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Aus dem Buch: Tin Soldier
 
Zufallsbegegnung
Dr. Karsten Beuchert

Es ist erst ein paar Stunden her, dass ich wieder einmal in Dresden angekommen bin. Obwohl ich - auf gewisse Weise - schon häufiger hier war, ist die Stadt jedes Mal eine andere, manchmal deutlich, manchmal aber auch nur um Nuancen verschoben, fast nicht wahrnehmbar, sodass ich es mir zur sportlichen Herausforderung gemacht habe, diese dennoch wahrzunehmen.
Du kannst nicht zweimal in die gleiche Stadt reisen, denke ich, frei nach Heraklit.
Was immer gleich ist und woran ich mich - neben der hier üblichen etwas unbequemen viktorianischen Kleidung - jedes Mal aufs Neue ein bisschen gewöhnen muss, wenn ich hierher komme, in diese Stadt, die auf so unerklärliche Weise mein Dresden ist, das ist der trotz aller Filter spürbare Geruch von Rauch in der Luft, der von der hier üblichen Dampf- und damit Energieerzeugung herrührt.
Die letzten Stunden bin ich in der Stadt herumgeschlendert, habe hier und dort verweilt, und mein heutiger eher oberflächlicher Rundgang nähert sich seinem Ende. Ich werde in ein paar Tagen noch ausreichend Gelegenheit haben, zu Fuß und per Kraftdroschke zu erkunden, was sich hier gegenüber meinem letzten Besuch verändert oder verschoben hat. Jetzt muss ich mich beeilen, wie mir ein Blick auf meine Taschenuhr bestätigt, hinter deren Zifferblatt die filigrane Mechanik in ständiger und dennoch beruhigender Bewegung agiert. Also stoppe ich ein Dampftaxi, um mich rasch zum Städtischen Land- und Wasser-Flugplatz Dresden-Kaditz bringen zu lassen.
Leider handelt es sich um ein geschlossenes Taxi, was bei Regen oder anderem schlechtem Wetter einen eindeutigen Vorteil gegenüber den offenen Droschken darstellt, aber heute während unserer Annäherung an den Flugplatz meinen Ausblick auf die majestätischen und perfekten Hüllen der Auftriebskörper der startbereiten Luftschiffe doch deutlich behindert.
Etliche sind es, die auf der ausgedehnten Grünfläche Platz gefunden haben. Einige ruhen auf ihren Landerädern direkt auf der Wiese, einige andere sind eine Etage höher an Landemasten befestigt. Nicht wenige von ihnen rangieren in der gigantischen Vierhundert-Meter-Klasse, die entwickelt wurde, um dem zunehmenden Strom der Transatlantikreisenden Rechnung zu tragen. Die Klasse, zu der auch die Boreas Traum gehört, die ihrem Namen entsprechend eher nördlich verlaufende Routen bedient und deren sanftem Gleiten ich mich für die nächsten Stunden anvertrauen möchte; auch wenn wir dabei nicht den Atlantik überfliegen werden, und auch nicht den Nordpol wie Umberto Nobile und Roald Amundsen mit der Norge. Beides interessiert mich auch nicht weitergehend - was mich hierhergeführt hat, ist mein Interesse an europäischen Städten, wobei meine Sehnsucht dieser einen gilt: Dresden.
Nicht auf die andere Seite des Atlantiks möchte ich reisen, nicht über den Nordpol, für diesen aktuellen Besuch nur einmal nach London und wieder zurück, und dabei zweimal den Anblick von Dresden genießen, die langsam kleiner werdenden Details nach dem Start auf dem Hinflug, und die genauso gemächlich zunehmende Detailschärfe beim Landeanflug auf der Rückreise.
Kurz nur spüre ich einen Kloß im Hals und muss schlucken. Viele haben mich schon einen Spinner oder noch unfreundlicheres genannt, so viel Zeit und Aufwand in meine Reisen zu investieren - aber ich stehe dazu, auch wenn ich mich selbst zuweilen als etwas nostalgisch schelte.

Ich bezahle und verlasse das Taxi und quäle mich durch die langsamen und aufhaltenden Routinen der Zugangskontrolle, vor allem die unangenehme Durchsuchung auf Messer, Gasbehälter und insbesondere Feuerzeuge; was ich alles nicht mit mir führe. Es gibt keinen großen Unterschied zum Prozedere an anderen Flughäfen, und doch will es mir hier mit den schimmernden Luftgiganten im Hintergrund, die durch die Fenster des Flughafengebäudes erkennbar sind, irgendwie deplatziert scheinen. Und im Stillen frage ich mich, ob hier wohl doch immer noch Wasserstoff statt Helium zum Befüllen der Auftriebtanks verwendet wird - ein Gedanke, den ich schnell wieder verdränge, um mir die Vorfreude auf den anstehenden Flug nicht zu verderben.
