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Aus dem Buch: Zaubermärchenwald
 
Die Tür ins Abenteuer
Barbara Bellmann

So sehr sich Max die Sommerferien herbeigewünscht hatte, so sehr wünschte er sich jetzt, dass sie vorüber wären. Die ersten Wochen waren wie im Flug vergangen. Wie jedes Jahr hatten ihn seine Eltern nach der Zeugnisausgabe zu seinen Großeltern auf das Land gebracht. Bei strahlendem Sonnenschein hatte er mit seinen Freunden im Garten gespielt oder war mit seinem Großvater zu dem nur wenige Kilometer entfernten See gefahren, um sich abzukühlen. Doch dann waren dunkle Wolken aufgezogen, und jetzt regnete es seit drei Tagen ununterbrochen. Max seufzte und drehte sich vom Bauch auf den Rücken: "Wie gut, dass es schon Mittwoch ist und mich Mama und Papa in zwei Tagen abholen." Schon seit einer halben Ewigkeit lag er auf seinem Bett und zählte die Unebenheiten an der Zimmerdecke des alten Bauernhauses. Aber die Großeltern mussten jeden Augenblick zurückkommen, und dann würde es endlich Apfelkuchen geben.
Obwohl Max sich seit dem Mittagessen so gut wie gar nicht bewegt hatte, verspürte er trotzdem eine deutliche Leere im Magen. Jetzt lauschte er etwas gelangweilt den Regentropfen, die auf die Fensterscheibe prasselten.
Plötzlich mischte sich ein bislang unbekanntes Geräusch unter das Regenprasseln. Was kratzte hier so? Oder war es eher ein Rascheln? Max setzte sich auf seinem Bett auf und fuhr sich durch die blonden Haare.
Das Geräusch wurde lauter. Es schien aus seinem Kleiderschrank zu kommen, wo seine Mutter zu Beginn der Ferien seine Kleidung ordentlich einsortiert hatte. Was konnte das bloß sein? Mäuse oder gar Ratten?
Vorsichtig erhob sich Max aus dem Bett und schlich zum Kleiderschrank. Da hörte er es wieder: Das Kratzen und ein Schnauben kamen ganz sicher aus dem Schrank. Unentschlossen stand der Zehnjährige vor der Schranktür. Doch als es wieder raschelte, gewann die Neugierde die Überhand über die Angst des Jungen. Entschlossen griff Max zum Schrankgriff und riss die Tür auf.
Im selben Augenblick, in dem er seine Jacken und Hosen auf der Kleiderstange erblickte, wurde es schwarz. Er verlor den Boden unter den Füßen, und etwas zog ihn in den Kleiderschrank. Sein Aufschrei wurde von der Dunkelheit verschluckt, und alles drehte sich. Max prallte irgendwo gegen und verharrte ganz still, bevor er sich traute, seine Augen zu öffnen.
Was er sah, verschlug ihm den Atem: Noch nie in seinem Leben hatte Max so viel Schnee gesehen. Um ihn herum befand sich nichts als Schnee, Berge und Eis. Die Eiskristalle glitzerten in der Sonne, und der Atem des Jungen wurde in der Luft sichtbar.
Max sprang auf und spürte erst jetzt die Kälte, die ihn umfing. Er begann zu frieren, da er bis auf ein T-Shirt und seine Shorts nichts am Leibe trug.
Da hörte er hinter sich eine tiefe Stimme: "Hallo Max, da bist du ja!"
Max wandte sich um, und was er erblickte, machte ihn sprachlos.
Vor ihm stand ein großer Eisbär mit dichtem, weißem Fell und schaute ihn mit seinen tiefschwarzen Augen an.
Vor lauter Schrecken stand der Junge wie erstarrt ? unfähig wegzulaufen oder etwas zu sagen. Er meinte jedoch erkennen zu können, dass der Eisbär lächelte.
"Ich tue dir nichts, Max", sprach der Eisbär. "Du brauchst keine Angst zu haben. Aber du bist nicht gerade wintertauglich angezogen. Das muss ich jetzt schon mal sagen."
Max löste sich aus seiner Starre.
"Wo bin ich, und wie bin ich hier hergekommen?", fragte er verwirrt, ohne den Umstand anzuzweifeln, dass er gerade mit einem Eisbären redete.
