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Aus dem Buch: Liebesschloss
 
Der hohe Preis
Ute Zembsch

"Sie kommen." Rinelda ließ die Schultern hängen. Das Fenster im Obergeschoss des Palas lag hoch. Hoch genug, um sich den Hals zu brechen.
"Du klingst, als würde mich der Henker holen." Flugs war Agnes an ihrer Seite. Sie kicherte und kniff in Rineldas Arm.
Die ein Jahr Jüngere verzog das Gesicht. Lächelnd neigte Agnes den Kopf zur Seite. "Bürste mir die Haare, geschwind."
"Es ist erst wenige Augenblicke her, dass ich es tat. Glaub mir, du siehst wunderschön aus."
Agnes fasste ihre Hände. "Ich bin nicht aus der Welt. Die Burg meines Gemahls liegt nur eineinhalb Tagesritte entfernt. Wir bleiben Herzensschwestern, versprochen. Und jetzt lach wieder."
Die Maiden umarmten sich. Rinelda zwinkerte ihre Tränen weg und schniefte. "Vergiss nicht, für alle anderen bin ich nur deine Zofe."
"Für Fremde, die nicht wissen, dass wir gemeinsam aufgewachsen sind. Aber was kümmert mich das." Die Ältere winkte ab.
Hufschlag ertönte auf dem Pflaster im Innenhof. Agnes raffte den Rock ihres Kleides und rannte aus ihrem Gemach. Rinelda folgte ihr schwermütig. Sie hatte es nicht eilig, Degenar, den Sohn des Freiherrn von Wallenstein, samt Gefolge zu begrüßen.

Den Tag über hatte das Gesinde, unter Agnes? Aufsicht, die beiden Aussteuertruhen gepackt. Rinelda kümmerte sich um die persönliche Habe ihrer jungen Herrin, aus Zuneigung und weil es sie ablenkte.
"Mein lieber Herr von Elenhouch."
Degenars Stimme erklang, als Rinelda in der Pforte des Palas ankam.
"Es freut mich, dass Ihr und Eure Begleiter wohlbehalten hier eingetroffen seid."
Guntham ergriff die dargebotene Hand und klopfte dem jungen Mann auf die Schulter.
Geschwind brachte eine Magd den Willkommenstrunk, den Agnes nahm und dem stattlichen Adeligen überreichte.
"Auch ich heiße Euch herzlich willkommen, Herr Degenar."
Er verbeugte sich vor ihr. Bedachtsam fasste er den Becher. Nach einem Schluck richtete er seine Aufmerksamkeit auf Guntham. "Eine kampfesstarke Truppe überfällt so leicht niemand." Er lachte und ließ seinen Blick schweifen.
Rinelda wusste um seine Kampfeslust. Die Narben in seinem Gesicht entstellten ihn nicht im Entferntesten, fand sie und rieb sich den Nacken.

Guntham führte Degenar persönlich in dessen Unterkunft für die kommende Nacht, damit er sich den Staub von der Reise abwaschen konnte.
Kaum waren sie außer Sicht, bestand die Braut darauf, dass Rinelda ihr vor dem Essen die Haare bürstete und einen Teil flocht.

"Er wird dein dickes, glänzendes Haar vergöttern." Rinelda schielte auf eine Strähne ihres eigenen Kopfschmucks. Sahen die Herrschaften nicht stets besser aus als alle anderen? "Es wird Zeit. Das Festmahl beginnt gleich."
Das Freiherrn-Paar platzierte sich zwischen den Versprochenen, da sich Agnes bis nach ihrer Ankunft in Burg Wallenstein gedulden musste, um vermählt zu werden.
Der Stammhalter von Elenhouch entschuldigte sich beim abendlichen Mahl. Dringende Aufgaben hielten ihn davon ab, seinen künftigen Schwager eher zu beehren. Die jungen Männer stritten auf Turnieren gegen- und für den Fürsten miteinander. Sie sprachen darüber, wer der geschicktere Kämpfer sei, wie Rinelda aus den unüberhörbaren Wortgefechten schlussfolgerte.
Guntham beugte sich zu Degenar und unterbrach den Disput. "Ihr seid ein tapferer Edelmann und Agnes ist liebreizend. Sie wird Euch eine getreue Gemahlin sein. Das Bündnis unserer Häuser steht unter einem guten Zeichen." Er nickte bekräftigend.
"Eure Tochter ist wahrlich eine Augenweide." Degenar prostete über den Tisch hinweg in Agnes? Richtung.
Seine Verlobte kicherte und warf ihm eine Kusshand zu. Rinelda durchzuckte es heiß, sie wandte sich ab. Nur ein paar Löffel Gemüse mit Brot bekam sie herunter. Der Wein rann an dem Kloß in ihrem Hals besser vorbei. Sei keine Närrin, schalt sie sich. Sie streckte ihren Leib und richtete die Aufmerksamkeit auf die junge Adelige. Seine Nähe und seine Stimme bedeuteten Wonne und Qual zugleich. Verstohlen lugte sie zu Degenar.