Am Ausgang des Kontrollbereichs wartet ein Flughafendampfbus auf die als ungefährlich eingestuften Fluggäste, und schließlich stehe ich vor der imposanten schimmernden Zigarre, der Boreas Traum, deren Silhouette ehrfurchtgebietend mehr als vierzig Meter über mir aufragt - ein Eindruck, der leider trotz der Luxuriösität des Interieurs in den Hintergrund tritt, nachdem ich das in den Rumpf integrierte Passagierdeck betreten habe.
Von hier aus wirkt der Ausblick zunächst nicht viel anders als von einem mittleren Deck eines wassergebundenen Ozeandampfers, der aus unerfindlichen Gründen auf einer grünen Wiese gestrandet ist.
Eine Passagierkabine brauche ich auf dieser kurzen Reise nicht - von dort hätte ich auch keinen Ausblick gehabt, da sie im Innenbereich des Rumpfes gelegen sind. Aber ich habe mir rechtzeitig einen festen Platz an der Promenade mit den großen Außenfenstern reservieren lassen, um den ersehnten Überblick genießen zu können. Wie ich feststelle, handelt es sich um einen bequem gepolsterten Sessel an einem Zweiertisch. Ich nehme Platz und warte auf den Start, der in etwa einer Viertelstunde erfolgen soll.
Gerade will ich nach der Zeitung im Halter greifen, um mich zu informieren, was hier tagesaktuell vor sich geht, da nähert sich ein Mann und scheint meinen Tisch anzupeilen. Ich schätze ihn auf fast einen Meter neunzig, er wirkt recht selbstsicher, und sein Kleidungsstil ist noch um einiges viktorianischer als meiner.
Aber das ist es alles nicht, was meine Neugier erregt; eher ist es die Aura, die den Mann umgibt, eine feinstofflich-energetische Emanation, die ich spüren, die ich aber nicht genauer beschreiben kann.
Üblicherweise erkennen wir Reisenden einander, wenn wir uns begegnen - was nicht häufig vorkommt.
Dennoch verbleibt bei diesem Mann für mich ein Rest Unsicherheit.
Wie ich es vermutet habe, tritt er an meinen Tisch. Erneut nicht ganz sicher meine ich, dass er mich mit ähnlichem Interesse mustert wie ich ihn.
"Good afternoon!", eröffnet er das Gespräch, während er den anderen Stuhl am Tisch langsam zurückzieht, mit einer Mischung aus einerseits höflicher Zurückhaltung und der stummen Anfrage, Platz nehmen zu dürfen, und andererseits der undisputable Gewissheit und Sicherheit eines Commonwealth-Angehörigen, ein Anrecht auf genau diesen Platz zu haben.
"Guten Abend!", antworte ich und signalisiere mit einem leichten Kopfneigen mein Einverständnis, während meine Gedanken um diesen Mann kreisen und ich auch ein bisschen Verärgerung in mir wahrnehme über die Selbstverständlichkeit, mit der hiesige Briten - oder US-Amerikaner - anderen ihre Sprache selbst auf kontinentaleuropäischem Boden aufdrängen.
"Ach, entschuldigen Sie, wir sind ja noch in Deutschland", fährt der Mann nonchalant in gutem Deutsch mit erstaunlich geringem Akzent fort, und mein Ärger verfliegt und macht sofort wieder der Neugier Platz.
Der Hüne lässt sich in seinen Sessel fallen und schlägt die Beine übereinander. Auch im Sitzen wirkt er noch überdurchschnittlich groß. Ein bisschen angespannt überlege ich, worüber wir uns unterhalten könnten, da bittet er mich um die Tageszeitung, die noch neben mir im Halter steckt - er habe noch keine Gelegenheit gehabt, sich über die aktuellen Geschehnisse zu informieren.
So blicke ich durch die Panoramafenster nach draußen und warte auf den Start, der kurz darauf erfolgt. Es ist noch nicht das, worauf meine Vorfreude gerichtet ist, aber ich kann nicht leugnen, dass mich die gewaltigen Zeppeline und die noch größeren Luftschiffhallen jedes Mal aufs Neue auch aus der Luftperspektive beeindrucken.
Die Details des Flughafens Kaditz werden kleiner, und wie ich gehofft habe, setzt der Pilot zu einer kleinen Runde Richtung Südosten an. Für einen Flug nach London eigentlich die falsche Richtung - aber der minimale Umweg über die barocken und klassischen Sehenswürdigkeiten der Dresdner Altstadt, der nur bei gewissen Windbedingungen aeronautisch notwendig ist, hat sich als so publikumswirksam erwiesen, dass er zum festen Bestandteil eines Starts in Dresden avanciert ist.
