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Aus dem Buch: Der Outsider - Stephen King
 
Das Denken verleiht der Welt einen dürftigen Anschein von Ordnung, falls man so schwach ist, sich von seinem Schauspiel überzeugen zu lassen.
Colin Wilson, "Das Reich der Blinden"
Die Festnahme
14. JULI
1
Das Zivilfahrzeug war ein unauffälliger, schon etwas älterer Pkw, aber die breiten schwarzen Reifen und die drei Insassen verrieten, worum es sich handelte. Die beiden auf den Vordersitzen waren blau uniformiert. Der Kleiderschrank hinten trug einen Anzug. Die zwei jungen Schwarzen auf dem Bürgersteig - einer mit dem Fuß auf einem ramponierten orangefarbenen Skateboard, der andere mit einem neongrünen Brett unter dem Arm - beobachteten, wie der Wagen auf den Parkplatz der nach Estelle Barga benannten Grünanlage einbog, dann sahen sie sich an.
"Eindeutig Bullen", sagte der eine.
"Echt jetzt?", sagte der andere.
Worauf sie sich wortlos auf ihre Bretter schwangen und schleunigst davonrollten. Die Regel war einfach: Wenn Bullen auftauchten, machte man sich vom Acker. Black lives matter, das hatten ihnen ihre Eltern zwar beigebracht, aber für die Bullen galt das nicht immer. Auf dem Baseballplatz brach das Publikum in Jubel und rhythmisches Klatschen aus, weil die Flint City Golden Dragons in der zweiten Hälfte des neunten Innings an den Schlag kamen. Sie lagen nur einen Run zurück.
Den beiden Jungen war das egal.
2
Aussage von Mr. Jonathan Ritz (10. ]uli, 21.30 Uhr, aufgenommen von Detective Ralph Anderson)
DETECTIVE ANDERSON Ich weiß, dass Sie ziemlich durcheinander sind, Mr. Ritz. Das ist verständlich, aber ich muss genau wissen, was Sie heute Abend gesehen haben.
RITZ Das werde ich nie aus dem Kopf kriegen. Nie im Leben. Ich glaube, ich könnte ?ne Tablette vertragen. Eine Valium vielleicht. So Zeug hab ich bisher nie genommen, aber jetzt könnte ich?s eindeutig brauchen. Hab immer noch das Gefühl, dass mir das Herz bis zum Hals schlägt. Wenn die Spurensicherung am Tatort Kotze finden sollte, was ziemlich sicher der Fall ist, dann stammt die von mir. Dafür schäme ich mich nicht. Wenn man so was sieht, kommt es jedem hoch.
DETECTIVE ANDERSON Sie können sich etwas zur Beruhigung verschreiben lassen, sobald wir fertig sind. Das kann ich dann gern beim Doktor veranlassen, aber zunächst mal müssen Sie einen klaren Kopf behalten. Das verstehen Sie doch, oder?
RITZ Ja. Natürlich.
DETECTIVE ANDERSON Erzählen Sie mir einfach alles, was Sie gesehen haben, dann können wir für heute Abend Schluss machen. Schaffen Sie das, Sir?
RITZ Also gut. Heute Abend bin ich ziemlich genau um sechs rausgegangen, um mit Dave Gassi zu gehen. Dave ist unser Beagle. Um fünf kriegt der sein Abendessen. Meine Frau und ich essen um halb sechs. Um sechs ist Dave dann bereit, sein Geschäft zu machen - das große und das kleine, meine ich. Also gehe ich mit ihm raus, während Sandy - also meine Frau - das Geschirr einräumt. Das ist eine faire Arbeitsteilung. In der Ehe ist eine faire Arbeitsteilung unheimlich wichtig, vor allem wenn die Kinder schon aus dem Haus sind, so sehen wir das jedenfalls. Ich komme vom Hundertsten ins Tausendste, was?
DETECTIVE ANDERSON Schon in Ordnung, Mr. Ritz. Erzählen Sie alles so, wie Sie es wollen.
RITZ Ach, sagen Sie ruhig Jon zu mir. Mr. Ritz kann ich nicht ausstehen. Da komme ich mir wie ein Cracker vor. So haben mich die anderen nämlich in der Schule immer genannt, Ritz Cracker.
DETECTIVE ANDERSON Mhm. Sie sind also mit Ihrem Hund rausgegangen ...
RITZ Genau. Und als der einen starken Geruch gewittert hat - den Geruch von Tod, nehme ich an ?, musste ich ihn mit beiden Händen an der Leine zurückhalten, obwohl Dave bloß ein kleiner Hund ist. Er wollte zu dem hin, was er da gerochen hat. Der ...
DETECTIVE AN DERSON Moment, gehen wir einen Schritt zurück. Sie haben Ihr Haus in der Mulberry Avenue 249 um achtzehn Uhr verlassen ...
RITZ Eventuell war es schon ein bisschen vorher. Dave und ich sind den Hang runter zu Gerald?s gegangen, dem Feinkostladen an der Ecke, wo sie das ganze Gourmetzeug verkaufen, dann die Barnum Street hoch und schließlich in den Figgis-Park. Die Kids nennen ihn Fick dich Park. Meinen, dass die Erwachsenen das nicht mitkriegen, weil die eh nie zuhören, aber das tun wir durchaus. Zumindest manche von uns.
DETECTIVE ANDERSON War das Ihr üblicher Abendspaziergang?
RITZ Ach, manchmal ändern wir die Route auch ein bisschen ab, damit es nicht langweilig wird, aber am Park landen wir praktisch immer, bevor wir wieder nach Hause gehen. Weil es für Dave da viel zu schnuppern gibt. Der Parkplatz dort ist zu der Zeit fast immer leer, falls nicht gerade ein paar Highschool-Kids auf den Tennisplätzen sind. An dem Abend waren allerdings keine da. Es sind ja Sandplätze, und vorher hatte es geregnet. Der einzige Wagen, der da stand, war so ein weißer Kastenwagen.
DETECTIVE AN DERSON Also ein Lieferwagen?
