Sarturia.com Buchinhalt Vorschau


Aus dem Buch: Dieter K├Ânig - Gateway Stuttgart - (Auswahlband)
 
Gateway Stuttgart

Blut rann aus dem Mund der Liegenden. Ihr schriller Schrei gellte durch das verdreckte Bad, durch die ärmliche Sozialwohnung und durchs ganze verwahrloste Treppenhaus.
Betty fuhr erschrocken aus dem ersten Schlummer. Ihre Glieder kribbelten unter der Schockeinwirkung. Und dann erschrak sie noch einmal, noch heftiger, weil der unmenschlich klingende Schrei nicht enden wollte.
Sie zitterte am ganzen Leib. Und dann stand sie im tristen Bad und sah dort ihre Mutter auf dem Boden liegen; die Haare offen und zerzaust, Gesicht und Morgenmantel voller Blut. Erbrochenes im abgeschabten Duscheinsatz.
"Mama!" Ein verzweifelter Ausruf.
Der schier endlos erscheinende Schrei der Liegenden endete in gebrochenem Röcheln. Die Unglückliche hatte die Augen halb geschlossen. Ihre Augeäpfel bewegten sich jedoch. Ihr Blick wanderte aus, so als folge er der bewegten Lichtquelle aus der Lampe eines Mediziners. Die Pupillen schnellten jedoch wieder zurück, so als bemühe sich die Hilfsbedürftige, einen visuellen Fixpunkt zu finden, an dem sie sich festhalten konnte. Ihre Augäpfel mussten jedoch erneut wieder und wieder auswandern. Ein Zeichen, dass die Verunglückte die Kontrolle über ihre Sehorgane verloren hatte.
"Um Gottes Willen, Mam ...!" Mehr ein heißeres Keuchen, als ein verängstigter Aufschrei. "Wo ist bloß Papa? So helf mir doch einer! Wo ist Papa, wenn man ihn braucht?"
Die Liegende krümmte sich mehrmals krampfartig, so als wolle sie sich abermals übergeben.
"Nein, nein, nein!" Das vierzehnjährige Mädchen, versuchte ihre Mutter festzuhalten, so als könne sie damit die Krämpfe zum Verschwinden bringen.
Ein Schatten verdeckte das Licht aus dem Wohnzimmer und legte sich über Mutter und Tochter. Eine Hand war im Rücken des Mädchens. "Vater, du ??"
Er drängte Betty zur Seite. "Schon gut, schon gut", versuchte er sie zu beruhigen. "Versuch noch mal die Notruffritzen zu erreichen. Ich hatte sie schon am Apparat, aber wir wurden unterbrochen!"
"Mein Armbandhandy ...!"
"Auf dem Nachttisch!" Vater zerrte ein Handtuch vom Halter, beugte sich zu der sich Windenden nieder und wischte ihr notdürftig das Blut aus dem Gesicht.
Betty schöpfte Atem. "Ich hol den Arzt!" Sie stand auf schwankenden Beinen und versuchte, die schwindende Kraft der Mutter durch abwehrend erhobene Hände aufzuhalten. Ich rufe die Ambulanz. Hörst du? Ich komm? gleich wieder."
Vater setzte sich nieder und zog die blutbesudelte Frau in die Arme. Dann wiegte er sie vor und zurück, währen sich das Mädchen völlig verstört und aufgeregt und zitternd ins Schlafzimmer tastete, zum Bett hin, in dem sie alle drei zusammen schlafen mussten, Vater, Mutter und die vierzehnjährige Betty. Dort auf dem ramponierten und nur notdürftig zusammengeleimten Nachttischchen lag das Armbandhandy.
