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Aus dem Buch: Fantastische Wesen
 
Demenz
Barbara Hagen

Der Küchenwecker gab sein mitternächtliches "Ping" von sich, das Peter in schlaflosen Nächten abgrundtief hasste. Trotzdem hatte er es bisher nicht geschafft, die verdammte Uhr in den Müll zu werfen. Die Datumanzeige funktionierte noch mechanisch und das Klicken, mit dem sie umsprang, war eine nostalgische Erinnerung an irgendetwas, das sich sonst im Trubel der Jahre längst verloren hatte. Jedenfalls hatte ein neuer Tag begonnen und Peter war froh, ihn noch halbwegs bei Kräften erleben zu dürfen. Jedes Jahr über siebzig war ein Geschenk, und er ruderte gerade auf die sechsundsiebzig zu, mit nur einem einzigen künstlichen Hüftgelenk und dem Herzschrittmacher geradezu jugendlich unberührt.
Peter überlegte, ob er sich an den PC setzen und im Internet stöbern sollte, oder ob er doch besser die Schlaftablette nahm, die in verführerischer Reichweite auf dem Nachtkästchen lag. Facebook gewann, er rollte sich ächzend auf die Seite und kämpfte sich hoch.
"Du wirst alt!", erklang eine Stimme, unbekannt und mehr als sarkastisch.
Peter plumpste zurück auf die Bettkante, sehr zum Unwillen seiner Lendenwirbelsäule. Ein mulmiges Gefühl kroch in ihm hoch, gerade an der Grenze zur Panik. Natürlich, in seinem Alter könnte er jeden Tag sterben, doch er hatte eigentlich damit gerechnet, sanft einzuschlafen. Warum sich jemand die Mühe machte, um Mitternacht einen Rentner zu überfallen, war für ihn ein unerklärliches Rätsel. In der heutigen Zeit gab es sicher lohnendere Objekte.
"Du brauchst keine Angst zu haben", sprach er zu sich selbst.
Ein guter Ratschlag, absurd und sinnlos zugleich. Vorsichtig kroch Peters Hand zum Nachtkästchen, ertastete den Lichtschalter und knipste die Leselampe an. Er schrie vor Schreck auf und es war nicht nur sein eigener Schrei, der in seinen Ohren gellte.
Vor ihm krümmte sich ein seltsamer Gast in der matten Helligkeit einer Spar-Glühbirne.
"Mach das aus", bat Peters Besucher und schniefte herzzerreißend, wobei sich aus dem unförmigen, weichen Körper eine grünlich-schleimige Kugel loslöste, über den Boden rollte und am Fuß einer Kommode zum Stillstand kam.
Nein, diese Wesen war definitiv keine Gefahr, und Peters Herz verlangsamte sein Tempo. Peter überlegte, ob dies der Anfang von Demenz sein konnte. Mathilde, die Nachbarin von gegenüber, hatte ebenfalls unerklärliche Dinge gesehen. Erst waren es krabbelnde Spinnen gewesen, danach hatten sie Gesichter vom Boden aus angestarrt, und schließlich war sie von gutmeinenden Verwandten in ein Pflegeheim gesteckt worden. Dort plagten sie zwar die Visionen noch immer, doch durch die Kunst der Pharmazie war sie nicht mehr in der Lage, Gegenstände danach zu werfen.
Peter musste wohl seine Krankheit als unerwünschten Teil seines älter werdenden Körpers akzeptieren. Dagegen anzukämpfen wie Mathilde wäre dem direkten Weg in ein Altersheim gleichgekommen.
"Guten Tag", sagte er mit einem Anflug von Galgenhumor und schirmte die Lampe mit seinem Buch ab. Und da sprechende Gallertklumpen um Mitternacht ohnehin skurril waren, fügte er gleich hinzu: "Darf ich dich Ludwig nennen?"
"Von mir aus", knurrte die Halluzination. "Es gibt schlimmere Namen."
Ein Tentakel löste sich aus dem wabernden Körper, erfasste die Schleimkugel und brachte sie zurück an die Stelle, von der sie sich losgelöst hatte.
