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Aus dem Buch: Im Bann der Dämonen
 
Dr. Krisnov nahm auf seinem Sessel Platz und deutete auf den freien Platz des Sessels, der ihm direkt gegenüberstand.
"Nehmen Sie doch Platz, Herr ...", er schaute auf sein Klemmbrett, dessen oberstes Blatt noch leer war - von dem Namen abgesehen, der in der ersten Zeile stand und doppelt unterstrichen war, "? Grosno. Spreche ich den Namen richtig aus?"
Sein Gast reagierte nicht. Erst als er langsam um den Sessel herumgekommen war und sich hingesetzt hatte, nickte er bestätigend. Krisnov sah ihn genauer an; er machte keinen Hehl daraus und versuchte nicht, seine neugierigen Blicke zu tarnen, das hatte er nicht nötig - immerhin sollten sich seine Patienten öffnen, ihm alles anvertrauen, was ihnen auf der Seele lastete.
Was er sah, notierte der Doktor sich sofort.
Haare schwarz, früher bestimmt gut gepflegt, jetzt fettig, ungekämmt, lange nicht mehr gewaschen
- Kürzlich eingetretenes Ereignis?
- Unrasiert, Zähne ungeputzt aber gesund, siehe oben
- Sonnenbrille
- Kleidung elegant, aber auch nicht frisch, abgetragen
- Fingernägel nicht geschnitten, abgekaut
- Stress?
"Wollen Sie die Sonnenbrille nicht abnehmen, es spricht sich doch viel besser, wenn man die Augen ..."
Der Mann schüttelte energisch den Kopf.
"Nun gut." Krisnov schob sich die Brille ein wenig weiter die Nase hoch, dann räusperte er sich. "Also, was kann ich für Sie tun?"
Der Mann reagierte wieder nicht; Krisnov ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Wahrscheinlich prügelten sich gerade die heilen Bereiche mit den kaputten Bereichen seines Gehirns herum.
Es ging wahrscheinlich darum, wer in diesem Gespräch die dominante Rolle spielen sollte. Da war es ganz normal, dass eine Reaktion etwas auf sich warten ließ; manchmal auch länger ... Sehr viel länger.
"Ich verstehe", meinte Krisnov. "Sie wollen also, dass ich Ihnen sage, was ich für Sie tun kann?"
Keine Reaktion. Der Psychiater lächelte. Grosnos Gesicht blieb jedoch immer noch ausdruckslos.
- Keine Reaktion auf Fragen
- Störung des Sozialverhaltens?
- Übertriebene Schüchternheit?
- Mangelndes Selbstbewusstsein?
Jetzt rührte sich Grosno. Er kramte in seiner Jackentasche herum und holte ein vollgeschriebenes Blatt Papier heraus, das er dem Doktor entgegenhielt.
Dieser runzelte die Stirn. "Okay ...", murmelte er dann, stand auf und nahm das Blatt mit einem Nicken entgegen. Dann setzte er sich wieder.
"Ähm ... Was ist das?" Krisnov schaute stirnrunzelnd auf das Papier. Er wusste nicht, was er damit anfangen sollte. Auf beiden Seiten des Blattes standen merkwürdige Zeichen, die wohl so etwas wie eine Schrift darstellen mochten, doch Krisnov konnte das Gekrakel nicht entziffern.
"Ist das irgendeine keltische Runensprache?"
Grosnos Augenbrauen bewegten sich fragend.
Krisnov sah sich die Schrift erneut an. Sie war in roter Farbe geschrieben. War das ... Blut?
Der Doktor schluckte ein wenig; so einer also.
"Hören Sie", brummte er, "ich weiß nicht, was Sie sich von einer Sitzung bei mir versprechen, aber ich kann Ihnen versichern, dass Sie nicht finden werden, was Sie suchen. Für irgendwelche kranken Satanisten - oder was auch immer Sie darzustellen glauben - ist mir meine Zeit zu schade, und zwar eindeutig. Deswegen würde ich vorschlagen, dass Sie diesen Raum jetzt verlassen. Und zwar auf der Stelle."
Grosno schüttelte den Kopf.
"Was wollen Sie?" Der Doktor schien ernstlich verärgert.
Grosno zeigte jedoch bloß auf das Blatt.
"Ich verstehe nicht, was das ist", knurrte Krisnov ungeduldig und wedelte mit dem Papier in der Luft herum. "Ich kann Ihnen nicht helfen, wenn Sie mir nicht sagen, wo genau Ihre Probleme liegen."
Grosno stand auf, kam auf ihn zu und entriss ihm das Blatt wieder. Er setzte sich zurück auf den Sessel. Ein paar Sekunden schaute er auf die merkwürdige Schrift. Dann stöhnte er: "Verdammt; schon wieder! Wie blöde kann man sein ...?"
Krisnovs Haare schienen sich aufzustellen und ein kalter Schauer rieselte ihm über den Rücken. Seine Glieder schienen zu erlahmen und taub zu werden. Sein Herz aber begann zu rasen, seine Pupillen weiteten sich. Angstschweiß trat ihm auf die Stirn.
Diese Stimme. Stimme? Eher: Stimmen. Hohe Stimmen, tiefe Stimmen, Stimmen in mittlerer Lage, begleitet von einem steten Geräusch, das wie rasselnder Atem klang.
"Oh ...", kam es vielstimmig von Grosno, "haben Sie keine Angst, Doktor, ich tue Ihnen nichts. Ich dachte nur, wir könnten das regeln, ohne die Situation auf unnötige Weise zu erschweren."
Krisnov war immer noch erstarrt. "Was ..."