"Siehst du?", raunte Rinelda Agnes ins Ohr, ihre Stimme klang rau. "Er schaut ständig zu dir rüber. Freu dich, er wird dich glücklich machen." Nach einem kräftigen Schluck Wein setzte sie den Becher hart auf und er schwappte über. "Ich brauch frische Luft."
Agnes lächelte ihr aufmunternd zu, was sie noch eiliger aus dem Saal trieb. Musste die andere ständig vergnügt sein? Sie hatte deswegen schon oft die Augen verdreht. Draußen lehnte sie sich gegen die Wand und schluchzte. Wer sie sah, würde es auf den bevorstehenden Verlust der teuren Freundin schieben. Es war nur ein Teil der Wahrheit. Von klein auf unzertrennlich, sollte Rinelda sich für sie freuen, doch sie konnte es nicht. Nicht bei diesem Mann. Eine Katze lief in den Pferdestall und die Maid tat es ihr gleich. Es erschien ihr ein passender Ort, um ihre Aufgewühltheit zu beschwichtigen.

Sie schloss die Stalltür hinter sich, plumpste auf eine Kiste und vergrub ihr Gesicht in den Händen.
"Du kannst dich nicht vor mir verstecken."
Rinelda schreckte zusammen und hob ihren Kopf. Sie hatte nicht gehört, dass er hereingekommen war.
"Herr Degenar. Was macht Ihr hier?" Hastig sprang sie auf.
"Dich suchen. Oder plantest du, dich heimlich mit mir zu treffen?" Er schmunzelte und trat einen Schritt vor.
Sie merkte, wie die Hitze ihre Wangen überzog und hoffte, dass ihr Gegenüber es im dämmrigen Licht übersah. "Was wollt Ihr von mir? Ihr solltet bei Eurer Braut sein." Rinelda starrte auf den Boden.
"Glaubst du, ich hätte vergessen, wer meine Wunden bei den Turnieren des Hochadels liebevoll versorgte?"
"Ich war nur eine derjenigen, die Euch und die anderen Kämpfer verbanden und pflegten."
"Du schenktest mir aufopferungsvolle Zuwendung. Wie eine Liebste."
"Das bildet Ihr Euch ein."
Er hob ihr Kinn an. "Ich spüre nach wie vor deine sanfte Berührung auf meinen Narben seit dem letzten Wettkampf."
"Das hatte nichts zu bedeuten. Ich musste die Salbe auftragen, ohne die Wunden zu reizen. Ihr wart einer von vielen." Sie trat einen Schritt zur Seite, um der Enge zwischen Kiste und Adelssohn zu entkommen.
Schnaubend stemmte Degenar die Fäuste in die Hüfte. Er hielt sie mit seinen Augen fest und knetete seine Lippen. "Würdest du dich auch zieren, wenn du meine Braut wärst?"
Sie schluckte. Zaghaft schüttelte sie den Kopf. "Ich bin die Zofe Eurer Braut. Ich weiß, wo mein Platz ist. Bitte kehrt zu ihr zurück. Sie vermisst Euch sicher. Ihr findet sie hold und konntet die Augen nicht von ihr lassen."
Ruckartig drehte sie sich um und legte ihre Arme auf das hohe Gatter, dass sie von dem Pferd trennte. Degenar stellte sich dicht hinter sie. Seine Lippen streichelten ihr Ohr.
"Du irrst dich. Du zogst meinen Blick an."
Er fuhr mit seinen Händen über ihre Hüfte. Rinelda entlockte er damit ein Aufseufzen. Gleichzeitig wehrte sie sich gegen das Verlangen. Sie durfte und wollte es niemals zulassen, sich gegen Agnes zu versündigen. "Hört auf, bitte. Ihr seid versprochen."
"Das ist mir gleich. Ich will nur dich." Er fasste sie kräftiger.
"Nein!" Rinelda riss sich los und hetzte an ihm vorbei.
Wie im Kampfreflex erwischte er ihr Handgelenk. "Leugne nicht, dass du mich begehrst", presste er hervor.
Als er sie zu sich zog, schlug sie zu. "Meint Ihr, dass ich willig bin, für Euch die Hure zu spielen? Agnes ist diejenige, mit der ihr Euch vergnügen sollt."
Degenar gaffte sie an. "Rinelda", wisperte er.
"Bitte, lasst mich." Sie stürmte hinaus.

