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Aus dem Buch: Renate Zawrel - Wenn Schatten tanzen - (Auswahlband)
 
TOTE STERBEN EINSAM

Unter dunkler Erde schlummert die Freveltat,
flehend jemand um rächend Sühne bat.
Fahl spendet der Mond sein Dämmerlicht.
Wenn selbst der Tod schützt den Mörder nicht.

"Wir sollen sofort zu Brettebner", kündigte Tenatier mit forscher Stimme an, als Dorothea gegen halb neun ins Büro kam.
Dodo schüttelte den Kopf und brummte: "Guten Morgen erstmal!"
Was war das denn heute wieder für ein Ton bei dem Kollegen?
"Morgen allerseits", grüßte die Kommissarin daher betont freundlich in die Runde.
Ihre gute Laune wollte sich Dorothea nicht verderben lassen. Urlaubsgefühl breitete sich wohlig in ihrem Inneren aus. Morgen, nach Dienstschluss, würde sie sich auf die Fahrt nach Kroatien machen, um ihre Eltern zu besuchen. Ein paar Tage ausspannen und gemütliche Stunden unter dalmatinischer Sonne genießen.
Die Belegschaft war heute ein wenig dezimiert. Kummerlander besuchte seit Montag, dem vierten Juli, einen Kurs der Polizeischule und Roman Huber würde erst gegen Mittag kommen. Eine Voruntersuchung zu seiner bevorstehenden Behandlung des Feuermals stand auf dem Programm.
Ob Stefan Baumann seinen Urlaub wirklich vorverlegt hatte, weil er Dodo noch immer nicht zu einem Date überreden konnte?
Garblong erwiderte Dodos Morgengruß herzlich, von Maggy wurde er jedoch lediglich mit einem unver-ständlichen Genuschel beantwortet.
"Kommst du?", verlangte Raphael bereits etwas grantig, weil die Kollegin sich seiner Meinung nach ein bisschen viel Zeit ließ. Vielleicht würde sie sich sputen, wenn er verriet, was den Rapport beim Chef ausgelöst hatte. "DeCastillas ist verschwunden!"
Dodos Kopf ruckte hoch, während sie gerade dabei war, ihren PC zu starten. "Wie verschwunden? Der ist doch tot!"
"Eben", antwortete Tenatier genervt. "Genau das ist der springende Punkt. Unser eigentlich toter Mörder hat sich aus dem Staub gemacht."
Mehr als eilig tippte Dorothea ihr Passwort in die Tastatur, ließ ihre Umhängtasche auf dem Bürosessel liegen und folgte dem Kollegen in das Chefzimmer.
Brettebner führte ein hektisches Telefonat. Er deutete den beiden Beamten, sich zu setzen.
Draußen war Garblong auf ihrem Sitz erstarrt. Nur zu gut waren ihr die Details des letzten Falles noch in Erinnerung. Es war auch kaum ein Monat seit dem Mord vergangen, als Dorothea ihr Debut als Kommissarin gegeben hatte. Und das ziemlich eindrucksvoll.
Ursula war gleich begeistert von dem Engagement der neuen Kollegin gewesen. Eine Frau, die ihren Mann stand und bewies, dass auch das weibliche Geschlecht mehr als nur eine kriminalistische Spürnase besaß. Dass solcherlei Qualitäten erfahrungsgemäß nicht bei jeder-mann für Furore sorgten, war gleichfalls zu erwarten gewesen. Jedenfalls war auch die Sekretärin gespannt, was Dodo ihr nachher erzählen würde.
Tenatier und Dorothea saßen abwartend auf ihren Stühlen und verfolgten das Gespräch, das Brettebner mit Blesnjakov führte.
Dass es sich bei dem Gesprächspartner um den Hofrat handeln musste, bewies die wiederholte Anrede des Vorgesetzten.
"Ja, Herr Doktor Blesnjakov! Wir werden uns mit der SPUSI in Verbindung setzen und dem Vorfall nachgehen. Auf Wiederhören!"
Mit einem deutlichen Seufzen drückte der SOKO-Chef auf den Lautsprecherknopf und das Telefonat war beendet.
"Leute!", begann er, "das ist eine echte Sch ..., Schweinerei. Und ich hab keinen Tau, was wir machen sollten oder könnten. Ich kann doch keine Fahndung nach einem Toten rausgeben."
Mit einer kurzen Bewegung drehte er den Bildschirm seines Computers zu Dorothea, so dass diese die E-Mail von heute Morgen auch lesen konnte.