"Es ist alles gut", antwortete der Fremde. "Ich habe meinen Körper gefunden, Sie müssen sich nur darum kümmern, dass ich mich hier drin wohlfühle, dann bin ich auch schon wieder verschwunden."
"Wie bitte ...?"
"Ist nichts dabei", sagte der Vielstimmige. "Sie müssen ihm nichts tun, ihm nicht die Kehle durchschneiden und sein Blut auf einem Kreidekreis verteilen oder so - das wäre zwar ein idealer Snack für zwischendurch ... aber wir haben Besseres zu tun. Sie müssen mir nur zuhören."
"Was soll das?" Der Doktor erhob sich wütend. "Glauben Sie, ich falle auf Ihre albernen Spezialeffekte herein?"
Er tat einen Schritt auf seinen Patienten zu ehe er fortfuhr:
"Ich habe schon so viel gesehen, sehr dreiste Menschen, sehr kranke Menschen, Menschen, die von beidem etwas hatten.
Sie gehören eindeutig zu Ersteren, und zwar mit einer gehörigen Portion schlechtem Humor. Und ich kann schlechten Humor nicht ausstehen, also verschwinden Sie, bevor ich Sie persönlich mit dem Arsch voran durch die Tür trete."
Grosno verzog das Gesicht zu einem fiesen Lächeln.
"Glauben Sie wirklich, dass Sie das können? ... nun gut."
Irgendetwas packte Krisnov und zerrte ihn hoch. Erschrocken schaute er sich um. Nichts zu sehen. Irgendwas drückte jedoch seine Schultern schmerzhaft nieder und er sank in den Sessel zurück.
Der Fremde rührte sich. "Hören Sie mir zu, Doktor ..."
"Nein, Sie hören mir zu." Krisnov war nicht bereit, sich zum Narren halten zu lassen. "Versuchen Sie Ihre Tricks bei jemand anders, ich bin vollständig immun gegen derartige ..."
Grosno schob seine Sonnenbrille auf die Stirn.
Abermals erschrak Krisnov. "Großer Gott ...!"
"? der kann Ihnen auch nicht helfen."
"Ihre Augen ..."
"Ach, die? Die sind immer so." Krisnov starrte in Grosnos Gesicht. Der Kerl trug Augen zur Schau, wie sie der Doktor noch nie gesehen hatte; und auf seinen Reisen hatte er schon einiges gesehen. Aber der Typ hatte schwarze Augen, schwarz wie die finsterste Nacht, aber gleichzeitig loderte etwas darin wie das tiefste Höllenfeuer. In dieser flammenden Finsternis vermeinte Krisnov, Pupillen zu erkennen, die - gleich denen eines Krokodils - zu schmalen Schlitzen verengt waren. Auch die Sklera war nicht weiß wie beim Menschen, sondern ebenfalls in Finsternis getaucht, durchzogen von Flammen.
Diese Augen sprachen in einer Sprache, die Krisnov nicht verstehen konnte. Diese Augen pflanzten ihm Gedanken in den Schädel, die er nicht denken wollte. Diese Augen zeigten ihm Dinge, die er nicht wirklich sehen wollte. Krisnov sank im Sessel zusammen. Als er die Augen wieder öffnete, blickte er in die entspiegelten Gläser einer Sonnenbrille.
Grosno stand über ihm. "Warum werdet Ihr Menschen ohnmächtig, wenn ihr etwas seht, das ihr nicht versteht?"
Der Doktor richtete sich auf. Offensichtlich war er aus dem Sessel gerutscht und zu Boden gefallen. Sein Gegenüber hatte es nicht für nötig gehalten, ihm helfend die Hand zu reichen. Mühsam erhob er sich. "Dass ich es nicht verstehe, würde ich nicht sagen", behauptete er heiser. "Eher, dass ich es sehr beängstigend empfinde."
Grosno zeigte ihm die ungeputzten Zähne. "So, so? Hatten Sie denn schon mal mit einem von uns zu tun?"
Krisnov schüttelte zögerlich den Kopf, setzte sich wieder, atmete tief durch und nahm einen Schluck Wasser. "Das nicht", gab er zu, "aber ich habe natürlich Geschichten gehört; Geschichten, die Ähnliches beschreiben wie das, was ich gerade erlebt habe."
Grosno runzelte die Stirn. "Und jetzt glauben Sie diese Geschichten?"
Krisnov versuchte zu lächeln. Er wollte sich unbedingt gelassen geben, was sehr schwer war, angesichts der Situation, in der er sich gerade befand. Wahrscheinlich litt er unter einem Schock.
"Nein!", berichtigte er den Fremden. "Nicht wirklich. Es könnte sogar sein, dass ich bewusstlos bin und nur träume oder halluziniere."
Der Fremde schaute ihn an. SIEHT DAS FÜR SIE NACH EINER HALLUZINATION AUS?
Es war diese ekelhafte, erschreckende Stimme, die furchtbar laut in Krisnovs Schädel dröhnte. Er rutschte aus dem Sessel, fiel auf die Knie nieder und presste die Hände auf die Ohren.
Grosnos Körper stand immer noch völlig reglos da, während das Licht im Zimmer mit einem Mal erlosch. Die Fenster sprangen auf, die Jalousien ratterten rauf und runter und Krisnov wälzte sich entsetzt über den Boden. Die teuren Sessel stürzten um, der massive Schreibtisch flog an die gegenüberliegende Wand. Stifte, Klammern, Papier, alles sauste durch den Raum. Die Tür schlug auf und zu, sämtliche Bilder krachten auf den Boden und die Gläser im Sideboard zersplitterten.
