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Aus dem Buch: Mittagsstunde - Dörte Hansen
 
1
Ich schau den weißen Wolken nach

Der erste Sommer ohne Störche war ein Zeichen, und als im Herbst die Stichlinge mit weißen Bäuchen in der Mergelkuhle trieben, war auch das ein Zeichen. "De Welt geiht ünner", sagte Marret Feddersen und sah die Zeichen überall.
Die alten Ulmen starben einen Sommer später, am Westerende, wo sie seit hundert Jahren Ast in Ast gestanden hatten. Ihre Blätter wurden plötzlich gelb, die Kronen kahl, im Juni schon. Sie standen noch ein Jahr wie abgedankte Könige. Dann kam Karl Martensen mit seinen Leuten, und ihre Motorsägen kreischten lange, bis sie die Ulmenstämme auf dem Wagen hatten. Hartes Holz, das ewig trocknen musste, bis man es hobeln oder fräsen konnte. Marret kam, sie holte sich ein Stück der grauen Borke ab und eine Handvoll Ulmenfrüchte, dann ging sie wieder durch das Dorf, von Tür zu Tür, wie sie es immer tat, wenn sie ein Zeichen sah: "De Welt geiht ünner."
Die Welt ging unter, als auf der neuen Straße der jüngste Sohn von Hamkes überfahren wurde, kaum dass die weißen Striche in der Mitte trocken waren. Und als die Jäger bei der Treibjagd im November den ganzen Tag über die leeren Felder zogen und nicht einen Hasen fanden, den sie hätten schießen können, ging sie wieder unter. Und dann noch einmal ein paar Sommer später, als Paule Bahnsens Ältester mit einem Dominator 76, dem größten Mähdrescher, der je im Dorf gesehen worden war, ein Rehkitz überfuhr. Es hatte sich im hohen Korn versteckt, weil junge Rehe nicht vor Feinden fliehen. Sie machen sich ganz klein und bleiben liegen, bis die Gefahr vorüber ist. Oder das Schneidwerk eines Dominator 76 sie erwischt, 3,60 Meter breit und nagelneu. Knochen, Blut und Fell im Messerbalken. Ein junger Bauer, der nie wieder dreschen will.
Man konnte Marret Feddersen von Weitem hören, wenn sie in ihren weißen Klapperlatschen angelaufen kam. Sie trug die alten Dinger immer. Schiefgetretene Holzsandalen, auch bei Schnee und Eis. Wozu noch Schuhe kaufen.
Die Leute seufzten, wenn sie das Klappern auf der Straße hörten. Dor kummt de Ünnergang al wedder. Man hatte Bohnen einzuwecken, den Motorblock des Schleppers auszubauen, man stand gerade am Sortierband mit den Frühkartoffeln oder hängte die gewaschenen Gardinen auf ? und dann kam Marret angeklappert. Es passte manchmal schlecht.
Sie brauchte nicht zu klopfen, natürlich kam sie durch die Hintertür, denn an die Haustür gingen nur die Fremden und Hausierer. Wenn niemand da war, setzte sie sich an den Küchentisch, malte summend ein paar Blumen oder Tiere auf Notizblöcke und Einkaufszettel, kritzelte mit Kugelschreibern Schafe, Schweine, Kühe auf die Rückseite des Bauernblatts und Rosenranken an den Rand der Tageszeitung. Manchmal trank sie ein Glas Wasser oder nahm sich einen Apfel. Wenn dann noch immer keiner kam, versuchte sie es in der nächsten Küche. Sie ging auch in die Ställe, in die Werkstätten, stand in den Klapperlatschen plötzlich an der Hobelbank, am Amboss, in der Bäckerei am Ofen. Sie erschreckte Kalli Jensen einmal fast zu Tode an der Melkmaschine, der Kompressor war so laut, er hatte sie nicht kommen hören und sackte halb zu Boden, als ihm Marret plötzlich auf die Schulter tippte. Er japste, lehnte sich schwer atmend an die Stallwand und wollte dann kein Wort mehr hören von irgendwelchen Untergängen.
