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Aus dem Buch: Wenn s einfach wär würd s jeder machen - Petra Hülsmann
 
Ein missratener Geburtstag

"Hi, Frau Paulsen!"
Erschrocken fuhr ich zusammen. Fast wären mir der Plastikbehälter mit Schokoladenkuchen und das Buch heruntergefallen, in dem ich gerade las. Die Geschichte war so spannend, dass ich mich selbst auf den wenigen Metern von der S-Bahn bis zur Schule nicht davon trennen konnte. Ich drehte mich um und entdeckte Carla, eine meiner Schülerinnen aus der fünften Klasse, die mich fröhlich angrinste.
Ich erwiderte das Lächeln. "Hallo, Carla."
Sie deutete auf den eingetupperten Schokokuchen, das Buch sowie meine Schultasche. "Soll ich Ihnen was abnehmen?"
Hach, sie war wirklich ein ganz besonders nettes Mädchen.
"Das ist lieb, aber ich schaffe das schon." Schließlich wollte ich vermeiden, dass sie von ihren Mitschülern dabei erwischt wurde, wie sie der Lehrerin die Tasche trug. "Und, was hast du in den Ferien Schönes vor? Fährst du mit deinen Eltern in den Urlaub?", erkundigte ich mich, während wir nebeneinander in Richtung Schule gingen. Schon übermorgen hieß es für mich wieder: ?Tag der richtigen Berufswahl?, denn dann würden die Sommerferien beginnen.
"Nee, die müssen arbeiten", erwiderte Carla. "Aber ich darf ins Reitcamp, das wird auch cool."
"Schön", meinte ich. Carlas Eltern waren Ärzte und die meiste Zeit damit beschäftigt, Leben zu retten. Leider vergaßen sie darüber immer wieder das Leben ihrer Tochter.

"Sind Sie auch geritten, als Sie noch jung waren?", erkundigte Carla sich.
Autsch. Heute war mein siebenundzwanzigster Geburtstag, und eigentlich fühlte ich mich nicht besonders alt. Das hatte sich vor zwei Sekunden jedoch schlagartig geändert.
"Nein, ich hatte es nie so mit Pferden. Die sind mir zu groß. Ich habe lieber Klavier gespielt."
"Aber ein Klavier ist doch auch groß."
Ich lachte. "Stimmt. Aber es wiehert nicht. Und falls doch, hat man ganz gewaltig danebengegriffen."
Inzwischen waren wir auf dem Schulhof angekommen, und unsere Wege trennten sich. Carla winkte mir noch einmal zu und eilte dann in Richtung Hauptgebäude. Nach fünf Schritten hielt sie inne. "Warum haben Sie eigentlich Kuchen dabei? Ist der für uns?"
Bedauernd schüttelte ich den Kopf. "Nein, für die Kollegen. Ich habe heute Geburtstag."
Carlas Augen weiteten sich. "Oh. Dann herzlichen Glückwunsch. Ist aber schon lies, dass nur die Lehrer Kuchen kriegen."
"Ich weiß. Nach den Ferien bringe ich euch mal wieder
welchen mit, okay?"
"Ja, das wär super. Bis später, Frau Paulsen."
Ich ging über den Pausenhof auf die Schule zu. Das Werther-Gymnasium war ein altehrwürdiges, verschnörkeltes Gebäude, das unter hohen Eichen stand und mich an ein Schloss erinnerte. Es zählte zu den besten Schulen der Stadt, und ich konnte mein Glück noch immer kaum fassen, dass ich hier Musik und Geografie unterrichten durfte. Ich betrat das Gebäude, und sofort stieg mir der typische Geruch von Bohnerwachs und altem Holz in die Nase. Ein Geräuschgewirr aus Lachen, aufgeregtem Geplauder und Fußgetrappel umfing mich. Ich liebte diese kribbelige Atmosphäre kurz vor den Ferien. Auf dem Weg zum Lehrerzimmer wurde ich von unzähligen Schülern gegrüßt. Noch etwas, das ich am Werther-Gymnasium mochte: Der Großteil der Schüler war freundlich und gut erzogen. Natürlich gab es auch ein paar weniger nette, aber ich wusste, dass man es als Lehrerin kaum einfacher haben konnte als hier. Und Einfachheit war etwas, das ich in meinem Leben sehr zu schätzen wusste.
"Hey, Annika, alles Gute zum Siebenundzwanzigsten", begrüßte mich Maike, meine Lieblingskollegin. Sie fiel mir um den Hals und drückte mir einen Blumenstrauß in die Hand.
"Hier, für dich."