"Du bist im Land der Eiskönigin gelandet", erklärte der Eisbär. "Der Kleiderschrank hat magische Kräfte. Allerdings bedarf es eines gewissen Maßes an Langeweile, bis die Magie anfängt zu wirken." Der Eisbär, der bislang hoch aufgerichtet vor Max gestanden hatte, sank auf alle seine Viere, bevor er weitersprach: "Wir haben dich schon den ganzen Tag beobachtet und waren auf deinen Besuch vorbereitet. Die Eiskönigin hat mich angewiesen, dir ihr Königreich zu zeigen, natürlich nur, wenn du einverstanden bist." Der Eisbär betrachtete die Füße von Max. "Allerdings glaube ich kaum, dass du eine andere Wahl hast, deine Füße werden schon ganz blau. Also steige auf meinen Rücken, aber halte dich nicht zu stark an meinem Fell fest. Ich bin da etwas empfindlich."
Erschrocken blickte Max auf seine Füße, und es stimmte, was der Eisbär gesagt hatte: Sie hatten tatsächlich eine ungesunde, blaue Farbe angenommen.
So stieg er auf den Rücken des großen, weißen Bären und grub seinen Körper in das warme, dichte Fell des Tieres.
"Viel besser", freute sich Max. "Mir ist schon gar nicht mehr kalt."
Der Eisbär brummte zufrieden. "Also dann, es geht los!"
Mit diesen Worten setzte sich der Eisbär in Bewegung und wurde immer schneller.
Max genoss eine wunderschöne Winterlandschaft,, während er das warme weiche Fell unter seinen bloßen Händen und Füßen spürte. Vögel flatterten über seinem Kopf hinweg, und eine Herde Rentiere zog an ihnen vorbei, einige hoben die Hufe zum Gruß. Der Schnee glitzerte, die Luft roch frisch und rein. Max konnte sich gar nicht satt sehen. Er hatte noch nie eine solche Weite und Stille erlebt.
Doch plötzlich hörte er eine vertraute Stimme. "Max, wir sind zurück. Es gibt Apfelkuchen!" Es war die Stimme seiner Großmutter, welche nach ihm rief.
Der Eisbär stoppte, dass der Schnee in alle Richtungen auseinanderstob. "Schade", brummelte er, "es hat gerade so viel Spaß gemacht, aber du musst nach Hause."
"Aber wie komme ich zurück?", fragte Max bestürzt. Der Eisbär antwortete nicht, sondern bäumte sich plötzlich auf. Obwohl Max seine Hände fest in dem dichten Fell vergraben hatte, konnte er sich nicht halten, fiel herunter und landete auf seinem Bett. Verwundert rieb er sich die Augen.
Da rief seine Großmutter erneut nach ihm: "Max, wo bleibst du? Hast du keinen Hunger? Wir warten in der Küche auf dich."
Max trottet in die Küche, wo ihn seine Großmutter mit einem Kuss begrüßte.
"Ich hoffe, dir war nicht zu langweilig heute?", fragte sie ihren Enkel.
"Nein", antwortete Max immer noch ein wenig verwirrt. "Ich muss eingeschlafen sein!"
Oma klatschte in die Hände und strich ihm über die zerzausten Haare. "Dann kommt ein Stück Kuchen ja gerade recht", sagte sie und gab Max ein besonders großes Stück Apfelkuchen.
Am nächsten Tag regnete es immer noch, und Max lag erneut auf seinem Bett und dachte an die Worte des Eisbären. Es musste also ein gewisses Maß an Langeweile überschritten sein, bis die Magie wirkte. Wenn er es schaffte, sich ebenso stark zu langweilen wie gestern, dann könnte er zurück zu dem Eisbären gelangen.
Wie gestern fing er an, die Unebenheiten an der Zimmerdecke zu zählen, und lauschte gespannt in die Stille.
Gerade als er meinte, das Kratzen von gestern zu hören, klopfte es an der Tür, und sein Großvater steckte den Kopf herein. "Hallo Max, deine Freunde sind hier. Da du morgen heimfährst, wollt ihr heute sicher nochmal zusammen spielen."
Max sprang vom Bett und begrüßte die Freunde. Er freute sich sehr über den Besuch, jedoch konnte er so die Magie nicht beschwören. Aber vielleicht klappte es morgen an seinem letzten Tag.
Am nächsten Tag regnete es glücklicherweise weiterhin, und Max hatte seinen Großeltern gesagt, dass er sich nach dem Mittagessen gerne etwas ausruhen wollte, um fit für die Rückfahrt zu sein.