Die toten Fische, Bäume, Kinder, Rehe, der Sommer ohne Störche und die Felder ohne Hasen, sie waren Vorzeichen der großen Katastrophe, die Marret schriftlich hatte, schwarz auf weiß in ihrem Blatt. DIE ZEIT LÄUFT AB! Ein altes Heft im DIN-A5-Format, mit Tesafilm an vielen Stellen schon geklebt. Sie hatte es auf einem Tisch gefunden im Gasthof Feddersen, wo sie den Boden wischte jeden Abend, es musste jemand dort vergessen haben. Das Titelbild sah aus, als hätte sich ein Jahrmarktsmaler an der Apokalypse versucht: berstende Häuser vor loderndem Himmel und Menschen, die mit aufgerissenen Mündern um ihr Leben rannten. Der Untergang in Airbrushtechnik. ERWACHET! Die Wahrheit stand in diesem Heft, sie trug es immer bei sich, wenn sie ihre Runde machte. Sie kam gewissenhaft und zuverlässig wie die Post oder der Mappenmann, der jeden Donnerstag von Tür zu Tür ging und die Lesezirkelhefte tauschte.
Man war gewöhnt an Marret Ünnergang wie an die Kinder zu Silvester, die jedes Jahr als Rummelpott verkleidet an die Türen kamen, auf Trommeln oder Töpfe schlugen und laut ihr Lied über ein Schiff aus Holland sangen. Dor kummt een Schipp ut Holland, dat het so?n scheeve Wind. Kein Mensch verstand das Lied. Warum das Schiff aus Holland kam und was ein schiefer Wind war, wusste niemand. Es spielte keine Rolle. Man hörte zu, man nickte, lachte, gab den Sängern Süßigkeiten und versuchte unter den Perücken und den Masken die Nachbarskinder zu erraten. Bekam ein frohes neues Jahr gewünscht und ließ sie weiterziehen. Marrets Untergangsgeschichten waren wie der Wind aus Holland ? schief und seltsam, mehr auch nicht. Man nickte, hörte zu und ließ sie weiterziehen.
Selbst Pastor Ahlers nahm es hin, dass das Orakel in den weißen Klapperlatschen von Zeit zu Zeit durch die Gemeinde zog. Er fand es nicht ganz glücklich, dass Marret ihre Prophezeiungen auch noch mit einer Werbeschrift der Zeugen Jehovas untermauern musste, aber nach vielen Jahren Dienst in der nordfriesischen Provinz war Ahlers Schlimmeres gewohnt. Auf solche Kleinigkeiten kam es gar nicht an, die Leute glaubten sowieso nichts. Er hatte es weiß Gott versucht, die Seelen zu erquicken und sie aus dunklen Tälern zu befreien, aber der Hirtenjob war hart hier draußen. Seine Sorte Schaf schien gegen jeden Glauben imprägniert zu sein. Wind und wetterdichtes Fell, nichts Frommes drang da durch. Alles Göttliche lief ab an ihrem Fell wie Wasser am Gefieder einer Gans. Sie glaubten ihm kein Wort. Aber an Marrets Untergänge glaubten sie genauso wenig. Verrückte und Pastoren, einfach klappern lassen.
Nur Carsten Leidig, der in der alten Mühle hauste, hatte Angst vor Marret Ünnergang. Er fluchte schon und fuchtelte mit seinem Rübenmesser, wenn er sie nur von Weitem sah, als wäre das, was Marret hatte, ansteckend. Oder das, was ihr fehlte.
Sie war wohl immer noch normaler als der kahle Fremde, der jedes Jahr im März oder April die Dorfstraße entlanggehumpelt kam, in einem kurzen, himmelblauen Rock. Er hatte nur ein Bein, das andere war aus Holz. Er schliff die Messer und die Scheren, man konnte Bürsten bei ihm kaufen, Schnürsenkel und Schuhcreme, und die Kinder durften nicht so gucken, wenn er kam. Aber Weggucken war ganz unmöglich, wenn ein Mann im Rock mit weißen Feinstrumpfhosen an die Türen klopfte und unbedingt gesehen werden wollte. Der kahle Scherenschleifer ging nicht in die Küchen, er musste an der Haustür stehenbleiben. Es lag nicht an den Feinstrumpfhosen und dem himmelblauen Rock, es lag daran, dass er ein Fremder war. Man nickte, kaufte eine Nagelbürste und ließ ihn nicht hinein.
