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Aus dem Buch: Im Namen des Bösen
 
Freier Wille "
Oliver Bruskolini

Möglichst unauffällig ließ sie sich Zeit. Aus den Augenwinkel beobachtete sie, wie ihre Kommilitonen den Hörsaal nacheinander verließen. Endlich waren nur noch sie und der Dozent im Raum. Sichtlich nervös steuerte sie auf ihn zu. Er stand noch am Rednerpult und sortierte seine Unterlagen. Langsam hob er seinen Blick und sah ihr direkt ins Gesicht.
"Frau Wagner, was kann ich für Sie tun?", erkundigte er sich mit einem charmanten Lächeln. Sie schätzte ihn auf Ende dreißig, Anfang vierzig und hielt ihn mit Abstand für einen der attraktivsten Dozenten an der Fakultät. Nicht, dass sie seine Vorlesung aus diesem Grund besucht hätte, aber sie genoss es trotzdem.
"Ich wollte mit Ihnen über mein Hausarbeitsthema sprechen."
"Ach ja, diese Zeit des Semesters rückt wieder näher. Jedes Mal aufs Neue verdrängt man, welche Korrekturarbeiten einen zum Schluss erwarten. Machen Sie schnell Ihren Abschluss und bewerben Sie sich als Hilfskraft, ich suche fähige Mitarbeiter." Er lachte. Sie auch. Ein Höflichkeitslachen, denn besonders lustig fand sie weder das Gespräch noch den Anlass.
"Aber nun zu Ihrem Anliegen. Gibt es ein Problem mit dem Thema?", griff er den Gesprächsanfang wieder auf.
Sie schüttelte den Kopf und wollte antworten, doch sie merkte, dass ihre Stimmlage viel zu hoch ansetzte und räusperte sich. "Nein, nein. Das Thema ist super. Mir fällt es lediglich schwer eine exemplarische Person für die Analyse ausfindig zu machen", erklärte sie.
"Das ist sehr komplex. Ich hatte gehofft, dass es nur eine kurze Frage wäre. Ehrlich gesagt wollte ich jetzt gehen, meine Familie wartet mit dem Essen auf mich, und wenn ich nicht pünktlich komme, dann können Sie meine Frau als Exempel nehmen." Er lachte erneut und verstaute seine Unterlagen in einer schwarzen Ledertasche.
"Ich kann Ihnen aber anbieten, dass Sie mir entweder eine EMail schreiben oder mich bis zu meinem Auto begleiten. Dabei können wir uns ein wenig unterhalten", fuhr er fort.
Sie überlegte kurz. EMail, schoss es ihr intuitiv durch den Kopf, aber dieser Kommunikationsweg würde einige Tage in Anspruch nehmen. "Dann begleite ich Sie", entschied sie in der Hoffnung, dass ihr Anliegen möglichst schnell geklärt werden könnte.
Sie verließen den Hörsaal und betraten das Foyer des Hörsaalzentrums. Es waren nur noch vereinzelt Studenten auf dem Gang. Je später die Veranstaltungen endeten, umso leerer und gruseliger wurde die Uni.
"Was genau war noch einmal die Themenstellung Ihrer Arbeit?"
"Eine philosophische Abhandlung über das Böse als Motivator für Serienmorde", antwortete sie wie aus der Pistole geschossen.
"Zu dem Thema können Sie doch jede Menge schreiben. Nehmen Sie zwei philosophische Konzepte, zum Beispiel Arendt und Baudrillard. Die können Sie dann auf einen beliebigen Serienmörder transportieren, und wenn Sie alle Formalia beachten, dann bestehen Sie die Hausarbeit."
"Ich will aber nicht nur bestehen", entgegnete sie. Er blieb stehen, legte seinen Kopf schief und sah sie an.
"Also haben Sie höhere Ziele. Eine Eins?", fragte er und grinste hämisch. Ihr wurde mulmig. Sie versuchte dennoch selbstsicher zu nicken.
"Sie sagten, Sie suchen eine exemplarische Personalie. Mit wem haben Sie sich denn schon näher auseinandergesetzt?"
"Fünf Namen sind mir besonders im Gedächtnis geblieben: Jürgen Bartsch, Juan Vallejo Corona, Patrick Wayne Kearney, Luis Alfredo Garavito ?", setzte sie an, doch er unterbrach sie. "Vergessen Sie alle vier."
