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Aus dem Buch: Dieter K├Ânig Hrsg. - PARADOXON
 
Time Warp
Wiktor Guzinski

Prolog

"Wenn man alle logischen Lösungen eines Problems eliminiert, ist die unlogische - obwohl unmöglich - unweigerlich richtig."
Sir Arthur Conan Doyle

1.

In jener Zeit, als eine Reihe gnadenloser Feldherrn von Rom aus mit blutigen Feldzügen ein gewaltiges Reich erobert und befriedet hatte, geschah es, dass ein ehrgeiziger Mann durch eine reichlich umstrittene Adoption Kaiser von Rom wurde. Sein Name war Publius Aelius Hadrianus, kurz Hadrian. Er sollte in die Annalen eingehen, als der dritte der ?Fünf Guten Kaiser?, denn er verdiente sich seinen Ruf als Meister der defensiven Taktiken, indem er danach trachtete, die aktuellen Grenzen Roms zu sichern. Der Hadrianwall quer durch Britannien erzählt eine eigene Geschichte davon.
Warum Hadrian in diesem Bericht hier auftaucht?
Nun, er war indirekt mit die Ursache eines Geschehens, das ? zeitlich betrachtet ? mehr als tausend Jahre vor seiner Regentschaft, aber auch weit mehr als tausend Jahre nach seinem Tode aus mehreren nur schwer zu erklärenden Gründen beinahe ein weltbewegendes Chaos ausgelöst hätte.
Wie gesagt, Hadrian war ein friedfertiger Kaiser. Doch alle Friedfertigkeit hat einmal ein Ende, und für Hadrian war dieses Ende gekommen, als das undankbare Volk der Juden nicht verstehen wollte, warum er ? als ihr rechtmäßiger Herrscher ? die rituelle Beschneidung heranwachsender Jungmänner verboten hatte. Mehr noch, unter der Führung des als Messias geltenden Simon Bar Kochba griffen diese Aufsässigen ein weiteres Mal zu den Waffen und machten den römischen Armeen drei Jahre lang das Leben schwer, so dass Kaiser Hadrian wirklich anfing, sich zu ärgern. Er fragte sich, warum sich dieses verblendete Volk nicht gleich bei der ersten Schlacht in seine Schranken verweisen ließ. Nicht einmal vor dem größten und siegreichsten aller Feldherrn, Sextus Iulius Severus, hatten sie Respekt.
So kam Hadrian schließlich auf die geniale Idee, dem unter Erfolgszwang stehenden Feldherrn einen Großteil der in der Provinz Londinuum stationierten Prätorianer zu Hilfe zu schicken. Die Elitesoldaten der Garde waren eigentlich für seine eigene Sicherheit abgestellt, doch nun sollten sie in Jerusalem die Kastanien aus dem Feuer holen. Sie hatten von allen römischen Soldaten die beste Ausbildung. Und weil sie sonst nur wenig zu tun hatten, genossen sie auch das beste Training. Sicher würden sie dem jüdischen Messias und seinen Getreuen schon die notwendige Lektion erteilen.
Keiner ahnte, dass die Götter in dieser Sache ihre eigenen Hände im Spiel hatten.
Also geschah es, dass im Jahre 135 nach Christi Geburt auf der Themse vor den Toren Londinuums insgesamt acht Galeeren beladen wurden. Sieben von ihnen trugen die Soldaten der Prätorianergarde samt ihren Familien, das achte Fahrzeug war vollkommen mit Proviant befrachtet, denn es sollte eine lange Reise werden.
Als Kapitän und Befehlshaber war Valerius Gracchus ermächtigt worden, die kleine Armada auf ihrer langen Fahrt durch den Oceanus Atlanticus nach Süden, vorbei an Gallien und entlang der Hispanischen Küste bis ins Mare Mediterraneum zu segeln. Schließlich würden die Schiffe das Zentrum des römischen Reiches passieren, ohne es jedoch zu sehen zu bekommen. Und weiter ginge es dann nach Osten, bis nach Ludaea, wo die aufständischen Juden endlich gewaltsam befriedet werden sollten.
So der geniale Plan Hadrians.