RITZ Genau. Hinten keine Fenster, bloß eine geteilte Hecktür. So ein Ding, mit dem kleine Firmen irgendwelches Zeug durch die Gegend karren. Eventuell war es ein Econoline, aber da bin ich mir nicht völlig sicher.
DETECTIVE ANDERSON Stand denn ein Firmenname drauf? Sam?s Air Conditioning oder Bob?s Custom Windows vielleicht? Irgendwas in der Richtung?
RITZ Nein, m-mh. Überhaupt nichts. Der Wagen war allerdings ganz schön schmutzig, kann ich Ihnen sagen. War schon ?ne ganze Weile nicht gewaschen worden. Auch an den Reifen war Dreck, wahrscheinlich vom Spritzwasser. Dave hat an den Reifen geschnüffelt, bevor wir auf einem von den Kieswegen durch die Bäume gegangen sind. Nach einer Weile hat Dave gebellt und ist in die Sträucher rechts gerannt. In dem Moment hat er diesen Geruch gewittert. Er hat mir fast die Leine aus der Hand gerissen. Ich hab versucht, ihn zurückzuziehen, aber er hat sich geweigert, hat sich einfach hingeschmissen, mit den Pfoten am Boden gescharrt und weitergebellt. Deshalb hab ich ihn nah zu mir rangeholt - ich hab so eine einziehbare Leine, die ist für so was gut geeignet - und bin hinter ihm her. Seit er ausgewachsen ist, kümmert er sich nicht mehr besonders um Eichhörnchen und Streifenhörnchen, daher hab ich gedacht, er hat vielleicht ?nen Waschbär gewittert. Ich wollte ihn zu mir her zerren, ob ihm das nun passt oder nicht; einem Hund muss klar sein, wer das Sagen hat, bloß da hab ich schon die ersten Blutstropfen gesehen. Die waren auf einem Birkenblatt, in etwa auf meiner Brusthöhe, das heißt so eineinhalb Meter vom Boden entfernt. Ein kleines Stück weiter war auf einem anderen Blatt wieder ein Tropfen, und noch etwas weiter waren ein paar Sträucher richtig damit bespritzt. Noch rot und feucht. Daran hat Dave geschnuppert, aber er wollte weiter. Ach ja, bevor ich?s vergesse, genau da hab ich hinter mir gehört, wie ein Motor angesprungen ist. Wahrscheinlich wär mir das gar nicht aufgefallen, wenn es nicht so laut gewesen wär, wie bei ?nem kaputten Auspuff. So ein Knattern, wissen Sie, was ich meine??
DETECTIVE AN DERSON Mhm, weiß ich.
RITZ Ich kann zwar nicht beschwören, dass es der weiße Lieferwagen war, und ich bin nicht auf demselben Weg zurückgegangen, deshalb weiß ich nicht, ob der Wagen nachher weg war, aber ich würde wetten, dass er?s war. Und wissen Sie, was das bedeutet?
DETECTIVE ANDERSON Sagen Sie mir, was es Ihrer Meinung nach bedeutet, Jon.
RITZ Dass er mich eventuell beobachtet hat. Der Mörder. Dass er zwischen den Bäumen gestanden und mich beobachtet hat. Mir läuft es kalt den Rücken runter, wenn ich mir das bloß vorstelle. Jetzt im Nachhinein, meine ich. In dem Moment war ich allerdings auf das Blut fixiert. Und darauf, dass Dave mir nicht den Arm ausreißt. Allmählich hab ich?s mit der Angst bekommen, das gebe ich gerne zu. Schließlich bin ich nicht besonders groß, und ich versuche zwar, einigermaßen in Form zu bleiben, aber ich bin schon über sechzig Selbst als junger Mann war ich nicht gerade ein Raufbold. Trotzdem musste ich mir die Sache ansehen. Falls da jemand verletzt war.
DETECTIVE ANDERSON Das ist sehr lobenswert. Wie spät war es wohl, als Sie die Blutspuren zum ersten Mal bemerkt haben?
RITZ Ich hab zwar nicht auf die Uhr gesehen, aber ich würde sagen, zwanzig nach sechs. Vielleicht auch fünf vor halb sieben. Ich hab Dave vorangehen lassen, ihn aber eng an der Leine gehalten, um mich unter den Zweigen durchzuducken, wo er mit seinen Beinchen einfach drunter durchschlüpfen konnte. Sie wissen ja, was man über den Beagle sagt - er hat hohe Ansprüche, aber kurze Beine. Er hat wie verrückt gebellt. Wir sind dann an eine Lichtung gekommen, so etwa wie ... na ja, so wie ein stilles Plätzchen, wo sich Liebespaare gern niederlassen, um ein bisschen zu schmusen. Die steinerne Bank in der Mitte war mit Blut bedeckt. Über und über. Drunter war noch mehr Blut. Daneben auf dem Rasen die Leiche. Der arme Junge. Der Kopf hat in meine Richtung gezeigt, und die Augen standen offen, aber von der Kehle war nichts mehr da. Da war bloß noch ein rotes Loch. Bluejeans und Unterhose waren bis zu den Knöcheln runtergezogen, und ich hab gesehen, dass da etwas ... ein dürrer Ast, glaube ich ... aus ihm rausgeragt hat. Aus seinem ... seinem ... Na, Sie wissen schon.
DETECTIVE ANDERSON Das tue ich, aber Sie müssen es aussprechen, Mr. Ritz. Fürs Protokoll.
RITZ Er lag auf dem Bauch, und der Ast hat in seinem Hintern gesteckt. Der war auch blutig. Der Ast, meine ich. Die Rinde war teilweise abgeschabt, und es war ein Handabdruck drauf. Den habe ich ganz deutlich gesehen. Inzwischen hat Dave nicht mehr gebellt, sondern gejault, das arme Tier, und ich weiß einfach nicht, wer so etwas tut. Das muss ein Geisteskranker gewesen sein. Werden Sie ihn erwischen, Detective Anderson??
DETECTIVE AN DERSON O ja. Das werden wir.