In ihrer Kammer schmetterte sie die Türe zu, ihre Brust hob und senkte sich hastig. Sie unterdrückte den Drang, aus dem Fenster nach ihm zu sehen. Rinelda rutschte an der Tür hinunter und weinte.
Nach einiger Zeit pochte ihr Herz besonnener und sie wusch sich. Morgen, nach der Abreise, war es überstanden. Pflichtbewusst schlurfte sie in den Saal zurück. Sogleich hakte sich Agnes bei ihr ein.
"Geht es dir besser?"
Rinelda nickte und streichelte den Arm ihrer Herrin. Sie griff nach einem Apfel.
"Herr Guntham", erschall Degenars Stimme. "Ich weiß, dass mein Vater und Ihr alles vereinbartet, doch etwas liegt mir am Herzen."
Der Freiherr hob die Brauen. "Welchen Wunsch hat mein künftiger Schwiegersohn?"
Der junge Edle räusperte sich. "Morgen nehme ich meine Braut mit nach Wallenstein. Sie wird sich verloren fühlen mit all den fremden Gesichtern in der ungewohnten Umgebung. Gebt ihr ihre Zofe mit, auf dass eine Vertraute an ihrer Seite ist."
Ein angebissener Apfel fiel zu Boden. Fast unmerklich hauchte Rinelda zitternd ein Nein.
"Das ist ein wundervoller Einfall. Bitte, Vater, gib mir Rinelda mit. Dann brauchen wir nicht mehr betrübt über unsere Trennung zu sein." Agnes legte ihre gefalteten Hände an ihre Brust und zwinkerte ihrem Vater zu.
"Sagt selbst, Herr Degenar, kann ein Mann einer solchen Anmut widerstehen?" Guntham lachte. Er wandte sich Rinelda zu. "Du hast es gehört. Geh und pack deine Sachen, damit du morgen Früh unsere Zeit nicht unnötig vergeudest."
Agnes drückte sie. "Jetzt bleiben wir doch zusammen."
Die Jüngere erwiderte die Umarmung wie benebelt. "Ich geh nach oben." Sie verzog die Lippen zu einem Lächeln und stand auf. In der Tür zum Treppenturm riskierte sie einen Blick auf Degenar. Er schien darauf gewartet zu haben, denn er prostete ihr grinsend zu. Rinelda floh die Stufen empor.
Sie stürzte zum Fenster, wollte allem endgültig entfliehen. Doch der Gedanke, dass sie Agnes damit Leid zufügen würde, hinderte sie daran. Mit hängenden Schultern und verbissener Miene folgte sie dem Befehl ihres Herrn. Vielleicht ließ der Mann, der ihre Gefühle beherrschte, sie in Ruhe, sobald er bei Agnes gelegen hätte. Sie konnte ohnehin nicht glauben, dass ein Adeliger ernsthaft eine unscheinbare Maid umgarnte, wenn er eine Schönheit seines Standes zur Gemahlin bekam. An seinem Hof würde sie ihm aus dem Weg gehen, dort war er ihr neuer Herr und sie musste ihm gefügig sein. Im Bett wälzte sie sich herum, bis sie endlich in einen unruhigen Schlaf fiel.
Am nächsten Morgen gelang es Rinelda besser, ihre wahren Regungen im Zaum zu halten. Sie hatte gleich nach dem Erwachen inbrünstig zur Heiligen Jungfrau um Schutz vor unkeuschem Sehnen und der Versuchung gebetet.
"Freust du dich für mich, dass ich einen so fürsorglichen Gemahl bekomme?" Agnes saß vor dem Spiegel, während Rinelda ihr die Haare bürstete. Die Ältere wartete die Antwort nicht ab. "Er gab mir gestern zu verstehen, dass er mich nicht drängen wird, die Ehe zu vollziehen. Er ist rücksichtsvoll. Findest du nicht?"
"Natürlich." Mehr brachte Rinelda nicht hervor.