Auf den schlanken Galeeren herrschte Platzmangel. Die Soldaten standen dicht an dicht auf dem obersten Deck.
"Schubs mich nicht", warf einer über die Schulter seinem Hintermann zu, "du kannst dich noch schnell genug in der Schlacht um Jerusalem beweisen!"
"Gehab? dich ein wenig, Darius Litinius Crassus", erklang die undeutliche Antwort. "Wer hat dir denn diese Abwechslung verschafft ??"
"Na, das warst du doch, Arcadius! Und bei allen Göttern, ich säße jetzt im neu eröffneten Badehaus und ließe mir von hübschen Britannierinnen den Rücken schrubben, wenn ich nicht auf dich gehört hätte ?!"
Während solcher und ähnlicher Unterhaltungen trieben die synchronen Schläge der langen Reihe eifriger Ruderer das schlanke Schiff unaufhaltsam einem unglaublichen Abenteuer entgegen.

Solange die schwer bewaffnete Armada die Themse Richtung Mare Britannicum hinab ruderte, war die Reise irgendwie interessant. Man konnte nämlich am Ufer Häuser vorbeiziehen sehen und entdeckte hin und wieder eine ganze Siedlung alteingesessener Briten. Kleine Jungs sprangen auf, als sie der Galeeren ansichtig wurden, rannten davon oder verkrochen sich im Gebüsch.
Aber irgendwann später wurden alle Gardesoldaten gleichzeitig geschubst. Die Landratten taten synchron einen Schritt vorwärts und gaben sich sehr verwirrt. Dem Befehlshaber Valerius Gracchus gelang es jedoch, die furchtlosen Kämpfer zu beruhigen, indem er ihnen anschaulich erläuterte, dass sie soeben von einer Welle getroffen worden waren, weil sie das offene Meer erreicht hätten.
Arcadius, einer der unbezwingbaren Gardesoldaten, besah sich die Situation genauer.
"Von wegen offenes Meer", murrte er, "im Norden siehst du Britannien, im Süden Gallien!" Aber schon musste er seine Ausführungen unterbrechen, um sich geräuschvoll über die Reling zu übergeben. Grün im Gesicht wischte er sich notdürftig ab.
"Wenn bloß dieses ekelhafte Schaukeln nicht wäre."
Er gab sich reichlich unglücklich und verzog sich würgend unter Deck zu den Frauen und Müttern der Recken.
Darius Litinius Crassus, der hoch erhobenen Hauptes am Bug stehen geblieben war, blickte ihm verächtlich nach, bis er verschwunden war. Als das jedoch seinen Gemütszustand nicht besserte, ließ er gelangweilt den Blick über die Decks der Galeere schweifen. Auf der langen Reihe der oberen Sitzbänke bedienten jeweils drei kräftig gebaute Ruderer ihre Riemen. Auf den unteren Bänken waren es nur zwei. Oben, direkt unter der Bordkante spannten sich die Decks mit den unglücklich wirkenden Gardesoldaten. Sie standen dicht an dicht. Sicher wären sie alle lieber zu Fuß auf der sicheren Seite des Limes entlang nach Süden in die Heimat marschiert. Von dort aus wäre der Seeweg lange nicht so weit gewesen, wie von Britannien aus. Aber niemand hatte Erbarmen mit ihnen.
Valerius Gracchus, der Kapitän und Befehlshaber, stand hoch aufgerichtet, wie eine bronzene Statue, auf dem Befehlshaberdeck am Heck des schlanken Schiffes. Er schien nicht müde zu werden. Nur einmal regte er sich unter dem rot-weißen Segeltuch, das die Sonne abhalten sollte, und befahl den Mast aufzurichten. Danach blähten sich die trapezförmigen Segel im Wind und verliehen den Schiffen zusätzliche Geschwindigkeit. Zuweilen schäumte sogar das Kielwasser auf, und der Rammsporn am Bug versprühte regelmäßig bunte Tröpfchenfontänen.