"Piep - tuut." Das Freizeichen. Der winzige Bildschirm blieb dunkel. Die Notrufzentrale hatte kein Bildtelefon. Schließlich ein Knackgeräusch und dreidimensionales Rauschen. "Hallo und guten Abend, lieber Anrufer." Bloß ein Automat. "Ihr Call erreicht uns in einer etwas unglücklichen Zeit; alle Leitungen sind besetzt. Wir verbinden Sie jedoch gerne mit der nächsten freien Hilfsperson. Solange sie warten müssen, stellen wir Ihnen unsere Zusatz-Dienstleistungen vor. Als erstes ..."
"Komm schon, komm schon, komm schon!" Betty versuchte den Automaten verbal zu einer schnelleren Gangart zu bewegen, weil Mutter erneut schrie.
" ... möchten wir Sie mit unserem Rehabilitationszentrum bekannt machen. Es wird oft und gerne genutzt um längere Krankheiten oder schwerwiegende Verletzungen ?"
"Scheiße, Mann! Es geht um unsere Mutter. Sie stirbt!"
"? auszukurieren. Warme Bäder und künstliche Sonnenterassen erwarten Sie ?"
Ein gellender Aufschrei aus dem Bad. Kurz, zitternd und schließlich ersterbend.
"Mam ...!" Betty rannte zum Badezimmer! "Halt durch! Halt durch! Ich hab gleich jemand in der Leitung."
"... in angenehmer Umgebung. Gegen Aufpreis können Sie die medizinischen Massagen unserer Einrichtung ...!"
"Verdammt, ihr Arschlöcher, ich brauche Hilfe!"
"... nach Belieben nutzen, oder auch die Sauna, wenn es Ihnen schon besser ...!"
"Hört mich denn keiner? Ich brauche ...!"
Erneutes Knacken und dann eine männliche Stimme, mit gutturalem Dialekt: "Bethesta Hospital! Notrufzentrale! Mein Name ist Mahavir Prakash. Was kann ich für Sie tun?"
"Gott sei Dank, Mann! Ein Notfall! Einen Krankenwagen bitte! Schnell! Meine Mutter liegt auf den Badfliesen und das Blut läuft ihr aus dem Mund. Sie hat erbrochen und ..."
"Können Sie vielleicht noch ein oder zwei Stunden zuwarten?"
"Himmel, nein! Auf gar keinen Fall."
"Wissen Sie, wir sind gerade überlastet. Wir haben keinen Einsatzwagen mehr frei."
"Aber das ist ein Notfall!"
"Wissen Sie, wir haben noch mehr Notfälle, und ..."
"Aber das ist ein besonderer Notfall! Hören Sie! Sie haben sicher einen Ihrer Ambulanzwagen irgendwo ganz in der Nähe. Der kann doch auf dem Weg ...!"
"Tut mir leid. Wir sind vollkommen ausgelastet. Rufen Sie später noch einmal an!" Es knackte und das dreidimensionale Rauschen verstummte.
"Sie können doch nicht ...!" Betty schaute das Handy an, als wäre es schuld an der Unterbrechung, und feuerte es dann wutentbrannt in die nächste Ecke. Das Kameralicht des Gerätes ging an und der Klingelton nudelte einen aktuellen Hit aus dem Armbandlautsprecher. Dann verstummte das Gerät.
"Scheiße, Mann! Papa!"
Sie stand vor ihrem Vater, der immer noch stumm dasaß und die Mutter in den Armen wiegte. Die Frau in seinen Armen krümmte sich nicht mehr. Sie schrie auch nicht mehr. Ihre Augen waren auf einen Punkt an der Wand hinter ihrer vierzehnjährigen Tochter gerichtet.
Vater schaute auf. Tränen rannen über seine Wangen. Aber er sagte nichts. Er wiegte nur die still gewordene Frau in seinen Armen.
Betty tat einen Schritt rückwärts. Ihr Fuß stieß an das gebrauchte Spritzbesteck, das Mutter nur Minuten zuvor benutzt haben musste. Es kullerte klirrend ein paar Handspannen weit und blieb dann neben einem unsauberen Löffel liegen.
