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Aus dem Buch: Nacht ohne Ende
 
Schwarzes Licht
Daniel Mylow

‚Nikolaj schaute in die blattlosen Kronen der Bäume, deren Silhouetten in den Glasfassaden farblos aufschimmerten. Er vernahm das Rascheln aus dem Nebenzimmer, die hastigen Stimmen sich Streitender; eine leise Musik, die aufstieg und verklang wie in den Sommernächten das Stöhnen der Liebenden, das durch die geöffneten Fenster bis in sein Zimmer drang.
Aber da war noch etwas anderes. Ein Pochen.
Etwas schlug an die Wand. Etwas anderes stürzte zu Boden. Jemand schrie. Dann war es still.
Nikolaj starrte durch das Schlüsselloch auf den Gang.
Ein Mann ging vorüber. Er blieb seiner Tür gegenüber stehen. Sein Gesicht konnte er nicht sehen, nur einen grauen Mantel und ein Paar glänzender Lackschuhe. Nikolaj hielt den Atem an. Der Mann verschwand am Ende des Gangs.
Nikolaj wartete. Er war nervös. Jeder Laut schien ein großer Raum, in dem alles verschwand und in dem seine Ungeduld wuchs. Er öffnete die Tür. Vor ihm auf dem Boden lag das zerknüllte Seidenpapier einer Bonbonsorte, die er noch aus seiner Kindheit kannte. Die Tür zum Nachbarzimmer war nur angelehnt.
Nikolaj wartete auf einen Laut, ein Zeichen, doch nichts geschah.
Er stieß die angelehnte Tür auf. Das Zimmer lag im Dämmerlicht. Die Vorhänge waren zugezogen. Langsam gewöhnten sich seine Augen an das spärliche Licht. Der Raum befand sich in einem chaotischen Zustand. Alles war durchwühlt, Koffer und Schubladen aufgerissen und der Inhalt überall verstreut.
"Tim ... Tim ... bist du es?"
Nikolaj erstarrte; die Frauenstimme war röchelnd aus dem Bad gedrungen.
Er presste das Gesicht an die Milchglasscheibe der Badezimmertür. Es blieb still.
Nikolaj riss die Tür auf. Der zusammengekrümmte Körper einer Frau lag unter dem Waschbecken.
"Tim?" Sie konnte ihn nicht sehen. Aus den dunklen Höhlen ihrer Augen rann Blut wie schwarzes Licht. Sie sagte etwas, aber Nikolaj konnte sie nicht verstehen. Er legte seine Wange an ihre Lippen. Ihre Stimme war wie ein dünner Faden, der sich mehr und mehr verlor.
"Hotel Europa ... Zimmer 401 ... weißt du noch, die verdammte Spülung ... sie war immer kaputt. Ich hab`s einfach hingebracht ... ich hatte solche Angst, dass sie uns kriegen ... es tut mir so leid ... Tim? Hilf mir ...!"
Plötzlich war es sehr still. Vom offenstehenden Fenster her fuhr ein Luftzug durch ihre blonden, von Blut verklebten Haare. Nikolaj stand auf ... und taumelte zurück. Unter seinen Füßen knisterte die Seidenhülle eines Bonbonpapiers.
Er stürzte aus dem Bad. Die Zimmertür fiel ins Schloss. Nikolaj blieb abrupt stehen. Angestrengt starrte er in das Halbdunkel des Hotels. Auf dem Gang entfernten sich Schritte in ein stilles Nichts.