Und wieder einmal liegen sie unter mir, die Ankerpunkte meines Dresdens, die Frauenkirche, das Residenzschloss, die Hofkirche, der Zwinger, die Semperoper mit ihrem bläulichen Dach. Die Elbe. Ich beuge mich vor, um diesen Anblick gebührend zu goutieren.
"Sie ist schön!", entfährt es mir, leise, und ich weiß nicht einmal, ob ich es mir oder meinem Tischnachbarn mitteilen möchte, aber es ist laut genug, dass er es mitbekommt und von seiner Zeitung aufblickt. Er schaut mich an, und in seinem Blick ist wieder diese Intensität von Aufmerksamkeit, die ich bei seiner Annäherung zwischen uns gespürt habe. Er lässt die Zeitung sinken.
"Sie meinen die Stadt? Dresden?"
"Ja, die Stadt", antworte ich, während ich überlege, wie viel ich ihm offenbaren möchte. Schließlich entscheide ich mich, meinem Gefühl ihm gegenüber zu vertrauen, dass auch er ein Reisender ist wie ich, und nutze die übliche Verklausulierung, hinter die ich mich zur Not zurückziehen kann, um ihm Hinweise zu geben, wo ich herstamme.
"Hier ist sie unbeschädigt", antworte ich. "Was Sie gerade dort unten sehen: In meinen Träumen wurde sie in einem großen Krieg fast völlig zerstört. Ich wandere zwischen rauchenden Trümmern umher, um mich herum schreien Menschen in Angst, in Panik. Weinen in Trauer. Zusammen mit einer überlebenden Steinfigur blicke ich vom Rathausdach hinab auf Trümmer und Häusergerippe. Völlig zerstört. Dann zwar wieder aufgebaut - aber gebrochen. Hier hat es diesen Krieg nicht gegeben - hier ist sie intakt."
Ich beobachte ihn aus dem Augenwinkel, während ich weiter nach unten schaue. Fast meine ich, ein Glänzen wie ein wenig Feuchtigkeit in seinen Augen wahrzunehmen, aber ich möchte ihn nicht anstarren.
Aus einem Impuls heraus ergänze ich: "Herders Elbflorenz der Künste wurde zu McKees Deutschem Hiroshima."
Einen Moment schweigen wir. Schließlich räuspert er sich.
"Ich sehe die Stadt unter mir, aber ich kann Ihre Träume spüren. Leider weiß ich nicht, was Sie mit Hiroshima meinen - aber ich denke, ich habe ein Gefühl, was es bedeutet. Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit - und für Ihre Träume!"
Wir schauen uns kurz an. Wir wissen, dass wir uns verstehen - und gegenseitig vertrauen. Mit seiner Anmerkung über Hiroshima hat er begonnen, sich zu offenbaren, hat mir eine Minimalandeutung über seine Herkunftskoordinaten gegeben.
Aktuell sind keine weiteren Worte nötig, und so schweigen wir erneut, spüren wechselseitig unsere Berührtheit, wollen uns aber nicht dadurch in Verlegenheit bringen, dass wir uns weiter anschauen. Der Mann vertieft sich wieder in die Tageszeitung, und ich verfolge durch die Panoramafenster, wie die Dresdner Gebäude unter der Boreas Traum vorbeiziehen und dabei kleiner werden, bis sie schließlich außer Sicht verschwinden.

Zunächst verläuft die Fahrt weitgehend ereignislos, während unser Luftschiff Leipzig passiert, um schließlich Dortmund und das smogverschleierte Ruhrgebiet nördlich zu umfahren. Als die Aussicht wieder klar und angenehm ist, andererseits aber die Abenddämmerung hereinbricht, wird das wie immer hervorragende Abendessen serviert.
Ich will mich gerade dem Ragoût fin auf meinem Vorspeisenteller widmen, als in meinem Augenwinkel etwas Großes ein gutes Stück unter unserer Flughöhe meine Aufmerksamkeit erregt, sodass ich mich vorbeuge, um durch die Panoramafenster nach unten zu schauen. Mein Tischgenosse tut es mir gleich, anscheinend hat er das fragliche Flugobjekt ebenfalls wahrgenommen.
Wir tauschen einen vielsagenden Blick aus, als wir erkennen, um was es sich handelt. Katamarane, also Luftschiffe aus zwei starr miteinander verbundenen Rümpfen, sind ein seltener Anblick. Meistens dienen sie militärischen oder Forschungszwecken, wie anscheinend auch dieser Doppel-Zeppelin, der als Flugzeugträger eine Landeplattform für SAL-Flugzeuge zur Verfügung stellt, also Fluggeräte, die schwerer als Luft sind und mittels dynamischen Auftriebs fliegen.