Montag, 07.07.2033 - 7:00 Uhr
Verteiler: Norbert Brettebner, Raphael Tenatier, Dorothea Drasenberger, Piotr Blesnjakow
Teilen mit, dass die nach Obduktion in der Kühlkammer, Fach 333, hinterlegten sterblichen Überreste des Lorenzo DeCastillas auf ungeklärte Weise verschwunden sind.
Es gibt keine Einbruchsspuren an den panzergesicherten Tresortüren oder verwertbare Fingerabdrücke und Spuren an den Metallteilen der Leichentruhe.
Forensik/Klinger

"Da ist ein Tippfehler drin", kommentierte Dodo ungerührt die E-Mail, als wäre diese Tatsache wesentlich interessanter als der Inhalt der elektronischen Nachricht. "Blesnjakov schreibt sich mit einem v am Wortende."
Mit gefurchter Stirn und fragendem Blick starrte Brettebner auf die junge Kollegin und räusperte sich vernehmlich: "Ah ja!"
"Spinnst du?", raunte hingegen Tenatier und warf Dorothea einen bösen Blick zu. "Das ist nun aber wirklich nicht wichtig."
"Doch", beharrte die Kommissarin, "das ist wichtig. Klinger weiß, wie der Hofrat sich schreibt und hat außerdem mit Sicherheit die Namen in der Mail-Adressen-Bank gespeichert. Fazit: diese Mail wurde nicht von unserem Kollegen geschrieben. Haben Sie schon mit der Forensik telefoniert?"
Dodo sah auf und fixierte Brettebner mit ihrem Blick.
"Verdammt!", fluchte der SOKO-Chef. "Nein, habe ich nicht. Warum ist mir das mit dem Fehler nicht aufgefallen?"
Die Kommissarin beschwichtigte den Vorgesetzten. "Weil der Inhalt der Mail vorrangig solche Aussagekraft hat, dass man das sehr leicht übersehen kann. Ich wusste von Raphael schon, worum es sich handelt und habe die Mail anders gelesen als Sie."
Tenatier erhob sich. Sein Gesichtsausdruck war ernst. Nach dem ersten Anflug von Verärgerung bewies er Scharfsinn und verstand, was seine Team-Partnerin mit ihrer "Fehlermeldung" zum Ausdruck bringen wollte. "Gehen wir?"
Sofort schnellte Dodo aus ihrem Sitz hoch und nickte.
"Hoffen wir, dass uns nichts Schlimmes erwartet. Von Meister-haften Überraschungen hätte ich eigentlich genug." Ihre MeisterAnspielung galt DeCastillas.
Brettebner fluchte weiter vor sich hin und versuchte, eine Telefonverbindung zu der Abteilung Klinger herzustellen. Ein nerviger Pfeifton signalisierte das Besetztzeichen.
"Los, geht schon." Mit einem Winken seiner rechten Hand bedeutete er dem Ermittlerduo, dass es sich auf den Weg machen sollte.
"Ich verständige die SPUSI. Die sollen gleich vor Ort zu euch stoßen. Und", schnaufte er hörbar, "ich setze Blesnjakov von der Tatsache in Kenntnis, dass unser Mordfall wohl doch noch nicht zur Gänze geklärt ist."
Drasenberger und Tenatier drängten gleichzeitig zur Bürotür hinaus. Die Tür war allerdings nur für den Durchlass einer einzelnen Person konzipiert. Das Unausbleibliche trat ein und elektrisiert fuhren die Körper der beiden auseinander.
"Kannst du nicht ...", setzte Dodo an, während Raphael gleichzeitig ein zynisches "Musst du immer ..." auf den Lippen hatte.
Beide brachen ihre vorwurfsgespickten Reden ab und konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen. Natürlich würde keiner von ihnen zugeben, dass er die Situation eben sehr amüsant fand. Deshalb setzten die Beamten ein grimmiges Gesicht auf und Brettebner schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. Konnten die zwei wirklich nie Frieden geben?
Wohl nicht, denn Drasenberger stachelte Tenatiers Unmut noch ein wenig an.
Mit drei Schritten war sie bei Garblongs Schreibtisch. Ursula sah der Kollegin gespannt entgegen.
Dodo raunte verhalten: "Mein PC ist schon hochgefahren. Wenn wir weg sind, schau in meinen Posteingang. Wir sind unterwegs zu DeCastillas."