Betty hob langsam die Arme, so als wollte sie irgendjemand um Hilfe anflehen. Dann schlug sie sich beide Hände vors Gesicht. Aus ihrer Kehle entrang sich ein Laut, als würde man ihr bei lebendigem Leibe den Bauch aufschlitzen.

Eine neue Stadt. Eine neue Umgebung. Neue Zeilen zerfallen wirkender Wohnmaschinen. Neu, fremd, aber genauso verwahrlost und zerfallen, wie überall vorher auch.
Ein riesiges Panorama-Display über dem Eingangsportal eines intakt wirkenden Gebäudes aus Glas, Stahl und Beton. Offensichtlich ein Bankhaus. Über den Bildschirm huschte die heile Welt, einer heilen Gesellschaft und zeigte heile Strukturen.
Blende.
Weizenfelder, wohin das Auge reichte. Spinnenbeinige Erntemaschinen, die - dürren Weberknechten gleich - sechsbeinig über die wogenden Ähren staksten. Weißgoldene Lichterbalken aus kilometerlangen Prismen zwischen regelmäßig angelegten Agrarflächen. Bewegliche Rüssel, die aus dem Himmel herab wuchsen und das frisch gedroschene Erntegut hinter den Weberknechten aufsaugten.
Blende.
Überdimensionale Walzen im Weltraum. Eine Start- und Landebucht für überdimensionale Agrarfrachter. Das An- und Ablegen monströs anmutender Landefähren. Blinkende Rotlichter an knallgelben Raumfahrzeugen. Wendige Boote der Lotsengilde. Daneben lange Reihen ladebereiter Containerschiffe, die von den gelben Raumfahrzeugen zu ihren Andockbuchten geschleppt wurden.
Blende.
Eine glückliche Familie. Strahlende Kinder. Eine helle und saubere Umgebung als Hintergrund. Darunter ein Werbeslogan in moderner Alien-Schrift: "Ihre Chance: Ein Millionärsleben in sicherheitsgarantiertem Umfeld! Vertrauen Sie der Easy-Credit-Bank des Providers Intel-Thyssen. Wegweisend in der Finanzierung zukunftsorientierter Technologien!"
Blende.

Nacht über den Dächern der zerfallenen Hochhäuser. Risse in den Flachdächern über den unbenutzbar gewordener Geschäftsräumlichkeiten. Aber keine Stille. Das Gekreische, das Hupen und Tuten eines überfüllten Unterhaltungsparks. Trance-Rhythmen übersteuerter Power-Speaker aus dem Zentrum des Lichterspektakels. Klopfend, jaulend, wummernd. Die Stimmsamples angesagter Popstars dazwischen. Ihre Texte im vorherrschenden Durcheinander nur andeutungsweise zu verstehen.
Der süßlich aromatische Duft von Popcorn und heißen Mandeln mischte sich mit undefinierbaren Wolken von Hektik und Gier, von Schweiß und Parfüm in nervendem Ambiente. Es legte sich wie eine ekelerregende Wolke über Betty. Das Mädchen schloss die Augen, versuchte sich ihres Schwindelgefühls zu erwehren, taumelte aus dem Getümmel, den blitzenden Lichtern, dem Gekreisch der Teenager hinaus auf die eingezeichneten Wege zur Landeplattform auf dem Dach der vernachlässigten Wohnmaschine.
Kühle umwehte sie, als sie sich über das Geländer beugte und in das lichterhelle Gemurmel der belebten Straßen da unten lauschte. Die bleichen Gesichter der leerstehenden Stockwerke gegenüber schienen sie drohend anzustarren. Kein Geld, sie renovieren zu lassen. Absichtlich verseucht, um Mietnomaden fernzuhalten. Tot und vergiftet grinsten sie zu dem Mädchen herüber, während hinter ihrem Rücken die Jagdraketen heulten, die Exzenterrotoren jaulten, das Publikum kreischte, umtost von den rockenden Klängen überlauter Synthi-Musik.
Betty hatte das alles so satt, so satt ?