Die Soldaten hatten schon eine Weile lang aufgehört, sich Witze zu erzählen. Es passierte nichts, rein gar nichts. So lehnte sich Darius Litinius Crassus missmutig über die Reling und betrachtete den bronzenen Rammsporn, wie er unermüdlich die Wellen durchschnitt.
?Wenn? so dachte er, ?nur etwas völlig Unerwartetes geschehen würde?. Die Sichtung eines Seeungeheuers wäre eine Abwechslung. Oder das Auftauchen eines Piratenschiffs, das man entern und besiegen konnte.
Das Schicksal wollte ihm jedoch in diesem Moment den Gefallen noch nicht tun. Und so zog sich die Fahrt hin, bis sie die Meerenge zwischen Britannien und Gallien hinter sich gelassen hatten.
Die Stimmung wurde gelöster.
"Dort", sagte einer der Ruderer und deutete nach Norden, "liegen die Küsten Hibernias. Eine grüne Insel mit lauter rothaarigen Seeleuten."
"Was du nicht sagst." Darius Litinius Crassus war nur mäßig interessiert. "Man meint fast, du wärst schon mal dagewesen."
"Ja, aber nur kurz", antwortete der Ruderer. "Die Ehemänner neigen dort ein wenig zur Gewalttätigkeit ?"

Kurze Zeit später meldete der Ausguck eine Front schwerer, schwarzer Wolken am Horizont.
"Holt das Segel ein!", kommandierte Valerius Gracchus, der Befehlshaber. "Frauen und Kinder unter Deck!"
Darius Litinius Crassus schaute sich um. Er sah weder Frauen noch Kinder. Die Familienangehörigen waren schon immer unter Deck gewesen. Trotzdem gefiel ihm die Sache gar nicht. Endlich geschah etwas Interessantes, und schon hatte der große Valerius Gracchus Angst, dass Neptun ihnen nicht gewogen sein könnte. Dennoch folgte er den Anweisungen des erfahrenen Seebären und stieg hinter den Gardesoldaten zur unteren Reihe der Ruderer hinab.
Der Taktgeber erhöhte auf Befehl des Kapitäns den Schlag. Dumpf klang der Rhythmus seiner Trommel über die Männer hin, die sich kräftig in die Riemen legten, während zwei Legionäre damit beschäftigt waren, sie der Reihe nach mit Ketten an ihre Riemen zu fesseln. Eine weise Entscheidung. Denn sollte das Schiff wider Erwarten sinken, so war auf jeden Fall gewährleistet, dass kein Anderer vom Überleben der römischen Seeleute profitieren konnte.
Darius Litinius Crassus drängte sich mit den anderen Gardesoldaten den Mittelgang zwischen den Ruderbänken entlang.
Sein Ziel war die Kabine im Heck der Galeere, wo die Frauen und Mütter auf sie warteten. Sobald der letzte der Gardesoldaten die Kabine betreten hatte, schloss sich die Holztür und der Riegel fiel davor. Eingesperrt! Sie waren von der Außenwelt abgeschnitten und mussten sich dem heftigen Schaukeln des Schiffes ergeben.
Darius Litinius Crassus schaute sich in der Kabine um. Die Männer und Frauen standen eng an eng. Kein Platz, um zu sitzen oder gar zu liegen. Stumm lauschte er mit den anderen Landratten dem zornigen Winseln der Lüfte und den Trommelschlägen, die den Takt für die Ruderer vorgaben, untermalt vom Stöhnen und Knarren der Schiffsplanken, die sich den immer stärker werdenden Brechern widersetzten. Es roch nach Schweiß und nach Erbrochenem. Zudem stießen die hölzernen Planken das eine um das andere Mal im Rhythmus der aufgebrachten See den zuletzt Gekommenen heftig in den Rücken.
Plötzlich ? von einem Atemzug auf den anderen ? wurde es unwirklich still. Das Geräusch der Wellen verstummte und die unregelmäßig werdenden Trommelschläge drangen nur noch gedämpft an das Ohr der Eingepferchten. Ihnen war so, als wäre der gesamte Raum über ihren Köpfen mit Schafwolle ausgestopft. Das Lampenlicht, das zuvor mit seinem schwankenden Schein kaum die hölzernen Wände beleuchtet hatte, strahlte auf einmal in allen erdenklichen Farben, die sich um ein gemeinsames Zentrum zu drehen begannen. Die meisten der Gardesoldaten zeigten sich erschrocken, nur eine ältere Frau erwies sich als mutig genug, die Erscheinung in genaueren Augenschein zu nehmen.
"Ist das aber schön", entfuhr es ihr.
Dann verlor Darius Litinius Crassus mit allen anderen Lebewesen an Bord das Bewusstsein.