Marret mit den Klapperlatschen und dem zerfledderten ERWACHET!-Heft gehörte zu den Leuten aus dem Dorf, den Nachbarn und Bekannten, den Zustellern und Lieferanten, die durch die Hintertüren in die Häuser kamen und auf den Küchenbänken sitzen durften. Man legte Zigaretten auf den Tisch, holte Weinbrand oder Bier und stellte, wenn Marret kam, ein bisschen Saft und Schokolade hin. Manchmal sang sie nach den Zeichen und der Wahrheit noch ein Lied. Stand auf und breitete die Arme aus und sang wie Connie Francis oder Heidi Brühl, weil sie die Schlagerlieder noch mehr liebte als die Untergänge.
In den Liedern, die sie sang, wollten die Menschen siebzehn sein. Mit siebzehn träumte man, dann kam das Glück, dann wurde alles gut. Ich schau den weißen Wolken nach und fange an zu träumen.
Dass manchmal auch das Unglück kam, das war ein anderes Lied: Mit siebzehn träumte man, dann kam ein Kind, dann wurde man verrückt. Vielleicht war man auch erst verrückt, dann kam das Kind, die Reihenfolge war in Marrets Fall nicht klar.
Der Vater ihres Kindes konnte keiner aus dem Dorf gewesen sein, so viel stand fest. Denn Marret Feddersen, so klein sie war, hatte die Brinkebüller Bauernjungen gar nicht angesehen, wenn sie auf den Festen mit ihr tanzten. Auch an den Tischler und den Bäckersöhnen immer stur vorbeigeschaut, von ihnen weg, den Blick schräg über ihre Köpfe, in die Ferne, in die Höhe.
Zu schräg für Sönke Feddersen, der hinter seinem Tresen fast die Gläser in der Hand zerdrückte, wenn er die Tochter so mit ihrer hohen Nase tanzen sah. Auch das Verwehte und das Flackernde an ihr, das Singen immer und dann plötzlich Schreierei und dann drei Tage lang kein Wort, es machte Sönke Feddersen verrückt. Mal ging es eine Weile gut, dann hörte sie, wenn jemand mit ihr sprach, und gab auch Antwort wie ein ganz normaler Mensch. Dann wieder dieses Flackern.
Wurde siebzehn, wurde schwanger, sagte niemandem, von wem. Und ließ sich auch nicht heiraten von Hauke Godbersen, der sie genommen hätte, mit ihrer hohen Nase und dem Rest.
Marret Feddersen war nicht zu retten, schon damals nicht. Mit ihrem Unbekannten musste es gewesen sein wie in den Liedern, die sie sang. Schöner fremder Mann ? Einer von drei jungen Ingenieuren, einquartiert im Gasthof Feddersen im Sommer 1965, als Landvermesser für die Flurbereinigung ?
du bist lieb zu mir.
Er hinterließ die Brinkebüller Feldmark aufgeräumt und übersichtlich, baum- und heckenlos, die breiten Wirtschaftswege wie mit dem Lineal gezogen, die Felder riesengroß, die Wälle und die Streuobstwiesen weggehobelt. Die Welt von Marret Feddersen verließ er wie sein Fremdenzimmer: Verwüstet und zerwühlt, alles ruiniert von seinen schweren Stiefeln.
Sie war verdreiht, sie konnte Fledermäuse hören und auf gepflügten Feldern Feuersteine finden, aber wenn Ella Feddersen für achtzig Mann Rouladen kochen musste, war ihre Tochter keine Hilfe. Es reichte nicht mal zum Kartoffelschälen, sie summte vor sich hin und schnitzte Muster in die Schalen, bis Ella ihr das Messer wegnahm und sie an den Schultern aus der Küche schob.
Sie sah die großen Falten nicht, die sie in Leinendecken oder Bettbezüge bügelte. Ging vorbei an leeren Gläsern auf den Tischen, an vollen Aschenbechern und verstaubten Fensterbänken. An den Betrunkenen, die noch am Tresen lehnten, wenn sie zum Melken ging am Morgen. Auch an den Schnarchenden und Lallenden, die nach den großen Festen in der Eckbank hingen wie ausgesetzte Meuterer.
Weil Marret sie nicht sah und Sönke selbst am Tisch hing, zog Ella sie allein an ihren Schlipsen hoch und führte sie am kurzen Zügel durch den Saal zum Flur. Lehnte sie kurz an die Garderobe, drückte ihnen die Prinz-Heinrich-Mützen auf und schob sie Richtung Tür mit einer Drehung, als wollte sie ein schweres Fass über den Boden rollen oder Gasflaschen aus Stahl. Sie packte sie, wie Krankenpfleger oder Viehhändler es machten mit ihren widerspenstigen Klienten. Geübter Griff, nicht allzu grob, nur fest genug, um klarzumachen, dass es ernstgemeint war.