Mehr konnte die Kommissarin jetzt wirklich nicht verraten, wenn sie keinen Wutausbruch des Kollegen oder gar des Chefs heraufbeschwören wollte.
"Bis später!", rief sie daher nur noch kurz zurück, ehe sie dem wartenden Tenatier nach draußen folgte.
Schweigend schritten die Kriminalbeamten nebeneinander her, würdigten sich keines Wortes. Die vorübergehende Vertrautheit, die bei der Verhaftung DeCastillas zwischen Dodo und Raphael geherrscht hatte, war wieder nahezu verflogen.
Tenatier hatte gar nicht erst den Vorschlag gemacht, den Lift zu benutzen. Es wäre sinnlos gewesen. Erstens, weil Dorothea ohnehin lieber über die Treppen lief und zweitens, weil der träge Personenaufzug sicher noch nicht im ersten Stock angekommen wäre.
Dodo war kurz angebunden und ihre Frage klang geschäftsmäßig. "Welche Nummer?"
Im gleichen Tonfall antwortete Raphael: "Wir müssen in den Komplex B auf 150."
Ein Nicken, die Kommissarin lief den Gang weiter entlang und kümmerte sich nicht darum, ob der Kollege folgte.
Über der verschlossenen Schiebetür prangte ein Schild mit dem Buchstaben "B". An der Wand befand sich der Scanner und Tenatier drückte seinen Daumen darauf. Geräuschlos fuhren die gläsernen Seitenteile in die Wand und gaben den Eingang zum ?heiklen? Teil der forensischen Abteilung samt den Kühlkammern frei.
"Klinger muss in 152 sitzen", erklärte Raphael und hielt vor der entsprechenden Tür.
Aus dem Zimmer war kein Laut zu hören. Ein schlechtes Zeichen?
Dorothea schluckte, tat es trotzdem dem Kollegen gleich und brachte ihre Dienstwaffe in Anschlag.
Durch Augenkontakt verständigten sich die Kriminalbeamten, ehe Dodo die Klinke zum Büro von Ludwig Klinger ruckartig nach unten drückte und die Tür mit dem Fuß auftrat. Mit äußerster Vorsicht lugten die SOKO-Beamten in das Zimmer.
Es war leer.
"Wollen Sie zu mir?", fragte, wie aus heiterem Himmel, plötzlich eine Stimme hinter Tenatier und Drasenberger.
Beide fuhren herum und ihre Waffen zielten auf einen Mann mit weißem Arbeitskittel. Nun, beinahe weiß. Denn vor Schreck darüber, dass er sich zwei Pistolenmündungen gegenüber sah, hatte Klinger den Inhalt des Pappbechers in der Hand über seine Dienstkleidung geleert. Braune Kaffeeflecken domi-nierten jetzt in Brusthöhe die Laborkluft des Forensikers.
"Sind Sie Ludwig Klinger?", herrschte Tenatier den Mann an, dem immer noch der Schreck im Gesicht anzusehen war. Eine Spur zu unhöflich, wie Dorothea missbilligend fand.
Drasenberger warf einen bezeichnenden Blick zum Namensschild ihres Gegenübers.
"Steht zumindest da drauf", raunte sie.
Dorothea ließ die Waffe sinken und steckte sie wieder in das Halfter. Sie verlor keine Zeit und trat einen Schritt näher an den Verantwortlichen der forensischen Abteilung.
"Von Ihrem Computer wurde heute früh um sieben Uhr eine Mail abgeschickt, dass unsere Leiche verschwunden ist."
Klinger schüttelte den Kopf. "Das ist nicht möglich. Ich bin heute erst um acht Uhr gekommen, weil ich ..."
"Unwichtig", unterbrach Tenatier, "warum Sie später gekommen sind. Waren Sie heute schon in der Kühlkammer?"
"N-n-e-i-n", stotterte Ludwig herum. "Ich, ähm, ja, war ... Kollegin Ruspelhofer hatte da ein Problem und ich ..."
Dorothea schürzte ihre Lippen und verbiss sich ein Lachen. Diese Rechtfertigung war so fadenscheinig, und aus dem Gestotter mehr herauszuhören, als wenn Klinger gar nichts gesagt hätte.
Egal, was die Laborkollegen für "Probleme" zu besprechen gehabt hatten - es war nicht ihre Sache. Es verstärkte nur wieder Dodos Meinung, dass Privatleben und Dienst strikt getrennt werden mussten. Und es außerdem am besten wäre, überhaupt keine "Beziehung" zu einem Kollegen zu unterhalten, die über das Dienstverhältnis hinausging.