2.

Mitten im heulenden Inferno des immer stärker werdenden Sturms griff Kapitän William Kent zum Mikrofon.
"Hier spricht der Commanding Officer der ?USS Harry S. Truman?", meldete er sich. "Unsere Position ist 32° 44? Nord und 66° 16? West. Wir haben schwere See und werden versuchen den Kurs nach Nord-Ost zu korrigieren."
Kurze Pause.
"Und übermittelt den Wetterfröschen meinen Schwur, dass ich mit ihnen die Startbahn scheuern werde, sobald sie mir unter die Augen kommen! Von wegen ruhige See ?! Ende und Aus."
Der Captain hängte das Mikrofon ein und schaute mit eiserner Miene auf die aufgewühlten Fluten vor dem Bug des schwimmenden Flughafens. Sie hatten ruhige See, als sie diesen Kurs setzten. Dann, plötzlich, wie aus heiterem Himmel, der Sturm. Solch ein Unwetter hatte der erfahre Offizier in seiner zwanzigjährigen Dienstzeit noch nicht erlebt. Gut, die ?USS Harry S. Truman? war groß genug, um zwölf Meter hohe Wellen verkraften zu können, doch die kleineren Schiffe des multifunktionellen Marineverbandes meldeten bereits erhebliche Schwierigkeiten. Sicherheit ging vor, deshalb hatte der erfahrene Offizier den Kurs ändern lassen. Der Konvoi lief nun diagonal gegen die hochgehenden Wellen.
Das Funkgerät unterbrach die Gedankengänge des Besorgten.
"Hier ist die ?USS Bunker H ??" ein kurzes Knistergeräusch überlagerte den Namen des Schiffes. "? Probleme mit d ?" Wieder ein Knistern, das diesmal jedoch länger andauerte.
Der Funkoffizier brummte etwas vor sich hin, hielt dann aber das Mikrophon dicht unter seine knollige Nase.
"Wiederholen sie, ?USS Bunker Hill?", verlangte er. "Wir haben Probleme mit dem Empfang!"
Wieder nur das Knistern. Kapitän William Kent fixierte erneut die Wellen voraus. Er hatte den Eindruck, der Himmel würde sich ein wenig aufhellen. Aber dann stutzte er. Die Aufhellung rührte keinesfalls von der Auflockerung der Wolkendecke her.
Das Licht kam von unten, direkt aus dem aufgewühlten Wasser. Nach und nach wurde es heller. Und dann gewahrte der Hohe Offizier die Ursache des Phänomens. Ein gigantischer Mahlstrom tobte in den Wassern vor ihnen und versprühte Licht in allen Farben des Regenbogens. Und die ?USS Harry S. Truman? lief genau darauf zu.
"Maschinen Stopp ?!"
Noch war der Befehl nicht gänzlich über seine Lippen, da fielen die elektronischen Geräte aus. Einfach so, als hätte jemand die Hauptsicherung herausgedreht. Das wirbelnde Licht des immer näher kommenden Mahlstroms huschte über Wände und Gegenstände der ?Insel? und tauchte das Gesicht des Commanding Officers in gespenstischen Widerschein.
Plötzlich verstummten die Wellengeräusche.
"Was, in drei Teufels Namen, ist das für eine Sch ??", brüllte der Commanding Officer. Doch weiter kam er nicht, denn er fiel, zusammen mit den Mitgliedern der Besatzung, in eine tiefe Ohnmacht.