3
Der Parkplatz am Estelle-Barga-Freizeitgelände war beinahe so groß? wie der vor dem Kroger?s, wo Ralph Anderson und seine Frau am Samstagnachmittag ihre Einkäufe machten, und an diesem Juliabend war er bis auf den letzten Platz gefüllt. Auf vielen Stoßstangen klebten Sticker mit dem Logo der Golden Dragons, und einige Rückfenster waren mit überschwänglichen Sprüchen bemalt: WIR MACHEN EUCH PLATT; AUF GEHT?S DRAG ONS; ENDSPIEL IN SICHT; DIESMAL SIND ?WIR? DRAN. Vom Baseballplatz her, wo man das Flutlicht eingeschaltet hatte (obwohl es noch eine ganze Weile hell sein würde), hörte man Jubel und rhythmisches Klatschen.
Am Lenkrad des Zivilfahrzeugs saß Troy Ramage, der schon seit zwanzig Jahren dabei war. Während er eine vollgeparkte Reihe nach der anderen abfuhr, sagte er: "Immer wenn ich hier bin, frage ich mich, wer zum Teufel eigentlich diese Estelle Barga war."
Ralph reagierte nicht. Seine Muskeln waren angespannt, seine Haut war heiß, und sein Puls fühlte sich an, als wäre er im roten Bereich. Im Lauf der Jahre hatte er schon viele Straftäter festgenommen, aber das hier war etwas anderes. Es war besonders scheußlich. Und persönlich. Das war das Schlimmste daran - es war persönlich. Im Grunde hatte er bei der Festnahme nichts zu suchen und wusste das auch, doch seit den letzten Sparmaßnahmen verfügte die Polizei von Flint City nur noch über drei hauptberufliche Kriminalbeamte. Jack Hoskins war im Urlaub und ging irgendwo in der Pampa angeln, was kein großer Verlust war. Und Betsy Riggins, die eigentlich im Mutterschaftsurlaub sein sollte, unterstützte die Highway Patrol bei einem anderen Aspekt des aktuellen Einsatzes.
Er hoffte inständig, dass das Ganze nicht übereilt war. Die Befürchtung hatte er noch am Nachmittag gegenüber Bill Samuels, dem Bezirksstaatsanwalt von Flint County, bei der Lagebesprechung geäußert. Samuels war ein bisschen jung für sein Amt, gerade mal fünfunddreißig, gehörte aber der richtigen politischen Partei an und war sehr von sich selbst überzeugt. Nicht anmaßend, das musste man ihm lassen, aber einen gewissen Übereifer legte er zweifellos an den Tag.
"Es gibt noch ein paar Ungereimtheiten, die ich gerne aufklären würde", hatte Ralph gesagt. "Wir kennen den Hintergrund nicht vollständig. Außerdem wird er behaupten, dass er ein Alibi hat. Falls er nicht einfach gesteht, müssen wir damit rechnen."
"Wenn er das tut, dann pflücken wir es auseinander", hatte Samuels erwidert. "Das wissen Sie so gut wie ich."
Daran zweifelte Ralph zwar nicht - sie hatten ganz bestimmt den Richtigen, aber er hätte vor dem Zuschlagen lieber trotzdem noch ein bisschen länger ermittelt. Um die Lücken im Alibi von dem Dreckskerl zu finden und sie so zu verbreitern, dass man mit einem Lastwagen hindurchfahren könnte, und ihn ?dann? einzukassieren. In den meisten Fällen wäre das die korrekte Verfahrensweise gewesen. In diesem jedoch nicht.
"Drei Dinge", hatte Samuels gesagt. "Sind Sie bereit?"
Ralph hatte genickt. Schließlich musste er mit dem Kerl zusammenarbeiten.
"Erstens: Die Bürger, vor allem Eltern mit kleineren Kindern, sind aufgebracht und verängstigt. Sie wollen, dass schnell jemand festgenommen wird, damit sie sich wieder sicher fühlen können. Zweitens: Die Indizien sind einwandfrei. Ich habe noch nie einen derart wasserdichten Fall erlebt. Sind wir da einer Meinung?"
"Ja."
"Gut, also zu Nummer drei. Dem Knackpunkt." Samuels hatte sich vorgebeugt. "Wir wissen nicht, ob er sich schon einmal zu einer solchen Tat hat hinreißen lassen - wenn das so sein sollte, bekommen wir das bestimmt heraus ?, aber er hat sie todsicher jetzt begangen. Er hat sich von seinen Fesseln befreit. Hat seine Jungfräulichkeit verloren. Und sobald so etwas geschieht ..."
"Könnte er es wieder tun", hatte Ralph ergänzt.
"Genau. Sehr wahrscheinlich ist das direkt nach der Sache mit Peterson zwar nicht, aber durchaus möglich. Schließlich hat er ständig mit Kindern zu tun. Mit kleinen Jungs. Wenn er einen von denen umbringt, ist es egal, ob wir unseren Job verlieren oder nicht - wir würden es uns nie vergeben."
Ralph hatte jetzt schon Probleme damit, es sich zu vergeben, weil er es nicht früher bemerkt hatte. Das war zwar irrational, denn wenn man jemand bei einem Grillfest zum Abschluss der Little-League-Saison in die Augen sah, konnte man nicht erkennen, dass er über ein derart entsetzliches Vorhaben nachdachte - dass er es streichelte und fütterte und wachsen sah. Nur änderte das nichts daran, wie Ralph sich fühlte.
Jetzt beugte er sich vor und reckte den Zeigefinger. "Da drüben", sagte er. "Versuchen Sie?s doch mal bei den Behindertenparkplätzen."
Officer Tom Yates auf dem Beifahrersitz sagte: "Das gibt ?nen Strafzettel über zweihundert Dollar, Chef."
"Ich glaube, diesmal lässt man es uns durchgehen", sagte Ralph.
"War bloß? ein Scherz."
Ralph, der nicht in der Stimmung für ein kollegiales Geplänkel war, erwiderte nichts.
"Krüppelplätze in Sicht!", sagte Ramage. "Da sind glatt zwei frei."
Er lenkte den Wagen auf einen der Plätze, und die drei Männer stiegen aus. Als Ralph sah, wie Yates den Riemen über dem Griff seiner Glock löste, schüttelte er den Kopf.
"Sind Sie nicht recht bei Trost? Beim Spiel sind bestimmt fünfzehnhundert Zuschauer."