Tränen traten in die Augen der Vierzehnjährigen, ließen die bleichen Fassaden mit ihren schwarzen Fenstern darin verschwimmen wie in den Wellen eines Zierteichs.
"Mutter!", schluchzte die Unglückliche. "Mam ...!"
"Let me be your man!", antwortete die rausamtenen Stimme eines Superstars aus den erregenden Synthi-Klängen. Betty schluchzte auf. "Ich weiß nicht wohin, Mam , und Papa geht vor die Hunde; bloß weil du nicht mehr da bist!"
"Let s spend the night together!", kreischte die Stimme von James Louis aus dem Tornado der Multiplay-Gitarren mitten durch das Johlen übermütiger Teenager. Es klang wie blanker Hohn.
Die Depri-Welle verebbte, entließ das Mädchen aus ihrem Griff, trocknete ihre Tränen, ließ nur noch ein Brennen in den Augen zurück. Betty atmete tief ein, wandte sich entschlossen den flackernden Lichtern zu.
Im Geflimmer der Spielautomaten stand eine hagere Gestalt, schaute zu Betty herüber. Es war der Junge, der sich schon eine ganze Weile bemühte, in Bettys Nähe zu kommen. Die ersehnte Ablenkung? Die Rettung aus der Depri-Phase? Hoffentlich blieb er stehen. Hoffentlich kehrte er nicht wieder um! Hoffentlich ...
Der Junge tat ein paar unsichere Schritte auf Betty zu, hielt jedoch wieder inne. Na, los doch, flehte das Mädchen stumm. Die hagere Gestalt, die Hände in den Taschen der engen Hose vergraben, kickte lässig eine Coladose zur Seite, ehe sie sich für einen kurzen Moment dem Spektakel drüben zuwandte. Dann schaute der Junge zurück zu Betty und schlenderte schließlich herüber. Gummi kauend blieb er vor ihr stehen.
"Liebeskummer?", erkundigte er sich zurückhaltend.
Betty schüttelte heftig den Kopf.
"Nein, ich ..." Sie stockte, atmete tief ein. "Es ist nichts."
Er stand direkt vor ihr, schaute auf sie herab.
"Ich weiß nicht, ob du es bemerkt hast", meinte der schlacksige Kerl, nahm seine Hände aus der Hosentaschen und grub sie stattdessen tief in die Taschen seiner Lederjacke. "Aber ich habe dich schon vorhin angeschaut. Bei den Autoskootern. Du bist allein hier oben?"
Betty hob eine Augenbraue und machte sich instinktiv bereit, notfalls das Weite zu suchen. Hatte sie vielleicht einen Perversling vor sich? Einen Typen, der hinter minderjährigen Mädchen her war? Eigentlich sah er gar nicht gefährlich aus; aber man konnte nie wissen. Der Junge legte bloß den Kopf schief, berührte mit den Fingerspitzen leicht ihre Schulter.
"Du bist ganz schön fertig", stellte er fest. Es klang mitfühlend. "Nimmst du Tabletten? Tickets? Trips?"
"Quatsch, ich ..." Betty schaute zu ihm auf, hob erneut die Schultern. "An dem liegt s nicht. Ich bin nur so ... Ach, lassen wir das!"
"Okay", meinte der Junge. "Wenn du tatsächlich clean bist, darf ich dich dann ein bisschen aufmuntern? Ich meine, es läge mir was dran. Wirklich."
Unversehens kroch so etwas wie ein warmes Gefühl durch Bettys Körper, konzentrierte sich in ihren Wangen.
"Ich weiß nicht ...", stammelte sie. "Ich ..."
"Bitte!" Es klang wie bei einem Schulanfänger.
Unwillkürlich musste das Mädchen lachen. Nach einer Weile stimmte der Junge mit ein. "Ich finde dich geil", gestand er. "Du scheinst echt endlaser cool."
