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Aus dem Buch: Neo Tauridae
 
Neo Tauridae
Dieter König

Die Verhandlungen waren vorüber und es stand uns frei zu gehen, wohin wir wollten. Ich stand mit Mireille auf einem der tausend Balkone des zentralen Wohnhügels der Tauriden und wir schauten durch die mächtige Glaskuppel hinaus auf die zerklüfteten Klippen des Mondes Aimarai Taiam Daualin. Vor uns entfaltete sich eine Landschaft, die in ihrer fremdartigen Schönheit alle Hologrammfilme, die ich kannte, weit in den Schatten stellte. Hoch am Himmel thronte die Ankerwelt Ristikatulin. Der Planet füllte fast ein Viertel des Himmels. Mit seinen sieben Ringkränzen erinnerte mich das himmlische Kunstwerk an den Saturn, den sechsten Planeten im heimatlichen Solar System. Sogar der dunkler erscheinende Ring der Cassini Trennung schien die gleiche Entfernung zum Planeten aufzuweisen wie das Vorbild im heimischen Raumsektor.
Die frappierende Ähnlichkeit ließ mich immer wieder zurückdenken an die Wochen vor dem Start der USS Fomalhaut auf dem Saturnmond Titan. Der einzige offensichtliche Unterschied, verglichen mit dem Raumhafen auf Titan, waren die mächtigen Wohnhügel der Tauriden und die fragil wirkende Konstruktion der Schutzkuppel. Das in allen Regenbogenfarben schimmernde Kunstwerk sollte sowohl unsere Gastgeber als auch uns vor der Methanatmosphäre des Mondes und der immensen Radiostrahlung des beringten Gasgiganten am Himmel schützen.
Mireille Rebérac, Botschafterin von Terra und Assistentin meiner Wenigkeit, sog hörbar den Atem ein.
"Man sollte meinen", äußerte sie leise, "dass man all die Annehmlichkeiten, dass man die Freunde und die Bekannten vermissen würde, die so weit hinter dem Glitzervorhang der Sterne auf unsere Rückkehr warten."
Ich hatte das Gefühl, sie sei noch nicht zu Ende mit ihrer Rede, und so schwieg ich. Sie hob die Schultern.
"Dem ist nicht so", fügte sie hinzu und ich registrierte ein nahezu unmerkliches Staunen in ihrer Stimme. "Ich glaube, ich wäre imstande und ließe mich hier nieder, wenn ich mich meiner Verantwortung entledigen könnte."
Ich nickte zustimmend.
"Ja", gab ich zurück. "Ja, ich kann Sie vollkommen verstehen. Ich wünschte mir, wir könnten die Lebensart der Tauriden, ihre Einstellung zum Universum, ihre Einstellung anderen Rassen gegenüber mit nach Hause nehmen. Aber das scheint wohl nicht gut möglich."
"Wir könnten es", erinnerte sie mich. "Die technischen Möglichkeiten sind vorhanden und das Risiko kalkulierbar. Stellen Sie sich nur vor, Joshua, keine Kriege, keine Hungersnöte, kein Hass und keine Zeitverschwendung mehr."
Ich schnitt eine Grimasse.
"Sie wissen es so gut wie ich: Die Menschheit, mit ihren jetzigen, gesellschaftlichen Strukturen, ist keineswegs reif für einen solchen Schritt."
"Und wann wird sie es sein?"
Ich hob die Schultern, wandte mich ihr zu.
"Nehmen wir einfach mal an", sinnierte ich laut, "wir kommen mit unseren neuen Ansichten zurück und versuchen, all die guten Ideen zu propagieren. Können Sie sich den Aufschrei vorstellen, der durch die verschiedenen Gesellschaftsschichten bis hinauf zu den Mächtigen ginge, die noch vor dem Frühstück über das Wohl und Wehe gesamter Völker entscheiden?"
"Aber der Lohn", drängte sie. "Binnen weniger Jahrhunderte ? oder sagen wir Jahrtausende ? könnte die Menschheit in die Riege der Herrscher unserer Galaxis aufgestiegen sein."
"Könnte ...!" Es klang ein wenig sarkastisch. "Verzeihen Sie, Mireille. Ich würde mir nichts sehnlicher wünschen, als dass wir mit unseren Vorschlägen Gehör fänden. Aber sobald wir verlangen, dass irgendein Mensch seine liebgewonnen Eigenheiten zugunsten einer größeren Idee opfern möge, erschaffen wir den ersten Vorkämpfer einer massiven Widerstandsbewegung."