"Danke schön", sagte ich gerührt, war nun allerdings mit dem Strauß, dem Kuchen und meiner Schultasche ziemlich überfordert. "Äh, warte, lass mich nur kurz ..."
"Gib schon her, bevor noch ein Unglück passiert." Sie nahm mir den Strauß wieder ab.
Ich stellte den Kuchen auf dem Tisch ab und steuerte gerade die Kaffeeküche an, um die Blumen in eine Vase zu stellen, als unser Schulleiter Herr Dr. Friedrich rief: "Liebe Kolleginnen und Kollegen, würden Sie mir kurz Ihre Aufmerksamkeit schenken? Ich möchte Sie darum bitten, sich vor dem Nachmittagsunterricht im Lehrerzimmer zu versammeln. Wir müssen reden!" Dann verschwand er in seinem Büro.
Das war ja eine Formulierung, die gemeinhin nichts Gutes verhieß, und die soeben noch fröhlichen Gespräche verwandelten sich augenblicklich in aufgeregte Spekulationen darüber, was er wohl wollte.
"Oh, oh", raunte Maike mir zu, als ich die Blumen auf unserem Tisch abstellte. "Mir schwant Böses."
"Was soll denn schon passieren?", fragte ich und musste kichern. "Glaubst du, er will mit uns allen Schluss machen?"
"Nein, aber ich wittere etwas Unangenehmes, das nach Arbeit riecht."
"Ach, Quatsch", winkte ich ab. "Wahrscheinlich geht es nur mal wieder um die Parkplatzsituation. So, ich muss dringend los. Bis später." Ich griff nach meiner Schultasche und hetzte zur 8d, wo eine Doppelstunde Musik anstand. In den Pausen war ich mit der Aufsicht dran und schaffte es nicht mehr ins Lehrerzimmer. Daher war die Ankündigung von Herrn Friedrich schon völlig aus meinem Gehirn verschwunden, als ich mich nach Unterrichtsschluss zu meinen Kollegen gesellte.
Maike saß bereits an ihrem Platz, und auch Volker Dannemann, der so wie ich Geografie und Musik unterrichtete, hatte es sich auf seinem Stuhl bequem gemacht. "Hey, Annika, alles Gute zum Geburtstag", sagte er und deutete auf den Kuchen, der noch immer auf dem Tisch stand. "Ist der für uns? Der lacht mich den ganzen Tag schon so an."
"Klar ist der für euch." Ich wollte gerade den Kuchen anschneiden, als Herr Friedrich ins Lehrerzimmer kam. Er klopfte mit den Knöcheln auf die Tischplatte und rief: "Wie heute Morgen schon angedeutet, habe ich etwas Wichtiges zu verkünden."
"Verdammte Axt, jetzt muss ich noch länger auf den Kuchen warten", murrte Volker leise.
Herr Friedrich rückte seine tadellos sitzende Krawatte zurecht. "Ich will gar nicht lang drum herumschnacken. Über den akuten Lehrermangel in Hamburg müssen wir nicht diskutieren, die Situation ist hinlänglich bekannt. Wie Sie wissen, werden deshalb Gymnasiallehrer zeitweilig an andere Schulen abgeordnet. Bislang waren wir am Werther-Gymnasium von diesen Abordnungen nicht betroffen, aber es ist nun mal so, dass wir statistisch gesehen überdurchschnittlich gut besetzt sind. Angesichts dieser Tatsache kommen wir den Kolleginnen und Kollegen an anderen Schulen selbstverständlich gern zu Hilfe."
"Das halte ich aber für ein Gerücht", wisperte ich, woraufhin Maike und Volker zustimmend nickten.
Herr Friedrich räusperte sich. "Uns hat ein Hilferuf der Astrid-Lindgren-Schule in Ellerbrook erreicht."
Ein Raunen ging durchs Kollegium. "Gott steh uns bei, die ALS", stieß Maike aus.
Die Astrid-Lindgren-Schule war eine in Lehrerkreisen berüchtigte und weithin gefürchtete Stadtteilschule in einem der größten Problembezirke Hamburgs. Es wurde über Gewalt gemunkelt, über Drogen und Kriminalität. Wenn irgendwo eine Fernsehdokumentation über die schlimmsten Schulen Deutschlands gezeigt wurde, konnte man sicher sein, dass die ALS erwähnt wurde. Und wenn es etwas gab, das man als Lehrer keinesfalls wollte, dann war es, an dieser Schule unterrichten zu müssen. Aber warum sollte das ausgerechnet mir oder einem meiner Lieblingskollegen passieren?