3

Es war ein kalter Donnerstag im Februar des Jahres 1945. Kalt und klar. Doch in aller Herrgottsfrühe trafen fünf Männer in ziviler Kleidung auf dem Hafengelände der pommerschen Küstenstadt Gotenhafen ein. Ein großgewachsener Mann, dessen rechte Hand in einem Lederhandschuh steckte, ein unscheinbarer Dunkelblonder mit stechendem Blick, zwei Männer mit kurzem Haarschnitt und ein untersetzter Kerl mit feisten Schweinsbäckchen und lichtem Haar.
Keiner der neu Eingetroffenen hatte einen Blick übrig für die kiefernbewachsenen Hänge im Westen. Ihr Interesse galt einem brandneuen, ungewöhnlich schlank wirkenden U-Boot am Ende des Kais, an dessen Turm jemand mit weißer Farbe die Bezeichnung ?U 4892? gepinselt hatte. Die schlaffe Kriegsfahne darüber bewegte sich nur träge im frostigen Windhauch.
Die Männer tauschten Blicke untereinander aus. Dieser metallene Sarg sollte für die nächsten Tage ihr zu Hause sein; hoffentlich nicht für immer ?
Im Turm öffnete sich eine Luke und ein junger Kommandant trat auf die rückwärtige Plattform.
"Heil Hitler!", rief er zackig und hob den Arm.
"Soll er sich doch selbst heilen", flüsterte einer der Männer. "Ich will bloß meinen Arsch in Sicherheit bringen."
Noch vor wenigen Tagen hätte eine solche Bemerkung ein glattes Todesurteil bedeutet, vor allem wenn sie aus dem Mund eines Gauleiters gekommen wäre, doch die Zeiten befanden sich im Wandel.
Von oben winkte der junge Kommandant ungeduldig. Einer der Männer hob die Schultern.
"Bleibt uns wohl nichts anderes übrig ?"
Nacheinander erkletterten sie die provisorisch angebrachte Gangway und hangelten sich hinüber zum Turm. Schweigend verschwanden sie durch die Luke im Bauch des metallenen Fisches, den kleinen, dicklichen Kerl mit den Schweinsbäckchen im Schlepptau. Der Kommandant ließ seinen Blick noch einmal über die Männer des Hafenpersonals gleiten und machte sich dann ebenfalls an den Abstieg. Über ihm schloss sich die Luke.
Unter Deck roch es nach abgestandener Luft, nach Metall und Schmieröl. Die glatten Wände reflektierten die dumpfen Tritte der Männer. Der Kommandant gesellte sich zu ihnen und schaute sie der Reihe nach an, so als suche er etwas Bestimmtes in ihren Gesichtern. Prompt schien sich der kleine Dickliche sichtlich unwohl zu fühlen. Er wand sich förmlich unter dem eindringlichen Blick des Offiziers. Dieser nickte jedoch nur.
"KaLeu von Ameln!", stellte er sich vor. "Herzlich Willkommen an Bord."
Dem Aussehen nach war er gerade alt genug, um sich rasieren zu können. Die Gäste an Bord reagierten denn auch äußerst zurückhaltend.
Der Untersetzte wandte sich geflissentlich ab, während der größte der Gäste bloß die Augenbrauen hob und seinen Nebenmann kritisch musterte.
"Soll dieser Junge wirklich für uns alle den Fluchthelfer abgeben?", erkundigte er sich leise murmelnd bei ihm. Der Angesprochene schüttelte gespielt vorwurfsvoll den Kopf.
"Wieso fragen Sie? Als Reichsjugendführer und Befehlshaber der Hitler-Jugend sollten Sie doch den Eifer der jüngeren Generationen kennen. Wo haben Sie übrigens Ihre Pimpfe gelassen?"
Der Hochgewachsene setzte eine tadelnde Mine auf.
"Wollen Sie mich bloßstellen?", brummte er vorwurfsvoll. "Dann nehmen Sie sich in Acht. Sie wissen selbst, dass die meisten der Pimpfe dem Volkssturm zugeteilt sind. Sie kämpfen auf den Seelower Höhen für den Endsieg. Die meisten versuchen jedoch vor Breslau die Rote Armee aufzuhalten."
Eine Weile noch ruhte sein Blick auf dem Gauleiter, dann reckte er sich, um den KaLeu ins Auge fassen zu können.
"Könnten wir dann endlich losfahren, oder wie nennt ihr Seeratten das?"
KaLeu von Ameln erfasste natürlich die absichtliche Provokation. Aber er schien mit solcherlei Sprüchen ausgemachter Landratten durchaus umgehen zu können.
"Seewölfe", gab er zurück. "Der korrekte Spitzname für die Matrosen der deutschen U-Boot-Waffe lautet ?Seewölfe?! Und wir legen ab, sobald Sie wissen, wo Sie sich hinsetzen sollen ?!"
Der mit ?Reichsjugendführer? Angesprochene zog eine anerkennende Miene und ließ sich dann bereitwillig den engen Gang entlang führen.