"Es muss doch eine Chance für Verbesserungswillige geben oder zumindest jemanden, der bereit ist zuzuhören ...!"
"Glauben Sie?" Meine Worte klangen reichlich zynisch. "Die menschliche Natur steht dem geistigen Fortschritt im Wege. Der letzte Verbesserungswillige wurde vor ein paar Jahrtausenden ans Kreuz genagelt. Menschen lernen erfahrungsgemäß nur dann, wenn sie die Idee haben, dass es ihnen einen Vorteil bringt. Wenn wir einem Alkoholiker erklären, dass es besser für ihn ist, dem Alkohol abzusagen, lacht er uns aus und erklärt uns, dass es ihm durchaus nicht besser gehen könnte. Nehmen wir einen Manager aus der Finanzwelt. Er wird sich niemals erklären lassen, dass es besser für ihn und seine Klienten sei, wenn er die Geldgeschäfte niederlegte und stattdessen ein Gemeinschaftsprojekt zur Förderung der Überlebenschancen aller Humanoiden unterstützte. Obwohl es genau das ist, was uns einem rechtmäßigen Platz in der galaktischen Führungsriege näher brächte."
Die zartgliedrige Lady an meiner Seite, mit dem schimmernden Diplomatenstern am Revers, schwieg. Sie verfolgte das erregende Schauspiel eines mächtigen Gasausbruchs, weit draußen in der Ebene hinter den scharfkantigen Klippen. Die Fontänen stäubten glitzernde Eiskristalle ins schwache Licht der beiden fernen Sonnen, welche sich zu bewegten Bildmustern verwoben.
Mireille atmete nicht mehr so leicht wie noch kurz zuvor. Ihre dunkelbraunen Augen schimmerten feucht.
"Ach, Joshua", seufzte sie, "ich wünschte, es gäbe ein paar Lebewesen auf unserem Heimatplaneten, denen wir die Wichtigkeit einer, sagen wir mal ?Galaktischen Vernunft? nahebringen könnten."
Ich suchte nach Worten, während ich meinen Blick hinüber zum Raumhafen schweifen ließ, auf dem die Fähre gewartet wurde, die uns zurück in die zehntausend Meilen hohe Umlaufbahn zur USS Fomalhaut bringen sollte.
"Menschen mit Vertrauen in die Zukunft sind selten geworden", ließ ich dann verlauten. "Wir hätten wenigstens tausend Jahre früher zurückkehren sollen. Damals gab es noch Tropenwälder am Amazonas und den letzten gerade neu entdeckten Stamm frei lebender Indianer. Sie glaubten noch, dass sie sich als Wesen weiterentwickeln und eine höhere Ebene erreichen könnten. Inzwischen sind allzu viele Jahre vergangen, die Enkel dieses ehemals freien Eingeborenenstammes liegen heute in biologischen Zweithautanzügen unter blitzenden Mentalkommunikatoren und steuern den Geldfluss ihrer im industriellen Netzwerk navigierenden Auftragsfirmen. Der einzige Aufstieg, den sie sich vorstellen können, ist der zu einem cleveren Kopfgeldjäger, der sie meistbietend an suchende Firmen verleiht."
Mireille Rebérac seufzte hörbar.
"Wir haben an eine große Chance geglaubt, als sie uns in die Umlaufbahn von Titan schossen. Wir waren der festen Überzeugung, dass wir technologisches Wissen zur Erde mitbringen würden. Technologisches Wissen, welches uns allen das Leben leichter machen würde. Wir haben tatsächlich technologisches Wissen gefunden, allerdings in einer Qualität, die sich kein Mensch hätte erträumen lassen. Nun sollen wir trotzdem mit leeren Händen zurückkommen und den Leuten zu Hause erklären, dass sie nicht reif für dieses Geschenk sind?"
"Und was wäre Ihrer Meinung nach die Alternative?"
Mireille Rebérac hob die Schultern.
"Das ist die Frage", äußerte sie leise. "Genau das ist die Frage."


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