Krisnov öffnete den Mund, aber er hörte sich nicht schreien. Etwas rauschte über seinen Kopf hinweg. Etwas packte seine Beine und er kopfüber wurde er nach oben gezogen. Panisch und wie verrückt zappelte er.
Plötzlich fühlte er sich losgelassen. Er stürzte. Sein Kopf schlug hart auf dem Boden auf und er sah sprichwörtliche Sternchen.
Das Licht ging an. Alles schien wieder ganz normal: Die Bilder hingen an der Wand, wenn auch mit zersplittertem Glas. Die Sessel standen aufrecht, der Schreibtisch war an seinen alten Platz zurückgekehrt und schien - abgesehen von ein paar Schrammen - heil geblieben zu sein.
Der Psychiater keuchte schwer, als er sich an der Sessellehne aufstützte. Grosno stand mit hinter dem Rücken verschränkten Armen vor ihm. "Nun?"
Krisnov antwortete nicht sofort. Er konnte nicht antworten. Das Erlebte war eindeutig zu viel für ihn; zu viel für einen einzelnen Menschen.
"Was ...", keuchte er, "was wollen Sie von mir?" Am besten nicht weiter reizen, dachte er, nicht weiter herausfordern.
"Ich will, dass Sie mir helfen."
Krisnov kroch in die Sitzmulde des Sessels zurück. Seine Brille hatte er irgendwo verloren. Er brauchte sie hier nicht; es machte ohnehin keinen Sinn, sich weiterhin Notizen zu machen.
"Wie könnte ich Ihnen denn helfen ...?"
Grosno setzte sich ebenfalls und schlug die Beine übereinander. "Es ist ganz einfach", erläuterte er grimmig. "Ich lebe jetzt schon seit dreieinhalb Jahren in diesem Körper. Er ist mein Rückzugsort, wenn ich in einem Refugium nicht mehr bleiben kann und gehen muss. Verlasse ich ihn jedoch, ist er nicht untätig, er kümmert sich sehr gewissenhaft um meinen Haushalt."
"Sie meinen, um seinen Haushalt." Krisnov biss sich hastig auf die Zunge.
"Das", meinte der Fremde, "hängt allein vom Blickwinkel des Betrachters ab. Da ich ihn besetzt und eindeutig eine gewisse Kontrolle über ihn habe, sollte es da nicht so sein, dass ich auch das Sagen über seinen Besitz habe?"
Krisnov hob die Schultern, nickte aber schließlich zustimmend. Er hatte das Gefühl, seine Haare würden sich so stark sträuben, dass sie irgendwann ausfallen mochten.
"Nun", fuhr Grosno fort, "seit einem Jahr ungefähr fühle ich mich einfach nicht mehr wohl in meiner Haut. Ständig beschwert er sich, sobald ich zurückkomme."
Er wippte mit dem Fuß ehe er fortfuhr:
"Neulich zum Beispiel habe ich ein Pärchen im Auto gegen einen Baum fahren lassen; das ist ein irrer Spaß, kann ich Ihnen sagen. Danach kam ich, wie immer, zurück zu ihm und kaum, dass ich die Tür aufmache, fängt er an, mit Lavendel, Salz und Rosenkränzen um sich zu werfen. Ich so: ?Mann, was soll das? und er so: ?Hau ab! Bleib weg, ich will dich nicht mehr in mir haben?."
Er stellte einen entrüstet wirkenden Gesichtsausdruck zur Schau, ehe er weitersprach: "Stellen Sie sich nur mal vor, wie ich mich dabei gefühlt habe, Doktor, das brennt - sowohl emotional als auch materiell!"
Krisnov wartete, auf das, was da noch kommen könnte.
"Wenn ich in ihm bin", fuhr Grosno fort, "tue ich ihm nie etwas an, ich kontrolliere bloß seinen Körper, bin aber sehr vorsichtig, was ihn betrifft. Ich habe mich immer um ihn gesorgt und er hat perfekt ausgesehen."
Er starrte an sich hinab. "Und nun sehen Sie ihn sich jetzt einmal an: Dreckig, heruntergekommen, eine einzige Schande!"
Krisnov nickte so als würde er verstehen.
"Aber er weigert sich", beschwerte sich Grosno weiter, "in meiner Abwesenheit zu duschen und sich die Zähne zu putzen und das alles. Wenn ich mal wieder da bin, habe ich inzwischen einfach nicht mehr die Zeit und die Kraft, das auch noch für ihn zu übernehmen. Meiner Meinung nach fällt das eindeutig in seinen Aufgabenbereich."
Wieder nickte Krisnov; und der Fremde sprach weiter:
"Dass er sich dagegen wehrt, geht mir gehörig auf die Nerven. Ich kann mich einfach nicht auf ihn verlassen. Das kränkt mich kolossal nach so langer Zeit. Verstehen Sie? Ich dachte, wir wären so etwas wie Freunde. Kameraden, die einander trauen könnten. Aber nein, er enttäuscht und verrät mich auf schändliche Art und Weise."
Krisnovs Augenbrauen waren immer höher gewandert. Im Augenblick machte er sich keine Sorgen um sich selbst. Er war von dem eklatanten Egoismus des Dämons zutiefst erschüttert. Dass Grosno überhaupt Beziehungsprobleme haben könnte, hätte er nie im Leben vermutet. Dieser Dämon war echt krank, und er ging tatsächlich davon aus, dass er, Krisnov, seine makabre Beziehung retten könne; zu seinen Gunsten natürlich.