"Können wir einen Blick hineinwerfen?" Die Frage war nur alibihaft, da die Kommissarin bereits das Büro betreten hatte und sich zu dem Computer bewegte. Erstaunt registrierte Dodo, dass der PC noch nicht in Betrieb genommen worden war. Nur das Lichtsignal, dass das Gerät an den Strom angeschlossen war, blinkte.
"Ich habe noch nicht, ich konnte noch nicht ...", jammerte Klinger ein wenig mitleidheischend.
Es war bereits gegen neun Uhr und sein PC noch nicht hochgefahren. Stattdessen hatte er etwas von kollegialer Hilfestellung gestammelt und war mit dem Kaffeebecher angetroffen worden. Zugegeben, das machte kein sehr gutes Bild.
"Schon klar", amüsierte sich jetzt auch Tenatier. "Sie hatten noch keine Zeit, Ihren Computer einzuschalten. Wann genau ist hier Dienstbeginn?" Er tat, als müsse er genau überlegen und stützte sein Kinn auf den Zeigefinger der rechten Hand.
"Raphael", mahnte Dorothea, "es reicht. Es nützt uns nichts, wenn wir auf Kleinigkeiten herumhacken. Das Mailprogramm checken wir später. Ich will sehen, ob unser DeCastillas noch brav in seinem Fach liegt."
Zu Klinger gewandt bat sie: "Lassen Sie uns einen Blick auf 333 werfen?"
Ludwig Klinger war verblüfft. "Wieso wissen Sie, dass die sterblichen Überreste des Herrn in dieser Box liegen?"
"Das", grinste Tenatier herausfordernd, "hat uns die Leiche geschrieben."
Der Forensiker zuckte mit den Schultern. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, was die Kommissare von ihm wollten. Das Problem, ob die beiden ihn beim Vorgesetzten anschwärzen würden, beschäftigte ihn viel mehr. Klinger trat zu der metallenen Schiebetür und drückte seinen linken Mittelfinger auf den Scanner.
Dorothea hatte sofort bemerkt, dass der Kollege nicht wie üblich seinen Daumen für die Überprüfung verwendet hatte. Von Natur aus neugierig und wissbegierig fragte sie nach: "Wieso der Mittelfinger?"
Als hörte er diesen Satz öfter, meinte Klinger nur: "Die Fingerkuppen der rechten Hand sind durch diverse chemische Substanzen bereits so in Mitleidenschaft gezogen, dass keine relevanten Erkennungsmöglichkeiten mehr gegeben sind. Und hier ...?" Ludwig hob seinen linken Arm und wedelte mit der Hand vor Dodos Augen herum. "... fehlt der Daumen. Im Haushalt abgesäbelt."
Raphael hatte staunend eine Augenbraue gehoben und sich gewundert, welche Details seiner Kollegin ins Auge fielen. Er selbst hatte nur die gegenüberliegende Wand mit rechteckigen Türen anvisiert und die gesuchte Nummer dreihundertdreiunddreißig gefunden. Das durch einen Codemechanismus geschützte Fach schien unversehrt.
Hatte sich jemand einen üblen Scherz erlaubt?
"Öffnen Sie das bitte!", verlangte Raphael und sein Blick schweifte über die makellos sauberen Wände der sechs Kühlfächer. Sechs an der Zahl deshalb, weil je drei übereinander lagen. Mehr der Aufbewahrungsboxen waren hier nicht nötig. Es handelte sich nicht um das städtische Leichenschauhaus, sondern um die forensische Abteilung der Bundespolizeidirektion. So viele tote Mörder gab es glücklicherweise nicht, die hier bis zur Feuerbestattung ?zwischengelagert? wurden.
Der Toxikologe tippte einen vierstelligen Code in die Tastatur und das Rechteck schnappte mit einem "Klick" aus der Wand. Klinger griff nach den Hebeln links und rechts an der Metalllade und surrend fuhr der Fachboden samt darauf befindlichem Sarg heraus.
Dorothea spürte ein unheilvolles Kratzen in ihrem Hals. Verstohlen warf sie einen Blick auf ihr Miniphone. Kein Anruf ihrer Freundin Dietlinde. Das bedeutete hoffentlich, dass nichts Ungewöhnliches zu erwarten war, wenn sich gleich der Sargdeckel öffnen würde.
Ein kurzes Rucken und der Forensiker hob den Metallteil an.
"Sieht nicht besonders toll aus und halten Sie sich die Nasen zu. Der Kerl stinkt."
