
Mr Patel fängt an, ihre Waren einzuscannen: Eier, Milch, Kartoffeln, Mayonnaise, Rucola, Parmesan. Der Inhalt des Einkaufskorbes eines Menschen sagt eine Menge über ihn aus; die Vegetarier, Veganer, Alkoholiker, Schokoholiker, Weight Watchers, Fünf-Tage-Normalesser-zwei-Tage-Faster, Katzenliebhaber, Hundebesitzer, Kiffer, Magenleidenden, Laktoseintoleranten und die Leute mit Schuppen, Diabetes, Vitaminmangel, Verstopfung oder eingewachsenen Fußnägeln.
Daher weiß ich so viel über Meg. Ich weiß, dass sie eine vom Glauben abgefallene Vegetarierin ist, die wieder angefangen hat, rotes Fleisch zu essen, seit sie schwanger ist, höchstwahrscheinlich wegen des Eisens. Sie mag Tomatensaucen, frische Pasta, Hüttenkäse, dunkle Schokolade und diese Mürbekekse in Dosen.
Jetzt hab ich mit ihr gesprochen. Wir haben eine Verbindung hergestellt. Wir werden Freundinnen werden, Meg und ich, und ich werde genauso sein wie sie. Ich werde mir ein reizendes Zuhause erschaffen und meinen Mann glücklich machen. Wir werden zusammen Yogakurse machen, Rezepte austauschen und uns jeden Freitagmorgen mit unserer Müttergruppe zum Kaffee treffen.


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