Nach dem frühen Mahl baute sich der Brautzug auf. Zwei Wachen ritten vor und vier hinter dem Brautpaar, ihnen folgten der Pferdekarren und vier weitere Bewaffnete. Rinelda leistete dem Wagenlenker Gesellschaft.
"Die beiden sind ein schönes Paar", begann der grauhaarige Knecht nach den ersten Biegungen des Weges.
"Sie sind ja auch beide von Adel, im Gegensatz zu unsereins." Rineldas Stimme klang verbittert.
Der Knecht nickte ihr zu und schwieg. Er war für die Reise von Guntham ausgesucht worden und meinte wohl auch, dass die uneheliche Tochter einer Magd sich nicht beschweren durfte. Immerhin hatte der Freiherr von Elenhouch sie als Gesellschaft für seine ehelichen Kinder aufwachsen lassen, da er sie für klug befand. Und wenn sie sich vorstellte, dass manche Adelstochter mit einem betagten Mann vermählt wurde, so blieb ihr dieses Schicksal erspart. Sie wünschte Agnes von Herzen alles Glück der Welt. Wie vermessen war allein der Gedanke, sie selbst gehöre an seine Seite. Niemals wollte sie sich an Gott versündigen, wie ihr Vater es ihrer Mutter aufgezwungen hatte, oder ihrer Freundin Kummer bereiten.
Das holprige, doch stetige Dahinrollen des Karrens durch den Wald untermalte ihre Grübeleien.