Wir können beide ein Grinsen nicht unterdrücken, was wiederum ein Indiz für Ähnlichkeiten unserer Herkunftsregionen darstellt - irgendwie ist es fast rührend zu beobachten, wie die Grashüpfer von ihrem Mutterschiff starten, um kurze Runden zu drehen und alsbald wieder zurückzukehren. SAL-Techniken zum Fliegen sind hier offensichtlich nicht sonderlich weit entwickelt, vermutlich weil die gängigen, dampfbasierten Antriebsarten dafür nicht so wirklich geeignet sind.
Ein bisschen schade dabei ist, dass wir im schlechter werdenden Licht nicht wirklich unterscheiden können, ob es sich hierbei um eine Versuchsplattform handelt, mög­licherweise zur technischen Neuausrichtung des Ruhrgebiets, oder um eine nicht ganz geglückte Demonstration militärisch-technischer Stärke an der Westgrenze Deutschlands. Wie auch immer, mein Tischgenosse und ich schauen uns an, und es braucht keine Worte, um zu wissen, dass wir beide aus unseren Herkunftsregionen in dieser Hinsicht anderes gewohnt sind.

Das Ragoût fin mundet wie erwartet großartig, wie auch die folgenden Gänge und die Nachspeise, und die Nacht bricht herein. Auf dem Panoramadeck wird die Beleuchtung heruntergeregelt. Unter uns erkennen wir die flackenden Lichter holländischer und dann belgischer Städte.
Ich hatte einen anstrengenden Tag, und fast fallen mir die Augen zu. Mein Tischgenosse zieht eine Leselampe zu sich heran und schaltet sie ein, um zu versuchen, in ihrem Licht noch ein paar letzte Feuilleton-Artikel in der Tageszeitung zu entziffern.
Ein plötzlicher greller Lichtstrahl lässt uns beide hochschrecken. Erneut beugen wir uns beide vor und schauen durch die Panoramafenster, diesmal jedoch nach oben. Ein länglicher Schatten kreuzt unseren Weg, in sehr geringem Höhenabstand und für hiesige Luftfahrzeuge außergewöhnlich schnell. Was uns geblendet hat, ist ein vom anderen Luftschiff ausgehender extrem starker Lichtkegel, der nicht starr in Flugrichtung nach vorne ausgerichtet ist, sondern wie ein Suchscheinwerfer die gesamte Umgebung abtastet.
Offensichtlich handelt es sich um ein Kriegsschiff. Wir kneifen die Augen zusammen und versuchen, es genauer zu erkennen. Die Silhouette wirkt seltsam, weder wie die gewohnte Zigarrenform der Zeppeline oder der von ihnen abgeleiteten angloamerikanischen Luftschiffe, noch wie die klassisch zugespitzte französische Form - die nach Jahrzehnten weiterhin dem Designvorbild der République und der Patrie der nordfranzösischen Luftfahrtpioniere von Lebaudy Frères folgt, vorgeblich aus ästhetischen Gründen, vermutlich aber einfach, um sich, wie für Frankreich üblich, von der übrigen Welt abzusetzen.
Der Suchscheinwerfer des fremden Schiffs streift kurz aufwärts und beleuchtet einen nach oben zeigenden Ausläufer am eigenen Bug. Ich kann ihn nicht klar erkennen, und einen Augenblick lang denke ich an die legendäre Frauenfigur Spirit of Ecstasy, die nicht nur die Frontkühler der bodengebundenen Automobile der Rolls-Royce Group ziert, sondern auch ihre in Einzelanfertigung hergestellten sündhaft teuren Privatluftyachten.
Mein Tischgenosse belehrt mich jedoch eines Besseren. "Norwegisch", murmelt er, was einiges erklärt. Demnach handelt es sich bei dem beobachteten Bug-Ausläufer nicht um den Geist der Verzückung, sondern um ein Drachenhaupt, wie es die Luftkreuzer der norwegischen Kriegsflotte in Anlehnung an die legendären Langschiffe ihrer Wikingervorfahren tragen, wobei mit diesen niemals in den Heimathafen eingefahren werden darf, weil dadurch angeblich die Schutzgeister des Landes aufgebracht oder vertrieben werden könnten. Eine entsprechende Mechanik sorgt dafür, dass der Drachenkopf beim Passieren der eigenen Landesgrenze eingezogen werden kann.
Was nur mag es bedeuten, dass der norwegische Luftkreuzer in offensichtlich aggressiver Aufmachung in einer Weise unterwegs ist, dass er an der Grenze von Kontinentaleuropa zu Britannien beim Passieren unseres zivilen Luftschiffs die internationalen Flugsicherheitsbestimmungen gerade so eben beachtet?


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