"Was, wenn er wegrennt?"
"Dann fangt ihr ihn ein."
Ralph lehnte sich an die Kühlerhaube und sah zu, wie die beiden Beamten auf das Stadion zugingen, zu den Lichtern und den bis zum letzten Platz gefüllten Tribünen, wo das Klatschen und Rufen immer lauter und intensiver wurde. Den Mörder von Peterson unverzüglich dingfest zu machen, hatte er mit Samuels gemeinsam beschlossen (wenn auch ungern). Die Festnahme direkt beim Spiel durchzuführen war einzig und allein seine Entscheidung gewesen.
Ramage drehte sich zu ihm um. "Kommen Sie denn nicht mit!"
"Nein. Ihr greift ihn euch, belehrt ihn ordnungsgemäß, und schön laut über seine Rechte und schafft ihn dann hierher. Tom, wenn wir losfahren, setzen Sie sich mit ihm nach hinten. Ich sitze vorne neben Troy. Bill Samuels erwartet meinen Anruf und kommt sofort zur Zentrale. Die ganze Sache ist extrem heikel, aber die Festnahme ist euer Job."
"Sie haben doch ermittelt", sagte Yates. "Warum wollen Sie da nicht auch der sein, der das Arschloch einkassiert?"
Ralph verschränkte die Arme. "Weil der Mann, der Frankie Peterson mit einem Ast vergewaltigt und ihm dann die Kehle aufgeschlitzt hat, vier Jahre lang der Trainer von meinem Sohn war, zwei Jahre bei den ganz Kleinen und zwei in der Little League. Dabei hat er ihn nicht selten angefasst, um ihm zu zeigen, wie man den Schläger richtig hält, und deshalb weiß ich nicht, ob ich mich im Zaum halten kann."
"Schon kapiert", sagte Troy Ramage und wendete sich mit Yates zum Weitergehen.
"Ach, hört mal, ihr zwei."
Sie drehten sich noch einmal um.
"Legt ihm gleich an Ort und Stelle Handschellen an. Und zwar vor dem Bauch."
"Das entspricht nicht den Vorschriften, Chef", sagte Ramage.
"Ich weiß, und es ist mir schnuppe. Ich will, dass alle sehen, wie er in Handschellen weggeführt wird. Alles klar?"
Als die beiden nun weitergingen, nahm Ralph sein Handy vom Gürtel. Die Nummer von Betsy Riggins hatte er auf Kurzwahl. "Bist du auf dem Posten?"
"Klar doch. Wir parken direkt vor seinem Haus. Ich und vier State Trooper."
"Durchsuchungsbeschluss?"
"In meiner heißen kleinen Hand."
"Gut." Er wollte das Gespräch schon beenden, als ihm noch etwas einfiel. "Für wann wird das Baby denn erwartet?"
"Für gestern", sagte sie. "Also beeil dich gefälligst." Womit sie selbst auflegte.
4
Aussage von Mrs. Arlene Stanhope (12. ]uli 13:00 Uhr, aufgenommen von Detective Ralph Anderson)
STAN HOPE Wird es lange dauern, Detective?
DETECTIVE ANDERSON Ganz bestimmt nicht. Erzählen Sie mir einfach nur, was Sie am Dienstag, dem 10. Juli, nachmittags gesehen haben, dann sind wir fertig.
STAN HOPE Gut. Also, ich bin da gerade aus dem Feinkostladen Gerald?s gekommen. Da gehe ich am Dienstag immer einkaufen. Der ist zwar teurer, aber seit ich nicht mehr Auto fahre, komme ich nicht mehr zum Kroger?s. Ich habe in dem Jahr, in dem mein Mann gestorben ist, meinen Führerschein abgegeben, weil ich meinen Reflexen nicht mehr getraut habe. Es ist nämlich ein paarmal was passiert. Also bloß Auffahrunfälle, aber das hat mir gereicht. Der Laden ist nur zwei Straßen von der Wohnung entfernt, die ich seit dem Verkauf von unsrem Haus habe, und der Arzt meint sowieso, dass es mir guttut, wenn ich ein bisschen zu Fuß gehe. Gut für mein Herz, Sie wissen schon. Jedenfalls komme ich gerade mit drei Einkaufstüten in meinem Wägelchen heraus - mehr als drei Tüten kann ich mir nicht mehr leisten, alles ist so furchtbar teuer geworden, besonders das Fleisch, ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal Bacon gegessen habe ?, und da sehe ich den kleinen Peterson.
DETECTIVE ANDERSON Sie sind sich ganz sicher, dass das Frank Peterson war?
STANHOPE Aber ja doch, das war Frank. Der arme Junge, es tut mir so leid, was ihm zugestoßen ist, aber jetzt ist er im Himmel, und seine Schmerzen sind vorbei. Was ein Trost.
Die Petersons haben zwei Jungs, wissen Sie, beides Rotschöpfe, so dieses furchtbare Karottenrot, aber der andere - Oliver heißt er - ist mindestens fünf Jahre älter. Früher hat er bei uns die Zeitung ausgetragen. Frank hat ein Fahrrad, eins von den Dingern mit diesem hohen Lenker und so einem langen, schmalen Sattel.
DETECTIVE ANDERSON Den nennt man Bananensattel.
STANHOPE Von so was habe ich keine Ahnung, aber ich weiß, dass das Rad in knalligem Hellgrün lackiert war, wirklich eine furchtbare Farbe, und auf dem Sitz war ein Aufkleber. Von der Flint City High. Allerdings wird er nun nie auf die Highschool gehen, nicht wahr? Der arme, arme Junge!
DETECTIVE ANDERSON Brauchen Sie vielleicht eine kurze Pause, Mrs. Stanhope?
STANHOPE Nein, ich will fertig werden. Ich muss nach Hause und meine Katze füttern. Die füttere ich sonst immer gegen drei, da wird sie hungrig sein. Außerdem wird sie sich fragen, wo ich bleibe. Aber wenn ich ein Papiertaschentuch haben könnte? Bestimmt sehe ich furchtbar aus. Danke.