"Angriff!"
Rinelda brauchte einen Moment, um zu begreifen, was geschah. An die zwanzig Kämpfer stürmten aus den Büschen, bewaffnet mit Kurzschwertern und Äxten. Ein paar trugen Gambeson oder Kettenhemden. Blitzschnell ergriffen die Wachen ihre Schwerter. Der Karren blieb abrupt stehen und Rinelda hielt sich krampfhaft an der Sitzbank fest. Degenar brüllte Befehle. Die Verteidiger in der Mitte ritten zur Seite, die hinteren vervollständigten den Kreis. Gehetzt versuchte sie, alles gleichzeitig wahrzunehmen. Die Übermacht riss zwei Krieger vom Pferd. Degenar schlitzte seinem Gegner den Hals auf. Das Pferd ihrer Herrin bäumte sich auf und ihr entfuhr ein Schrei. Agnes gelang es, sich an Sattel und Mähne festzukrallen. Mit einem Satz sprang Rinelda auf.
"Ich muss ihr helfen."
"Bist du von Sinnen? Versteck dich im Karren."
Doch die Maid hörte nicht auf den Knecht. Sie zog ihren Dolch und hüpfte herunter. Sie drückte sich dicht am Zugpferd entlang. Grausam klangen für Rinelda der Lärm der Waffen und das Geschrei. Auf den Wettkämpfen war es ganz anders. Rinelda griff sich an den Hals und schluckte. Ihr Atem hastete, gleich ihrem Herzschlag. Nur einen Schritt von ihr entfernt bedrängten zwei Kerle eine Wache. Einer ging um ihn herum, damit der Verteidiger sich nicht gegen beide zugleich wehren konnte. Niemand achtete auf sie. Beidhändig umfasste sie den Dolch und hob die Arme. Der vor ihr bereitete sich auf seinen nächsten Schwerthieb vor.
Rineldas Hände sausten herab. Ihr Kampfschrei klang ihr noch in den Ohren, als der Feind zusammensackte. Rinelda keuchte. So fühlte es sich an, wenn man ein Leben nahm?
Agnes? Kreischen löste sie aus ihrer Benommenheit. Rasch zog sie den Dolch aus dem Nacken des Toten. Die Braut rief um Hilfe. Wieso stand die Leibgarde ihr nicht bei? Rinelda drehte ihren Kopf zu ihrer Freundin. Gerade hob sie einer der Wegelagerer vom Pferd. Agnes zappelte, doch da war ein anderer parat, der sie ebenfalls packte. Rinelda wollte zu ihr. In dem Moment schnappte jemand von hinten ihren rechten Arm. Sie wand sich und langte mit Links nach dem Dolch. Der Kerl in Gambeson holte mit seiner Axt aus. Instinktiv rempelte sie ihn an. Er schwankte und fluchte. Sein Griff wurde härter. Erneut hob er die Axt. Sie zerrte keuchend an ihrem gefangenen Arm. Unvermittelt weiteten sich die Augen ihres Widersachers, er ließ sie los. Im Zusammensacken gab er den Blick auf Degenar frei.
"Rinelda." Sofort war der Herr bei ihr und strich ihr über die Wange.
Sie nickte zum Zeichen, dass sie unversehrt war. "Agnes." Ihr Blick jagte zu der Adeligen. Sie stöhnte auf. "Nein!"
In Agnes? Mitte klaffte eine breite Wunde, die den roten Saft hinauspulsierte. Ihr Kopf hing schlaff herab. Ein Rohling hielt ihre Arme auf dem Rücken, der zweite stieß mit dem Kurzschwert zu.
"Agnes!" Kreischend stürzte sie auf den los, der ihre Herzensschwester peinigte. Mit aller Kraft trieb sie ihm den Dolch in die Rückseite, wieder und wieder. Sein Freund warf Agnes zu Boden und versuchte zu flüchten. Degenar war schneller. Rinelda ließ irgendwann von dem Wegelagerer ab und sank auf ihre Knie.
Liebevoll stützte sie Agnes? Haupt. "Bleib bei mir, bitte."
Blut rann über die Lippen der Verletzten, ein Zucken in den Mundwinkeln zeugte von einem Hauch Leben, das noch in ihr steckte. Rinelda strich ihr zärtlich über die Haare. Tränen flossen, als sie das Unvermeidliche erkannte. "Was soll ich bloß ohne dich tun?"
Ein letztes Mal lächelte Agnes sie an, dann verloren ihre Augen allen Glanz.

Rinelda wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als ein sanfter Händedruck auf ihren Schultern sie aus ihrer Erstarrung weckte.
"Trotz ihrer Überzahl konnten wir sie letztendlich besiegen." Degenar drückte ihr einen Kuss auf die Schläfe.
"Warum habt Ihr sie nicht gerettet? Sie war Eure Braut." Rinelda schniefte und wischte sich über ihr Gesicht.
Er seufzte. "Ich weiß, es war meine Pflicht. Doch dir drohte gleichermaßen Gefahr."
Seine Antwort ließ sie schwanken. Sie wehrte sich nicht, als Degenar sie in seine Arme nahm. Ihren Kopf an seine Brust gelehnt, ergab sie sich ihrem Schmerz.
"Bringt ihr Wasser", ordnete Degenar an, als sie ruhiger atmete. "Und kümmert euch um unsere Toten."
Rinelda trocknete ihr Gesicht mit ihrem Ärmel. Sie schloss ihrer Freundin die Augen, ihre Hände zitterten dabei. Aus dem Wasserschlauch trank sie nur einen kleinen Schluck. Sie meinte, nicht mehr zu verdienen. Sie bettete Agnes auf ein Leinentuch aus der Aussteuer und hüllte sie achtsam darin ein. Die Unversehrten und Verletzten wickelten ihre beiden Toten in Decken und banden sie auf ihre Pferde. Die Leichen der Wegelagerer platzierten sie in die Gebüsche.
Auf dem Rückweg nach Elenhouch kauerte Rinelda neben dem leblosen Körper auf dem Karren. Nur verschwommen gewahrte sie die Aufregung, die ihre Ankunft verursachte.

