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Aus dem Buch: Nur beim Träumen frei
 
Der letzte Triumph
Cornelia Arbaoui

Prolog
Jedes menschliche Wesen trägt eine ureigene Wahrheit in sich, und sie ist ein Teil von Gott. Wir menschlichen Geschöpfe auf Erden sind nicht in der Lage die einzelnen Teile des wundersamen Mosaiks zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzufügen. So prallen Welten aufeinander, die eigentlich zusammengehören, und so zerstören sich Lebewesen gegenseitig, die sich eigentlich in einem höheren Sinn vollkommen miteinander vereinen.

Wir Sterblichen hier auf Erden vermögen diesen Widerspruch nicht aufzulösen, doch die Fäden unseres Schicksals enden in der Hand unseres Schöpfers und Herrschers über alle Welten. Er webt an einem ewigen Plan und bewirkt, dass in einem vollkommenen Bild alles fein aufeinander abgestimmt ist und den ihm vorherbestimmten Platz einnimmt, in einer Dimension, die unseren irdisch begrenzten Verstand übersteigt, in lichterfüllten Sphären, in denen ein himmlisches Geschöpf zeigt, wie der Mensch zu dem werden kann, was er von Anfang an schon immer gewesen ist. Gottes Ebenbild.

Cornelia Arbaoui
Ehemalige Fernsehjournalistin, Herausgeberin und Gebietsleiterin Sarturia® Türkei


Gefangen genommen

John Nicholas kniete im Staub und spürte nichts weiter als ein elendes Kratzen im Hals. Der Journalist hatte Durst und litt unter den Entbehrungen der letzten Monate.
Diese Zeit hatte er in einem Lager der radikal islamistisch motivierten Terrorgruppe IS, verbracht, nicht weit von der türkischen Grenze entfernt, wie ihm seine Häscher ziemlich schroff mitgeteilt hatten. Doch im Grunde genommen war es egal, wo er sich befand, denn tief in seinem Inneren fühlte er sich sowieso endgültig verloren; hier irgendwo im Niemandsland, nicht weit entfernt von der restlos zerstörten Stadt Kobane.

Wie ein Kaninchen hatten ihn die schwarzen Kämpfer des "Islamischen Gottesstaates" gejagt und schließlich gefangen genommen. Sie hatten seine gesamte technische Ausstattung konfisziert und in den eigenen Lagern verteilt. Alle seine Filme mochten sie sich angeschaut haben. Alle Berichte, die er für seinen amerikanischen Fernsehkanal erstellt hatte und die wohl niemals mehr ein menschliches Wesen auf diesem blauen Planeten zu sehen bekommen würde.
Aber seine Arbeit war nicht umsonst gewesen. So viele Berichte unter seinem Namen, John Nicholas, waren bereits zur besten Sendezeit über den Äther verbreitet worden, und er war nur ein einzelnes Licht in einer langen Kette leuchtender Erscheinungen.
Würde es erlöschen, würde schon morgen eine andere mutige Natur seinen Platz einnehmen.
Sie würde statt seiner versuchen, im bewegten Bild das einzufangen, was mit menschlichen Worten sowieso nicht zu erklären war und sich dem eigenen Verständnis entzog: so etwas wie eine göttliche Wahrheit, die hinter allem Geschehen im Verborgenen lag.
Eine Wahrheit, die in der Lage sein mochte, die Absurdität in dieser Welt zu verstehen; was nicht gleichzusetzen war mit dem Anspruch, ihr einen endgültigen Sinn zu verleihen. Den gab es nicht. Und wenn doch, dann offenbarte er sich wohl erst in einem höheren Zusammenhang; losgelöst von Raum Zeit und nicht mehr irdischen Gegebenheiten unterworfen.
Hier, am Ort seines bevorstehenden Todes, entrang sich dem Journalisten ein bitteres Lachen, das wie tausend kleine Perlen aus seinem Herzen an die frische Luft aufzusteigen schien und sich keinen Deut mehr um das Hier und Jetzt scherte. John Nicholas hatte bereits seit seiner Gefangennahme alles als verloren angesehen, alles was er jemals gewusst und zu besessen geglaubt hatte. Er hatte sich inzwischen daran gewöhnt, in diesem Nichts zu leben, das ihn Tag und Nacht umfing, das auf sonderbare Art und Weise seine eigenen Lieder sang, die wie von Stimmen aus himmlischer Ferne zu ihm herüber klangen und ihm eine göttliche Nähe offenbarten, so intensiv, wie er es niemals zuvor in seinem Leben empfunden hatte. Sie schenkte ihm Trost; eine Erleichterung, die mit menschlichen Worten nicht zu beschreiben war.

Weit entfernt von Heimat und Familie, die ihn wohl niemals mehr lebend wiedersehen würde, empfand der Gefangene zum ersten Mal in seinem Herzen ein Gefühl unendlicher Weite, das ihn lehrte, alles Irdische loszulassen und die unsichtbaren Grenzen zu überschreiten. Hier in diesem fremden Land, mit seiner Mischung aus dem Gefühl orientalischer Faszination und dem erschreckenden Blick auf menschliche Abgründe hatte seine Seele gelernt, auf eigene Art und Weise zu überleben; im Wahnsinn, im Horror und im Chaos, in dem sich Fetzen menschlicher Erinnerungen zu verwirren schienen.

Hier endet unsere Leseprobe.