DETECTIVE ANDERSON Den Aufkleber auf dem Sitz von Frank Petersons Fahrrad konnten Sie sehen, weil ...?
STANHOPE Ach, weil er nicht drauf gesessen hat. Er hat das Rad über den Parkplatz geschoben. Die Kette war kaputt und hat über den Asphalt geschleift.
DETECTIVE ANDERSON Erinnern Sie sich, was er anhatte?
STANHOPE Ein T-Shirt mit dem Namen von irgendeiner Rock-and-Roll-Band drauf. Mit Bands kenne ich mich nicht aus, daher kann ich nicht sagen, welche es war. Wenn das wichtig ist, tut es mir leid. Außerdem hatte er eine Rangers-Mütze auf. Die war nach hinten geschoben, sodass ich die ganzen roten Haare sehen konnte. Leute mit karottenrotem Haar bekommen übrigens sehr früh eine Glatze. Aber darüber wird er sich nun nie Sorgen machen müssen, nicht wahr? Ach, es ist ja so traurig. Na, jedenfalls hat am anderen Ende vom Parkplatz ein schmutziger weißer Lieferwagen gestanden, aus dem ein Mann gestiegen und auf Frank zugegangen ist. Der Mann ...
DETECTIVE ANDERSON Dazu kommen wir gleich, zuerst möchte ich noch mehr über den Lieferwagen erfahren. War es so einer ohne Fenster an den Seiten??
STANHOPE Ja.
DETECTIVE ANDERSON Und ohne Aufschrift? Kein Firmenname oder so was in der Art?
STANHOPE Soweit ich gesehen habe, nein.
DETECTIVE AN DERSON Gut, dann sprechen wir jetzt über den Mann, den Sie gesehen haben. Ist er Ihnen bekannt, Mrs. Stanhope?
STANHOPE Aber natürlich. Das war Terry Maitland. Bei uns im Westen kennt ihn jeder als Coach T. So nennt man ihn sogar auf der Highschool. Da unterrichtet er nämlich Englisch. Bevor mein Mann in Rente gegangen ist, war er ein Kollege von ihm. Coach T nennt man ihn, weil er die Jungs in der Little League trainiert und dann, wenn die Saison zu Ende ist, das Baseballteam in der City League. lm Herbst trainiert er außerdem kleine Jungs, die gern Football spielen wollen. Die Liga hat auch einen Namen, aber der fällt mir gerade nicht ein.
DETECTIVE ANDERSON Könnten wir bitte darauf zurückkommen, was Sie am Dienstagnachmittag gesehen haben ...
STANHOPE Viel mehr gibt es nicht zu erzählen. Frank hat mit Coach T gesprochen und dabei auf seine kaputte Fahrradkette gezeigt. Coach T hat genickt und die Hecktür von dem weißen Lieferwagen geöffnet, der ihm aber offensichtlich nicht gehört ...
DETECTIVE AN DERSON Wie kommen Sie darauf, Mrs. Stanhope?
STANHOPE Weil er ein orangefarbenes Nummernschild harte. Ich weiß zwar nicht, was für ein Staat so Schilder hat, und wenn etwas weiter weg ist, sehe ich es nicht mehr so gut wie früher, aber ich weiß, dass unsere Schilder hier in Oklahoma blau-weiß sind. Hinten in dem Wagen habe ich jedenfalls nichts außer einem langen, grünen Ding gesehen, so was wie einen Werkzeugkasten. War das wirklich ein Werkzeugkasten, Detective?
DETECTIVE AN DERSON Was ist dann passiert?
STANHOPE Na ja, Coach T hat das Fahrrad von Frank hinten reingestellt und die Klappen zugemacht. Er hat Frank auf den Rücken geklopft. Dann ist er zur Fahrertür gegangen und Frank zur Beifahrertür. Beide sind sie eingestiegen, und der Lieferwagen ist auf die Mulberry Avenue eingebogen. Ich dachte, Coach T fährt den Jungen nach Hause. Natürlich habe ich das gedacht. Was sollte ich sonst denken? Terry Maitland wohnt schon seit zwanzig Jahren bei uns im Westen, er hat eine sehr nette Familie, eine Frau und zwei Töchter ... Kann ich noch ein Taschentuch bekommen, bitte? Vielen Dank. Sind wir jetzt bald durch?
DETECTIVE ANDERSON Ja, und Sie haben uns sehr geholfen. Bevor ich mit der Aufzeichnung begonnen habe, haben Sie - wenn ich mich recht entsinne - gesagt, das wäre gegen fünfzehn Uhr gewesen?
STANHOPE Um Punkt drei. Als ich mit meinem Wägelchen aus dem Laden gekommen bin, habe ich die Glocke vom Rathaus schlagen hören. Da wollte ich schnell nach Hause, um meine Katze zu füttern.
DETECTIVE ANDERSON Der Junge, den Sie gesehen haben, der mit den roten Haaren, war Frank Peterson.
STANHOPE ]a. Die Petersons wohnen bei mir gleich um die Ecke. Ollie hat mir wie gesagt früher die Zeitung gebracht. Ich sehe die beiden Jungs ständig.
DETECTIVE ANDERSON Und der Mann, der das Fahrrad in den Laderaum von dem weißen Lieferwagen gestellt hat und mit Frank Peterson weggefahren ist, das war Terence Maitland, auch als Coach Terry oder Coach T bekannt.
STAN HOPE Ja.
DETECTIVE AN DERSON Da sind Sie sich ganz sicher.
STANHOPE Aber ja.
DETECTIVE ANDERSON Danke, Mrs. Stanhope.
STAN HOPE Wer hätte wohl geglaubt, dass Terry so etwas tut?
Meinen Sie, dass es noch andere Opfer gegeben hat?
DETECTIVE ANDERSON Das werden wir im Verlauf der Ermittlungen bestimmt herausbekommen.