Minuten später hatten die Dockarbeiter die Vertäuung des Fahrzeugs gelöst. Das U-Boot nahm Fahrt auf und richtete den Bug hinaus in die Danziger Bucht. Die Geräusche der laufenden Maschinen pflanzten sich über die metallenen Wände fort, vermischten sich mit gelegentlichem Knistern und Knacken oder vereinzelten härteren Schlägen, wie Metall auf Metall. Unheimlich, das Ganze. Eine Sirene hupte und dann zischte es leise und anhaltend.
Der hochgewachsene Reichsjugendleiter hob fragend eine Augenbraue. "Was passiert?"
Der Gauleiter winkte beruhigend ab.
"Wir gehen auf Tauchfahrt", erklärte er knapp. "Die russischen U-Boote kontrollieren bereits die Ostsee vor der Helschen Halbinsel."
"Noch nicht ganz!", behauptete der Korpulente, mit auffallend hartem Akzent. "Aber schon morgen könnte es soweit sein!"
Der Reichsjugendleiter musterte den Sprecher von oben bis unten. Er war sich sicher, dass er diesem Mann noch nie begegnet war. Ein solches Schweinchengesicht vergaß man nicht so leicht. Als er den Gauleiter fragend ansah, erhielt er ebenfalls nur ein leises Kopfschütteln, und auch die anderen beiden Begleiter zeigten nur verneinende Gesten. Also fasste er den korpulenten Fahrgast genauer ins Auge.
"Sagen Sie mal", erkundigte er sich lauernd. "Wer sind Sie, wenn ich mal fragen darf?"
"Fragen dürfen Sie", entgegnete der Dickliche in wirklich auffallend hartem Dialekt. "Fragen jederzeit. Aber seien Sie mir nicht böse, wenn ich Ihnen derzeit keine Antwort darauf erteilen kann."
Der Reichsjugendleiter tat einen drohenden Schritt auf den Sitzenden zu. Der Dicke seufzte jedoch nur ergeben.
"Vielleicht", brummte er in seinem hart klingenden Dialekt vor sich hin, "sagt Ihnen der Deckname Phoenix etwas. Vielleicht auch nicht. Es spielt im Moment sowieso keine Rolle mehr ?!"
Irgendwie hatte er den Nerv des Erzürnten getroffen. Eine Weile lang fixierte ihn der Reichsjugendführer noch, als kaue er auf einem Gedanken herum. Aber wider Erwarten ließ er es dann doch dabei bewenden. Höchstwahrscheinlich war ihm daran gelegen, seine eigene Identität nicht bekannt werden zu lassen. Nicht jetzt.
Er hatte im Augenblick ganz andere Sorgen. So wandte er sich von dem korpulenten Fahrgast ab.
Stille kehrte ein.
Erleichtert wandte sich der Feiste der Wand zu und starrte demonstrativ ins Leere, während sich die Fahrtgeräusche änderten. Offensichtlich hatte das Fahrzeug Tiefe gewonnen und suchte sich nun einen ungefährlichen Kurs Richtung Nordwesten, hinaus in freie Gewässer.