Das Mädchen zupfte sich verlegen eine Haarsträhne aus der Stirn. "Ich habe eigentlich genug von dem Krawall", meinte sie. "Vorhin hat mich ein bekiffter Idiot angequatscht, und ich kann Weißnasen nicht ausstehen."
"Na, dann komm!", bat der Junge. "Wenn du willst, kannst du ein paar krasse Typen kennen lernen. Alles Freunde von mir. Denen wirst du gefallen!"
"Meinst du?", Betty schien unsicher. "Na, gut. Vielleicht verlier ich ja meine Depri und so."
Der Junge knuffte sie sanft in die Seite und sein Gesicht erstrahlte zu einem Lächeln; ein Hauch von Sonnenschein legte sich über das nächtliche Spektakel auf den Dächern dieser mistig grauen Stadt.
Der Junge hob die Schultern. "Ich hab den Scheiß hier genauso satt."
Er hakte sich bei ihr unter und zog sie an den Schaubuden entlang in Richtung der Liftkabinen. "Magst du heiße Reifen?", erkundigte er sich.
"Heiße, was ...?"
"Autos, Turbinenjagden, Elektrodragster!"
"Wovon redest du?"
Er winkte ab.
"Na, du wirst schon sehen. Ich bin nämlich voll der Methanol-Junkie. Ich fahr die ganzen Arschlöcher volle Hämmer in Grund und Boden, ich schwör ..."
Der Anflug eines Lächelns huschte über ihr Gesicht. "Ich stehe eher auf makabre Filme und so; und wenn Leute nicht so geschwollen daherlabern."
"Antifreak, was? Voll das Hausmütterchen?" Der Junge grinste über seinen eigenen Scherz. Doch Betty blieb wie angewurzelt stehen.
"Mutter ist über n Jordan!", entkam es ihr ungewollt hart. "Und mein Alter drückt sich Spritzen und ..."
Sie schüttelte den Kopf und wollte den Jungen weiterziehen.
"Wart mal, wart mal!" Er hielt sie am Ärmel zurück. "Gehst du deshalb auf m Kniegelenk?"
Betty schaute zu Boden, riss sich dann aber doch zusammen. "Was soll s?", meinte sie gezwungen fröhlich. "Lausige Noten in der Schule. Halten mich für ne Scheiß Schlampe. Aussicht auf n Job gleich Null. Auf n anständigen Beruf schon gleich gar nicht. Und nun lass mich mit dem Quatsch in Frieden. Ja?"
Sein Blick wanderte von ihrem Gesicht an abwärts, bis zu ihren Plateauschuhen und kroch dann langsam wieder nach oben.
"Sorry", meinte er leise. "Ich will dir jetzt kein Ohr abkauen oder gar die Laune killen." Eine Weile stand er vor ihr, sah sie nachdenklich an, wandte sich dann zurück zum Lichterzauber des Vergnügungsparks, so also ob es dort irgendwelche Antworten zu finden gäbe.
"Also voll die Kacke!", kam es dann von seinen Lippen. "Dir geht s grad wie mir damals, ich schwör . Aber die fetten Arschlöcher mit den dicken Brieftaschen kümmern sich einen Dreck um Leute wie dich und mich, Mann. Die schwingen große Reden, es sei Fünf-vor-zwölf , aber sie tun nichts. Nicht wirklich. Denen selber ist es so was von scheißegal, ob es erst zwölf schlägt oder schon dreizehn."
Betty schien sich gefangen zu haben. Sie straffte ihre Haltung. "Und jetzt?"
Der Junge schaute sie verdutzt an. "Wie, jetzt?"
"Schlägt es nun zwölf oder dreizehn?"
Er schüttelte verständnislos den Kopf. Nach einer Weile begann er langsam aber immer breiter zu grinsen. "Weiß nicht", meinte er dann verschmitzt. "Vielleicht vierzehn?"