Fasziniert beobachtete Peter, wie das Fragment förmlich aufgesogen wurde und er fragte sich, welches Trauma in ihm diese Sinneswahrnehmungen ausgelöst haben könnte. Für den Krieg war er noch zu jung gewesen, also musste es irgendetwas in seinem Privatleben gewesen sein, möglicherweise sogar seine kurze, nur etwa fünf Jahre dauernde Ehe. Ingrid und er waren jedoch im Guten geschieden worden, sozusagen in gegenseitigem Einvernehmen, wie sich der Scheidungsrichter ausgedrückt hatte, also ebenfalls keine plausible Erklärung für grünen Schleim. Und Peter hatte ohnedies die Hauptschuld getragen - er lächelte versonnen, als er an die rassige Sekretärin dachte.
"Ich brauche deine Hilfe", stellte Ludwig der, Schleimklumpen, ungerührt fest.
Peter empfand es ein bisschen beleidigend, von seinem eigenen Hirngespinst aus diesen glücklichen Träumen herausgerissen zu werden.
"Du bist doch Physiker, oder?", fragte Ludwig nachlässig, sprang mit Schwung auf das Sofa und lümmelte sich der Länge nach hin.
Peter beschloss, am nächsten Tag die Polsterung nach Schleimflecken abzusuchen. Rein zur Sicherung seiner Diagnose.
"Ja", knurrte er widerwillig.
Mathilde hatte nie mit ihren Tierchen gesprochen. Möglicherweise war er bereits eine Stufe weiter oben in seine Krankheit eingestiegen.
Ludwig pulsierte aufgeregt. "Kannst du eine Singularität herstellen?"
"Ein schwarzes Loch?" Irgendwie fand Peter seine Demenz unterhaltsam. "Dritte Tür rechts, nicht im Stehen pinkeln."
Ludwig zog sich kurz zusammen, danach lief eine schillernde Welle über seine Oberfläche. Peter stellte einen Vergleich mit Pudding an, den er in seiner Kindheit ziemlich gehasst hatte und hakte das Thema ´unverarbeitetes Trauma´ geistig als gelöst ab.
"War das menschlicher Witz oder Ironie?", erkundigte sich Ludwig verärgert. "Meine Frage schien in meinen Augen unmissverständlich und logisch."
"Du hast keine Augen!", erinnerte Peter seinen Besucher.
Die Gallerte grunzte abfällig. "Meine Oberfläche ist photosensibel. Und einfältig bin ich auch nicht. Ich habe dich über Jahre deiner Zeitrechnung beobachtet und studiert."
Peter beschloss, die Diskussion im Liegen fortzuführen. Ohne Schlafmantel konnte er sich leicht eine Erkältung holen, und vor einem Jahr wäre er beinahe an einer simplen Lungenentzündung gestorben.
"Warum?", fragte er, nachdem er sich die Decke bis zum Kinn hochgezogen hatte. "Warum hast du mich studiert?"
"Eben wegen dieser Singularität." Ludwig richtete sich auf – wenn man die Proportionsveränderung eines Schleimklumpens so bezeichnen darf – und fuhr ein Tentakel aus, welches er wie einen ermahnenden Zeigefinger schwenkte. "Der einzige Zugang zu eurem Universum befindet sich leider in deinem Schlafzimmer."
"Also bin ich der Nabel der Welt. Erfreulich."
"Blödsinn. Reiner Zufall!" Ludwig waberte empört. "Noch dazu ein ziemlich langweiliger Zufall – das Schlafzimmer eines alten Mannes – jede andere Position wäre unterhaltsamer."
Peter begann zu grinsen. "Und jetzt willst du …"
"Genau!", sagte der Schleimklumpen zuckend. "Du warst einfach geisttötend. Uninteressant. Fade. Und da bin ich zu weit vorgerutscht." Ludwig plusterte sich auf wie ein Ballon, den man mit Gas befüllt. "Ich wollte mehr sehen von deiner Welt als immer nur dich und deinen PC – das musst du doch verstehen!" Er fiel in sich zusammen. "Und jetzt brauche ich eine Singularität, um zurückzukehren."
Peter nickte. "E.T. – Nach Hause telefonieren!"
Ein weiteres Puzzleteil hatte sich zu seiner Demenz hinzugesellt. Ein uralter Film, den er damals sogar auf Super 8 gesehen hatte. Wenigstens keine Spinnen wie bei Mathilde.
"Iiitii!", quietschte Ludwig empört. "Physikalisch nicht möglich – wie sollen denn elektromagnetische Wellen in ein Paralleluniversum eindringen? Das müsstest du doch am besten wissen! Du hast doch ein Buch darüber geschrieben! Oder wirst du senil?"