Endlich, nach vier Stunden Fahrt, bequemte sich Kapitänleutnant von Ameln anzuklopfen und zu den Fahrgästen in die Kajüte zu treten.
"Meine Herrn", kam es kurz und prägnant von seinen Lippen, "wir haben soeben Hel passiert und nehmen nun Kurs auf Skagerrak. Keine besonderen Vorkommnisse. Ich denke, es wäre langsam an der Zeit, dass wir die Geheimhaltung fallen lassen, um uns gegenseitig ein bisschen näher kennenzulernen."
Er fasste den Gauleiter ins Auge
"Wir beide kennen uns ja noch aus Danzig. Wie soll ich die anderen Herren ansprechen?"
Der Gauleiter sah fragend zu dem Hochgewachsenen auf und tat dann einen Schritt zur Seite, damit dieser vortreten und Herrn von Ameln die Hand reichen konnte. Er tat dies mit der Linken. Die rechte, behandschuhte Hand, hielt er auf eigenartige Weise vom Körper ab.
"Nennen Sie mich Siewert", erklang seine forsche Stimme. "Erich Siewert! Die Herren neben mir sind Obersturmbannführer Krause und Kommissar Poppe, Gestapo."
Die beiden Genannten traten vor, und schüttelten Herrn von Ameln ebenfalls die Hand. Dann richteten sie ihren Blick erwartungsvoll auf den schwitzenden Mann, der auf der Pritsche saß. Dieser versuchte erst, ihre Blicke zu ignorieren, schaute dann aber doch auf und zog eine abschätzige Grimasse.
"Nennen Sie mich, wie Sie wollen", entließ er in seinem akzentuierten Dialekt und starrte dann erneut an die Wand.
Erich Siewert schöpfte Atem. Offensicht drängte es ihn, eine scharfe Bemerkung vom Stapel zu lassen. Er besann sich jedoch auf halbem Weg. Er wollte sich keinesfalls verraten. Außerdem war es Sache des Kapitänleutnants, sich mit dem Burschen auseinanderzusetzen.
Der junge KaLeu ließ sich jedoch wider Erwarten nicht das Geringste anmerken.
"Nun gut, Herr ?Wie Sie Wollen?", entgegnete er lapidar und wandte sich den anderen zu: "Wir werden gegen fünf Uhr morgens Bornholm erreichen. Dort tauchen wir auf und füllen die Lufttanks. Danach schleichen wir uns zwischen Sjæland und Schweden durch. Sobald wir das Kattegat erreicht haben, dürfte die größte Gefahr vorüber sein."
Er schaute sich unter den Anwesenden um.
"Ach ja", fuhr er fort, "ein Maat wird Ihnen zu Essen und zu Trinken bringen. Wenn Sie weitere Fragen haben, wenden Sie sich bitte an ihn. Er wird Sie einstweilen auf dem Laufenden halten. Meine Herren ?!"
Mit zackigem Hackenknallen verabschiedete er sich und trat in den Gang hinaus.
Einer der beiden Kurzhaarigen, Obersturmbannführer Krause, schien sich über die Schweigsamkeit des Schweinsbackigen zu ärgern.
"Na gut, Herr ?Wie Sie Wollen?", höhnte er. "Wie wäre es, wenn Sie uns wenigstens zur Abwechslung mal einen Schwank aus Ihrer Jugend erzählen würden?"
Der Korpulente versuchte ihn hartnäckig zu ignorieren, doch der kurzhaarige Obersturmbannführer beugte sich provokativ zu ihm nieder.
"Na, los doch ?!"
Der Angesprochene sah, dass er mit Sturheit keinen Erfolg haben würde. So wandte er sich dem Erregten zu und fixierte ihn eine lange Weile scharf, ehe er sich rührte.
"Ich will Ihre Unschuld nicht verletzen", entließ er träge, "denn meine Jugendgeschichten würden Ihnen den Schlaf rauben, und zwar bis ans Lebensende."
"Na klar!", antwortete der Obersturmbannführer "und der Führer gewinnt den Krieg."
Die anderen lachten gallig. Aber der seltsame Bursche auf der Pritsche reagierte nicht darauf. Er saß einfach nur da und starrte die Wand an, als ob sich dort gleich eine fremde Gottheit materialisieren würde.