Klar hatte er als Psychiater keine Ahnung von Dämonen-Mensch-Beziehungen. Aber er hatte auch nicht den leisesten Dunst, wie er dem Despoten schonend eine humanere Weltanschauung beibringen könnte. Vor allem, da es ihm jeden Augenblick selber an den Kragen gehen konnte.
"Hmm", machte er deshalb und gab ganz den Therapeuten, "Könnte ich vielleicht mit ihrem ... Freund sprechen?"
Grosno runzelte die Stirn. "Wozu?"
Krisnov legte demonstrativ die Fingerkuppen aneinander, während sein Herz raste.
"Na ja", meinte er dann jovial, "es wäre vielleicht hilfreich, wenn ich beide Seiten anhören könnte, um eine Lösung zu finden, die Sie beide zufriedenstellt."
Grosno schien zu überlegen. "Na, gut ...", meinte er dann. "Lassen wir?s draufankommen!"
Sein Körper richtete sich auf und sank schließlich in sich zusammen. Die Augen hielt er geschlossen.
Ein paar Sekunden passierte gar nichts. Dann schoss der Körper plötzlich empor. Der Mann riss die Augen weit auf und sog rasselnd und tief die Luft in die Lungen. "Scheiße, wo ist er?"
Die Stimme war nun die eines Menschen. Auch die Augen waren die eines Menschen. Offenbar hatte Krisnov wirklich einen Menschen vor sich.
"Herr Grosno?", fragte er dann. "Sind Sie noch hier?"
Das Licht flackerte. Aber der Mann schien in Panik.
"Oh, Scheiße, Scheiße ... Helfen Sie mir!", flehte er.
Vor Krisnov fiel er auf die Knie.
"Ich weiß, er tut schlimme Dinge, selbst wenn er in mir drin ist. Aber ich kann ihn nicht hindern. Es ist so, als würde ich zuschauen, wie mein Körper ... Dinge tut. Aber ich tue sie nicht! Lauben Sie mir. Sie müssen mir helfen!"
Nun, Krisnov konnte ihm nicht helfen; er schwebte ja selbst in Lebensgefahr. Außerdem war er kein Heiliger. Er war durchaus kein netter Mensch, das wusste er selber sehr genau. Wenn es sein musste, hätte er jedem noch so verzweifelten Bettler die Tür vor der Nase zugeschlagen. Er hätte sich immer selbst gerettet, wenn er die Wahl gehabt hätte, jemand anderen dafür zu opfern.
Er fasste einen Entschluss und beugte sich vor. "Hören Sie Herr Grosno", sagte er eindringlich. "Ihr Mitbewohner hat mich darüber informiert, dass Ihre Partnerschaft nicht mehr so ganz harmoniert. Er sagt, Sie vernachlässigen etliche Faktoren, die ihm enorm am Herzen liegen. Was meinen Sie dazu?"
Der Mann schien entsetzt. In seinem Gesicht arbeitete es. Er brauchte Augenblicke, um die Sprache wiederzufinden.
"Was ...?", keuchte er dann. "Partnerschaft? Was soll der Scheiß? Dieser Mistkerl besetzt mich regelmäßig, macht mit mir, was er will, und wenn ich mich ihm widersetze, reißt er mir den Kopf ab!"
Krisnov legte dem Erregten die Hand auf den Arm. "So beruhigen Sie sich doch ...!"
"Wenn er mich verlässt", berichtete der Unglückliche, "dann habe ich kaum noch die Kraft, klar zu denken, weil alles in meinem Kopf schmerzt wie die Hölle! Haben Sie eine Ahnung, wie sich das anfühlt?"
Krisnov konnte nur den Kopf schütteln. Dann raffte er sich auf. "Es geht hier auch nicht um mich, lieber Mann", äußerte er reichlich überheblich. "Es geht um Sie beide.
Vielleicht sollten Sie etwas toleranter mit ihm umgehen? Ihn akzeptieren? Sie haben doch ohnehin keine Möglichkeit, ihn loszuwerden. Warum finden Sie sich also nicht mit dem eigenen Schicksal ab und machen das Beste daraus?"
Ungläubig sperrte der Überwältigte den Mund auf. Er schien völlig fertig mit den Nerven. "Wie ...", stotterte er. "Wie können Sie so etwas sagen? Sie wissen doch nicht das Geringste! Im Gegenteil: Sie haben einen echten Knall! Ich muss hier weg?"
Unvermittelt registrierte der Doktor, wie die Tür aufgerissen und wieder zugeworfen wurde, woraufhin das Schloss deutlich klickte. "Ich glaube", äußerte er in der Folge leise, "Grosno möchte nicht, dass Sie uns verlassen."
Fassungslos starrte ihn sein Gegenüber an. Aber Krisnov wusste wirklich nicht, was er im Augenblick tun sollte. Er steckte ja selbst bis zum Hals im Schlamassel.
Tatenlos verfolgte er, wie der entsetzte Mann aufsprang, mit der Schulter gegen die Tür rannte und heftig an der Klinke rüttelte. Verzweifelt schlug er mit den Fäusten gegen das Türblatt. Dabei brüllte er sich fast die Seele aus dem Leib.
Erschöpft sackte er schließlich in sich zusammen und flüsterte: "Ich kann einfach nicht mehr ..."
Krisnov wähnte sich natürlich eher außer Gefahr, wenn er bloß eifrig im Sinne des Dämons handeln würde. Deshalb ging er zu dem Unglücklichen hinüber und legte ihm die Hand auf die Schulter. "Geben Sie sich einen Ruck, Mann", verlangte er tröstend, "so schlimm kann es doch gar nicht sein! Seien Sie ein Mann!"

