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Aus dem Buch: Die andere Frau
 
Tag eins

1

... Mein Handy vibriert auf dem Tisch. Die Nummer sagt mir nichts.
"Ist da Professor O Loughlin?", fragt eine Frau.
"Ja."
"Hier ist das St. Mary s Hospital in Paddington. Ihr Vater, William O Loughlin, wurde mit schweren Kopfverletzungen bei uns eingeliefert."
"Kopfverletzungen."
"Er ist vor sechs Stunden operiert worden."
"Operiert. "
"Um den Hirndruck zu entlasten. Er hatte innere Blutungen. Im Moment ist er in einem künstlichen Koma."
"Koma."
Warum wiederhole ich alles, was sie sagt?
In dem Café gibt es ein Regal mit Bonsai, Miniaturbäume mit knorrigen Stämmen und moosbedeckten Ästen. Ich ertappe mich dabei, diesen geschrumpften Wald anzustarren, ohne zu hören, was die Ärztin sagt. Meine Knie zittern.
"Sind Sie noch da, Professor?"
"Ja. Entschuldigen Sie. Was hat mein Vater in London gemacht?"
Welchen Unterschied macht das?
"Diese Information liegt mir nicht vor", antwortet die Ärztin.
Natürlich nicht! Es ist eine dumme Frage.
"Weiß meine Mutter Bescheid?"
"Sie ist jetzt bei ihm."
"Kann ich mit ihr sprechen?"
"Auf der Intensivstation sind keine Mobiltelefone erlaubt."
"Verstehe. Sagen Sie ihr, ich komme."
Ich beende das Gespräch und starre auf den leeren Bildschirm. Ich sollte meine Schwestern anrufen. Nein, das wird Mum schon erledigt haben. Ich sollte ein Taxi nehmen. Emma ist zu Hause. Ich soll sie zur Schule bringen, und danach habe ich Patienten. Meine Termine kann ich absagen.
Victoria sucht ihr Portemonnaie. "Geh nur. Ruf mich später an."
Kurz darauf bin ich auf dem Bürgersteig und halte Ausschau nach einem Taxi. Drei fahren an mir vorbei. Besetzt. Ich jogge los und versuche verzweifelt, den linken Fuß zu heben und die Arme abwechselnd pendeln zu lassen. Auf der Euston Road staut sich der Verkehr. Ich durchquere den Regent s Park und laufe den Primrose Hill hinauf. Meine Lunge schmerzt, und in meinen Beinen bildet sich Milchsäure.
Nachdem ich die Treppe im Wellington Court hinaufgestiegen bin, stehe ich kurz vor einem Kollaps.
"Bist du den ganzen Weg gerannt?", fragt Emma, die in ihrer Schuluniform - gestreiftes Kleid, rote Strickjacke, schwarze Strumpfhose und Schnallenschuhe - auf der Küchenbank sitzt.
"Granddad ... im Krankenhaus ... ich muss los."
"Was ist passiert?"
"Irgendein Unfall. Ich muss duschen."
"Wird er wieder gesund?"
"Er ist in guten Händen."
Emma folgt mir den Flur hinunter. "Im Krankenhaus passieren schlimme Sachen."
"Was soll das heißen?"
"Menschen sterben." Sie hat die Mundwinkel heruntergezogen, und ihre grüngrauen Augen leuchten.
"Nicht immer. Die meisten werden wieder gesund", sage ich, wohl wissend, dass meine Worte für jemanden, der seine Mutter verloren hat, hohl klingen müssen.
"Ich will nicht, dass du gehst", sagt sie.
"Mir wird nichts passieren."
"Dann lass mich wenigstens mitkommen."
"Du musst in die Schule."
"Und wer bringt mich?"
"Ich rede mit den Jungs."
Die Jungs sind Männer - Duncan und Arturo ?, ein schwules Paar, das eine Etage unter uns wohnt. Der eine arbeitet in der Werbung, der andere führt eine Kunstgalerie in Islington. Nachdem ich geduscht und mich umgezogen habe, klopfe ich an ihre Tür. Duncan macht auf. Er trägt einen Bademantel, der gerade lang genug ist, seine Oberschenkel zu streifen.