Nikolaj verließ das Hotel an der Uerdinger Rheinseite. Eine seltsame Ruhe ergriff ihn. Sie wuchs in ihm, wurde härter und schärfer.
In einem nahen Imbiss in der Niederstraße aß er etwas. In den letzten Wochen hatte er nicht mehr regelmäßig gegessen. Das wenige Geld, das er noch besaß, hatte er für Zigaretten und Alkohol ausgegeben. Vor drei Monaten hatten sie ihn entlassen. Der Vermieter hatte ihn aus der Wohnung geworfen und seitdem brachte er seine Stütze in den billigeren Hotels und Spielhallen Krefelds durch.
Manchmal arbeitete er als Kurier. Aber er hatte schon lange keine Aufträge mehr bekommen. In seinem Zimmer hatte er auf jemanden gewartet. Doch es war niemand gekommen.
Es regnete. Der Regen glänzte wie schwarzes Licht auf dem Asphalt; wie das Licht in den Augenhöhlen der Frau.
Nikolaj spürte ein Stechen in der Brust. Er erinnerte sich an etwas, aber er war nicht wirklich sicher, was es war. Müde starrte er in den fleckigen und zersprungenen Spiegel hinter dem Tresen.
"Hotel Europa, Zimmer 401 ... weißt du noch, die verdammte Spülung, sie war immer kaputt ... " Er wiederholte die letzten Worte der toten Frau. War sie es etwa, die sich mit ihm treffen wollte?
Während er sich sorgfältig im Spiegel musterte, strich er sein öliges Haar glatt und fuhr sich über den aufgerissenen Saum seines Kragens. Wer zum Teufel war Tim? Er wusste auch von keinem Hotel Europa. Aber irgendwo musste er anfangen. Oder er vergaß die ganze Sache und ging zur Polizei. Keine gute Idee.
Er dachte an seine unbezahlten Hotelrechnungen, an seine gefälschten Papiere und an sein ganzes jämmerliches Leben.

Der Regen hatte nachgelassen. Nikolaj zahlte, stand auf und ging.
Als er sich dem Hotel näherte, sah er die Polizei vor dem Eingang stehen. Er verschwand in einer der Seitenstraßen.
In der Nähe des Rheinhafens nahm er sich wieder mal ein Zimmer. Über das Internet fand er heraus, dass es hier in der Stadt kein Hotel Europa gab. Aber rheinabwärts, etwa siebzig Kilometer nordwestlich von hier, in Emmerich, nahe der holländischen Grenze, da gab es ein Hotel mit diesem Namen.
Er saß am Fenster und trank. Ein leichter Wind wehte vom Fluss herauf. Die Straßen waren verlassen.

Nikolaj erwachte.
Der Regen schlug gegen das Fenster. Lichtschleifen rieben am Glas. Er fuhr mit dem Zug schwarz nach Emmerich; Geld für ein Ticket besaß er nicht.
Während der Fahrt hielt er sich in der Zugtoilette versteckt. Am Bahnhof fragte er nach dem Hotel. Die Leute schüttelten den Kopf, als würden sie ihn nicht verstehen. Das Hotel stand schon seit vielen Jahren leer.
Während Nikolaj der beschriebenen Richtung folgte, dachte er an die Stimme der Frau. Bestimmt hatte auch sie einmal von einem besseren Leben geträumt. Das war das Einzige, was ihn davon abhielt, nicht gleich wieder zurückzufahren; und die düstere Ahnung, dass er noch nie irgendein Ziel gehabt hatte.
Das Regenwasser tropfte aus seinen Haaren und lief ihm übers Gesicht. Irgendetwas brannte in seinen Augen. Wie durch einen Schleier hindurch sah er die Hotelfassade zwischen alten Schuppen und verrosteten Baukränen aufragen.

