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Aus dem Buch: Im Bann der Anderswelt
 
Unter grünen Hügeln
Tim Pollok

Kevin und Anna besuchten mit ihren Eltern Irland zum ersten Mal und fühlten sich vom tiefen, lebendigen Grün fast überwältigt. Die Farbe der Wiesen, die sie auf der Fahrt von Dublin zu ihrem kleinen, angemieteten Ferienhaus in Irlands Südwesten sahen, schien im Vergleich zu ihrer Heimat eine größere Tiefe zu haben, und die Zeit verging wie im Flug. Nach dem Auspacken und dem obligatorischen Familienfoto vor dem Haus ging es direkt zu einem Strandspaziergang, der bis zum Abend andauerte. Ihr verspätetes Mittagessen nahmen sie vor einem offenen Kamin ein, und sie schliefen ein, kaum dass sie sich auf die Betten in ihrem Zimmer niedergelegt hatten.
Am nächsten Morgen erkundeten sie die Umgebung und betrachteten die Schafe, die auf den Wiesen um das Haus grasten. Beim Mittagessen stellte Anna die entscheidende Frage.
"Also, was machen wir jetzt?"
"Essen", erwiderte ihr Vater, gebeugt über einen Teller Bratkartoffeln.
"Dad!"
"Wir wollen heute den Tag ruhig angehen und etwas lesen", erklärte er lächelnd.
"Und was machen wir?"
"Lesen würde euch auch ganz guttun."
"Das machen wir schon in der Schule genug", mischte sich Kevin ein.
"Ihr könnt an den Strand gehen, solange ihr zusammenbleibt", bemerkte ihre Mutter. "Muscheln sammeln, euch die Tümpel ansehen."
"Wir sind keine fünf mehr", beschwerte sich Anna.
"Darum dürft ihr auch alleine da runter, aber Anna, du wirst nicht auf den Klippen oder der Burg herumklettern."
Anna verzog das Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.
"Versucht es wenigstens, dann sehen wir weiter", schlug ihr Vater vor.
Anna blieb skeptisch, aber Kevin zuckte nur mit den Schultern.

Anna erreichte gerade den Strand, als Kevin sie einholte.
"Wie lange brauchst du, um deine Jacke zu holen?", fragte sie amüsiert.
"Ich habe etwas gehört."
"Du bist adoptiert", gab sie keck zurück und wartete auf die Reaktion ihres Bruders.
Kevin rollte die Augen. "Mutter hat ihr Tablet mitgenommen. Wenn wir uns überhaupt nicht amüsieren können, wollen sie uns einen Film pro Abend erlauben."
"Also fünfzehn Minuten am Strand und dann zurück?"
"Besser eine Stunde", erwiderte Kevin. "Wenn es heute nicht klappt, können wir jeden Tag weniger lange hierbleiben."
"Was willst du eine Stunde hier machen?"
Als Antwort zückte ihr Bruder sein Handy.
"Ich hätte Lust auf Dragon Keeper", bemerkte er.
"Übers Netz sind wir in dreißig Minuten pleite."
"Laut der Beschreibung lässt es sich auch über Bluetooth spielen."
"Worauf warten wir dann noch?"