"Die Astrid-Lindgren-Schule ist ohnehin schon stark unterbesetzt, und nun sind auch noch zwei Kollegen auf unbestimmte Zeit krank geworden", erklärte Herr Friedrich.
Maike lehnte sich zu Volker und mir rüber. "Im UKE haben die ja angeblich in der Psychiatrie einen ganzen Flur für die Lehrer der ALS reserviert."
"Meine Güte, jetzt beruhig dich mal." Ich sah Maike aufmunternd an. "Es geht sowieso wieder nur um Englisch und Mathe. Wir sind auf der sicheren Seite, also keine Panik."
Herr Friedrich fuhr gnadenlos fort: "Die Kollegen benötigen dringend Unterstützung in den Fächern Musik und Geografie."
Huch! Das Herz rutschte mir in die Hose, und ich verstärkte unwillkürlich den Griff um meine Stuhllehnen. Auch die anderen betroffenen Kolleginnen und Kollegen verspannten sich, allen voran Volker neben mir. Die Glückspilze, die weder Musik noch Geografie unterrichteten, atmeten hingegen erleichtert auf.
"Gibt es Freiwillige?", fragte Herr Friedrich.
Vereinzelt ertönte ein ungläubiges Lachen, doch ansonsten machte niemand einen Mucks. Volker duckte sich unter den Tisch und fing an, in seiner Schultasche zu wühlen. Andreas Berthold musterte intensiv seine Fingernägel, und Wiebke Mattischek ließ ihren Blick durch den Raum schweißen, als würde es gar nicht um sie, sondern um jemand völlig anderen gehen. Ich sackte tiefer in meinen Stuhl.
Herr Friedrich seufzte. "Ich weil? ja, dass die Astrid-Lindgren-Schule nicht den besten Ruf genießt, aber es ist doch nur für ein, zwei Jahre. Maximal drei."
Für drei Jahre?! Um Himmels willen! Weiterhin wurden eifrig Fingernägel angestarrt oder Rekorde im Möglichst-unauffällig-Verhalten aufgestellt.
"Ich muss doch sehr an Ihre Solidarität appellieren, liebe Kolleginnen und Kollegen", sagte Herr Friedrich streng.
Keine Reaktion. So solidarisch, freiwillig an die ALS zu gehen, war niemand.
"Na schön. Da sich kein Freiwilliger gemeldet hat, bleibt mir nichts anderes übrig, als jemanden zu bestimmen. Ich habe dieses Szenario bereits durchdacht und mit dem Personalrat besprochen. Er hat meiner Entscheidung zugestimmt."
Dann stand es also schon längst fest? Ich knetete meine Hände, während ich innerlich Hieronymus, den Schutzpatron der Lehrer, anflehte, diesen Kelch an mir vorbeigehen zu lassen. Doch dann rief ich mich zur Ordnung. Nur keine Panik. Warum sollte es ausgerechnet mich treffen? Okay, ich war die Jüngste unter den zur Auswahl Stehenden, aber andererseits war ich doch ganz beliebt. Und zwar sowohl bei den Schülern als auch im Kollegium. Also, wen würde es wohl treffen? Andreas Berthold, entschied ich. Er kam bei den Schülern nämlich nicht besonders gut an, unter anderem deshalb, weil er extrem gerne Mettbrötchen mit Zwiebeln aß. Wer mochte schon Menschen mit permanentem Zwiebelmundgeruch? Außerdem hatte er es mit stummen Landkarten also Karten, bei denen die Beschriftung fehlte. Zu Beginn jeder Stunde suchte sich Andreas ein Opfer heraus, das er vor der ganzen Klasse demütigte, indem er es dazu aufforderte, auf die Loire, Ulan Bator oder das Atlas-Gebirge zu zeigen. Offen gestanden liebte ich diese stummen Karten auch, aber ich ließ lieber unangekündigte Tests schreiben. Falls sich jemand blamierte, geschah das dann wenigstens nicht öffentlich.
"Frau Paulsen", hörte ich Herrn Friedrichs Stimme.
"Ja?", fragte ich, noch immer in meine Überlegungen vertieft.
Maike zog scharf die Luft ein und griff nach meinem Arm, und ich spürte die mitleidigen Blicke aller auf mir.
"Nun, Frau Paulsen, ich denke, dass Sie genau die Richtige sind, um das Team an der Astrid-Lindgren-Schule zu unterstützen."
Mein Atem stockte, und in meinem Kopf begann es zu rauschen. Eine eiskalte Faust klammerte sich um mein Herz.