Das Europa war völlig heruntergekommen. Unkraut schlang sich aus dem bröckelnden Mauerwerk; einige Fensterscheiben waren eingeschlagen. Das Eingangsportal war verschlossen.
Nikolaj stieg durch das Fenster ins Parterre. Die Gänge lagen in einem modrigen, staubflimmernden Licht. Die meisten Türen standen offen. Er begab sich in den dritten Stock. Dort schaute Nikolaj durch die Glasfassade des Treppenhauses auf die Straße.
Vom Fluss her trieb der Wind den Regen über den Asphalt. Vor dem Hotel stand ein schwarzes Auto. Er konnte sich nicht erinnern, es schon vorhin dort gesehen zu haben.
Langsam ging er durch den Hotelflur an den Zimmern vorbei, bis er am Ende des Gangs vor dem Zimmer 401 stand. Die offene Tür bewegte sich in der zugigen Luft. Es roch nach Verwesung. Nikolaj atmete tief durch und stieß die Tür auf. Ein bestialischer Gestank schlug ihm entgegen. Er fuhr zurück und band sich seinen Schal um Mund und Nase. Dann betrat er das Zimmer.
Auf dem Boden lag der verwesende Leichnam eines Mannes. Heerscharen von Fliegen fielen über Nikolaj her. Er musste würgen.
Für einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen. Es dauerte nur einen Augenblick, dann bemächtigte sich eine Eiseskälte seiner. Es war, als würde nicht er, sondern ein anderer das hier erleben.
Er schlug die Jacke des Toten zurück und zog eine Brieftasche aus der Innentasche. Aber das war seine Brieftasche, seine Papiere! Dazwischen steckte ein Foto: Das Foto jener Frau aus dem Hotelzimmer.
Nikolaj griff in die eigene Jackentasche. Sie war leer. Die Fliegen krochen in seine Ohren und seine Augen. Er schlug um sich. Verzweifelt versuchte er nachzudenken. Er war also tot. Das hier war er; oder das was von ihm noch übrig war.
Was zum Teufel ging hier vor sich?
In diesem Zimmer gab es sonst nichts außer einem geöffneten Reisekoffer, dessen Inhalt über dem Bett verstreut war. Aber etwas sagte Nikolaj, dass er weitersuchen musste.
Eine Tür schlug krachend zu. Er horchte angespannt in die Stille, doch nichts geschah.
"Weißt du noch ... die verdammte Spülung, sie war immer kaputt ... "
Nikolaj pfiff leise durch die Zähne. Die ganze Zeit hatte er sich den Kopf darüber zerbrochen, was dieser Satz wohl zu bedeuten hätte.
Während er sich die Fliegen vom Leib hielt, eilte er ins Bad. Der Spülkasten der Toilette schien unversehrt. Er entfernte die Abdeckung. Im trüben Wasser schwamm ein kleiner Plastikbeutel, der an einem Draht über dem Metallstift befestigt war. Nikolaj zog den Draht vorsichtig nach oben. Ein Schlüssel mit einem Metallanhänger steckte in diesem unscheinbaren Beutel.
Sonst nichts.
Er nahm den Beutel an sich. Nur noch raus hier, fuhr es ihm durch den Kopf.
Vor der Zimmertür blieb er abrupt stehen. Auf dem Flur waren deutlich Schritte zu hören.
Fluchend zwängte er sich in den Wandschrank neben der Tür. Ein pelziger Geschmack lag auf seiner Zunge. Angestrengt starrte er durch den schmalen Spalt zwischen den Türen.
Die Schritte näherten sich. Jemand blieb vor der Tür stehen. Und plötzlich starrte Nikolaj auf ein Paar glänzender Lackschuhe. Die ausgestreckte Hand des Neuankömmlings hielt einen Revolver. Sein Gesicht konnte Nikolaj durch den sich verengenden Spalt nicht sehen.
Der Mann trat ins Zimmer und blieb regungslos stehen. Er stieß einen leisen Fluch aus. Nikolaj hielt den Atem an. Es waren nur Sekunden, dann trat der fremde Besucher wieder auf den Flur. Nikolaj hörte, wie die nächste Zimmertür geöffnet wurde.