Hier endet die Vorschau! Legen Sie sich deshalb das Buch gleich in den Warenkorb oder bestellen Sie es bei Amazon als Ebook für Ihren Kindle.
Dr. Krisnov nahm auf seinem Sessel Platz und deutete auf den freien Platz des Sessels, der ihm direkt gegenüberstand.
"Nehmen Sie doch Platz, Herr ...", er schaute auf sein Klemmbrett, dessen oberstes Blatt noch leer war - von dem Namen abgesehen, der in der ersten Zeile stand und doppelt unterstrichen war, "? Grosno. Spreche ich den Namen richtig aus?"
Sein Gast reagierte nicht. Erst als er langsam um den Sessel herumgekommen war und sich hingesetzt hatte, nickte er bestätigend. Krisnov sah ihn genauer an; er machte keinen Hehl daraus und versuchte nicht, seine neugierigen Blicke zu tarnen, das hatte er nicht nötig - immerhin sollten sich seine Patienten öffnen, ihm alles anvertrauen, was ihnen auf der Seele lastete.
Was er sah, notierte der Doktor sich sofort.
Haare schwarz, früher bestimmt gut gepflegt, jetzt fettig, ungekämmt, lange nicht mehr gewaschen
- Kürzlich eingetretenes Ereignis?
- Unrasiert, Zähne ungeputzt aber gesund, siehe oben
- Sonnenbrille
- Kleidung elegant, aber auch nicht frisch, abgetragen
- Fingernägel nicht geschnitten, abgekaut
- Stress?
"Wollen Sie die Sonnenbrille nicht abnehmen, es spricht sich doch viel besser, wenn man die Augen ..."
Der Mann schüttelte energisch den Kopf.
"Nun gut." Krisnov schob sich die Brille ein wenig weiter die Nase hoch, dann räusperte er sich. "Also, was kann ich für Sie tun?"
Der Mann reagierte wieder nicht; Krisnov ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Wahrscheinlich prügelten sich gerade die heilen Bereiche mit den kaputten Bereichen seines Gehirns herum.
Es ging wahrscheinlich darum, wer in diesem Gespräch die dominante Rolle spielen sollte. Da war es ganz normal, dass eine Reaktion etwas auf sich warten ließ; manchmal auch länger ... Sehr viel länger.
"Ich verstehe", meinte Krisnov. "Sie wollen also, dass ich Ihnen sage, was ich für Sie tun kann?"
Keine Reaktion. Der Psychiater lächelte. Grosnos Gesicht blieb jedoch immer noch ausdruckslos.
- Keine Reaktion auf Fragen
- Störung des Sozialverhaltens?
- Übertriebene Schüchternheit?
- Mangelndes Selbstbewusstsein?
Jetzt rührte sich Grosno. Er kramte in seiner Jackentasche herum und holte ein vollgeschriebenes Blatt Papier heraus, das er dem Doktor entgegenhielt.
Dieser runzelte die Stirn. "Okay ...", murmelte er dann, stand auf und nahm das Blatt mit einem Nicken entgegen. Dann setzte er sich wieder.
"Ähm ... Was ist das?" Krisnov schaute stirnrunzelnd auf das Papier. Er wusste nicht, was er damit anfangen sollte. Auf beiden Seiten des Blattes standen merkwürdige Zeichen, die wohl so etwas wie eine Schrift darstellen mochten, doch Krisnov konnte das Gekrakel nicht entziffern.
"Ist das irgendeine keltische Runensprache?"
Grosnos Augenbrauen bewegten sich fragend.
Krisnov sah sich die Schrift erneut an. Sie war in roter Farbe geschrieben. War das ... Blut?
Der Doktor schluckte ein wenig; so einer also.
"Hören Sie", brummte er, "ich weiß nicht, was Sie sich von einer Sitzung bei mir versprechen, aber ich kann Ihnen versichern, dass Sie nicht finden werden, was Sie suchen. Für irgendwelche kranken Satanisten - oder was auch immer Sie darzustellen glauben - ist mir meine Zeit zu schade, und zwar eindeutig. Deswegen würde ich vorschlagen, dass Sie diesen Raum jetzt verlassen. Und zwar auf der Stelle."
Grosno schüttelte den Kopf.
"Was wollen Sie?" Der Doktor schien ernstlich verärgert.
Grosno zeigte jedoch bloß auf das Blatt.
"Ich verstehe nicht, was das ist", knurrte Krisnov ungeduldig und wedelte mit dem Papier in der Luft herum. "Ich kann Ihnen nicht helfen, wenn Sie mir nicht sagen, wo genau Ihre Probleme liegen."
Grosno stand auf, kam auf ihn zu und entriss ihm das Blatt wieder. Er setzte sich zurück auf den Sessel. Ein paar Sekunden schaute er auf die merkwürdige Schrift. Dann stöhnte er: "Verdammt; schon wieder! Wie blöde kann man sein ...?"
Krisnovs Haare schienen sich aufzustellen und ein kalter Schauer rieselte ihm über den Rücken. Seine Glieder schienen zu erlahmen und taub zu werden. Sein Herz aber begann zu rasen, seine Pupillen weiteten sich. Angstschweiß trat ihm auf die Stirn.
Diese Stimme. Stimme? Eher: Stimmen. Hohe Stimmen, tiefe Stimmen, Stimmen in mittlerer Lage, begleitet von einem steten Geräusch, das wie rasselnder Atem klang.
"Oh ...", kam es vielstimmig von Grosno, "haben Sie keine Angst, Doktor, ich tue Ihnen nichts. Ich dachte nur, wir könnten das regeln, ohne die Situation auf unnötige Weise zu erschweren."