Wahrscheinlich. Aber das sagte Peter nicht. Vielleicht sollte er das Thema wechseln. "Wenn du aus einer anderen Welt kommst – warum sprichst du perfekt meine Sprache?", erkundigte er sich und wartete hämisch grinsend darauf, welche Lösung ihm sein Gehirn nun anbieten würde. "Und warum kannst du in meiner Atmosphäre überhaupt existieren?"
Ludwig rollte auf dem Sofa nach rechts. "Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung, warum ich noch nicht erstickt bin.
Und deinen Wortschatz habe ich studiert. Immerhin habe ich fünf Abhandlungen über deine Welt verfasst." Die grüne Kugel zuckte. "Nur das Licht macht mir zu schaffen – es brennt auf meiner Oberfläche."
Peter schaute unwillkürlich auf das Nachtkästchen, wo die ohnehin matte Energiesparlampe von seinem Buch abgeschirmt wurde.
Natürlich hatte Ludwig den Blick bemerkt. "Genau!", bestätigte er und zuckte wieder, wobei die Bewegung ziemlich einfältig aussah und Wellen über den ganzen Schleimkörper laufen ließ. "Ich muss zurück, bevor es Tag wird! Ich fürchte, ich werde sterben, wenn es hell wird."
Ein neuer Aspekt meiner Demenz. Peter empfand diese Wendung beinahe unerhört simpel – die vielen Vampirfilme, die in den letzten Jahren gedreht worden waren, hatten eben Spuren in seinem Kopf hinterlassen. Und diese Vampire wohnten schon lange nicht mehr in Särgen. Eigentlich schade. Ludwig hätte sich in einem Totenschrein sicher gut gemacht. Besser als auf einem Sofa.
"Wir könnten die Vorhänge zuziehen", schlug er recht halbherzig vor.
Ludwig würde sicher nicht verschwinden. Mathildes Spinnen hatten sich mit der Zeit eher vermehrt, danach waren die Gesichter vom Boden dazugekommen. Wäre sie nicht in Panik geraten könnte sie noch immer in ihrer Wohnung leben. Doch nachdem sie sogar das Ofenrohr aus der Wand gerissen und nach ihren Halluzinationen geworfen hatte, war diese Chance für immer verwirkt gewesen. Der Zimmerbrand hatte die Wohnung verwüstet, Mathilde eine Rauchgasvergiftung beschert und dem Vermieter die Gelegenheit gegeben, eine Förderung zur Wohnungsverbesserung einzustreichen, um danach den dreifachen Mietzins zu verlangen.
Ludwig, der amorphe Wackelpudding, pfiff empört. "Die Helligkeit wird potentiell steigen! Ich werde sterben, wenn du nicht sofort eine Singularität erzeugst!"
Peter empfand die Wiederholung der fortwährenden Drohung eintönig.
Aber ein beinahe achtzig Jahre altes Gehirn war eben nicht so intellektuell wendig wie ein zwanzigjähriges.
"Ich kann das nicht", murmelte er genervt. "Und es wäre auch ziemlich gefährlich. Ein schwarzes Loch könnte die ganze Erde verschlingen."
"Quatsch!" Die Schleimkugel platschte auf den Boden und rollte zum Bett. "Ich spreche von einer fünfdimensionalen Singularität. Von einem Spalt zwischen den Universen. Von einem schmalen Durchgang." Ludwigs Schleimkörper wabbelte hysterisch. "Verstehst du denn nicht, ich fürchte um mein Leben!"
Peter warf die Decke zurück und setzte sich auf, wobei er den stechenden Schmerz in der rechten Schulter ignorierte. Die Schulter machte ihm immer wieder zu schaffen. Mit einem Finger tippte er die Gallerte an und spürte überrascht, dass sich seine Halluzination stofflich und warm anfühlte. Neugierig fuhr er weiter in die schwabbelige Masse, bis seine ganze Hand darin versank.
"Au!", brüllte Ludwig und sprang zurück wie ein Ball, der gegen eine Wand geprallt war. "Bist du verrückt? Das tut weh!"
Peter betrachtete seine Hand. Trocken, gewohnt faltig und die bekannten Altersflecken am Handrücken. Keine Spur von irgendeiner grünlichen Substanz. Er seufzte. Also doch Demenz. Er würde in der Psychiatrie landen und als sabbernder Idiot in ein Pflegeheim verfrachtet werden. Mit Windeln, einem Gitter rund um das Bett und Pflegern, die ihn wuschen, fütterten und ab und zu in einen Rollstuhl setzten. Mit einem Fernseher im Zimmer, der nur ein Programm kannte, und Volksmusik auf den Gängen.