Aber Marret fand die letzten Glockenblumen oder Klatschmohnblüten, die auf den kunstgedüngten Feldern noch zu blühen wagten, pflückte sie und presste sie im Shell-Atlas, dem einen großen Buch, das die Familie Feddersen besaß.
Sie fütterte die Tiere, zog Küken, Ferkel, Kälber groß. Und wenn sie ausgewachsen waren, schwer genug zum Schlachten und Verkaufen, sah sie sie nicht mehr.
Sie fütterte den Jungen auch, sie wusch und kämmte ihn und rieb ihm jeden Abend seine Brust mit Wick-Erkältungssalbe ein, dem aufgesackten Kind, das wie ein Husten war, nicht wieder loszuwerden. Ein chronischer Infekt, der mit Erkältungssalbe nicht mehr wegzureiben war. Menthol auf seine Brust, weil er ihr Leiden war. Es wurde besser, als er größer wurde und mit Sönke Feddersen hinter dem Tresen stehen konnte. Manchmal sah sie ihn dann gar nicht mehr.
Sie bohnerte die Böden vor den Festen, das Parkett im großen Saal, und wenn es blank war, tanzte sie zu ihren Schlagerliedern. Augen zu und weitersingen, siebzehn sein und bleiben, ein Mädchen in Schwarz-Weiß wie auf dem alten Foto, das im Gasthof an der Wand hinter dem Tresen hing: Marret mit der Tanzkapelle im großen Brinkebüller Saal. Die Barracudas, ernste Jungs mit schmalen Schlipsen, Gitarre, Bass und Schlagzeug, und in der Mitte ein toupiertes Mädchen mit dem Mikrofon. Spitze weiße Schuhe und im Haar ein schwarzes Tuch mit Punkten, ihr Lächeln viel zu groß für einen Gasthof in Nordfriesland. Marret Feddersen, die singen konnte. Stern von Brinkebüll.
Sie ging durchs Dorf in ihren Klapperlatschen, als in den Jahren nach der Flurbereinigung die ersten Starfighter der Bundeswehr in Richtung Nordsee über Brinkebüll geflogen kamen. Es klang wie eine Explosion, wenn der Pilot die Schallmauer durchbrach, ein Donnern, das vom Himmel kam, es konnte nur ein Zeichen sein. Na, Marret, geiht de Welt mol wedder ünner?
Nach diesen ersten Düsenjägern kamen viele, manchmal täglich, sie starteten vom alten Fliegerhorst, der seine zweite Blüte jetzt im Kalten Krieg erlebte, er lag knapp zwanzig Kilometer weit vom Dorf entfernt. Ihr Donnern wurde so alltäglich wie die Motorsägen von Karl Martensen oder das Schleifen aus der Landmaschinenwerkstatt. Sie gehörten bald zum Dorf wie das Gebell der Hunde auf den Höfen, das Rattern der Traktoren auf den Feldern, das Brüllen junger Rinder, die zur Viehwaage getrieben wurden, wie die Tanzmusik im Gasthof Feddersen an jedem Wochenende.
Die Flieger hinterließen Spuren, weiße Streifen, Parallelen, Kreuze. Der Himmel über Brinkebüll war voller Zeichen, aber außer Marret sah sie niemand.

2
Old man, look at my life

Im November stand das Wasser auf den Feldern, und der Himmel legte Steine auf das Land, Schleifsteine und Schieferplatten, Beton, Granit, Zement, Kies, Schotter. Dicke Stapel schweres Grau, als müsste dieses Land noch flacher werden.
Wolken wie Mühlsteine auf durchgeweichten Feldern, auf Häusern, Ställen, Scheunen, Carports, auf geduckten Feldsteinkirchen, die diesem Himmel auch nicht ganz zu trauen schienen. Auf einem dünnen Pferd, das mit gesenktem Kopf am Gatter seiner nassen Koppel stand, die Hinterhand geknickt. Ein Kiesel noch, dann würde es wahrscheinlich fallen. Es stand sehr still, den Kopf nach Osten, weg vom Westwind, der in den kahlen Bäumen randalierte wie ein durchgedrehter Feldherr, an Zweigen riss und Eichenstämme rempelte, ein alter Wind, der viel gesehen hatte, Findlinge geschliffen. Jetzt peitschte er den Regen und ließ die Fahnen stramm an ihren Masten stehen, drei Tage ohne Pause, wenn ihm danach war.
