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Aus dem Buch: Renate Zawrel Hrsg. - Die Regenbogentreppe - Märchen unterm Regenbogen 2
 
Das Windspiel der Sonnenbräute
Sissy Gross

In aller Frühe wurden die Schmetterlingselfen von Liane, ihrer Königin, geweckt.
"Aufwachen, meine Lieben! Wir müssen den Sonnenbräuten das Windspiel bringen, sonst verschläft die Sonne!"
"Wir schlafen nicht mehr", antworteten die Elfen wie aus einem Mund. Ein Liedchen summend, erfrischten sie sich mit dem Morgentau, der auf den grünen Blättern glänzte. Danach schwebten sie zur duftenden Blumenwiese.
Das Windspiel hängten sie wie immer in den Ginsterbusch mit seinen gelben Blüten. Hell ließ der Wind die goldenen Stäbchen erklingen und die Sonnenbräute hoben ihr Gesicht der aufgehenden Sonne entgegen. In leuchtenden Farben von Gelb, Orange und Rot standen sie dicht beieinander und sangen ein Loblied auf die Sonne, ohne die kein Leben auf Erden möglich war. Die Elfenköpfchen wippten dazu im Takt.
Am Horizont erwachte der neue Tag und die Sonne freute sich stets über den fröhlichen Weckdienst.
Die Elfen tranken zum Frühstück Blütenhonig. So gestärkt schwebten sie durch den nahen Wald, um dort nach dem Rechten zu sehen.
Auf der großen Wiese herrschte ein munteres Treiben, das die Sonne zum Lächeln brachte. Es lag ein Summen und Brummen in der Luft. Bienen und Hummeln hatten sich zu einem Schwätzchen auf den Blütenblättern versammelt.
Vom Himmel hörte man ein lautes Krächzen, welches den Gesang der Sonnenbräute übertönte.
"Seht nur", brummten die Hummeln, "die Trödelhexe mit ihrem Raben auf der Schulter ist auch schon wieder unterwegs."
"Ihr da unten habt es aber gut. Nascht den ganzen Tag Nektar, die Sonnenbräute singen dazu und ich habe nur Arbeit, nichts als Arbeit!", schimpfte die Hexe von ihrem Besenstiel herunter.
"Was willst du denn mit dem gesammelten Trödel anfangen?", summten die Bienen neugierig. "Hast du eigentlich noch Platz in deinem Häuschen, um dich schlafen zu legen?"
"Alles für schlechte Zeiten", verteidigte die Hexe ihre Sammelwut. "Mein Besen ist nicht mehr der Neueste, ich muss mir beizeiten einen anderen zulegen!"
Schon verschwand sie hinter den Bäumen.

So vergingen viele friedvolle Tage. Eines Morgens aber blieb der Himmel dunkel, kein Vögelchen begrüßte zwitschernd den jungen Tag. Die Elfen waren in heller Aufregung: Das Windspiel der Sonnenbräute war ihnen gestohlen worden. "Was können wir tun, wenn die Sonne verschläft und der Tagesablauf außer Plan gerät?", klagten sie verzweifelt.
Königin Liane versuchte, sie zu beschwichtigen. "Wir sollten die Glühwürmchen bitten, für uns zu leuchten, um nach dem Windspiel suchen zu können!"
Die aber waren gar nicht davon begeistert, aus ihren Träumen gerissen zu werden. "Ist das notwendig, uns mitten in der Nacht zu wecken? Wartet bis die Sonne aufgeht, dann habt ihr genügend Licht!", schimpften die kleinen Käfer, die während der Nachtstunden unterwegs gewesen waren und jetzt schlafen wollten.
Aufgeregt plapperten nun die Elfen durcheinander: "Gerade deshalb brauchen wir eure Unterstützung. Die Sonne hat den Morgen verschlafen, weil die Sonnenbräute ohne das Windspiel nicht singen können! Und das wurde gestohlen. Bitte, seid so nett und helft uns suchen!"
"Nun", wisperten die Glühwürmchen, "wenn ihr uns so lieb bittet, wie könnten wir dann ablehnen?"