5
Da alle Turnierspiele der City League auf dem Estelle-Barga-Baseballplatz ausgetragen wurden - dem besten in der County und dem einzigen mit Flutlicht für Abendspiele ?, wurde ohne Rücksicht auf das Heimrecht per Münzwurf bestimmt, welche Mannschaft zuerst den Ballbesitz bekam. Vor dem Spiel hatte Terry Maitland auf Zahl gesetzt, wie er es immer tat - ein Aberglaube, den er von seinem ehemaligen City-League-Trainer übernommen hatte, damals vor langer Zeit ?, und die Münze hatte Zahl gezeigt. "Eigentlich ist es mir egal, wo wir spielen, Hauptsache, wir haben den letzten Schlag", erklärte er seinen Jungs immer.
Heute ging es tatsächlich um den letzten Schlag. Es war die zweite Hälfte des neunten Innings, und die Bears führten in diesem Halbfinale mit einem einzelnen Run. Die Golden Dragons waren vor ihrem letzten Out, hatten aber immerhin alle Bases besetzt. Bei einem Walk, einem Wild Pitch, einem Error oder einem Infield Single würde es unentschieden stehen, bei einem ins Gap geschlagenen Ball hätten sie praktisch gewonnen. Das Publikum klatschte im Takt und stampfte dazu auf den Metallboden der Tribüne. Als nun der kleine Trevor Michaels seinen Posten als Schlagmann einnahm, erscholl lauter Jubel. Sein Helm war der kleinste, den sie hatten, er rutschte Trevor aber trotzdem über die Augen, weshalb er ihn ständig hochschieben musste. Nervös schwenkte er den Schläger hin und her.
Terry hatte überlegt, jemand anderes rauszuschicken, doch obwohl Trevor nur knapp über eins fünfzig war, erzielte er immer eine Menge Walks. Ein Homerun war von ihm zwar nicht zu erwarten, aber manchmal schaffte er es immerhin, den Ball zu treffen. Nicht oft, aber gelegentlich eben doch. Hätte Terry ihn durch jemand anderes ersetzt, so hätte der arme Junge das ganze nächste Schuljahr über mit dieser Schande leben müssen. Wenn ihm jedoch ein Single gelang, dann würde er sein Leben lang bei jeder Grillparty mit einem Bier in der Hand davon erzählen können. Das war Terry nur zu bewusst. Er hatte sich selbst einmal in dieser Lage befunden, in der guten alten Zeit, als man noch nicht mit Aluminiumschlägern gespielt hatte.
Der Pitcher der Bears - der Kerl, den sie immer zum Abschluss einsetzten, ein echtes Talent - holte aus und warf den Ball direkt durch die Mitte. Mit bestürzter Miene sah Trevor das Geschoss vorbeisausen. Der Schiedsrichter bestätigte den ersten Strike. Das Publikum stöhnte auf.
Gavin Frick, der Kotrainer von Terry, schritt vor den Jungen auf der Bank auf und ab und hielt sein Scoresheet fest zusammengerollt in der Hand (wie oft hatte Terry ihn eigentlich gebeten, das zu unterlassen!). Sein T-Shirt mit dem Logo der Golden Dragons, Größe XXL, spannte sich über einen Bauch, der mindestens Größe XXXL hatte. "Hoffent1ich war es kein Fehler, Trevor schlagen zu lassen, Terry", sagte er. Der Schweiß rann ihm die Wangen herab. "Sieht ganz so aus, als hätte der ?ne Heidenangst, und ich glaube, selbst mit ?nem Tennisschläger würde er ?nen Speedball von dem Kerl da nicht erwischen."
"Sehen wir mal, wie?s läuft", sagte Terry. "Ich hab bei der Sache ein ganz gutes Gefühl." Was eigentlich nicht so ganz stimmte.
Der gegnerische Pitcher holte aus und ließ eine weitere Rakete los, nur landete sie diesmal im Dreck vor dem Schlagmal. Das Publikum erhob sich, weil Baibir Patel, der an der dritten Base lauerte, sich einige Schritte weit zur Seite wagte. Als der Ball dann in den Handschuh des Catchers sprang, setzte er sich stöhnend wieder auf den Hintern. Der Catcher wandte sich der dritten Base zu, und trotz der Maske konnte Terry seinen Gesichtsausdruck erkennen: Versuch es bloß, Kumpel! Baibir ließ es bleiben.
Der nächste Wurf ging daneben, aber Trevor schlug trotzdem danach.
"Mach ihn fertig, Fritz!", brüllte jemand mit kräftiger Stimme hoch oben auf der Tribüne - bestimmt der Vater des Pitchers, so wie der jetzt den Kopf ruckhaft in die betreffende Richtung drehte. "Mach ihn richtig fertig!"
Trevor regte sich beim nächsten Wurf nicht, der ziemlich knapp kam - eigentlich zu knapp, ihn zu nehmen, aber der Schiedsrichter entschied dann sowieso auf Ball, weshalb jetzt die Fans der Bears mit Stöhnen an der Reihe waren. Jemand brüllte, dass der Schiedsrichter wohl eine stärkere Brille brauche; ein anderer Fan riet zur Anschaffung eines Blindenhundes.
Nun stand es unentschieden, und jedem war klar, dass die gesamte Saison der Dragons vom nächsten Wurf abhing. Entweder würden sie danach auf die nächsthöhere Ebene vorrücken und gegen die Panthers um die Stadtmeisterschaft spielen - die tatsächlich vom Fernsehen übertragen wurde ?, oder sie schieden aus und kamen nur noch ein einziges Mal zusammen, nämlich beim Grillfest im Garten der Familie Maitland, das traditionell am Saisonende stattfand.
Terry drehte sich um und warf einen Blick zu Marcy und den Mädchen hinüber, die hinter dem schützenden Maschendraht am selben Platz wie immer auf ihren Gartenstühlen saßen. Seine Töchter flankierten seine Frau wie hübsche Buchstützen. Alle drei winkten ihm mit gekreuzten Fingern zu. Terry zwinkerte, grinste und hob beide Daumen, obwohl er immer noch kein gutes Gefühl hatte. Was irgendwie nicht nur am Spiel lag. Er hatte schon eine ganze Weile kein gutes Gefühl mehr. Kein richtig gutes jedenfalls.