Fast eine Stunde blieb er in dem Wandschrank. Übelkeit würgte ihn. Endlich stieß er die Schranktüren auf und tastete sich vorsichtig auf den Flur. Es war still. Fast zu still. Er beeilte sich, aus dem verlassenen Gebäude zu kommen. Draußen regnete es unaufhörlich. Der schwarze Wagen war verschwunden. Nikolaj lief durch den Regen. Er zählte die paar verbliebenen Cents in seiner Tasche. Das Licht der trüben Laternen blickte aufs Meer. Alles war so dunkel, dass niemand mehr sagen konnte, wo der Tag aus seiner Spur geraten war und der Wind brannte sich in den Himmel.
Nikolaj blieb vor einem schäbigen Imbisswagen stehen. Eine Art Zeltdach bot Schutz vor Regen und Wind. Das Einzige, das er sich leisten konnte, war ein Pappbecher voll wässrigen Kaffees.
Er holte den Schlüssel aus dem Plastikbeutel und starrte ihn an. Er drehte und wendete ihn, aber außer der Ziffer 237 und einem von einem Adler umrahmten H auf dem Schlüsselanhänger war nichts zu erkennen.
Sein Blick fiel auf eine liegengelassene Zeitung. Die Westdeutsche Zeitung. Der Regionalteil lag aufgeschlagen auf einem der Stehtische und alles, was er sah, war sein Foto. Verdammt! Er überflog den kurzen Bericht über den Mord an einer jungen Frau in einem Hotel in der Rheinstadt Uerdingen. Als dringend tatverdächtig wurde ein gewisser Tim Lawrence gesucht. Aber das war tatsächlich sein Foto. Was hatte das zu bedeuten?
Hastig schluckte Nikolaj den Rest des Kaffees hinunter. Er drehte die Zeitung um und verschwand ohne ein Wort zu sagen. Verzweifelt versuchte er, all die leeren Enden in seinem Hirn zusammenzubringen.
Mit gesenktem Kopf lief er an den verlassenen Fabrikhallen vorbei in Richtung der Docks. Ein schwarzer Wagen folgte ihm in größerem Abstand. Vielleicht war es Zufall, aber Nikolaj beschleunigte seinen Schritt. Er sah auf die Schnellstraße, die über ihm entlang des Hafens führte. Auf der Brücke stand ein weißer Transporter mit einem Schriftzug, der Nikolajs Atem stocken ließ: ein schwarzes H, das von einem Adler umrahmt war. Darunter war der Name einer großen Krefelder Bankfiliale zu lesen.
Nikolaj blieb für einen Moment wie betäubt stehen, dann wechselte er die Straßenseite und rannte zum Busbahnhof an den Kais.

Während er im Bus zum Bahnhof saß, behielt er die Türen genau im Auge. Ein Schlüssel zu einem Schließfach! Warum war er nicht gleich darauf gekommen? Er pfiff leise durch die Zähne. Der verdammte Regen hörte nicht auf. Die Regenschlieren klebten noch an seinem Mantel, als er wieder in Krefeld angekommen aus dem Zug stieg.
Er fragte einen alten Mann nach dem Weg. Als er vor dem beschriebenen Gebäude in der Fußgängerzone stand, waren die schweren Gitter vor der Glasfront herabgelassen.
"Tim?"
Nikolaj wandte sich um. Er schaute in das Gesicht einer jungen Frau; vielleicht Ende zwanzig, mit kurzem Pagenhaarschnitt und graublauen Augen.
Sie starrte ihn verblüfft an.
"Ich dachte, du und Julie, ihr wärt längst fort."
Nikolaj war zu überrascht, um etwas zu entgegnen. Das schien Teil eines Spiels zu sein, in dem ihm offenbar eine Hauptrolle zugedacht war.
"Schön, dich zu sehen". Sie küsste ihn auf die Lippen. Dann spürte er ihre Zunge in seinem Mund; es war wie eine Welle, die seinen ganzen Körper auszufüllen begann.
"Ich habe dich vermisst", sagte sie, während ihre Hand unter sein Hemd glitt. "Du siehst abgerissen aus. Pleite?"
Er nickte. Das war ausnahmsweise mal etwas, das sich nicht seiner Kenntnis entzog.
"Kommst du mit zu mir?"