Mathilde hatte Ziehharmonika und Blasmusik geliebt. Er tat das nicht. Seine neuen Nachbarn standen mehr auf Rap und Techno. Manchmal sehnte er sich nach den sonntäglichen Frühschoppenkonzerten aus Mathildes Radio zurück. Aber eben nur manchmal. Einmal im Jahr oder so. Wenn die Nachbarn ihn gerade zugedröhnt hatten.
"Hörst du mir überhaupt zu?" Ludwig hatte drei Tentakel ausgefahren und schüttelte Peters Oberkörper. "Ich will zurück in meine Welt!" Die Stimme schraubte sich in die Höhe.
Peter hatte Hysterie immer schon verachtet. Durchdrehende grüne Gallertklumpen ergaben die perfekte Steigerung seiner Aversionen.
"Verschwinde", knurrte er aufgebracht und versuchte, sich aus der Umklammerung zu lösen. "Du bist nicht echt."
Zwei zusätzliche Tentakel fuchtelten in der Luft herum. "Nicht echt? – Was bist du nur für ein sturer Ignorant! Nur wegen deiner Bequemlichkeit nimmst du meinen sicheren Tod in Kauf!"
Peter spürte, wie in seinem Inneren Wut aufstieg. Heiße, zornige, demente Wut.
"Ich kann hier nicht überleben!", kreischte Ludwig bedenklich laut. Peter fragte sich unsinnigerweise, ob die Nachbarn etwas mitbekamen. Hirngespinste verhielten sich normalerweise nach außen hin still und unauffällig. Aber Ludwig entpuppte sich als wahre Sirene.
Peter hob die Schultern. "Was soll ich – deiner Meinung nach – tun? Mit Tafelbesteck, einem alten Radio und meinem Smartphone eine Singularität basteln?"
Das Schütteln des Wabbelkörpers ließ nach. "Das funktioniert?", fragte Ludwig überrascht "Du würdest es auf diese Weise tatsächlich fertigbringen?"
Peter grunzte. "Natürlich nicht. Es war ein Witz, eine Ironie, wenn du verstehst, was ich meine. Singularitäten lassen sich nicht so einfach herstellen."
"Wie sonst?"
"Anders vielleicht. Wahrscheinlich aber gar nicht. Außerdem bin ich zu alt dafür."
"Natürlich. Eure Spezies führt ja keine Mitochondrien Regeneration durch. Wahrscheinlich ist Sterben für euch das Normalste auf der Welt."
"Aber nicht für mich!", kreischte Ludwig und fast schien es, als habe ein Tentakel, der verdächtig nahe an Peters Ohr lag, einen eigenen Lautsprecher eingebaut. "Wenn ich regelmäßig regeneriere, könnte ich noch zusehen, wie eure Sonne zur Supernova wird!"
"Könntest – du – nicht!", widersprach Peter, durch die Bewegung in abgehacktem Stakkato. "Du – verträgst – kein Licht!"
"Nein." Die Tentakel zogen sich alle gleichzeitig zurück und Peter bekam endlich wieder genug Luft zum Atmen.
"Kein Licht", murmelte Ludwig hoffnungslos. Unwillkürlich löste sich eine Gallertkugel aus seinem Körper und wurde mit einer fahrigen Ausbuchtung wieder zurückgeholt. "Kein Licht."
"Ich könnte dich für den Tag in einem Kasten verstecken", schlug Peter vor.
Vielleicht war er der Erste, der seine Traumgebilde im Wäscheschrank verbarg, aber irgendjemand musste den Anfang machen. Demenz war ausbaufähig. Ob das seine Pflegehelferin auch so sah?
"Aber du darfst ihn erst in der nächsten Nacht öffnen!", sagte Ludwig hastig.
Peter knurrte eine dicke Verwünschung und stand vorsichtig auf. "Wie war das mit der Regeneration?", fragte er beiläufig, während er mit noch immer etwas wackeligen Beinen zum Kasten stapfte.
"Ganz einfach: Durch geeignete Energiezufuhr wird der Körper gezwungen, seine notwendigen Reparaturen auszuführen", sagte Ludwig. "Man altert nicht. Im Kindesalter streng verboten."
"Blödsinn."
"Für mich nicht."
Peter verzichtete auf eine ausfällige, weit unter der Gürtellinie liegende Antwort.