Nun lächelte Marcy nicht mehr, sondern verzog verwirrt das Gesicht. Sie blickte nach links und deutete mit dem Daumen in die Richtung. Als Terry sich dorthin drehte, sah er zwei Polizeibeamte im Gleichschritt an der dritten Grundlinie entlangmarschieren, an Barry Houlihan vorüber, dem Coach der gegnerischen Mannschaft.
"Time, time!", brüllte der Schiedsrichter am Schlagmal, um den Pitcher der Bears zu stoppen, der bereits ausholte. Trevor Michaels verließ seinen Posten - mit erleichterter Miene, wie es Terry vorkam. Das Publikum war verstummt und beobachtete die beiden Cops. Einer der beiden fasste sich hinten an den Gürtel. Der andere hatte die Hand am Griff seiner im Holster steckenden Dienstwaffe.
"Runter vom Spielfeld!", brüllte der Schiedsrichter. "Runter da!"
Troy Ramage und Tom Yates beachteten ihn nicht. Sie marschierten an der Bank der Dragons vorüber - einem Provisorium, bestehend aus einer langen Sitzbank, drei Körben mit Ausrüstung und einem Eimer mit schmutzigen Übungsbällen - direkt auf Terry zu. Ramage löste ein Paar Handschellen von seinem Gürtel. Als das Publikum die sah, erhob sich ein Gemurmel, das zu zwei Dritteln Verwirrung und zu einem Drittel Erregung ausdrückte: Uuuuuh.
"He, ihr beiden!", rief Gavin, während er herbeieilte (und dabei beinahe über den abgelegten Fanghandschuh von Richie Gallant gestolpert wäre). "Hier läuft gerade ein Spiel!"
Yates schob ihn mit einem Kopfschütteln zurück. Inzwischen war das Publikum totenstill geworden. Die Bears hatten ihre angespannte Körperhaltung aufgegeben und betrachteten mit herabhängenden Handschuhen das Geschehen. Der Catcher trottete zu seinem Pitcher hinüber, bis die zwei gemeinsam auf halbem Wege zwischen dem Mound und der Home Plate standen.
Den Cop mit den Handschellen kannte Terry flüchtig; er kam manchmal im Herbst mit seinem Bruder, um sich die Footballspiele der Jugendliga anzuschauen. "Troy! Was soll das Ganze? Worum geht es hier!"
Im Gesicht seines Gegenübers sah Ramage nichts, was nicht wie aufrichtige Verblüffung wirkte, allerdings war er schon seit den Neunzigerjahren bei der Polizei und wusste, dass die wirklich schlimmen Kandidaten den perfekten Unschuldslämmerblick draufhatten. Und der Kerl hier gehörte zu den allerschlimmsten. Im Einklang mit den Anweisungen, die er von Ralph Anderson erhalten (und gegen die er nicht das Mindeste einzuwenden) hatte, erhob er die Stimme, damit ihn das gesamte Publikum hören konnte, das am nächsten Tag in der Zeitung auf 1588 Personen beziffert werden würde.
"Terence Maitland, ich verhafte Sie wegen Mordes an Frank Peterson."
Ein weiteres Uuuuuh von den Tribünen, diesmal lauter. Es hörte sich an wie eine anschwellende Windbö.
Terry sah Ramage stirnrunzelnd an. Oberflächlich begriff er das Gesagte; es handelte sich um simple Wörter, die einen simplen Aussagesatz bildeten; er wusste, wer Frankie Peterson war und was man ihm angetan hatte, doch die Bedeutung des Gesagten begriff er nicht. "Was? Soll das ein Witz sein?" Das war alles, was er herausbrachte, und just in dem Augenblick nahm der Sportfotograf von der Lokalzeitung das Bild auf, das am nächsten Tag auf der Titelseite zu sehen sein würde. Der Mund von Terry stand offen, die Augen hatte er weit aufgerissen, unter dem Rand seiner Golden-Dragons-Mütze ragten Haarzotteln hervor. Auf dem Foto sah er gleichermaßen entkräftet und schuldig aus.
"Was haben Sie da gesagt!"
"Halten Sie mir bitte die Handgelenke hin."
Terry sah zu Marcy und seinen Töchtern hinüber, die immer noch hinter dem Maschendraht auf ihren Stühlen saßen und ihn mit einem identischen Ausdruck stummer Verblüffung anstarrten. Das Entsetzen würde sie erst später überkommen. Baibir Patel verließ seinen Posten und kam auf die Bank zu. Dabei nahm er den Helm ab, sodass sein verschwitzter schwarzer Haarschopf sichtbar wurde, und Terry sah, wie er in Tränen ausbrach.
"Zurück da!", brüllte Gavin den Jungen an. "Das Spiel ist noch nicht vorüber!"
Baibir blieb nur mitten im Foul Territory stehen, starrte Terry an und plärrte. Terry erwiderte seinen Blick, davon überzeugt (beinahe überzeugt), dass er das alles nur träumte, aber da packte ihn Tom Yates und riss ihm so gewaltsam die Arme hoch, dass er vorwärts taumelte. Ramage ließ die Handschellen zuschnappen. Es waren richtige aus Metall, nicht diese Plastikfesseln; groß und schwer glänzten sie in der tief stehenden Sonne. Mit derselben hallenden Stimme wie zuvor verkündete er: "Sie haben das Recht zu schweigen und sich zu weigern, Fragen zu beantworten, aber wenn Sie sich zu sprechen entscheiden, kann alles, was Sie sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht, zur Vernehmung jetzt und zukünftig einen Anwalt hinzuzuziehen. Haben Sie das verstanden?"
"Troy!" Terry hörte die eigene Stimme kaum. Er rang nach Luft, als hätte man ihm in den Magen geschlagen. "Was in Gottes Namen soll das?"
Ramage ging nicht darauf ein. "Haben Sie das verstanden?"
Marcy kam an den Maschendraht, hakte die Finger hinein und rüttelte daran. Sarah und Grace hinter ihr flossen die Tränen. Grace lag neben Sarahs Gartenstuhl auf den Knien, ihr eigener war umgestürzt und lag im Dreck. "Was tut ihr denn da!", rief Marcy. "Was in Gottes Namen tut ihr da bloß? Und weshalb tut ihr es ausgerechnet hier?"
"Haben Sie das verstanden!"