Ihr Appartement lag nur ein paar Straßenblöcke weiter, in der Nähe des Hansacentrums. Sie redete die ganze Zeit. Doch etwas warnte ihn.
Sie senkte ihre Stimme: "Das war ein verdammt heißes Ding, wie ihr den Kurier von Old Daddy abgefangen habt", sagte sie, während sie das Appartement betraten. "Man spricht von einer halben Mille. Die sind hinter euch her, das ist dir doch klar? Du musst mir alles erzählen. Aber vorher sollten wir ficken."
Sie zog sich aus. Dann beugte sie sich über ihn und zog ihm die Jacke aus.
"Gib´s zu, du hast Daddys Sparstrumpf beiseite geschafft und machst jetzt einen auf Penner, bis die Sache vergessen ist. Ist es nicht so?"
Sie öffnete seine Hose. "Ist denn im Obdachlosenheim auch noch ein Plätzchen für mich frei, Timmy? Erzähl´s mir, erzähl mir alles", sagte sie, während ihre freie Hand nach seiner Jacke tastete.
Sie blies ihren Atem auf seinen Schwanz. Es rauschte in seinen Ohren. Plötzlich sackte sie ohne einen Laut von sich zu geben, über seinem Körper zusammen. Blut spritzte über sein Gesicht. Auf ihrem Rücken bildete sich ein hässlicher roter Fleck.
Nikolaj rollte sich mit aller Kraft zur Seite und sprang auf. Ein Schatten löste sich von der Wand und war plötzlich dicht neben ihm. Nikolajs Hand griff in Richtung der Waffe, in der ausgestreckten Hand des Fremden; sie schloss sich um dessen Handgelenk und drehte es. Drehte fester, und der Revolver fiel zu Boden.
Nikolajs Faust traf den Fremden an der Schläfe. Als der versuchte, sich wieder aufzurichten, schlug Nikolaj erneut zu, dann fiel der Andere zu Boden.
Er versuchte hochzukommen. Nikolaj ließ ihn sich halb aufrichten. Dann ballte er die Finger seiner linken Hand zur Faust und schlug sie abermals ins Gesicht seines Gegenübers. Der Andere sackte zusammen, fiel auf den Boden und blieb reglos liegen.
Schritte hallten auf dem Treppenflur. Jemand rüttelte an der Tür. Nikolaj ging zum Fenster und schaute hinaus. Ein paar Handbreit weiter unten erkannte er einen Sims. Er stieg aus dem Fenster und stellte sich auf diesen Sims. Unter ihm lag ein Verandadach. An seinen Fingerspitzen hängend tastete er sich bis zu dem Punkt, der dem Dach am nächsten lag. Dann ließ er los.
Krachend schlug er auf das Verandadach auf. Ein Hund bellte, irgendwo wurde ein Fenster aufgerissen.

Er wartete, bis es still wurde. Dann sprang er vom Dach und begann zu laufen. Nach einer Stunde erreichte er das Flussufer bei Gellep. Dort kannte er ein altes Lagerhaus, in dem er sich bis zum Morgengrauen verstecken konnte und wo er Schutz vor dem plötzlich einsetzenden Frost fand. Es war höllisch kalt.
Er hatte das Gefühl, bisher nur Fehler gemacht zu haben. Das Unglück war wie ein Strudel, aber ganz egal, wie weit er nach unten gezogen wurde, er konnte noch immer dagegen anschwimmen.
Nikolaj barg den Schlüssel in seiner Faust. Eines war klar. Irgendjemand war hinter etwas her, das er noch gar nicht hatte. Er war sich sicher, dass das eben eine Falle gewesen war. Und er war wie ein Idiot hineingetappt. Das Mädchen konnte ihn nicht ernsthaft für Tim halten.
Aber warum hatte sie sterben müssen? Vielleicht war es mehr als eine Laune der Natur, dass er plötzlich eine andere Identität besaß, eine Identität, die ihm sein unbekannter Gegenspieler mit jedem neuen Zug aufzwang. Er hatte immer gedacht, er würde das Leben kennen. Aber jetzt war er nur noch Teil eines schwindelerregenden Karussells, das sich drehte und drehte ohne anzuhalten.