"Joseph", sagt er begeistert und küsst mich auf beide Wangen. Ich beuge mich ein wenig vor, um jeden Unterleibskontakt zu vermeiden.
"Mein Dad ist im Krankenhaus. Kann einer von euch Emma zur Schule bringen?"
Duncan gibt die Nachricht über die Schulter an Arturo weiter, der aus der Küche ruft: "Ich kann sie hinten auf dem Fahrrad mitnehmen."
Ich will Nein sagen. Das übernimmt Duncan für mich.
"Du nimmst sie nicht auf dem Fahrrad mit. Du fährst wie ein Irrer."
"Ich habe einen Kursus in sicherem Fahren gemacht."
"Bei Evel Knievel."
Ich habe einen häuslichen Streit ausgelöst. Duncan scheucht mich mit einem Winken fort. "Geh schon, ich bring sie zu Fuß. Ich hoffe, dein Vater wird wieder gesund."
Ein paar Minuten später sitze ich in einem Taxi, das im Verkehr auf der Edgware Road feststeckt, und lausche den Anrufern einer Talksendung im Radio, die sich über den Brexit,
"Fake News", Einwanderer und niedrige Löhne beschweren. Ich bin der Politik und des aktuellen Tagesgeschehens überdrüssig. Ich will nicht von Journalisten informiert und nicht von Politikern egal welcher Überzeugung regiert werden. Die Demokratie hat versagt. Versuchen wir es mit einer gütigen Diktatur.
Mein Vater liegt im Koma. Er ist dieses Jahr achtzig geworden, und ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals im Krankenhaus war - nicht als Patient. Vor langer Zeit habe ich ihm wegen seiner unerschöpflichen Energie und seinem unvergleichlichen Selbstbewusstsein den Beinamen "Gottes Leibarzt im Wartestand" gegeben. Mehr als fünfzig Jahre lang war er ein medizinischer Riese - Professor für Chirurgie und Gesundheitswissenschaft; Berater von Regierungen; Gründer des Internationalen Traumaforschungszentrums, Vortragsredner, Autor, Kommentator und Philanthrop. Unsere wohltätige Familienstiftung - die O Loughlin Foundation - vergibt jedes Jahr Stipendien in Höhe von mehreren Millionen Pfund.
Ich habe Dad vor zwei Wochen gesehen, als wir in seinem Club in Mayfair zu Mittag gegessen haben; zwei durchaus angenehme Stunden auf die Art zweier traditioneller Gentlemen im Tweedjackett, die sich den Portwein anreichen. Ich weiß nicht mehr, worüber wir gesprochen haben. Er sah gut aus. Glücklich. Er verbringt die meiste Zeit in seinem Farmhaus in Wales, kommt aber ziemlich regelmäßig zu Sitzungen und Vorträgen nach London.
Das Taxi hält vor dem St. Mary s Hospital, und ich eile an einer Gruppe Krankenschwestern und Pflegern vorbei, die auf dem Bürgersteig rauchen. Die Haupttrauma-Station ist im neunten Stock. Während ich auf den Fahrstuhl warte, steigt mir der Krankenhausgeruch von Desinfektionsmitteln, Bohnerwachs und Körperflüssigkeiten in die Nase. Erinnerungen blubbern an die Oberfläche und verbrennen meinen Hals. Ich schlucke sie hart wieder hinunter und schmecke Erbrochenes. Ich drücke auf die Klingel vor der Intensivstation. Eine Krankenschwester öffnet und zieht die schwere Tür mit einem
Sauggeräusch auf, als würde sie eine Luftschleuse öffnen.
"Mein Vater ist hier. William O Loughlin. Meine Mutter ist bei ihm."
Ihr Lächeln ist aufmunternd. Ich frage mich, wie lange sie es geübt hat.
