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Aus dem Buch: Mondgesänge
 
Lavinia
Dieter König

Das Brodeln der auf Halblast arbeitenden Antimaterietriebwerke war auf der winzigen Brücke deutlich zu hören. Die gedrosselte Kraft der Motoren reichte aus, um den Megatonner der Centauri Leasing United angenehm sanft zu verzögern. Das Raumschiff fiel seit geraumer Zeit mit der gedrungenen Achterseite voran auf die filigranen Schleier des Crab Nebels zu.
Vermutlich hatten die tentakelartigen Auswüchse des galaktischen Kunstwerks vor ihnen dem interstellaren Objekt zu seinem Namen verholfen; in einem veralteten, weit entfernt platzierten Teleskop vermochte die expandierende Wolke interstellarer Materie wohl an eine im Laserlicht erstarrte Krabbe erinnern.
Inzwischen füllten die bläulichweiß und blaugrau verflochtene Farbschlieren des Nebelgebildes praktisch das komplette Fronthologramm aus, während die in grünlichen, bräunlichen und rötlichen Farbtönen schimmernden Randsegmente der Wolke bereits aus dem Projektionskubus auswandern wollten. Und immer noch wuchs die Abbildung des Nebels.
Das weit entfernte Leuchtfeuer der Feuerradgalaxis und auch das Leuchtellipsoid des Andromeda Nebels waren schon vor Minuten aus dem Abbildungsbereich ausgewandert.
Geblieben war das in der Perspektive anwachsende Farbspektakel des Crab Nebel Zentrums. Fast hätte man meinen können, ein wahnsinniger Künstler habe seine verworrenen Ideen mit dem Licht vielfarbiger Scheinwerfer auf eine gigantische samtschwarze Leinwand projiziert. Zeitlich erstarrte Nordlichter einer eskalierenden Paranoia. Nur hier und da behaupteten sich, hell in hell, vereinzelte Sonnen vor dem theatralisch wirkenden Bühnenhintergund der unvermindert expandierenden Wolke.
Und genau im Zentrum dieses erhebenden Farbspektakels lauerte der rasend schnell rotierende Pulsar, dessen Emissionen die Umgebung mit einhundert Gigaelektronenvolt durchschnitten. Die Rotationsfrequenz des Neutronensterns konnte im Lautsprecher der Bordanlage einen niederfrequenten Ton im unteren Hörbereich erzeugen. Es klang dann so, als hielte man einen Wechslestromtransformator direkt an den Lautsprecher.
Die Rückwand der Brücke reflektierte hingegen das schräg zwischen den unzähligen Diamantsplittern der Sterne leuchtende, Ekliptik-Abbild der Heimatlichen Galaxis. Ein glitzerndes und funkelndes Nebelband, das sich fast diagonal von Richtung Ein Uhr schräg abwärts nach Richtung Sieben Uhr über die gesamte Fläche des Bildschirms zog und dessen Kernbereich aus sich selbst heraus zu glühen schien.
Vor den finsteren Zonen der linken oberen Bildschirmecke hob sich markant und unverkennbar ein Kugelhaufen dichtgedrängter Sterne ab: 47 Tucanae. Und nahezu als Spiegelbild bot der gegenüberliegende, diffus wirkende Lichtfleck von M13 auf der rechten, unteren Seite der Abbildung einen wunderbaren Kontrast zu der sternenerfüllten Umgebung.
Der Kugelsternhaufen Omega Centauri in der Bildmitte, dicht neben dem Rande der Milchstraße, war dagegen nur mit Mühe auszumachen; ein Diamantsplitter unter Milliarden Diamantsplittern. Noch weniger war vom eigenen Zuhause zu erkennen. Der heimische Sternsektor mit der terranischen Sonne im Zentrum war unter den Abermilliarden Sternen überhaupt nicht mehr zu lokalisieren. Wie sollte er auch? Der Heimatsektor war mehr als zweieinhalbtausend Lichtjahre von ihrer gegenwärtigen Position entfernt.
Dass das Bordsystem die verarbeiteten Signale vertauscht hatte, war gewollt. In Wirklichkeit wies nicht das Heck, sondern die Nase des Megatonners in Richtung des heimatlichen Sternsektors. Die dralle Achterseite war dagegen auf eine der weit entfernten Sonnen inmitten des Farbspektakels des majestätisch wirkenden Crab Nebels gerichtet. Aber das brauchte die Besatzung des Megatonners nicht zu interessieren. Vorne war für sie da, wo das Raumfahrzeug hinflog.
Man vermochte das Zentralgestirn von Howards Planet inzwischen deutlich von den Sternen der Umgebung zu unterscheiden. Seine Leuchtkraft würde in den kommenden Stunden weiter anwachsen, bis man schlussendlich die vier Planeten des Gestirns wahrnehmen konnte.