Im Morgengrauen verließ er sein Versteck und lief den ganzen Weg zurück in die Krefelder Innenstadt. Die Stadt schien ein schlafender Mond in der Dämmerung. Der Regen war inzwischen zu Eis gefroren. Doch Nikolaj wartete, bis die Landesbank öffnete.
Er betrat den Raum mit den Schließfächern. Wenige Sekunden später zog er mit zitternden Händen eine unscheinbare schwarze Reisetasche aus der Öffnung des Schließfachs. Das war alles.
Hau ab, dachte er, hau ab.
Seine Schritte folgten den Eisspuren auf dem Asphalt.

Der nächste Taxistand befand sich vor dem Stadttheater in Höhe des Seidenweberhauses. Der Wachmann von der Bank schaute ihm nach. Gleich zwei Taxis fuhren an und setzten auf die Straße, noch bevor er einsteigen konnte. Das dritte Taxi hielt. Nikolaj stieg ein.
Er überlegte einen Moment, dann nannte er die Adresse seines Bruders in Duisburg. Das waren schon ein paar Kilometer, und bis dahin würde ihm schon was einfallen. Vorsichtig öffnete er den Reißverschluss der Tasche. Das was er sah, ließ sein Herz rasen. Scheine. Unzählige Scheine. Nikolaj schätzte den Inhalt der Tasche auf eine halbe Million; vielleicht mehr.
Der Fahrer starrte ihn durch den Rückspiegel an. Irgendwie kam ihm der Mann bekannt vor.
Die Straße schien in Eisregenschleiern zu verschwinden. Der Wagen fuhr über die Rheinhausener Rheinbrücke. Kurz nach der Brücke zog das Taxi quer über die Fahrbahn und bog in eine holprige Piste ab, die zu den Rheinwiesen hinabführte.
"He, was soll das!", fuhr Nikolaj den Fahrer an.
"Eine Abkürzung", antwortete der Fahrer grinsend.
Nikolaj starrte auf die Seidenpapierhüllen des Bonbonpapiers, das aus dem Zigarettenschacht des Wagens quoll. Das Taxi holperte über die schmalen Wege zwischen Äckern und Wiesen. Vergeblich rüttelte Nikolaj an den Türgriffen.
Der Fahrer sprach nicht. Plötzlich hielten sie an einem kleinen See.
"Was ist? Warum halten wir? Was machen wir hier? Fahren Sie weiter!", drängte Nikolaj den Fahrer.
"Du steigst aus, Tim. Deine Reise ist hier zu Ende."
Der Mann drehte sich um und hielt einen Revolver an die Schläfe des Erschrockenen.
"Aussteigen. Und nimm die Pfoten von der Tasche."
Nikolaj öffnete die Wagentür und stieg aus. Vor ihm lag der See, der von einer brüchigen Eisschicht bedeckt war.
"Und jetzt geh ...!"
Nikolaj wollte zurück weichen. Doch plötzlich fühlte er Eis unter seinen Füßen. Wasser schwappte durch die Risskanten. Der Mann stand vor ihm. Nikolaj starrte auf seine schwarzen Lackschuhe.
"Tut mir leid, Timmy. Du warst einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort, und dann du hast dir genommen, was dir nicht gehört ... Das ist alles."
"Ich bin nicht Tim", stammelte Nikolaj.
Der Mann lachte. "Dann schau doch mal in deine Papiere. Wer solltest du sonst sein?"
Nikolaj wich zurück ...


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