Der Kasten erwies sich als vollgestopftes Ungetüm. Anzüge, die seit etwa dreißig Jahren aus der Mode gekommen waren, gesellten sich zwischen jungfräuliche Jogginghosen, die Peter einst mit den besten Absichten gekauft hatte. Vor der Hüftoperation und vor dem Herzschrittmacher.
Er warf alles, was ihm überflüssig erschien, auf den Boden. Für die Caritas, würde er seiner Helferin sagen, und sie mit dem ganzen Zeug fortschicken. Seine Erben würden es ihm danken. Es gab noch genug Trödel in der Wohnung, für den niemand nach ihm Verwendung haben würde.
Peter seufzte. Also die Angst vor dem eigenen Tod hatte ihm die Halluzinationen beschert. Traumhaft. Das Pflegeheim rückte ein paar Kilometer näher.
"Da hinein?", krähte Ludwig unbekümmert.
Der Schleimklumpen rollte in den Schrank. Aus der Kugel entstand eine längliche, tonnenförmige Gestalt, die sich auch tatsächlich zwischen die verbliebenen Kleidungsstücke zwängen konnte. "Toll", nickte die Geleesäule. "Ich schulde dir etwas für mein Leben!"
Peter fragte sich, warum er das überhaupt tat. Mathilde hatte mit allen möglichen Gegenständen nach ihren Spinnen geworfen – und er sperrte seine Fantasiegebilde einfach in den Wäschekasten!
Plötzlich ertönte hinter Peter unglaublicher Lärm. Kreischen, Zischen und dumpfes Hämmern ließen Boden und Wände erzittern, danach quietschte etwas fürchterlich, als hätten sich alle rostigen Türangeln der Welt miteinander verschworen. Peters Herz tat vor Schreck ein paar schmerzhafte Sprünge, dann setzte der Schrittmacher ein und brachte es mit einem durch den ganzen Körper zuckenden Impuls wieder ins Gleichgewicht. Peter schwankte, rang nach Luft und wandte sich um. Eigentlich hatte er mit dem Schlimmsten gerechnet, einem Erdbeben, dem Einsturz seines Zimmers, einem Loch im Fußboden, durch das man die Wohnung unter ihm sehen konnte - doch da war nichts.
Nicht wirklich nichts, denn mitten im Raum – schwebte Nichts. Ein vollkommen leerer Fleck, den man nur an der Verzerrung des Hintergrundes erkennen konnte. Ein unsichtbares Loch in der Welt. Eben ein Nichts.
Ludwig, der ungebetene Gast, brüllte. Nicht, dass er verständliche Laute von sich gab im Gegenteil, es war eigentlich keine Sprache zu verstehen, doch Peter spürte eine Salve von Schwingungen, die nur von Ludwig herrühren konnten.
Endlich beruhigte sich der Schleimpfropf und wechselte zu menschlicher Sprache. "Meine Eltern haben mich gefunden!", rief er glücklich und schwabbelte ein bisschen vor Entzücken. "Sie holen mich ab!"
"Gute Reise!", knurrte Peter gereizt und betrachtete den unordentlichen Haufen am Boden, der im abgedeckten Schein der Nachtkästchenlampe groteske Schatten warf.
Ludwig bewegte sich – nun wieder als Kugel – auf das unsichtbare Loch zu. Peter sah ungerührt zu, wie seine Halluzination zu verschwinden begann. Als nur noch ein grüner Schimmer aus dem Nichts hervorlugte, streckte sich ein Tentakel zu Peter und berührte ihn sanft.
"Trotzdem danke!", flüsterte Ludwigs Stimme aus der Ferne.
Peter wurde schwindlig. Hitzegefühl brannte in seinem Körper und die Beine begannen trotz Implantat zu versagen. Er schaffte es gerade noch ins Bett, dann fielen ihm die Augen zu. Mit dem letzten Gedanken, zu dem er fähig war, bedauerte er es, bereits bei seiner ersten Halluzination einem Herzinfarkt erlegen zu sein.

Grelles Licht blendete ihn, als er wieder zu sich kam.
"Guten Morgen!", schmetterte seine Pflegehelferin, warf dem Haufen Wäsche am Boden einen verständnislosen Blick zu und zog die Vorhänge ganz zurück, dass ihn die Sonne in der Nase kitzelte. "Was haben Sie denn heute schon wieder angestellt?"
"Ausgemustert", grunzte Peter und blinzelte empörte. Nun ja, er lebte noch. Vielleicht sollte er heute ein EKG machen lassen. Nur so zur Vorsicht ...


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