Vor dem frontseitigen Hologrammbereich des Megatonners saß Conney. Der Widerschein aus der räumlichen Abbildung geisterte farbenfroh über sein Jungengesicht. Mit knapp dreiundzwanzig Standardjahren war er bereits Inhaber der Sternpiloten Lizenz. Man sagte ihm einen gewissen Charme nach, der vermutlich auch dazu beigetragen hatte, vorzeitig die Pilotenlizenz zu erringen. Conney selbst zeigte stets eine schelmisch wirkende Miene, wenn man ihn auf entsprechende Zusammenhänge ansprach. Doch seine Mundwinkel zuckten dabei, so als müsse er die Belustigung zurückhalten, während die meergrünen Augen spöttisch in eigenem Licht leuchteten.
Neben dem Jungen belegte Silver den zweiten Kontursessel. Etwa gleichaltrig, schien er körperlich das krasse Gegenteil des Jungpiloten: kräftig, fast wuchtig gebaut, mit breiter Stirn und kaum sichtbaren, weißblonden Augenbrauen.
Silver war natürlich nicht sein richtiger Name. Er hieß Jonathan Goldham. Der Spitzname Silver war einem grimmigen Piratenkapitän entlehnt, der sich ähnlich verschroben aufgeführt haben mochte wie der blonde Junge.
Dessen ungeachtet brachten die Kerle auf der Akademie dem untersetzten Silver eine Art von undefinierbarem Respekt entgegen, was nicht allein an seiner körperlichen Kraft liegen konnte.
Jetzt, auf der Brücke des Megatonners, hatte Silver die Beine gemütlich übereinander geschlagen und auf die Armlehne von Conneys Pilotensessel gelegt. Er beschäftigte sich intensiv und konzentriert mit seinen Fingernägeln, während sich der Widerschein der Crab Nebel Projektion auf seiner rechten Gesichtshälfte widerspiegelte.
Wie es schien, leisteten Reste dunkler Ränder unter seinen Nägeln hartnäckigen Widerstand. Immer wieder hielt er die Fingerspitzen ins Licht der Lumineszenzflächen unter der Brückendecke, um sie zu inspizieren, ehe er mit seinen Bemühungen fortfuhr.
"Immer noch ...", ließ sich sein Freund Conney vernehmen. Es klang halb verwundert, halb ärgerlich; und zur dritten Hälfte, wie sein Freund meinte, erwartungsvoll neugierig.
"Ja, wirklich ...?" Silver machte keinerlei Anstalten, die hygienisch ausgerichteten Bemühungen zu unterbrechen. Dementsprechend abwesend klang auch die kurze Frage.
Conney nickte mit dem Kinn zu den virtuellen Tabellen in der Gesamtabbildung hin.
"Es zeigt unvermindert ein unbekanntes Objekt", gab er bekannt. "Wir haben keinerlei Meldungen von irgendwelchen Anomalien."
"Wir haben auch keine regulär gemeldeten Schiffe hier draußen, und trotzdem verschwinden die Signaturen der Signale nicht."
Es wird sich doch nicht etwa um ein UFO handeln, fügte Conney in Gedanken hinzu. Das wäre nun wirklich das Letzte, das wir gebrauchen könnten.
Es schien als gelänge es Silver nur unter großen Mühen sich von seinen Fingernägeln loszureißen. Schließlich seufzte er dann doch noch ergeben, ließ die Hände in den Schoß fallen und richtete den Blick seiner graublauen Augen auf den Freund.
"Ein ordentliches Bier könnte ich jetzt gut vertragen", bekundete er versonnen. "Ein echtes Naturprodukt mit gut einem Zoll Schaum drauf. Nur schön groß und kühl müsste es sein. Und anschließend eine flotte Nummer mit der Bedienung."
Conney schüttelte etwas genervt den Kopf. Dieser geile Pennäler, dachte er bei sich, nichts als Sex im Hirnkasten. Das alte Lied notorischer Faulenzer: Saufen und Vögeln ? oder umgekehrt. Ergeben hob er die Schultern.
"Ich versteh? das nicht", murmelte er frustriert. "Die Anzeige ist unmissverständlich. Da, siehst du? Ansteigende Tendenz. Ich bin doch nicht bekifft oder was."
Der Bürstenhaarige lüftete seine stämmigen Beine bedächtig von der Armlehne, hielt sie eine Weile gestreckt in der Luft.
Es schien, als wolle er sie im bunten Widerschein des Hologramms begutachten, schwang sie dann aber doch energisch herum und stellte sie unter seinen Sessel, ehe er sich behäbig nach vorne beugte, um die Digitalanzeigen auf dem Armaturenbrett genauer ins Auge zu fassen. So blieb er eine Weile stumm sitzen, scheinbar wirklich interessiert.
"Na ...?", erkundigte sich Conney und warf dem Freund einen raschen Seitenblick zu. "Was meinst du?"
Oder hat es dir altem Schwerenöter gar die Sprache verschlagen?