Krisnov war immer noch erstarrt. "Was ..."
"Es ist alles gut", antwortete der Fremde. "Ich habe meinen Körper gefunden, Sie müssen sich nur darum kümmern, dass ich mich hier drin wohlfühle, dann bin ich auch schon wieder verschwunden."
"Wie bitte ...?"
"Ist nichts dabei", sagte der Vielstimmige. "Sie müssen ihm nichts tun, ihm nicht die Kehle durchschneiden und sein Blut auf einem Kreidekreis verteilen oder so - das wäre zwar ein idealer Snack für zwischendurch ... aber wir haben Besseres zu tun. Sie müssen mir nur zuhören."
"Was soll das?" Der Doktor erhob sich wütend. "Glauben Sie, ich falle auf Ihre albernen Spezialeffekte herein?"
Er tat einen Schritt auf seinen Patienten zu ehe er fortfuhr:
"Ich habe schon so viel gesehen, sehr dreiste Menschen, sehr kranke Menschen, Menschen, die von beidem etwas hatten.
Sie gehören eindeutig zu Ersteren, und zwar mit einer gehörigen Portion schlechtem Humor. Und ich kann schlechten Humor nicht ausstehen, also verschwinden Sie, bevor ich Sie persönlich mit dem Arsch voran durch die Tür trete."
Grosno verzog das Gesicht zu einem fiesen Lächeln.
"Glauben Sie wirklich, dass Sie das können? ... nun gut."
Irgendetwas packte Krisnov und zerrte ihn hoch. Erschrocken schaute er sich um. Nichts zu sehen. Irgendwas drückte jedoch seine Schultern schmerzhaft nieder und er sank in den Sessel zurück.
Der Fremde rührte sich. "Hören Sie mir zu, Doktor ..."
"Nein, Sie hören mir zu." Krisnov war nicht bereit, sich zum Narren halten zu lassen. "Versuchen Sie Ihre Tricks bei jemand anders, ich bin vollständig immun gegen derartige ..."
Grosno schob seine Sonnenbrille auf die Stirn.
Abermals erschrak Krisnov. "Großer Gott ...!"
"? der kann Ihnen auch nicht helfen."
"Ihre Augen ..."
"Ach, die? Die sind immer so." Krisnov starrte in Grosnos Gesicht. Der Kerl trug Augen zur Schau, wie sie der Doktor noch nie gesehen hatte; und auf seinen Reisen hatte er schon einiges gesehen. Aber der Typ hatte schwarze Augen, schwarz wie die finsterste Nacht, aber gleichzeitig loderte etwas darin wie das tiefste Höllenfeuer. In dieser flammenden Finsternis vermeinte Krisnov, Pupillen zu erkennen, die - gleich denen eines Krokodils - zu schmalen Schlitzen verengt waren. Auch die Sklera war nicht weiß wie beim Menschen, sondern ebenfalls in Finsternis getaucht, durchzogen von Flammen.
Diese Augen sprachen in einer Sprache, die Krisnov nicht verstehen konnte. Diese Augen pflanzten ihm Gedanken in den Schädel, die er nicht denken wollte. Diese Augen zeigten ihm Dinge, die er nicht wirklich sehen wollte. Krisnov sank im Sessel zusammen. Als er die Augen wieder öffnete, blickte er in die entspiegelten Gläser einer Sonnenbrille.
Grosno stand über ihm. "Warum werdet Ihr Menschen ohnmächtig, wenn ihr etwas seht, das ihr nicht versteht?"
Der Doktor richtete sich auf. Offensichtlich war er aus dem Sessel gerutscht und zu Boden gefallen. Sein Gegenüber hatte es nicht für nötig gehalten, ihm helfend die Hand zu reichen. Mühsam erhob er sich. "Dass ich es nicht verstehe, würde ich nicht sagen", behauptete er heiser. "Eher, dass ich es sehr beängstigend empfinde."
Grosno zeigte ihm die ungeputzten Zähne. "So, so? Hatten Sie denn schon mal mit einem von uns zu tun?"
Krisnov schüttelte zögerlich den Kopf, setzte sich wieder, atmete tief durch und nahm einen Schluck Wasser. "Das nicht", gab er zu, "aber ich habe natürlich Geschichten gehört; Geschichten, die Ähnliches beschreiben wie das, was ich gerade erlebt habe."
Grosno runzelte die Stirn. "Und jetzt glauben Sie diese Geschichten?"
Krisnov versuchte zu lächeln. Er wollte sich unbedingt gelassen geben, was sehr schwer war, angesichts der Situation, in der er sich gerade befand. Wahrscheinlich litt er unter einem Schock.
"Nein!", berichtigte er den Fremden. "Nicht wirklich. Es könnte sogar sein, dass ich bewusstlos bin und nur träume oder halluziniere."
Der Fremde schaute ihn an. SIEHT DAS FÜR SIE NACH EINER HALLUZINATION AUS?
Es war diese ekelhafte, erschreckende Stimme, die furchtbar laut in Krisnovs Schädel dröhnte. Er rutschte aus dem Sessel, fiel auf die Knie nieder und presste die Hände auf die Ohren.
Grosnos Körper stand immer noch völlig reglos da, während das Licht im Zimmer mit einem Mal erlosch. Die Fenster sprangen auf, die Jalousien ratterten rauf und runter und Krisnov wälzte sich entsetzt über den Boden. Die teuren Sessel stürzten um, der massive Schreibtisch flog an die gegenüberliegende Wand. Stifte, Klammern, Papier, alles sauste durch den Raum. Die Tür schlug auf und zu, sämtliche Bilder krachten auf den Boden und die Gläser im Sideboard zersplitterten.