Terry verstand nur, dass man ihm Handschellen angelegt hatte und ihn nun vor beinahe sechzehnhundert gaffenden Leuten, zu denen seine Frau und seine beiden Töchter gehörten, über seine Rechte belehrte. Es war kein Traum, und es war auch keine schlichte Festnahme; aus Gründen, die er nicht begreifen konnte, wurde er vor aller Augen an den Pranger gestellt. Da war es am besten, alles möglichst schnell hinter sich zu bringen und die Sache später zu klären. Allerdings wusste er trotz Schock und Verwirrung, dass sein Leben über lange Zeit hinweg nicht mehr in normalen Bahnen verlaufen würde.
"Ja, ich habe verstanden", sagte er und dann: "Coach Frick, lassen Sie das bleiben."
Gavin, der mit geballten Fäusten und hektisch geröteten Hängebacken auf die beiden Cops zugegangen war, ließ die Arme sinken und wich einen Schritt zurück. Er blickte durch den Maschendraht hindurch auf Marcy, zuckte die gewaltigen Schultern und hob seine Metzgerhände.
Im gleichen dröhnenden Ton wie zuvor fuhr Troy Ramage fort wie ein Ausrufer, der auf einem neuenglischen Marktplatz die Neuigkeiten der Woche verkündete. Ralph Anderson, der draußen weiterhin an dem Zivilfahrzeug lehnte, konnte ihn hören. Troy machte seine Sache gut. Es war eine hässliche Inszenierung, für die Ralph wahrscheinlich kritisiert werden würde, wenn auch nicht von Frankie Petersons Eltern. Nein, von denen nicht.
"Wenn Sie sich keinen Anwalt leisten können, wird Ihnen vor der Vernehmung von Amts wegen einer zur Verfügung gestellt, sofern Sie das wünschen. Haben Sie das verstanden?"
"Ja", sagte Terry. "Und mir dämmert so langsam was." Er wandte sich ans Publikum. "Ich habe keine Ahnung, weshalb ich festgenommen werde! Gavin Frick wird das Spiel zu Ende coachen!" Und dann, wie etwas, was ihm nachträglich einfiel: "Baibir, zurück auf die dritte Base, und zwar sofort!"
Die Leute klatschten daraufhin, aber nur spärlich. Der Mann mit der kräftigen Stimme brüllte: "Was hat der Mann denn getan?" Worauf das Publikum die Frage beantwortete, indem es zwei Wörter raunte, die sich bald nicht nur in den westlichen Vierteln, sondern in der ganzen Stadt verbreiten würden: den Namen von Frank Peterson.
Yates packte Terry am Arm, um ihn auf die Imbissbude und den dahinter befindlichen Parkplatz zuzuschieben. "Ihre Predigt an die Menge können Sie später halten, Maitland. Jetzt kommen Sie erst mal ins Gefängnis. Und wissen Sie, was! Wir halten es in unserem Staat mit der Todesstrafe, und die vollstrecken wir auch. Aber Sie sind ja Lehrer, oder? Dann haben Sie?s wahrscheinlich schon gewusst."
Sie hatten sich erst zwanzig Schritte von der Bank entfernt, als Marcy Maitland sie einholte und Tom Yates am Arm fasste. "Was in Gottes Namen tun Sie da eigentlich?"
Yates schüttelte sie ab, und als sie Anstalten machte, sich an ihren Mann zu klammern, schob Troy Ramage sie sanft, aber entschieden weg. Daraufhin blieb sie einen Moment lang benommen an Ort und Stelle stehen, bis sie sah, wie Ralph Anderson seinen Kollegen entgegenkam. Sie kannte ihn von der Little League her, in der Derek Anderson für Terrys Mannschaft gespielt hatte, die Gerald?s Fine Groceries Lions. Natürlich hatte Ralph nicht zu allen Spielen kommen können, aber er war so oft wie möglich dabei gewesen. Damals hatte er noch Uniform getragen; zu seiner Beförderung zum Detective hatte Terry ihm sogar per E-Mail gratuliert. Jetzt rannte Marcy über den Rasen auf ihn zu, in ihren alten Tennisschuhen, die sie immer zu den Spielen von Terry trug, weil sie behauptete, die würden ihm Glück bringen.
"Ralph!", rief sie. "Was soll das alles! Das muss ein Irrtum sein!"
"Leider ist das nicht so", sagte Ralph.
Der jetzige Teil der Inszenierung gefiel ihm ganz und gar nicht, weil er Marcy nämlich mochte. Allerdings hatte er auch Terry immer gemocht - schließlich hatte der das Leben von Derek ein klein wenig verändert, indem er dem Jungen ein bisschen mehr Selbstvertrauen vermittelt hatte, und wenn man erst elf Jahre alt war, machte ein bisschen mehr Selbstvertrauen eine Menge aus. Aber das war nicht alles. Womöglich wusste Marcy, was ihr Mann war, selbst wenn sie es sich auf einer bewussten Ebene nicht eingestand. Die Maitlands waren schon lange verheiratet, und so grauenhafte Dinge wie der Mord an dem kleinen Peterson ereigneten sich nicht einfach aus dem Nichts heraus. Eine solche Tat baute sich allmählich auf.
"Sie müssen jetzt nach Hause fahren, Marcy. Sofort. Ihre Töchter sollten Sie vorher vielleicht bei einer Freundin abgeben, weil die Polizei Sie erwarten wird."
Sie sah ihn nur verständnislos an.
Hinter sich hörten sie das Klirren eines Aluminiumschlägers; jemand musste den Ball gut erwischt haben. Gejubelt wurde jedoch kaum; das Publikum war immer noch geschockt und weniger am Spielgeschehen interessiert als daran, was es gerade mitbekommen hatte. Was irgendwie ausgesprochen schade war. Trevor Michaels hatte den Ball gerade härter getroffen als je zuvor in seinem Leben, noch härter als dann, wenn Coach T ihm beim Training leichte Bälle zuwarf. Leider flog das Geschoss direkt auf den Shortstop der Bears zu, der nicht einmal hochspringen musste, um es zu fangen.
Das Spiel war aus.


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