"Bitte waschen Sie sich die Hände", sagt sie und weist auf ein Waschbecken mit antibakterieller Seife und Papierhandtüchern. Ich folge ihr durch die lange, schwach beleuchtete Station, vorbei an Reihen von Betten, die durch Apparate und Vorhänge voneinander getrennt sind. Jeder Lichtkreis umhüllt einen Menschen, der dem Tod nahe ist, verstöpselt, verklebt, gefüllt und entleert, beatmet und ausgepumpt, medikamentiert und sediert.
"Er liegt in der letzten Kabine", sagt die Schwester. "Bitte versuchen Sie, ihn nicht zu wecken."
Ich trete zögernd näher, werfe einen ersten flüchtigen Blick auf den gebrochenen Mann, der in dem Bett liegt, gefesselt mit Schläuchen und Kabeln. Sein Kopf ist dick bandagiert. Auf seinem Mund liegt eine Sauerstoffmaske. Über seinem Kopf hängen Infusionsbeutel. Kanülen sind gesetzt worden. Sensoren überwachen seine Lebenszeichen.
Ich will mich umdrehen und sagen: "Das ist nicht mein Vater. Das muss ein Irrtum sein." Aber ich weiß, dass er es ist. Neben seinem Bett sitzt halb im Schatten eine Frau. Sie blickt auf, als hätte ich sie überrascht. Ihre Augen sind rot gerändert und geschwollen.
Sie lässt Dads Hand los und steht auf.
"Joseph, nicht wahr?" Ich nicke.
"Ich wollte nicht, dass wir uns so kennen lernen."
"Ich verstehe nicht. Wo ist meine Mutter?"
"Sie ist nicht hier."
"Aber man hat mir gesagt ..."
"Ich habe das Krankenhaus gebeten, dich anzurufen."
"Verzeihung, aber wer sind Sie?"
"Ich bin seine andere Frau."

2

Wie lange stehe ich da, unfähig, etwas zu sagen? Ich lache unangenehm berührt, was für sie das Stichwort sein sollte zu sagen, dass es ein Scherz war. Sie lässt den Moment verstreichen. Ich komme mir schwach vor, beschämt und werde zunehmend wütend über ihr Schweigen. Was für ein grausamer Witz ist das? Wo sind die versteckten Kameras? Wann springt irgendjemand aus der Kulisse und ruft "April, April!"? Nur dass wir November und nicht April haben und man mich nicht so leicht zum Narren hält, glaube ich.
Der bandagierte Mann ist mein Vater. Die Frau neben ihm ist nicht meine Mutter.
"Ich bin Olivia Blackmore", sagt sie und hält mir die Hand hin.
Ich betrachte ihre ausgestreckten Finger, als ob sie eine Waffe auf mich richten würde.
"Ich glaube, Sie haben sich geirrt", sage ich. "Woher haben Sie meine Nummer?"
"William hat mir erklärt, wenn so etwas passiert, sollte ich dich als Ersten anrufen."
"Wie, ?so etwas??"
"Ein Unfall oder etwas anderes Schlimmes."
Sie ist Mitte vierzig mit dunklem Haar und Spuren von Make-up. Sie hat einen leichten Akzent, osteuropäisch vielleicht, der mit der Zeit verblasst ist. Sie trägt hochhackige Schuhe, eine dunkle Strumpfhose und einen locker mit einem Gürtel zugebundenen Trenchcoat.
"Man hat mir gesagt, meine Mutter sei hier ..."
"Die Krankenschwester hat mich missverstanden."
Ich suche vergeblich nach Worten. "Kommt meine Mutter?"
"Nein."
Ich setze neu an. "Was ist ihm zugestoßen?"
"Ich habe ihn am Fuß der Treppe gefunden."
"Welche Treppe?"
"Im Haus."
"In wessen Haus?"
"In unserem."
"Wer sind Sie?"
"Ich bin seine Frau."
"Er ist schon verheiratet."
"Seine andere Frau."
"Sind Sie seine Geliebte?"
"Nein."
Es ist eine alberne Unterhaltung. Ich möchte mich bremsen. Wieso rede ich überhaupt mit ihr? Sie ist offensichtlich verrückt. Wie ist sie an der Sicherheitskontrolle vorbeigekommen? Ich versuche es erneut. "Er kann nur eine Frau haben. Wollen Sie behaupten, er wäre ein Bigamist?"