Man machte es am besten wie das dünne Pferd, man duckte sich und blieb ganz still, den Rücken in den Wind, den Kopf gesenkt, norddeutsche Schonhaltung. Dem großen Mahlwerk möglichst wenig Angriffsfläche bieten, man gewöhnte sich das an, wenn man hier aufgewachsen war. So sehr, dass man im Auto noch die Schultern hochgezogen hielt, wenn man durch diese Landschaft fuhr. Er merkte es und ließ sie sinken, stellte den Scheibenwischer auf die höchste Stufe.
Er fuhr die Strecke jetzt so oft. Windböen, die ihm ins Lenkrad griffen, das große Heulen an der Seitenscheibe, ein toter Fuchs am Straßenrand. Don?t let it bring you down, er sang das Lied seit über dreißig Jahren mit. Neil Young im Auto, immer schon. Wenn jemand mitfuhr, ließ er die CD im Handschuhfach verschwinden, er hatte keine Lust mehr auf die Kommentare, er lebte seine Liebe zu Neil Young seit vielen Jahren heimlich aus. Andere fälschten Geld im Keller oder teilten Tisch und Bett mit einer Latexpuppe. Er fühlte sich seit dreieinhalb Jahrzehnten von einem Kerl getröstet, der Karohemden trug und mit wimmernder Stimme von goldenen Herzen und alten Männern sang.
Und wenn er im November über die menschenleeren Straßen der schleswigschen Geest fahren musste, dann war ihm das Gewimmer dieses Mannes eine große Stütze.
Man hatte hier als Mensch nicht viel zu melden. Man konnte gern rechts ranfahren, aussteigen, gegen den Wind anbrüllen und Flüche in den Regen schreien, es brachte nichts. Es ging hier gar nicht um das bisschen Mensch.
Das hier war Altmoränenland, es hatte ewig unter Gletschereis gelegen, es war geschliffen und verschrammt, das bisschen Wind und Regen machte ihm nichts aus.
Er war nicht blind, er sah das alles: Die zerrupften Krähen, die in den Furchen eines nassen Stoppelfeldes wateten, die Silagehügel unter weißen Plastikhäuten, beschwert mit alten Reifen, verpackte Ballen Heu auf den verwaisten Feldern, die großen Tanks der Biogasanlagen, ihre grünen Kuppeln wie die Wahrzeichen des Maiszeitalters. Bauernhäuser, die irgendwann mit weißem Klinkerstein verkleidet worden waren, jetzt standen sie an ihren vollverzinkten Gartenzäunen wie unglückliche Bräute, die keiner haben wollte. Die Felder, auf denen außer Mais nur noch Solaranlagen oder Windturbinen wuchsen. Die Wartehäuschen an den Haltestellen, Fahrpläne hinter Plexiglas für Busse, die dann doch nie kamen. Die hohen Straßenlampen mit dem bleichen Licht, die in den starken Böen schwankten.
Keine Schönheit weit und breit. Nur nacktes Land, es sah verwüstet und geschunden aus. Ein Land, das man mit einer frommen Lüge trösten wollte, die Hand auf diese Erde legen: Wird schon wieder. Wird alles wieder gut. Es vertrösten auf die guten Tage, wenn der Himmel steinfrei war, windstille Tage, manchmal gab es das. Singvögel, Feldlerchen, Schwalben, blühende Kastanien und Silberpappeln, Kiefern, die in der Sonne dufteten. Tage mit Farben: Raps und Löwenzahn, Sommergras, Heidekraut, schwarzbunte Rinder, Sonnenauf- und -untergänge. Bei klarer Sicht ein bisschen Glanz vom Wattenmeer.
Er hing an diesem rohen, abgewetzten Land, wie man an einem abgeliebten Stofftier hing, dem schon ein Auge fehlte, das am Bauch kein Fell mehr hatte.
Auch das ein Fall fürs Handschuhfach, Klappe zu und keine Kommentare, besten Dank.