Tenatier und Drasenberger waren gewappnet und auf alles gefasst. Neigten ihre Köpfe, um in den Sarg sehen zu können.
Leer.
"Hatte wohl das Bedürfnis nach Frischluft", ätzte Raphael.
Klinger rieb sich die Augen. Das war doch nicht möglich und er ahnte, dass die Angelegenheit unangenehme dienstliche Folgen für ihn haben würde.

"Dodo!", klang es erfreut von der Tür her.
Ein weitaus gedämpfteres "Morgen!", galt den beiden männlichen Kollegen.
Werner Ganzer von der Spurensicherung rückte mit seinem Team an. "Ist es wahr? Castillas ist weg?"
"Sieht leider ganz danach aus, Werner", beantwortete Dodo die Frage und nickte dem Kollegen der SPUSI freundlich zu.
Ganzer machte einen Schritt nach vorn, warf einen Blick in den leeren Leichenbehälter und seufzte vernehmlich auf: "Na servas, das sieht aber nicht nach vielen Spuren aus. Darf ich die Herrschaften jetzt bitten, hier Platz zu machen. Wir werden sehen, ob wir was finden, das uns weiterhilft."
"Viel Glück", raunte Dodo, ehe sie gemeinsam mit Raphael und Klinger den Raum verließ.
Das Büro des Toxikologen wurde vorläufig gesperrt und der Kollege von der Forensik musste wohl oder übel die ermittelnden Beamten der SOKO Brettebner begleiten.
Es war ein ernstes Gespräch, das zwischen Blesnjakov und dem Forensiker sowie den Teampartnern Drasenberger und Tenatier stattfand. Klinger verließ mit hochrotem Kopf das Büro des Hofrats. Jetzt durfte er offiziell für einige Zeit zu der Kollegin Ruspelhofer übersiedeln. So lange, bis das eigene Dienstzimmer wieder freigegeben war.
Gemeinsam mit Brettebner warteten Dodo und Raphael auf die Ergebnisse der Spurensicherung.
Es gab kein Aufatmen, als der erste und vorläufige Bericht gegen vierzehn Uhr eintraf.
Bericht Spurensicherung/Ganzer - 13:58 Uhr
Nach ersten, gründlichen Überprüfungen konnten weder an den Wänden der Kühlkammern, noch an den Türen zu diesem Raum, oder an den Scangeräten Manipulationen festgestellt werden. Keine verwertbaren Fingerabdrücke. Die sterblichen Überreste des Lorenzo DeCastillas sind ?verschwunden? und es gibt keine Hinweise, wie das geschehen sein könnte. Die Überprüfung des Computers von Ludwig Klinger ergab überhaupt keine relevanten Daten. Auch hier keine Spuren, die zu einem etwaigen Tatverdächtigen führen könnten. Die technischen Auswertungen folgen im Laufe des Abends. Kollege Kruezberger wird Sie über Details informieren.
Ende Bericht Ganzer - 14:00 Uhr

Rätseln und Betroffenheit. Niemand verstand, was hier geschehen war. Auch der Techniker hatte nichts herausfinden können. Schlimmer noch - es schien, als wäre Klingers PC gestern Abend um zwanzig Uhr heruntergefahren und bis zu seiner Aktivierung durch die Beamten der SPUSI nicht wieder aktiviert worden. Blesnjakov verhängte eine Informationssperre.

Das Urlaubsfeeling hielt sich nun verständlicherweise in Grenzen, als Dodo am Freitag ihren Spitfighter bestieg. Ein Gefühl, das sie noch nie kennengelernt hatte, begleitete ihre Fahrt in den Süden.
Es war die Furcht vor etwas, das nicht greifbar oder erklärbar war.
Dietlinde, deren Ahnungen sonst zumindest etwas Licht ins Dunkel bringen konnten, hatte auch nur den Kopf geschüttelt und gemeint: "Lasst den Toten ruhen. Von ihm droht - vorläufig - keine Gefahr. Warum das so ist, weiß ich nicht. Aber es ist da nichts, was ich spüre. Keine dunklen Schatten oder beängstigende Vorahnungen."
"Und warum dann vorläufig ?" hatte Dodo wissen wollen.
"Das, mein Schatz", war Didis Aussage dazu gewesen, "hat etwas mit den komischen Zahlen zu tun, die da im Laufe eurer Ermittlungen aufgetaucht sind. Und wenn ich meine sieben Sinne beisammen habe und das Kopfrechnen nicht verlernt habe, dann bekommen erst die Kommissare der nächsten Generation mit einem möglichen Nachfahren dieses Kerls zu tun."