Sie hielt inne und schaute ihn verwundert an. Er hielt ihrem Blick stand und setzte ein gütiges Lächeln auf. Als wäre ihm nicht bewusst, dass er gerade stundenlange Recherchen mit nur vier Worten vom Tisch gewischt hätte. Sie wusste nicht recht, was sie von ihm halten sollte. Eigentlich war er bisher einer ihrer Lieblingsdozenten, doch dieses Gespräch vermittelte ihr das Gefühl, sich in ihrem Gegenüber getäuscht zu haben.
"Verstehen Sie mich bitte nicht falsch", sagte er, als sie gerade über den Campus gingen, "Sie haben sich Mühe gegeben, Psychopathen auszuwählen, die unaussprechlich schlimme Dinge getan haben. Aber was fällt Ihnen bei allen auf?"
Sie wusste noch nicht, worauf er hinauswollte. Angestrengt versuchte sie sich, an das Gelesene über die vier Serienmörder zu erinnern. Dabei bemerkte sie nicht, dass sie stehen geblieben war. Auch seinen Blick nahm sie nicht wahr.
Er betrachtete sie verstohlen, den Mund immer noch wie eingefroren zu einem Lächeln verzogen.
Sie war wirklich hübsch, wie sie in der Dunkelheit unter der Laterne stand und nachdachte. Ihr Atem war in der kalten Luft sichtbar. Gleichmäßig stieß sie ihn in die Nacht. Ihre Lippen waren zusammengepresst und ihre Augen nachdenklich verengt.
"Was wissen Sie über die vier?", versuchte er ihr auf die Sprünge zu helfen. Dabei ging er langsam weiter. Auch sie nahm ihre Schritte wieder auf.
"Bartsch war der Kirmesmörder. Psychische Störungen durch seine Kindheit und Jugend. Obsessive Eltern. Hat kleine Jungs vergewaltigt und getötet. Corona war homosexuell und konnte sich nicht outen. Hat mehrere Männer vergewaltigt und umgebracht. Kearney war homosexuell und nekrophil. Er hat ebenfalls mehrere Männer auf dem Gewissen. Garavito war pädophil und hat mehr als hundert Kinder vergewaltigt und ermordet. Meiner Meinung nach ist er der Schlimmste."
"Warum?", fragte er scheinheilig.
"Weil er sich an Kindern vergangen und so viele Leben ausgelöscht hat", antwortete sie verständnislos.
"Das ist schlimm", sagte er und seufzte, "aber Shipman und Wanlin haben nachgewiesen mehr Menschen getötet, die Dunkelzahlen von Nirsch und Montoya liegen sogar jenseits der 500erMarke. Nirsch hat unter anderem schwangere Frauen und Kinder getötet. Was also macht Garavito so extrem für Sie?"
"Shipman und Wanlin haben als Ärzte getötet, Nirsch aus religiöser Überzeugung und Montoya im Zuge organisierter Kriminalität", stieß sie siegessicher heraus, "sie haben sich alle nicht an ihren Opfern vergangen."
"Da haben Sie die Gemeinsamkeit Ihrer vier recherchierten. Alle waren sie Triebtäter, alle hatten sie ein sexuelles Motiv. Ist dieses Motiv schlimmer als ein materielles, ein religiöses oder ein ethisches? Diese Beurteilung liegt im Auge des Betrachters, aber Sie sollen objektiv an Ihre Hausarbeit herangehen. Alle diese Menschen, Ihre vier und meine vier, haben unaussprechliche Dinge getan. Aber sie hatten Gründe. Ob diese nachvollziehbar sind, oder nicht. Psychische Dispositionen oder simple Triebe. Denken Sie, das Böse ist eine psychische Disposition oder ein Trieb?"
Sie steuerten auf den Parkplatz zu, während sie über seine Frage nachdachte. Es standen nur noch wenige Autos auf dem Gelände. An einem schwarzen Mercedes blieben sie stehen.
"Und?", fragte er neugierig und sah sie erwartungsvoll an.
"Naja, ich denke, dass das Böse psychische Erkrankungen mit sich bringt. Dementsprechend ist eine Disposition nicht die Grundlage des Bösen, sondern andersherum. Aber dass das Böse sich als Trieb manifestiert, das erscheint mir durchaus schlüssig."