"Ihr lügt!"
Guntham ließ Degenar stehen und eilte zum Karren. Seine Fäuste schlugen auf das Holz. Mit gefletschten Zähnen starrte er Rinelda an, als trüge sie an allem die Schuld. Sie schlang die Arme fester um ihren Leib und schluchzte auf. Sein Ausdruck milderte sich. Er kletterte auf den Karren und hob seine getötete Tochter auf die Arme. Rinelda folgte ihm in den Palas. Auf dem Weg bemerkte sie die Freifrau, die aufheulend in sich zusammensank. Ihre Leibmagd umfasste sogleich ihre Schultern zum Trost.
Behutsam legte der Freiherr den Leichnam auf den Tisch des Raumes neben der Kapelle. Er und auch kein anderer hinderte Rinelda daran, Agnes für ihre Beisetzung zu waschen und sie in ihr Hochzeitsgewand zu hüllen. Es war das Letzte, was sie noch für ihre Herzensschwester tun konnte.
In ihrer Kammer erhaschte sie ihr Antlitz im Spiegel. Das Abbild zeigte ihr Inneres. So blass, verweint und verdreckt, wie sie war, würde kein Kerl, gleich, ob von niederer Herkunft oder edel, sie beachten. Ergeben seufzte sie. Ins Kloster konnte sie vom Stand her nicht, dazu hatte sie zudem viel zu wenig Mitgift.

Sie fand frisches Wasser und Seife vor und reinigte sich gründlich. Beim Haarebürsten liefen ihr erneut die Tränen. Nie wieder würde sie sich um das dichte Haar von Agnes kümmern können, es nie wieder flechten.

Es klopfte. Rinelda räusperte sich, ehe sie antwortete.
Eine Magd schaute herein. "Herr Degenar wünscht, dich zu sprechen."
Rinelda trocknete eilig ihr Gesicht und nickte ihr zu.
Der Adelige schloss die Tür sorgfältig hinter sich. "Endlich sind wir alleine."
"Es ist unschicklich, wenn Ihr mich aufsucht." Sie blieb auf ihrem Hocker sitzen und faltete die Hände in den Schoß.
"Sie reden über anderes, als über uns." Er schmunzelte und setzte sich auf ihr Bett. "Ich weiß, wie sehr du um Agnes trauerst. Ihr wart Schwestern füreinander."
Der letzte Satz ließ Rinelda aufhorchen. "Wir wuchsen zusammen auf, doch bin, war ich nur ihre Zofe. Nichts weiter. Jetzt bin ich nicht einmal mehr das."
"Rinelda. Bei dem Angriff habe ich für dich meine Pflicht vergessen. Ich liebe dich mehr, als ich in Worten auszudrücken vermag."
Sie bedeckte ihre Augen und schüttelte den Kopf. "Hört auf damit. Ich will nicht Euer heimliches Liebchen sein. Das ertrage ich nicht. Vergesst mich. Wir sind nicht von gleichem Stand."
"Und wenn wir es wären?"
Er kniete vor ihr nieder und zog ihr die Hände weg, damit sie ihn ansah.
"Nein, bitte lasst mich", wisperte sie. Angst, Selbstvorwürfe und Verlangen bewegten ihr Herz.
"Du hast heute den Kampfgeist eines Mannes bewiesen, der mir gut bekannt ist. Das beeindruckte mich und bestärkte mein Sehnen nach dir."
"Was meint Ihr?" Kannte er die Wahrheit?
"Ich habe mich jedes Mal bei den Treffen der Adelshäuser nach dir umgesehen. Weißt du nicht, wie betörend du bist? Eines Tages entdeckte ich dich an Herrn Gunthams Seite. Leugne nicht, seine Tochter zu sein."
"Euch ist die Ähnlichkeit aufgefallen? Dann wisst Ihr, dass ich ein Bastard bin."
"Das ist nicht von Belang. Es gibt einen Weg für uns. Sag mir nur, ob du mich begehrst."
Er hielt sie, wie am Tag zuvor, mit seinen Augen fest. Diesmal wich sie nicht aus.
"Ich kann nicht. Meine Schwester. Ich fühle mich schuldig."
"Rinelda. Sie war mir versprochen, doch das Versprechen wurde nie eingelöst. Ihr wart beide bei dem Überfall. Für ihren Tod trägst du keine Verantwortung. Wirf dein Leben nicht weg."
Sie seufzte schwer. "Ihr habt Recht. Das bringt mir Agnes nicht zurück. Nach dem, was heute geschehen ist, möchte ich nicht mehr hierbleiben. Seid Ihr sicher, dass wir eine gemeinsame Zukunft haben?" Sie glitt vom Hocker und suchte in seinem Antlitz nach der Erfüllung ihrer Sehnsucht.
"Vertrau mir. Und jetzt lass das Ihrzen, meine Geliebte."
Ihr Schmerz rückte für einen Augenblick weiter weg, sie lächelte ihn milde an. "Wie du wünschst, Degenar."
"Jetzt komm, wir müssen eine Vermählung auf den Weg bringen." Lachend zog er sie empor.