Kühle wehte durch die nächtlichen Wurzeln des abgefuckten Betondschungels. Die Elektroautos säuselten in langen Reihen auf ihren begrenzten Fahrstreifen hintereinander dahin und bildeten rote und bläulichweiße Lichterketten. Nur vereinzelt wirbelten Musikfetzen aus dem Vergnügungspark herunter zwischen die Häuserfronten; der Widerschein der blinkenden Lichter von den Türmen des rasenden Todeskarussells dort oben trug einen Hauch des blinkenden Irrsinns bis hier herunter.
Und doch legte sich langsam eine fühlbare Ahnung von Grabesstille beunruhigend über Betty, als sie hinter dem Jungen hinaus in die Fußgängerzone trat. Die Geräusche ihrer Plateauschuhe auf dem Asphalt hallten von den zerfallenden Fronten der nur teilweise bewohnten Wohnmaschinen wider. Leute standen stumm herum. Sie schienen sich irgendwie wortlos zu unterhalten. Hier und dort eilte ein Pärchen an den Schaufenstern der Geschäftshäuser entlang. Die halbherzige Stille wurde durch verhaltenes Kichern aufgeschreckt, ehe die gruftgemäße Stimmung erneut herabsank und sich gespenstisch über alles ausbreite, was sich auch nur andeutungsweise bewegte.
"Sag mal ..." Die Mädchenstimme schallte überdeutlich durch die verlassenen Straßen, huschte an den Blocks entlang, verlor sich in der Ferne. "Wie heißt du eigentlich?"
Der Junge musterte sie von der Seite.
"Jack", antwortete er schließlich. "Du hast doch sicher schon mal was von Jack the Ripper gehört? Das war der coole Typ in London, der den Nutten mit dem Messer den Bauch aufschlitzte."
"Blöder Wichser!", entließ Betty. "Du erzählst mir so was von voll die blonde Kacke. Dabei hast du nicht mal ein Messer."
Er grinste. "Im Ärmel - für alle Fälle!"
Das Mädchen fühlte nach.
"O Scheiße", stellte sie fest. "Aber du gehst damit nicht auf Minderjährige los, oder?"
"Nur, wenn sie mir an die Wäsche wollen." Der Schalk blitzte aus seinen Augen. "Und wie heißt du?"
"Betty. Du hast sicher schon von der Ex Queen Elizabeth gehört ..."
"Ich lach mich weg!", meinte er trocken. "Aber du siehst eigentlich gar nicht so uncool aus. Englischer Adel? Eher nicht; nein."
Er schubste Betty in einen schmalen Durchlass zwischen den Wohnblocks. "Da geht s lang!"
Ihre Schritte wurden dumpfer und erhielten ein kurzes Echo.
"Ey, wo bringst du mich hin?", erkundigte sie sich mit deutlich angezeigtem Misstrauen. "Ich lass mich nicht verscheißern."
"Warts doch ab!"
Der Gestank verfaulter Bio-Abfälle erfüllte die Finsternis in der Enge des Durchlasses. Betty rümpfte die Nase.
"Halt die Luft an!", empfahl Jack. "Wir sind gleich da."
Betty griff nach ihrer Nase, stieß jedoch versehentlich mit dem Fuß an einen metallenen Behälter; eine Mülltonne vielleicht. Der verbeulte Deckel fiel herunter und rollte scheppernd ein paar Meter weiter, bis er schließlich laut kreiselnd zur Ruhe kam.
"Willst du wohl leise sein?", fauchte der Junge nicht ganz ernst. "Ehe wir uns versehen, wacht der Hausmeister auf und entlarvt uns als Spione aus dem Kosovo."
Betty konnte ein albernes Kichern nicht unterdrücken. Gedämpfte Hardrockmusik klang an ihre Ohren; das Ende der Passage flackerte in rotem Schein.
"Stützpunkt Alpha erreicht", meldete Jack. "Wir sind den Blutsaugern und Untoten entkommen."
Lauter Blödsinn im Kopf, der Junge. Aber cool. War er eigentlich immer so?