Krisnov öffnete den Mund, aber er hörte sich nicht schreien. Etwas rauschte über seinen Kopf hinweg. Etwas packte seine Beine und er kopfüber wurde er nach oben gezogen. Panisch und wie verrückt zappelte er.
Plötzlich fühlte er sich losgelassen. Er stürzte. Sein Kopf schlug hart auf dem Boden auf und er sah sprichwörtliche Sternchen.
Das Licht ging an. Alles schien wieder ganz normal: Die Bilder hingen an der Wand, wenn auch mit zersplittertem Glas. Die Sessel standen aufrecht, der Schreibtisch war an seinen alten Platz zurückgekehrt und schien - abgesehen von ein paar Schrammen - heil geblieben zu sein.
Der Psychiater keuchte schwer, als er sich an der Sessellehne aufstützte. Grosno stand mit hinter dem Rücken verschränkten Armen vor ihm. "Nun?"
Krisnov antwortete nicht sofort. Er konnte nicht antworten. Das Erlebte war eindeutig zu viel für ihn; zu viel für einen einzelnen Menschen.
"Was ...", keuchte er, "was wollen Sie von mir?" Am besten nicht weiter reizen, dachte er, nicht weiter herausfordern.
"Ich will, dass Sie mir helfen."
Krisnov kroch in die Sitzmulde des Sessels zurück. Seine Brille hatte er irgendwo verloren. Er brauchte sie hier nicht; es machte ohnehin keinen Sinn, sich weiterhin Notizen zu machen.
"Wie könnte ich Ihnen denn helfen ...?"
Grosno setzte sich ebenfalls und schlug die Beine übereinander. "Es ist ganz einfach", erläuterte er grimmig. "Ich lebe jetzt schon seit dreieinhalb Jahren in diesem Körper. Er ist mein Rückzugsort, wenn ich in einem Refugium nicht mehr bleiben kann und gehen muss. Verlasse ich ihn jedoch, ist er nicht untätig, er kümmert sich sehr gewissenhaft um meinen Haushalt."
"Sie meinen, um seinen Haushalt." Krisnov biss sich hastig auf die Zunge.
"Das", meinte der Fremde, "hängt allein vom Blickwinkel des Betrachters ab. Da ich ihn besetzt und eindeutig eine gewisse Kontrolle über ihn habe, sollte es da nicht so sein, dass ich auch das Sagen über seinen Besitz habe?"
Krisnov hob die Schultern, nickte aber schließlich zustimmend. Er hatte das Gefühl, seine Haare würden sich so stark sträuben, dass sie irgendwann ausfallen mochten.
"Nun", fuhr Grosno fort, "seit einem Jahr ungefähr fühle ich mich einfach nicht mehr wohl in meiner Haut. Ständig beschwert er sich, sobald ich zurückkomme."
Er wippte mit dem Fuß ehe er fortfuhr:
"Neulich zum Beispiel habe ich ein Pärchen im Auto gegen einen Baum fahren lassen; das ist ein irrer Spaß, kann ich Ihnen sagen. Danach kam ich, wie immer, zurück zu ihm und kaum, dass ich die Tür aufmache, fängt er an, mit Lavendel, Salz und Rosenkränzen um sich zu werfen. Ich so: ?Mann, was soll das? und er so: ?Hau ab! Bleib weg, ich will dich nicht mehr in mir haben?."
Er stellte einen entrüstet wirkenden Gesichtsausdruck zur Schau, ehe er weitersprach: "Stellen Sie sich nur mal vor, wie ich mich dabei gefühlt habe, Doktor, das brennt - sowohl emotional als auch materiell!"
Krisnov wartete, auf das, was da noch kommen könnte.
"Wenn ich in ihm bin", fuhr Grosno fort, "tue ich ihm nie etwas an, ich kontrolliere bloß seinen Körper, bin aber sehr vorsichtig, was ihn betrifft. Ich habe mich immer um ihn gesorgt und er hat perfekt ausgesehen."
Er starrte an sich hinab. "Und nun sehen Sie ihn sich jetzt einmal an: Dreckig, heruntergekommen, eine einzige Schande!"
Krisnov nickte so als würde er verstehen.
"Aber er weigert sich", beschwerte sich Grosno weiter, "in meiner Abwesenheit zu duschen und sich die Zähne zu putzen und das alles. Wenn ich mal wieder da bin, habe ich inzwischen einfach nicht mehr die Zeit und die Kraft, das auch noch für ihn zu übernehmen. Meiner Meinung nach fällt das eindeutig in seinen Aufgabenbereich."
Wieder nickte Krisnov; und der Fremde sprach weiter:
"Dass er sich dagegen wehrt, geht mir gehörig auf die Nerven. Ich kann mich einfach nicht auf ihn verlassen. Das kränkt mich kolossal nach so langer Zeit. Verstehen Sie? Ich dachte, wir wären so etwas wie Freunde. Kameraden, die einander trauen könnten. Aber nein, er enttäuscht und verrät mich auf schändliche Art und Weise."
Krisnovs Augenbrauen waren immer höher gewandert. Im Augenblick machte er sich keine Sorgen um sich selbst. Er war von dem eklatanten Egoismus des Dämons zutiefst erschüttert. Dass Grosno überhaupt Beziehungsprobleme haben könnte, hätte er nie im Leben vermutet. Dieser Dämon war echt krank, und er ging tatsächlich davon aus, dass er, Krisnov, seine makabre Beziehung retten könne; zu seinen Gunsten natürlich.