Er legte sich wieder auf sein Bett und konzentrierte sich auf die Stille; doch nichts geschah. Max hing seinen Gedanken hinterher und dachte über die winterliche Landschaft nach. Vielleicht wäre es besser, wenn er sich diesmal passend anziehen würde, damit seine Füße nicht wieder so ungesund blau würden. Kurzentschlossen ging er ins Schlafzimmer seiner Großeltern und zog die dicksten Winterstiefel und den wärmsten Wintermantel seines Großvaters an. Auf den Kopf setzte er sich die Pelzmütze der Großmutter. Gut vorbereitet legte er sich wieder auf sein Bett.
Die Minuten verstrichen, und dem Jungen wurde es ziemlich warm. Schweißperlen standen auf seiner Stirn, und seine Füße glühten in den dicken Stiefeln. Endlich hörte er ein Geräusch aus dem Kleiderschrank. Sofort sprang er aus dem Bett, wankte in seiner winterlichen Bekleidung zum Schrank und öffnete die Tür. Wie beim letzten Mal wurde alles um ihn herum schwarz, und er verlor erneut den Boden unter den Füßen.
Auch dieses Mal landete er weich, jedoch tasteten seine Hände keinen Schnee, und ihm war immer noch sehr warm. Bevor er seine Augen öffnen konnte, hörte er eine erstaunt klingende Stimme.
"Also so einen komischen Gast hatten wir noch nie. Ich wusste gar nicht, dass Menschen so flauschig sind."
Max riss die Augen auf und sah eine große Schildkröte im weißen Sand vor ihm stehen. Das Meer war türkisblau und glatt wie die Oberfläche eines Spiegels.
"Ich bin nicht flauschig", wehrte sich Max, "ich habe mich nur warm angezogen, weil ich das letzte Mal so gefroren habe und der Eisbär gesagt hat, dass ich nicht richtig angezogen bin."
Die Schildkröte fing schallend an zu lachen: "Lieber Junge, das ist ein löblicher Vorsatz, aber Magie lässt sich nicht steuern. Du wirst nie wissen, wo du landest. Und jetzt zieh die alberne Mütze und den Mantel aus, sonst gehst du im Wasser gleich unter!"
Max war froh, sich der warmen Kleidung entledigen zu können, denn die Sonne stand hoch am Himmel, und es waren sicherlich dreißig Grad.
"So", keuchte die Schildkröte, "und jetzt musst du dich auf meinen Rücken setzen, dann machen wir eine Tour über das Meer. Ich bin sicher, du wirst es mögen."
Langsam näherten sie sich dem Meer.
Max tat, wie ihm geheißen, und kletterte auf den Rücken der Schildkröte. Seine Füße hingen in dem herrlich klaren Wasser, und schon ging die Reise los. Zeitweise wurden sie von Delphinen begleitet, die ihren Kopf aus dem Wasser streckten und lustig schnatterten. Riesige Wale schwammen neben ihnen her, und wenn er seine Hand ins warme Wasser tauchte, knabberte ein kleiner schillernder Fisch an seinem Finger. Die Zeit verging wie im Fluge, und langsam senkte sich die Dunkelheit über das Meer.
"Es wird Zeit, dass du nach Hause kommst", ermahnte die Schildkröte. "Es war wirklich schön, dich kennenzulernen. Wer weiß, vielleicht treffen wir uns ja nochmal wieder!"
Max wollte etwas erwidern, aber eine bleierne Müdigkeit hatte seinen Körper erfasst. Ohne dass er etwas dagegen tun konnte, fielen ihm die Augenlider zu, und als er sie öffnete, lag er wieder in seinem Bett. Neben ihm entdeckte er die Wintersachen seiner Großeltern. Wieder war er sich nicht sicher, ob er geträumt hatte, aber als er die Kleidungsstücke zurück in den Schrank der Großeltern hängte, rieselte heller Sand aus der Pelzmütze in seine Hände.
Der Junge lächelte.
"Max", rief sein Großvater, "deine Eltern sind da. Kommst du?"
Max fuhr sich durch die blonden Haare.
"Hoffentlich regnet es in den nächsten Ferien auch wieder ein paar Tage", murmelte er glücklich, bevor er sich auf den Weg zu seinen Eltern machte.