Sie traten in den lampiongeschmückten Hinterhof. Ausgelassene Stimmung schlug ihnen entgegen, erregend, fast greifbar. Jungs und Mädchen standen herum. Ein paar hockten auf dem Boden. Es roch nach gebratenen Würstchen und Bier.
"Hey, Jack!", rief jemand. "Was hast du denn da aufgerissen?" Im Nu waren die Beiden umringt. Betty fühlte sich von einem kräftigen Jungen gepackt, hochgehoben, im Kreis herumgewirbelt. "Wo wächst denn so was?"
Jack gab dem Freund einen unsanften Knuff. "Pfoten weg, Elvis!", fauchte er. "Die ist kein Freiwild!"
"Hey ...!", schimpfte der Junge. "Man wird sie doch noch ansehen dürfen!"
"Aber nicht mit den Fingern!"
Ein Mädchen mit langen blonden Haaren schob den frechen Jungen zur Seite, baute sich vor Betty auf.
"Ich bin Susan!", stellte sie sich vor. "Eine alte Flamme von unserem Leader. Ich war ihm allerdings allzu polygam."
"Lass sie in Ruhe!", brummte Jack. "Aber gib ihr was zu trinken!"
"Magst du Cola?" Susan fingerte in einer Plastikkiste herum. "Oder Bier oder Whisky?"
"Cola!", entschied Betty. "Wenn es kalt ist."
"Darauf kannst du einen lassen. Es ist so kalt, das kannst du lutschen!"
Susan warf die Haare in den Nacken, angelte von der improvisierten Bar eine Dose, drückte sie Betty in die Hand. Jack wandte sich wieder seiner neuen Flamme zu. "Wie gefallen sie dir?" Er nickte zu den Jungs und Mädchen hin. Betty wiegte den Kopf. "Bis jetzt kann ich nicht klagen."
Jack entließ einen belustigt wirkenden Laut. "Susan ist zu Hause abgehauen", berichtete er. "Die Eltern suchen nicht mal nach ihr. Mutter säuft, der Alte vergnügt sich mit scharfen Bargirls. Was für Vorbilder ...! Elvis dagegen hat gar keine Alten mehr, und Frederik da drüben nur einen Vater, mit dem er sich einmal zu oft geprügelt hat. Björns Eltern sind beide in einer Entziehungsanstalt. Und so geht s weiter. Aber alles coole Kids. Keiner von denen lässt sich was anmerken. Du wirst noch sehen, was das alles für krasse Typen sind."
"Da pass ich ganz gut dazu ?"
"Wie, jetzt ...?"
"Nichts. Alles beste Sahne. Ich dachte nur laut."
Jack wurde von ein paar der Jungs zur Seite genommen. An seiner Statt kam Susan zurück zu Betty.
"Bist du von hier?", erkundigte sie sich.
"Nordstadt", antwortete das Mädchen. "Nahe beim Gymmy, wo der Tunnel entlang führt."
Susan öffnete den Mund zu einem lautlosen Ah .
"Wir sind erst vor kurzem hergezogen", fügte Betty hinzu. Mein Alter hat hier Arbeit gefunden."
"Der Glückliche!" Susan zog das Mädchen auf eine der Bierbänke. "Ich penne mal hier, mal da", erzählte sie ungeniert. "Zurzeit ist Blacky mein Stecher - das ist der finster wirkende Typ da drüben."
"Möchtegern-Rocker, was?"
"Tja, ein Warmduscher ist er nicht. Er lässt seine Depri zuweilen sogar an den Freunden aus. Das ist so, seit er in der Crew nur noch Statist spielt."
"Statist ...?"
Jack kam herüber, unterbrach Susans Antwort.
"Tut mir leid, Betty!", äußerte er beherrscht. "Wir haben ein paar Prob s, und ich muss mich unbedingt drum kümmern. Du bleibst doch noch. Oder?"
Betty zögerte. War Jack etwa der Boss hier? Nach einer Weile nickte sie jedoch entschlossen. Der Junge knuffte ihr freundschaftlich in die Rippen, wandte sich erneut der Party zu.