Diese Worte waren einerseits beruhigend gewesen, und andererseits auch wieder nicht. Nur bedingt erleichtert hatte Dodo die Umarmung der ?Doppel-partnerin? über sich ergehen lassen, als diese noch ergänzte, dass Dorothea die Tage am Meer genießen sollte.
Nichts würde diese Reise überschatten. Nichts?
"Und nicht zu viel Slibowitz trinken", kicherte Tenatier - und Maggy schwamm gleich im selben Fahrwasser mit. "Geist- und kalorienreich" war ihre sinnhafte, aber überflüssige Meldung dazu.
"Danke für den überaus netten Tipp", fauchte Dorothea genervt.
Sie umarmte kurz Ursula, wünschte ihr ein schönes Wochenende und in Folge zwei Arbeitstage, an denen gewisse Kollegen am besten krankgeschrieben wären. Garblong grinste, weil sie verstand, was Dodo meinte.
Brettebner hatte sich vorhin schon verabschiedet. Er war mit seiner Tochter, dem Schwiegersohn und den Enkelkindern zu einem Kurzurlaub in die Steiermark unterwegs.
Ohne Raphael und Magdalena Steyner eines weiteren Blickes zu würdigen, rauschte Dodo aus dem Büro.
Innerlich verfluchte sich Tenatier für seine unbesonnene Äußerung. Warum aber auch machte ...? Der Kommissar überlegte. Nein, Dorothea hatte im Vorfeld zu seinem Gelabere nichts Provokatives gesagt. Den Blödsinn durfte er ganz allein auf sich verbuchen.
Er nahm sich vor, an diesem Wochenende Dietlinde und ihren Lebensabschnittspartner York zum Essen einzuladen. Vielleicht konnte er ein bisschen mehr über Dodo herausfinden.
Magdalenas glossiger Schmollmund setzte zu einer ganz besonderen Fragen an: "Raffi? Möchtest du heute vielleicht ...?"
"Nein", unterbrach Tenatier. "Ich will nicht."
Und er hatte wirklich kein Verlangen danach, zu erfahren, was Maggy ihn vorhin fragen wollte.

Die sonst so quirlige Wienerstadt wirkte tagsüber wie ausgestorben.
Jeder suchte, wo immer möglich, nach schattigen oder klimagekühlten Plätzen. Eine Hitzewelle, die tagsüber an der Vierziggrad-Marke kratzte und in den Stunden der Nacht nicht die gewünschte Abkühlung brachte, lag über der Stadt. Wie riesige Speicherfelder gaben die Mauern der Häuser die Wärme wieder ab, wenn die Strahlen der Sonne am Horizont verschwunden waren. Wer arbeiten musste, stöhnte. Doch auch diejenigen, die ihre Freizeit an diversen Donaugestaden oder in Freibädern genossen, jammerten, weil es schier unerträglich war. Alles wieder typisch für die Menschen und besonders typisch für die Wiener. Denn spätestens, wenn wieder die ersten Regen-tropfen fielen, ginge das Gezetere von Neuem los.
Das Gute an der herrschenden Wettersituation war allerdings, dass sich auch das Gesindel und zwielichtige Gestalten in die Schatten und den Untergrund der Stadt verzogen hatten.
Die Kriminalität machte Sommerpause.
So war es auch nicht weiter tragisch, dass die Geburtstagsfeier von Georg Mayer am Donnerstag nach Dodos Rückkehr aus dem Urlaub etwas "intensiver" ausfiel.
Das Büro der SOKO Brettebner wirkte am Freitag wie ein in Watte gepacktes Zimmer, aus dem kein Laut drang. Auch Werner Ganzer und das Team der SPUSI schienen in der Versenkung verschwunden zu sein. Kein Telefonat störte die Regenerationsphase der Beamten.
Einzig Ursula und Dorothea tuschelten in verhaltenem Tonfall über Dies und Das. ?Das? bezog sich hauptsächlich auf ein frisch erkorenes Zielobjekt der Männerjägerin Maggy. Jemand aus der Sicherheitswache, der Name war noch ein Geheimnis. Eigenartigerweise wollte das aber auch niemand lüften.
Tenatier warf nur ab und zu einen seltsamen Blick zu Dodo. Immer dann, wenn er dachte, sie würde es nicht bemerken.


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