Wenig später saßen sie auf einem Stein am felsigen Abschnitt des Strandes, wo die Ruine einer Burg sich drohend steil über die Klippen erhob. Unter der Burg steckte ein über drei Meter großer, fast runder Stein in der Klippe. Als sie ihn mit ihren Eltern das erste Mal gesehen hatten, realisierte Kevin, dass, wenn dieser entfernt würde, die Burgruine ins Meer stürzen würde, was ihn schaudern ließ. Jetzt steckten sie beide so tief im Spiel, das sich in ihren Handys entfaltete, dass sie ihn komplett vergaßen.
In Dragon Keeper spielte man einen Drachen, der seinen Hort schützen und gleichzeitig die Karte absuchen musste, um Schätze und Anhänger zu sammeln. Das Gleichgewicht zählte. Verteidigte man die Basis nicht, wurde sie vom Gegenspieler zerstört. Blieb man nur in dieser, wurde der Feind schnell zu stark für einen.
"Du hast ein Verschleierungsartefakt gefunden", sagte Kevin, als er Annas Basis partout nicht finden konnte.
Anna sagte nichts, aber er konnte sie grinsen sehen, der große Stein in der Klippe befand sich direkt hinter ihr. Sekunden später wurde seine eigene Basis von ihrem Drachen angegriffen. Er eilte zurück und konnte ihren Drachen verscheuchen, doch nun würde er seine halb kaputte Basis bewachen müssen, während Anna freie Hand hatte.
"Verdammt!"
"Taktik ist alles", erwiderte Anna grinsend. "Ich ..."
"Hey!"
Sie sahen hoch und entdeckten eine Frau in einer grauen Wolljacke, die auf sie zukam. Wütend sah sie unter dem ergrauten Haar, in dem sich noch ein paar Strähnchen Braun einmischten, auf die beiden Kinder herab. Sie sprach schnell, und obwohl die Geschwister sich in Englisch für gut hielten, verstanden sie nicht alles.
"Ihr müsst gehen."
"Warum?", fragte Kevin, als er aufstand.
"Es ist hier gefährlich für Kinder", sagte die Frau und fügte noch etwas hinzu, was keiner von ihnen verstand.
"Die Flut?", riet Anna "Wir achten schon auf sie."
"Nein", sagte die Frau mit einem kurzen Blick zum Stein in der Klippe. "Ich sage, ihr geht weg, also geht ihr."
Kevin sah die Frau einen Moment lang an. Der Blick zeigte für ihn jetzt eher Wahnsinn als Wut. Die Augen zu weit offen und nicht blinzelnd. Darum bemüht, sich ihr nicht zu nähern, stieg er vom Stein. Anna starrte die Frau einen Moment länger an, dann folgte sie ihrem Bruder zurück ins Haus.

"Hört sich nach der verrückten Mary an", bemerkte ihr Vater. "Der Hausbesitzer hat uns von ihr erzählt."
Kevin wurde neugierig. "Warum ist sie verrückt?"
"Weil sie an Feen glaubt."
"Das gibt ihr nicht das Recht, uns den Strand zu verbieten", stellte Anna wütend fest. "Kannst du nicht mitkommen und sie vertreiben?"
"Wir wollten sowieso gleich in die Stadt um einzukaufen", erklärte ihr Vater. "Wenn sie euch das nächste Mal belästigt, komme ich mit, okay?"
Kevin nickte, aber seine Schwester wirkte alles andere als zufrieden.

Festes Rütteln riss Kevin aus dem Schlaf, und als er die Augen öffnete, sah er Anna im Licht ihrer Handylampe über ihm stehen.
"Komm schon", flüsterte sie. "Wir gehen zum Strand."
"Strand?" Kevin starrte ungläubig auf sein eigenes Handy. Das Display zeigte ein Uhr nachts an. "Sind Mum und Dad dement?"
"Die wissen davon nichts."
"Was?"
"Leise!", ermahnte Anna ihn. "Du musst dort ein Foto von mir unter der Ruine machen."
Kevin glaubte langsam, einen absurden Traum zu träumen.
"Warum?"
"Ich werde es bearbeiten, ein paar Feen einfügen. Wenn die Frau uns noch einmal vom Strand vertreiben will, zeige ich es ihr. Die wird ausflippen." Annas Gesicht verzog sich zu einem Grinsen, das im Halbschatten des fremden Zimmers unnatürlich wirkte. "Vielleicht dekoriere ich mich selbst zur Elfe um!"
"Viel Spaß." Kevin ließ sich wieder auf sein Kopfkissen fallen.
"Ich brauche dich."
"Mach ein Selfie", erwiderte er und schloss die Augen.
"Das macht nicht so gute Bilder."
"Wird schon klappen."
Schweigen, dann hörte Kevin Annas Stimme dicht an seinem Ohr.
"Wenn du mir nicht hilfst, mache ich die Fotos alleine, sende sie nach Hause und sage jedem, du hättest Angst gehabt."
Kevin öffnete die Augen und funkelte seine Schwester wütend an.