Ringsherum in Wald und Feld lag alles im Schweigen. Die Vögel saßen in den Bäumen und bewegten verwirrt ihre Köpfchen hin und her. Die Trödelhexe marschierte kreischend und schimpfend den Weg entlang, ihren Besen unter dem Arm. Als sie auf die Elfen stieß, rief sie: "Könnt ihr mir vielleicht sagen, warum es heute dunkel bleibt? Ich müsste schon längst in der Luft sein, aber mein Besen hat kein Licht. Ansonsten nehme ich ein paar Glühwürmchen mit."
Schon griff die Trödelhexe nach den kleinen Leuchtkäfern. Doch die protestierten: "Nix da, wir lassen uns doch nicht von deinem Raben fressen."
Von den Elfen erfuhr die Trödelhexe, warum an diesem Morgen alles anders war als sonst und ihre Stimme klang ziemlich erbost: "Was? Nur wegen dem dummen Klimperding fällt der Sonnenaufgang aus? Das ist doch nicht zu glauben!" Wütend stampfte sie davon.
Gewissenhaft suchten die Elfen nach dem Windspiel. Wie von unzähligen kleinen Taschenlampen wurden sie dabei von den Glühwürmchen begleitet. Kein Fleckchen Wiese und Waldboden ließen sie aus. Leider blieb die Suche erfolglos und sie klagten: "Ein Windspiel löst sich doch nicht in Luft auf."

Der Hundertfüßler Fred hatte mit der Dunkelheit kein Problem. Zielsicher und vergnügt unternahm er pfeifend seinen Morgenspaziergang. Als er den suchenden Elfen begegnete, blieb er stehen und zückte lächelnd sein Hütchen.
"Guten Morgen, schöne Damen, wartet ihr auf die Sonne? Sicherlich hatte die alte Dame vergessen, ihren Wecker zu stellen!"
"Nein", widersprachen die feingliedrigen Geschöpfe, "die Sonne besitzt doch keinen Wecker." Den Elfen war nicht nach Scherzen zumute. "Das Windspiel der Sonnenbräute ist unauffindbar. Hast du es irgendwo gesehen?"
Fred bedauerte: "Hier auf der Wiese habe ich nichts dergleichen entdeckt. Vielleicht spielt der Wind damit!" Dann rückte er sein Hütchen zurecht und verschwand im hohen Gras.

Der Wind wehte heran. "Warum hängt das Windspiel nicht im Ginsterstrauch?", säuselte er.
"Ach", jammerten die Elfen, "es ist uns gestohlen worden, obwohl es wohlverwahrt in unserem Luftschlösschen hing."
"Und was soll nun werden?", wollte der Wind wissen.
"Wir haben bereits überall vergeblich geleuchtet", wisperten die Glühwürmchen.
Der Wind stellte für einen Augenblick sein Wehen ein. "Soll ich mich mal auf die Suche begeben? Ich benötige kein Licht und habe mich noch nie verirrt. Es könnte ja sein, wenn ich etwas fester puste, dass irgendwo das Windspiel erklingt."
Dankbar nahmen die Elfen und die Glühwürmchen das Angebot des Windes an. Auch ihm lag sehr daran, sein Spielzeug zu finden, deshalb brauste er eilig davon.

Hoch am Himmel erschien plötzlich ein seltsames Licht: Flammen, die nach rechts und links ausschlugen und sich fortbewegten. Bei genauerem Hinsehen erkannten alle, die sich auf der Blumenwiese versammelt hatten, die Trödelhexe auf ihrem Besenstiel.
Sie kreischte schadenfroh: "Nun seht her! Von wegen Trödel! Ohne ihn hätte ich mir diese Fackel nicht basteln können! Ein Knüppel, alte Lumpen und schon habe ich Licht. Die anderen Zutaten verrate ich euch nicht, sonst brennt ihr alles nieder. Und ich gebe auch nichts von meinem Licht ab."
"Mir ist kalt", flüsterte eine Elfe der anderen zu. "Was soll nur werden, wenn die Sonne nie mehr aufgeht?"
Vom Kreischen der Hexe waren die Sonnenbräute erwacht. "Was geschieht hier?", fragten sie verschlafen. "Ihr seid alle munter, obwohl wir noch kein Tönchen gesungen haben."
Liane berichtete ihnen von der Katastrophe und der Ratlosigkeit, in der sich alle befanden. "Nun hat nur die Trödelhexe Licht und will uns davon nichts abgeben", seufzte die Königin. Traurig senkten die Sonnenbräute ihre Blütenköpfe. "Warum sind Hexen nur so gemein?"