"Macht den Krawall leiser", verlangte er, "und hört mal alle her!"
Nach und nach verstummten die Gespräche. Aufmerksam schauten die Jungs und Mädchen zu ihm herüber.
"Ihr wisst alle von den abgefuckten Neuseeländern", begann der Junge. "Sie hausen seit ein paar Wochen in den Uraltvillen in der Nähe des Wohnheims."
Stimmen wurden laut, doch Jack sorgte mit einer Handbewegung für Ruhe.
"Bisher", fuhr er fort, "glaubten wir alle, die Arschlöcher würden den Schwanz einziehen und wieder abhauen, weil sie hier ja doch kein Bein auf den Boden kriegen. Aber nun ziehen diese Schwanzlutscher in echt solche Rennen auf, wie wir sie veranstalten."
Jack musste abermals die Zurufe unterbrechen.
"Sogar Revera", fuhr er fort, "fährt für die Nels. Die Schweinebacken graben uns langsam aber sicher das Wasser ab. Und sie ziehen ihre Rennen voll beschissen auf ungesperrten Straßen durch. Nicht lange, und die Cops vergessen ihre Zurückhaltung, und dann ist Schluss mit Moos und Kohle!"
"Eins über die Rübe!", kam es von den Zuhörern. "Sabotieren wir doch ihre Wagen!"
Jack deutete grimmig auf einen der Sprecher.
"Passt ihr lieber auf", sagte er trocken, "dass euch keine Bremsleitungen um die Ohren fliegen. Wir müssen uns vorsehen, sonst haben wir voll den Bandenkrieg am Hals, so wie die Narbengesichter aus dem Kosovo oder die Schlitzaugen drüben in China."
Erneut sorgte er für Ruhe. Dann richtete er sich bestimmend auf. "Wenn wir was gegen die Nels unternehmen", meinte er eindringlich, "dann muss es Hand und Fuß haben. Kein langes Rumscheißen. Rein, raus, Klinge abputzen. Es macht keinen Sinn, wenn uns die Cops wegen irgendwelcher Kinkerlitzchen festsetzen; von der Zelle aus können wir keine Rennen organisieren."
"Ja, schon", erklang es düster, "aber was tun?"
Jack schöpfte tief Atem.
"Heute Nacht", antwortete er, "veranstalten die Nels ein Rennen am Südrand der Stadt, in der Nähe der Autobahn. Wir sollten uns diese Saftsäcke und ihre Funktionäre mal genauer anschauen. Komplett mit Fotos und Suche über Computer und so. Ich will wissen wer sie sind, wo sie wohnen und all die Sachen. Wenn wir das haben, dann können wir beraten, was wir mit den Schwanzlutschern anfangen. No Time! Wir haben keine Zeit zu verlieren."
Die restlichen Worte gingen im Trubel unter. Der Recorder verstummte ganz, die Lampions gingen aus, der Grill klapperte, die Bar klingelte. Dann war Stille.
Jack hatte die Crew ganz schön im Griff. Ob er tatsächlich und echt der Big Boss war?
"Elvis und Susan fahren mit mir!", bestimmte der Junge. "Der Rest scheucht die anderen von den Matratzen. Wir treffen uns um halb zwölf unter der Autobahnbrücke im Süden. Noch Fragen?"
Wortlos begann sich der Haufen aufzulösen. Jack wandte sich an seine neue Flamme.
"Geht nicht anders", entschuldigte er sich bei Betty. "Aber du kannst mitkommen, ehe ich dich nach Hause bringe. Ich meine, wenn du nichts dagegen hast."
Sie hob die Schultern, nickte schließlich ergeben.
"Dann los!", drängte er. "Es wird eine lange Nacht."


Hier endet die Vorschau!
Legen Sie sich deshalb das Buch gleich in den Warenkorb oder bestellen Sie es bei Amazon als Ebook für Ihren Kindl.