Er war, was das anging, kuriert, seit Ragnhild ihn das erste Mal hierher begleitet hatte, die Füße auf dem Armaturenbrett, die Tabakkrümel ihrer Selbstgedrehten auf dem Sitz, Lakritzstangentüte und Handcremetube im Schoß, die Taschentücher überall verteilt. Das alles war ihm damals ganz egal gewesen, aber ihr Feixen aus dem Autofenster nicht, ihr "O Gott" bei

jedem Blumenkübel aus Waschbeton und jeder Plastikhaustür aus dem Baumarkt. Besonders nicht ihr "Ach du Scheiße", als sie beim Brinkebüller Ortsschild waren, und dann noch einmal, grinsend, auf dem Parkplatz vor dem Gasthof Feddersen. Er, schafstreu und schwer getroffen, hatte ihr das lange nicht verziehen. Vor allem nicht sich selbst verzeihen können, dass sie ihn so gesehen hatte. Den Jungen aus dem Dorf, am Bauch kein Fell, so tölpelhaft verletzt.
Don?t let it bring you down, it?s only castles burning.

Er sah sich manchmal selbst im Bauerngang über den Kieler Campus stiefeln, mit langen, tiefen Schritten, als hätte er die Schubkarre noch immer vor dem Bauch. Oder die Sackkarre mit Bierfässern und Brausekisten, die in den Kühlraum mussten. Den Bohnerbesen für das Parkett im großen Saal. Er sah sich in den hohen Fensterscheiben der philosophischen Fakultät, ein Landmann auf dem Weg zur Arbeit, kein Anzug konnte das verbergen und kein weißes Hemd. An manchen Tagen roch es in der Seminarbibliothek nach Bohnerwachs. Der Boden war aus Eichenholz, ein breites Fischgrätmuster, bernsteinfarben, wie im Brinkebüller Saal.
Man konnte dort am Vormittag nicht arbeiten, weil sich die Erstsemester dann mit ihren Bücherlisten durch die Gänge wühlten wie Frischlinge durchs Unterholz. Aber am frühen Morgen oder gegen Abend waren die Lesesäle still wie Geisterschiffe. Er trieb dort manchmal ohne Ziel und Richtung durch die Zeiten zwischen Urkunden und Sammelbänden, die seit Jahrzehnten niemand in die Hand genommen hatte. Die Bücher, die er brauchte, standen meist im Keller, wo es noch Zettelkästen gab und Neonröhren, die ein nervöses
Licht verströmten. Oft machte er sie gar nicht an, weil ihm die kleinen Leselampen lieber waren, die auf den Tischen in den Ecken standen.
An manchen Tagen las er sich in alten Dokumenten fest, saß lange dort wie etwas Heimliches, das unter Steinen lebte, nur hin und wieder von Studenten aufgestöbert, die ahnungslos das grelle Deckenlicht einschalteten und dann vor ihm erschraken.
Wie gestern diese junge Frau, Strickjacke und Schal, eine von denen, die es schafften, in einer überheizten Bibliothek zu frieren.
Sie hatte das Licht gleich wieder ausgeschaltet, hastig ihre Bücher aufgehoben, die ihr vom Arm gefallen waren, dann war sie weggelaufen Richtung Lesesaal. Er war kurz in Versuchung aufzuspringen und ihr stöhnend hinterherzuhumpeln, Quasimodo Feddersen, das Phantom der Ur- und Frühgeschichte. Der Mann, dem man im Dunkeln nicht begegnen möchte, der regungslos in schummerigen Ecken kauerte, im knitterigen Hemd, und manchmal hing es ihm dann auch noch hinten aus der Hose. Der große Bleiche aus dem Keller, wahrscheinlich sah er selbst an manchen Tagen aus wie etwas Freigelegtes, Ausgegrabenes.
Sehr gute Chancen als Erschrecker bei der Geisterbahn, falls es mit der Vertragsverlängerung nicht klappen sollte.
Er wäre nicht der Erste, der in diesem Fachbereich zum Schrat geworden war. Man musste sehen, dass man als Prähistoriker die Kurve kriegte, man durfte nicht zu lang in irgendwelchen Kellern, Gruften oder Höhlen sitzen, sonst fing man früher oder später an, nach Atlantis zu graben, man fantasierte über Moorleichenlegenden oder marschierte in römischer Legionärsausrüstung über die Alpen, alles schon dagewesen.
Kollege Dahlmann verbrachte die Semesterferien als Klingenschmied in einem Bronzezeit Erlebnispark. Sechs Wochen lang im Fell am Amboss stehen ? dann lieber Geisterbahn.
Die Frau, die vor ihm weggelaufen war, hieß Sünje Gregersen ...


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