"Was, ich? Aber ::: nein! Ich bin ganz sicher nicht die Richtige für diesen Job. Und außerdem habe ich heute Geburtstage, fügte ich schwachsinnigerweise hinzu.
"Na dann, alles Gute." Herr Friedrich lächelte mich an, doch ich meinte, eine Spur von schlechtem Gewissen in seiner Miene zu erkennen. "Und nur keine falsche Bescheidenheit. Sie sind eine ausgezeichnete Lehrerin, fachlich sehr kompetent, und Sie haben ein exzellentes Händchen im Umgang mit Kindern."
Meine Kollegen - allen voran die Herrschaften aus dem Personalrat und die Glücklichen, die aus dem Schneider waren - nickten zustimmend und klopften mit den Fingerknöcheln auf die Tische. Diese Heuchler!
"Ich hab ja keine volle Stelle, sonst hätt ich?s echt gern gemachte, behauptete Wiebke, während in ihren Augen Erleichterung und Schadenfreude miteinander tanzten.
"Ja, und bist du nicht vor kurzem erst in den Osten der Stadt gezogen?", fragte Zwiebelmett-Andreas scheinheilig. "Dann ist dein Weg zur Arbeit doch zukünftig viel kürzer."
Ich hatte nicht übel Lust, ihm eine stumme Hamburg-Karte ums Gesicht zu wickeln und mit einem Dartpfeil auf den Osten der Stadt zu zielen. Allerdings war Andreas jetzt nicht mein größtes Problem, also wandte ich mich wieder an meinen Schulleiter. "Aber ich verstehe wirklich nicht, wieso ausgerechnet ich das machen soll."
"Na, weil Sie jung sind, Frau Paulsen, und motiviert. Sie sind doch kein Mensch, der Herausforderungen scheut."
"Da täuschen Sie sich ganz gewaltig", protestierte ich. "Ich brauche keine Herausforderungen, echt nicht. Und ich bin auch überhaupt nicht so moti ... Äh, ich meine, ich bin so gern an dieser Schule, und ich ..."
Fieberhaft suchte ich nach Gründen, die mich unverzichtbar machten, doch mir fiel keiner ein. ?Ich rieche nicht nach Zwiebelmett?, oder ?Die Schüler mögen mich? würde Herrn Friedrich wohl kaum überzeugen. "... will echt nicht an die ALS", sagte ich schließlich mit schwacher Stimme, doch ich wusste, dass ich keine Chance hatte. Ich war nun mal die Jüngste. Die Letzte, die gekommen war. Das schwächste Glied in der Kette.
"Wir haben Sie ja auch sehr gern bei uns. Aber unterm Strich bin ich der Meinung, dass Ihnen diese Herausforderung gut tun und Sie sowohl beruflich als auch menschlich unheimlich weiterbringen wird. Also, nur Mut, Frau Paulsen."
Noch immer hoffte ich, dass gleich mein Wecker klingeln und mich aus diesem Albtraum befreien würde. Doch nichts tat sich. "Und wann?"
Herr Friedrich rückte erneut seine noch immer lA sitzende Krawatte zurecht. "Nach den Sommerferien können Sie an Ihrer neuen Schule durchstarten."
"Was?!", rief ich entsetzt.
"Das ist auf den ersten Blick vielleicht alles etwas kurzfristig, aber die ALS braucht Sie wirklich ganz dringend."
Was für eine schreiende Ungerechtigkeit, dass es ausgerechnet mich erwischt hatte. Da musste dieser blöde Hieronymus doch wohl gepennt haben! "Na schön. " Ich stand auf und deutete mit ausgestrecktem Finger auf den Kuchen.
"Aber den gibt es dann nicht!" Mir war klar, dass das albern war. Aber es war alles, was ich hatte. Die einzige Form von Protest, die ich äußern konnte.
Herr Friedrich erhob sich ebenfalls. "Das ist sehr schade, aber durchaus nachvollziehbar. Bitte kommen Sie doch morgen noch mal in mein Büro, damit wir die Formalitäten erledigen können." Damit verließ er das Lehrerzimmer.
Wie versteinert ließ ich es über mich ergehen, dass Maike, Volker und sämtliche anderen Kollegen sich um mich versammelten, mir ihr Beileid bekundeten oder aufmunternde Worte von sich gaben. Irgendwann konnte ich es nicht mehr ertragen. Ich packte meine Sachen zusammen und verließ die Schule. Nur noch ein Tag. Ein Tag in der Idylle des Werther-Gymnasiums, bevor ich jahrelang in die Abgründe der Menschheit blicken musste. Was für ein Geburtstagsgeschenk!

Hier endet die Vorschau!
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