Silver nickte bedächtig vor sich hin, ohne die Augen von der Digitalanzeige zu lassen. "Eine terranische Japanerin wäre ebenfalls nicht schlecht", gab er gedankenverloren preis. "Man sagt, Japanerinnen hätten sie quer ..."
"Mann Gottes!"
Conney zwang sich dazu, ernst zu bleiben und tippte ? statt einer Äußerung ? mit dem rechten Zeigefinger auf die Acrylscheibe des Digital Boards. Der Fingernagel verursachte dabei ein helles ?Klick?.
"Das sieht, verdammt noch mal, nach einem gesteuerten Flugobjekt aus", gab er seine Gedanken preis. "Ein Raumschiff im Bremsmanöver; in spitzem Winkel zu unserer Flugbahn. Leicht voraus aber schon erheblich langsamer als unser Megatonner.
Müsste sich dann aber um einen mächtigen Brocken handeln. In diesem speziellen Fall ergäbe sich für uns allerdings ein echtes Problem!"
Wir sind ohne Erlaubnis hier, also praktisch illegal. Wenn man uns auf die Schliche kommt ...
"Du hast völlig recht", äußerte Silver wie neu erwacht. "Ein, zwei Tage Verzögerung ? was macht uns denn das schon aus? Die Schätze von Howards Planet können ruhig ein bisschen warten. Aber Junge, solch eine Gelegenheit dürfen wir uns einfach nicht entgehen lassen."
Conney wandte sich ihm mit gerunzelter Stirn zu. "Sag? mal", erkundigte er sich irritiert, "von was redest du denn überhaupt?"
"Na, ja", äußerte Silver vorwurfsvoll, "du quasselst doch die ganze Zeit von Weibern und du bist doch derjenige, der mir hier ein Kreuzfahrtschiff auf Kollisionskurs einreden will."
Conney schüttelte fassungslos Kopf.
Unter Umständen ist es gar nicht wahr, dass bei ihm eine Schraube locker sitzt. Dafür ist ihm jedoch an der entscheidenden Stelle eine Mutter abhanden gekommen ? und das ist viel schlimmer!
Konsterniert rutschte er zur Sesselvorderkante vor und hantierte an den virtuellen Wiedergaben.
"Wenn es tatsächlich ein Schiff ist", murmelte er gedankenverloren, "dann müssten wir es eigentlich im Hologramm entdecken können."
Silver neigte sich dicht zu ihm hin, um den Crab Nebels genauer in Augenschein zu nehmen:
Die bunten Schleier des Objekts wuchsen im Zoom auf sie zu, als Conney neugierig den Bildausschnitt vergrößerte.
Rosafarben und bläulich angehaucht, präsentierten sich verwaschene Zonen, durchwoben von unregelmäßig verteilten Streifen dunkler Materie, fast wie räumlich dimensionierte Farbeinschlüsse in Acryl. Vor deren Hintergrund zeichneten sich einzelne Lichtpunkte näher liegender Sonnen ab. Ein ästhetisch erhebender Anblick für denjenigen, der ihn zu genießen verstand.
Silver hob die Augenbrauen. "Na, wo ist denn nun unser Touristenfrachter?", erkundigte er sich trocken. "Ich bin spitz wie Nachbars Lumpi, und alles was du mir zeigst ist ein bunter Haufen kosmischen Mülls."
"Heiliger Strohsack!", entließ Conney gottergeben und verdrehte die Augen zur Decke. "Wann ? um Himmels Willen ? hattest bloß deinen letzten Orgasmus?"
Was für mich ein Kunstwerk darstellt, ist für diesen Banausen kosmischer Müll. Dagegen scheint der Gedanke an eine schnelle Nummer für ihn wiederum ein Kunstwerk zu sein.
Plötzlich konnte sich der Jungpilot eines Anfalls aufdringlicher Erheiterung nicht erwehren. Unvermittelt packte er seinen Partner mit der Rechten im feisten Nacken und schüttelte ihn kräftig durch. "Alter, geiler Bock, du ...!"
Silver wehrte sich eher nachlässig gegen den freundschaftlichen Angriff, schaffte es aber doch, dass sein Partner von ihm abließ.
"Was sage ich ...?" entfuhr es ihm gelinde erregt. Er deutete mit ungelenkem Zeigefinger ins Hologramm. "Wenn das nicht ein Kreuzfahrtschiff der Spica Klasse ist, dann fresse ich meinen Reinigungsautomaten."
Conney kontrollierte die Koordinaten.
Es wird doch nicht etwa etwas Unfreundliches sein, wie zum Beispiel einer der Corellian Class Star Destroyer aus Star Wars.
Und, in der Tat: aus dem rußigen Schwarz einer zerrissen wirkenden Dunkelwolke erglomm ein fahl schimmernder Lichtpunkt. Er schien langsam aber stetig auf sie zuzuwachsen.


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