Olivia schüttelt den Kopf. "Es tut mir leid, Joseph. Ich drücke mich nicht sehr klar aus. Ich weiß, dass das ein Schock für dich sein muss. Dein Vater, William, hat mir ein Versprechen gegeben. Wir haben auf Bali geheiratet. Es war eine buddhistische Zeremonie."
"Er war noch nie auf Bali."
"Du irrst dich."
"Er ist kein Buddhist."
"Nein", erwidert sie, "aber ich."
Diesen Moment wählt mein Körper, um zu erstarren. Das macht er manchmal - blockiert oder verkrampft total, als würde ich Stopptanzen spielen und jemand hätte die Musik ausgeschaltet.
"Brauchst du deine Tabletten?"
Woher weiß sie das?
"Ich kann dir Wasser holen." Sie berührt meinen Unterarm.
"Nein!", fauche ich und wische ihre Hand weg. Mein Körper reagiert also wieder.
Olivia macht einen Schritt zurück, als hätte sie plötzlich Angst vor mir. Sie setzt sich wieder auf den Stuhl und will Dads Hand ergreifen.
"Ich möchte nicht, dass Sie ihn anfassen."
"Verzeihung?"
"Nehmen Sie Ihre Hände weg oder ich rufe die Polizei."
"Nur zu."
Mir kommt der Gedanke, dass niemand meine Mutter benachrichtigt hat. Ich ziehe mein Handy aus der Tasche.
"Das darf man hier drinnen nicht", sagt Olivia und zeigt auf ein Schild. "Dafür musst du rausgehen."
Ich trete näher ans Bett und flüstere wütend: "Ich weiß nicht, wer Sie sind oder warum Sie hier sind, aber mein Vater und meine Mutter sind seit sechzig Jahren verheiratet. Er hat keine ?anderen Frauen?."
"Nur mich", sagt sie leise.
"Ich möchte, dass Sie gehen", sage ich wütend auf sie.
"Bitte, werde nicht laut."
"Ich mache, was mir verdammt noch mal gefällt."
Eine Krankenschwester der Intensivstation ist von unserem Streit angelockt worden. Sie ist hübsch mit einem runden Gesicht und Dreadlocks. Sie fordert uns beide auf, leiser zu sein.
"Diese Frau ist nicht meine Mutter", sage ich. "Ich will, dass sie hier verschwindet."
Die Frau sieht Olivia argwöhnisch an. "Ist das wahr?"
"Nein, ich bin seine Ehefrau."
"Ich habe sie nie zuvor gesehen", erkläre ich. "Ich will, dass sie hier verschwindet."
"Ich weiß, du bist erregt, Joseph, aber bitte tu das nicht", fleht Olivia. "Geh und ruf deine Mutter an. Ich bleibe hier bei William."
Ihr Trenchcoat hat sich geöffnet. Darunter trägt sie ein grünes Cocktailkleid mit dunkleren Flecken.
"Ist das Blut?"
Sie schließt den Mantel wieder. "Ich habe ihn gefunden. Er lag am Fuß der Treppe."
"Wo?"
"Das habe ich doch schon gesagt. In dem Haus in Chiswick. Dort leben wir."
Ich schüttele den Kopf. "Nein! Nein! Nein!"
"Ich sage die Wahrheit."
"Sie leiden unter Wahnvorstellungen."
Die Krankenschwester reicht es. "Ich möchte, dass Sie beide gehen."
"Jemand muss bei ihm bleiben", sagt Olivia und blickt zu Dad.
"Nein! Alle beide raus hier."
Sie wird sich nicht umstimmen lassen.
Olivia nimmt ihre Handtasche unter dem Stuhl. Ich warte, dass sie vor mir geht, damit sie nicht irgendwelche Tricks versuchen kann. Ich weiß nicht, was ich erwarte - sie könnte die Apparate sabotieren oder Dad mit einem Kissen ersticken ...


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