Klar hatte er als Psychiater keine Ahnung von Dämonen-Mensch-Beziehungen. Aber er hatte auch nicht den leisesten Dunst, wie er dem Despoten schonend eine humanere Weltanschauung beibringen könnte. Vor allem, da es ihm jeden Augenblick selber an den Kragen gehen konnte.
"Hmm", machte er deshalb und gab ganz den Therapeuten, "Könnte ich vielleicht mit ihrem ... Freund sprechen?"
Grosno runzelte die Stirn. "Wozu?"
Krisnov legte demonstrativ die Fingerkuppen aneinander, während sein Herz raste.
"Na ja", meinte er dann jovial, "es wäre vielleicht hilfreich, wenn ich beide Seiten anhören könnte, um eine Lösung zu finden, die Sie beide zufriedenstellt."
Grosno schien zu überlegen. "Na, gut ...", meinte er dann. "Lassen wir?s draufankommen!"
Sein Körper richtete sich auf und sank schließlich in sich zusammen. Die Augen hielt er geschlossen.
Ein paar Sekunden passierte gar nichts. Dann schoss der Körper plötzlich empor. Der Mann riss die Augen weit auf und sog rasselnd und tief die Luft in die Lungen. "Scheiße, wo ist er?"
Die Stimme war nun die eines Menschen. Auch die Augen waren die eines Menschen. Offenbar hatte Krisnov wirklich einen Menschen vor sich.
"Herr Grosno?", fragte er dann. "Sind Sie noch hier?"
Das Licht flackerte. Aber der Mann schien in Panik.
"Oh, Scheiße, Scheiße ... Helfen Sie mir!", flehte er.
Vor Krisnov fiel er auf die Knie.
"Ich weiß, er tut schlimme Dinge, selbst wenn er in mir drin ist. Aber ich kann ihn nicht hindern. Es ist so, als würde ich zuschauen, wie mein Körper ... Dinge tut. Aber ich tue sie nicht! Lauben Sie mir. Sie müssen mir helfen!"
Nun, Krisnov konnte ihm nicht helfen; er schwebte ja selbst in Lebensgefahr. Außerdem war er kein Heiliger. Er war durchaus kein netter Mensch, das wusste er selber sehr genau. Wenn es sein musste, hätte er jedem noch so verzweifelten Bettler die Tür vor der Nase zugeschlagen. Er hätte sich immer selbst gerettet, wenn er die Wahl gehabt hätte, jemand anderen dafür zu opfern.
Er fasste einen Entschluss und beugte sich vor. "Hören Sie Herr Grosno", sagte er eindringlich. "Ihr Mitbewohner hat mich darüber informiert, dass Ihre Partnerschaft nicht mehr so ganz harmoniert. Er sagt, Sie vernachlässigen etliche Faktoren, die ihm enorm am Herzen liegen. Was meinen Sie dazu?"
Der Mann schien entsetzt. In seinem Gesicht arbeitete es. Er brauchte Augenblicke, um die Sprache wiederzufinden.
"Was ...?", keuchte er dann. "Partnerschaft? Was soll der Scheiß? Dieser Mistkerl besetzt mich regelmäßig, macht mit mir, was er will, und wenn ich mich ihm widersetze, reißt er mir den Kopf ab!"
Krisnov legte dem Erregten die Hand auf den Arm. "So beruhigen Sie sich doch ...!"
"Wenn er mich verlässt", berichtete der Unglückliche, "dann habe ich kaum noch die Kraft, klar zu denken, weil alles in meinem Kopf schmerzt wie die Hölle! Haben Sie eine Ahnung, wie sich das anfühlt?"
Krisnov konnte nur den Kopf schütteln. Dann raffte er sich auf. "Es geht hier auch nicht um mich, lieber Mann", äußerte er reichlich überheblich. "Es geht um Sie beide.
Vielleicht sollten Sie etwas toleranter mit ihm umgehen? Ihn akzeptieren? Sie haben doch ohnehin keine Möglichkeit, ihn loszuwerden. Warum finden Sie sich also nicht mit dem eigenen Schicksal ab und machen das Beste daraus?"
Ungläubig sperrte der Überwältigte den Mund auf. Er schien völlig fertig mit den Nerven. "Wie ...", stotterte er. "Wie können Sie so etwas sagen? Sie wissen doch nicht das Geringste! Im Gegenteil: Sie haben einen echten Knall! Ich muss hier weg ..."
Unvermittelt registrierte der Doktor, wie die Tür aufgerissen und wieder zugeworfen wurde, woraufhin das Schloss deutlich klickte. "Ich glaube", äußerte er in der Folge leise, "Grosno möchte nicht, dass Sie uns verlassen."
Fassungslos starrte ihn sein Gegenüber an. Aber Krisnov wusste wirklich nicht, was er im Augenblick tun sollte. Er steckte ja selbst bis zum Hals im Schlamassel.
Tatenlos verfolgte er, wie der entsetzte Mann aufsprang, mit der Schulter gegen die Tür rannte und heftig an der Klinke rüttelte. Verzweifelt schlug er mit den Fäusten gegen das Türblatt. Dabei brüllte er sich fast die Seele aus dem Leib.
Erschöpft sackte er schließlich in sich zusammen und flüsterte: "Ich kann einfach nicht mehr ..."
Krisnov wähnte sich natürlich eher außer Gefahr, wenn er bloß eifrig im Sinne des Dämons handeln würde. Deshalb ging er zu dem Unglücklichen hinüber und legte ihm die Hand auf die Schulter. "Geben Sie sich einen Ruck, Mann", verlangte er tröstend, "so schlimm kann es doch gar nicht sein! Seien Sie ein Mann!"

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