Sie sah, wie sich seine Mundwinkel wieder zu einem Grinsen verzogen. Mittlerweile empfand sie ihn nicht mehr als sympathisch, sondern eher als arrogant.
"Wer ist Ihr fünfter Name?", wollte er wissen.
"Anatolji Onoprijenko."
Er legte seine Ledertasche auf das Wagendach. "Der Terminator von Tschernobyl." Er sagte es leise und anerkennend.
"Sie kommen der Sache schon näher, Frau Wagner. Was wissen Sie über ihn?"
"Nicht viel", gab sie zu, überrascht, dass ihr letzter Kandidat vielleicht den rettenden Anker für ihre Hausarbeit darstellte. "Er zog in der Ukraine umher und tötete wahllos Menschen, sogar ganze Familien. Er beraubte seine Opfer nicht und betrachtete sie beim Sterben. Dabei wechselte er ständig seine Methodik, was ihn schwer zu fassen gemacht hat."
"Also gab es keinen wirklichen Grund für seine Taten?"
"Außer vielleicht eine psychische Disposition", antwortete sie zögerlich. "Aber die wäre ja eine Folge des Bösen", setzte sie eilig nach. Jetzt war sie sich sicher, dass sie einen geeigneten Kandidaten gefunden hatte.
"In der Tat", sagte er langsam und bedächtig. Sein Grinsen wurde breiter und sie sah sein makelloses Gebiss. Das Arrogante war aus seinem Gesicht gewichen. Er sah vielmehr aus, als ob er in Ekstase verfallen würde. Ihre Nervosität stieg. Diese Veränderung ängstigte sie.
"Wenn ein Mörder ein Motiv hat, materiell, religiös oder aus einem Trieb heraus, dann handelt er aus einem Zwang. Das ist sicherlich böse, aber es spiegelt das wichtigste Merkmal des Bösen an sich nicht wieder. Das wichtigste Merkmal ist die Freiwilligkeit. Das Böse ist nicht erzwungen, es geschieht aus freiem Willen, aus einer nicht sexuell motivierten Lust heraus. Es sorgt für Genuss. Es befriedigt eine Neugierde und keinen Trieb. Es dient dem Spaß und keinem Zweck. Das Böse ergreift nicht Besitz vom Menschen. Dieser eine Mensch, der so handelt, er ist das Böse."
Die Worte kamen schwer über seine Lippen. Immer wieder musste er innehalten und sich konzentrieren. Zu viele Eindrücke beeinflussten sein Denken.
Bilder, in ein dunkles Rot, ja fast schon schwärzliches rot gefärbt. Ein Geschmack, metallisch, wie wenn er sich auf die Lippe biss. Der Geruch von Angstschweiß drang in seine Nase, und ein Rauschen lag auf seinen Ohren. Er fühlte, dass sie Angst hatte. Ihr nervöses Atmen, das nun nicht mehr gleichmäßig verlief, ihr leichtes Zittern, das sie zu unterdrücken versuchte. Er konnte es durch die Luft spüren.
Auch sie bemerkte, dass die Situation sich schlagartig änderte. Sein versteinertes Grinsen wirkte plötzlich bedrohlich, und seine Augen funkelten regelrecht, als ob er sich in einen Zustand der Ekstase versetzt hätte. Die Pausen zwischen seinen Sätzen wurden länger und sein Atmen immer flacher. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Er darf nicht merken, dass ich Angst habe, schoss es ihr durch den Kopf. Fieberhaft suchte sie nach einem Grund, das Gespräch vorzeitig zu beenden. Sollte sie einfach wegrennen? War das der berühmte Überlebensinstinkt?
Es war eine schnelle Bewegung, nur der Bruchteil einer Sekunde. Sie wollte schreien, doch kein Ton kam aus ihr heraus. Mit seiner Hand drückte er ihre Kehle zu. Sie spürte das kalte Metall seines Eherings an ihrer Halsschlagader. Er presste sie gegen den Mercedes und sah ihr tief in die Augen.
"Ich denke, dass wir dieses Gespräch vertiefen sollten. Ich freue mich schon auf die Erkenntnisse, die Sie aus Ihrer Arbeit ziehen werden", hauchte er ihr ins Ohr, ehe alles um sie herum in der Dunkelheit verschwamm.?

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