Die Glühwürmchen hatten eine wichtige Beobachtung gemacht. "Uns ist aufgefallen: Die Trödelhexe ist zum allerersten Mal ohne ihren Raben unterwegs!"
"Vielleicht ist er krank", rätselten die Sonnenbräute.
Den Elfen erging es wie den Glühwürmchen, auch ihnen kam die Sache nicht geheuer vor. "Irgendetwas ist hier faul. Bei Wind und Wetter nimmt die Hexe ihren Raben immer mit. Warum nicht auch heute?

"Hui. Ich komme angeweht!", meldete sich der Wind gut gelaunt.
"Warum braust du so fröhlich daher?", wunderten sich die Sonnenbräute. Wir können nicht singen, die Sonne schläft und die Elfen frieren, weil ihnen das Sonnenlicht fehlt."
"Puh", pustete der Wind. "Puh, hatte ich Arbeit!" Seine sonst so geblähten Pausbacken hingen schlaff herab. "Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viel Kraft die Pusterei mich gekostet hat. Aber nun wird alles gut. Euer Windspiel habe ich gehört und auch gesehen, doch ich konnte es nicht mitbringen. Dafür brauche ich euch, die Elfen!"
"Wind, lieber Wind, wo ist es denn?", wollten die sofort wissen.
"Es hängt im Fenster von Trödelhexes Häuschen und wird vom Raben bewacht. Aber ich bin zu breit, es war mir nicht möglich, durch den schmalen Fensterschlitz danach zu greifen. Ihr Elfen jedoch habt schlanke Arme und kleine Hände, für euch ist das ein Kinderspiel."
Die Ahnung der Glühwürmchen, das Fehlen des Raben habe etwas mit dem gestohlenen Windspiel zu tun, hatte sich bestätigt.
Der Wind drängte: "Noch ist es früh am Morgen, lasst uns eilen, damit die Sonne endlich aufgeht!"

Der Rabe krächzte laut, als er die Elfen samt dem Wind erblickte. Er ahnte, dass Gefahr auf ihn zubrauste. Tatsächlich pumpte der Wind seine Backen auf und fegte den Raben vom Fensterbrett. Wie weit es ihn davontrieb, hätte keiner zu sagen gewusst. Die kleinste Elfe griff durch den Fensterspalt, öffnete den Riegel und nahm das Windspiel an sich. Nun war Eile geboten, denn die Trödelhexe konnte jeden Augenblick zurück sein.

Unüberhörbar, und die Fackel schwingend, sauste sie auf ihrem Besen soeben über die Blumenwiese.
"Na, steht ihr immer noch im Dunklen?", verspottete sie die Sonnenbräute und krächzte gleich darauf beunruhigt: "Wo sind denn eure Freunde hin, die Elfen?"
Diesmal wartete die Trödelhexe umsonst auf eine Antwort. Die Sonnenbräute lachten nur. "Wenn du wüsstest ?", dachten sie.

Als die Hexe außer Sichtweite war, trafen die Elfen ein. Der Wind hatte sie auf einem Umweg hergeführt. Vorsichtig hängten sie das Windspiel wieder in den Ginsterbusch. Jetzt hatte auch der luftige Geselle sein Spielzeug zurück.
Die Sonnenbräute hoben die Köpfchen und öffneten ihre Blüten. Mit den ersten Klängen des Windspiels und den Tönen ihres Liedes ging endlich die Sonne auf.
Alle waren fröhlich und vergnügt, nur die Trödelhexe kreischte im Wald. Sie schimpfte über die Elfen und den Wind. Selbst der Rabe, der sich zerzaust und erschöpft wieder eingefunden hatte, blieb nicht von den Schimpfreden verschont. Der arme Vogel bekam Hausarrest, und musste zur Strafe für seine Unfähigkeit tagelang auf dem stinkenden Trödelhaufen hocken. Mit den Bewohnern der Blumenwiese redete die Hexe kein Wort mehr. Aber das war denen nur recht, denn von einer Diebin wollten sie ohnehin nicht angesprochen werden.
Darum merke dir gut:
Nimm nicht, was dir nicht gehört. Denn Freundschaft ist sonst rasch zerstört.


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