Sie verließen das Haus durch das Fenster. Der Weg zum Strand wirkte im Mondlicht länger, als Kevin sich erinnerte, und vom lebhaften Grün der Büsche blieben nur wabernde Schatten. Nach einer letzten Biegung standen sie schließlich am Strand. Das Meer wirkte seltsam in der Dunkelheit, als würde das Licht des Mondes von ihm verschluckt werden und könne nur beim Brechen der Wellen wiederum seinem Widersacher entkommen. Bei diesem Anblick fühlte er sich fast glücklich, von seiner Schwester hierhin geschleppt worden zu sein.
Bei den Felsen wirkten die Schatten unnatürlich tief und das Wasser gurgelte nicht weit von ihnen. Kevin dachte an Knochen, die aneinanderschlugen, und wollte es schnell hinter sich bringen.
"Es muss perfekt sein", bremste Anna ihn. "Sonst müssen wir morgen wieder hier herunter."
Kevin nickte mürrisch und folgte ihr zu den Felsen. Deren Schatten verschluckten ihre eigenen, und in einem irrationalen Moment wunderte er sich, ob sie überhaupt noch da sein würden, wenn sie wieder zurückgingen.
"Wie sieht es hier mit dem Licht aus?", fragte seine Schwester und hüpfte vor ihm auf einen Stein.
Kevin überprüfte es. Trotz des Lichtes des Mondes sah er sie auf dem Display kaum. Er schoss mit Blitzlicht ein Foto, bekam aber nicht die erhoffte Qualität. Besonders die Schatten an den Rändern wirkten unnatürlich lang.
"Und?"
"Noch eins", erwiderte Kevin, der keine Lust verspürte, nochmal nachts hierher kommen zu müssen. "Geh etwas nach rechts, damit du den großen Stein im Rücken hast."
"So?"
"Perfekt!"
Wieder drückte Kevin den Auslöser und sah aufs Display. Etwas stimmte nicht. Der Stein unter der Burgruine schien zu glühen. Mehr noch, die Schatten befanden sich diesmal noch näher bei seiner Schwester, nur, dass sie nicht wie Schatten aussahen, sondern wie Gestalten, die ...
Seine Schwester schrie und Kevins Welt wurde schwarz.

Als Kevin in seinem Bett erwachte, fühlte er sich seltsam kraftlos und leer. Er hielt die Augen erst zur Decke gerichtet, welche durch das erste Licht des Tages erhellt wurde, dann drehte er den Kopf zum Bett seiner Schwester. Sie lag nicht drin. Mehr als das. Es wirkte perfekt gemacht. Etwas, das Anna nie tat.
Mit einem Mal erinnerte sich Kevin an die letzte Nacht. Hellwach richtete er sich auf und wollte bereits nach seiner Schwester zu rufen, als er sich eines Besseren besann. Ihre Eltern mussten Anna dazu gezwungen haben, also wussten sie von ihrem Ausflug. Dass er sich nicht daran erinnerte, rührte vielleicht von einer Kopfwunde her. Wahrscheinlich war er ausgerutscht, als er das Bild betrachtete. Das erklärte auch die Erinnerung an sich bewegende Schatten.
Vorsichtig tastete Kevin seinen Kopf ab, aber nichts tat weh. Als nächstes griff er sich sein Handy, das neben dem Betttisch lag, und suchte nach dem Bild, konnte es aber nicht finden. Anna musste es gelöscht haben. Warum auch immer. Seufzend stand er auf, zog sich an und verließ das Zimmer, um seine Eltern zu finden und seine eigene Strafe in Empfang zu nehmen.
Kevin fand sie am Küchentisch bei bereits geleerten Tellern eine irische Zeitung lesen. Anna sah er nicht.
"Guten Morgen, Langschläfer", grüßte ihn seine Mutter.
"Bin ich in Schwierigkeiten?", fragte Kevin direkt, um es hinter sich zu bringen.
"Jeder schläft in den Ferien lange."
"Mach dir etwas zu Essen", fügte sein Vater hinzu. "Den Aufschnitt haben wir schon in den Kühlschrank gestellt."
Verwirrt machte Kevin sich ein Brot und dachte nach. Vielleicht hatten er und seine Schwester es doch alleine zurück geschafft und er konnte sich nur nicht mehr daran erinnern. Sie musste das Bett aus reiner Nervosität gemacht haben.
"Ist Anna draußen?"
Sein Vater sah ihn überrascht an. "Anna?"
"Ja, sie ist nicht in unserem Zimmer."
Seine Eltern wechselten einen Blick.
"Wer ist Anna?", fragte seine Mutter schließlich? …


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