Vor dem abendlichen Mahl bat Degenar Guntham und dessen Gemahlin in den Saal. Rineldas Herz pochte unbeherrscht, sie knetete ihre Hände.
"Herr Guntham, bei allem Respekt und Mitgefühl für Euren Verlust. Ich fordere Euch auf, Rinelda öffentlich als Eure leibliche Tochter anzuerkennen."
"Hat sie es Euch gesagt?" Er trommelte mit den Fingern auf den Tisch.
"Nein. Es ist Euer Gesicht, das ich eines Tages in ihrem erkannte. Ihr und mein werter Vater arbeitet schon lange und hart an einem besseren Miteinander zwischen unseren Häusern. Das wollt Ihr unmöglich aufs Spiel setzen." Er überkreuzte die Arme und schmunzelte.
"Was hat Eure Forderung für Rinelda damit zu tun?" Guntham runzelte die Stirn.
"Ihr erkennt sie an und ich nehme sie standesgemäß zur Angetrauten."
Guntham streckte sein Kinn vor. "Meine eheliche Tochter ist tot, also verlangt Ihr nach Ersatz?"
"Rinelda ist kein Ersatz. Ich beugte mich dem Willen meines Vaters. Doch Rinelda heirate ich nicht aus Pflicht, sondern aus Liebe." Degenar legte einen Arm um sie.
Rinelda zupfte an dem Saum ihres Ärmels. Ihr Vater zögerte. Sie nahm allen Mut zusammen und richtete sich auf. "Ihr wisst, wie nahe Agnes und ich uns standen. Es würde mich zu sehr schmerzen, wenn ich bliebe. Und Euch gleichermaßen, jedes Mal, wenn Ihr mich seht. Ich flehe Euch an, lasst mich ehrenhaft mit Degenar gehen."
Guntham drehte seinen Siegelring hin und her.
Zuletzt tauschte er einen Blick mit der Freifrau.
"Ich kenne das Haus Wallenstein besser, als mir lieb ist. Und ich bin nicht der Einzige, der einen Bastard zeugte, so kann ich mit dem Preis für den Frieden mit Euch leben."
Er nickte bedächtig. "Ich bitte den Pfarrer zum Abendmahl. Ich erkenne öffentlich an, dass Rinelda von mir gezeugt wurde. Eure Verlobung verkünde ich ebenfalls. Geht jetzt. Wir möchten alleine sein."

Rinelda und Degenar zogen sich in die Kammer der Maid zurück. Die Trauer verdunkelte Rineldas Wonne. Es war ein zu hoher Preis, den sie für ihr Liebesglück bezahlt hatte, auch, wenn sie diesen Preis als Schicksal annehmen musste. Degenar hob ihr Kinn und seine Lippen spielten sanft mit ihren. Innig an ihn geschmiegt ahnte sie, dass ihr Schmerz um den Verlust im Laufe der Zeit heilen würde.


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