Nach einer Zeit gedämpfter Unterhaltung zwischen dem Gauleiter und dem Befehlshaber erschien der Maat und brachte den Gästen etwas zu essen. Und später, im Schutze der Nacht, tauchte die U 4892 schließlich auf, um die verbrauchte Luft zu ersetzen. Kein Stern war am Himmel; es schien bewölkt zu sein. Trotzdem lud der KaLeu seine Gäste ein, ihn hinaus aufs Vorschiff zu begleiten.
Die Luft war kalt aber frisch und angenehm, ganz anders, als in der nach Schweiß und Öl riechenden Enge der seetauglichen Blechbüchse. Der hochgewachsene Befehlshaber reckte und streckte sich, während der Gauleiter Leibesübungen absolvierte, als wäre er zu Hause. Nur der kleine Dicke wagte sich in der Dunkelheit ein Stück weiter nach vorne, in Richtung Bug, so, als suche er dort etwas.
"Meine Herren", verlangte der Kommandant, "bleiben Sie bitte beieinander." Er wartete geduldig bis der Korpulente zu den anderen zurückgekehrt war und fügte dann düster hinzu: "Das Schlimmste liegt ja noch vor uns. Sie wissen ja ?"
Urplötzlich frischte der Wind auf. Das Deck begann sich mit zunehmendem Seegang unter den Füßen zu bewegen.
"Zurück ins Boot!", drängte der KaLeu. "Los, los, los!"
Eine der Wellen spülte bereits übers Oberdeck und benetzte die Füße der Fahrgäste. Trotzdem blieben sie auf einmal stehen, wandten sich zurück und starrten gebannt über den Bug hinweg in die Nacht hinaus. Lichter spiegelten sich auf ihren Gesichtern.
"Was ist das?", entfuhr es dem Gauleiter.
"Ich weiß nicht", antwortete der hochgewachsene Befehlshaber. "So etwas habe ich noch nie gesehen."
Ein leuchtend farbiger Mahlstrom erhellte die nächtliche Meeresoberfläche vor dem Bug. Das Boot hielt genau auf ihn zu, und das Phänomen erweiterte sich, je näher sie kamen. Gebannt und andächtig schwiegen die Staunenden, unfähig vor dem Phänomen zu fliehen. Nur der Untersetzte tat einen Schritt auf die Erscheinung zu.
"Endlich!", entfuhr es seinen Lippen. "Auf diesen Augenblick habe ich zwanzig Jahre lang gewartet. Endlich ?"
Danach fielen alle lebenden Seelen an Deck in eine tiefe Ohnmacht. Und nur durch ein Wunder fiel niemand ins kalte Wasser der Ostsee.

4

Ein anderer Ort, eine andere Zeit. Kein Wölkchen bedeckte den Himmel, de sich, blau in blau, von Horizont zu Horizont spannte.. Das Meer gab sich ruhig. Die Sonne, die hoch am Himmel stand, spiegelte sich auf der Oberfläche des Wassers und ließ die winzigen Wellen glitzern und funkeln, so als würden unzählige, lustig blitzende Diamantsplitter in den Weiten des Ozeans schwimmen.
Plötzlich bauschten sich über dem Wasser dunkle Rauchwolken auf. Es schien als wären die Wellen in Brand geraten. Doch nirgends gab es ein Feuer. Die Erscheinung schmiegte sich dicht an die Wasseroberfläche. Es hätte Nebel sein können, wenn Nebel zu dieser Tageszeit und in dieser Farbe die Regel gewesen wäre.
Der unheilvoll düstere Eindruck der Erscheinung mochte wohl daher rühren, dass der Nebel jeglichen Laut verschlang, und dass er das Licht der Sonne in sich aufsog und nichts übrig ließ, als dieses drohende, diffuse Dunkel. Doch die Erscheinung verdichtete sich zusehends und nahm langsam aber stetig feste Konturen an. Erst schien es, als versuche ein mächtiger Fels, eine hoch aufragende Klippe, eine versunkene Stadt aus der Düsternis des Nebels hervorzubrechen.
Schließlich materialisierten sich die Konturen soweit, dass sich der ausladende Bug und der asymmetrisch angebaute Kommandoturm eines ausgewachsenen Flugzeugträgers der Nimitz-Klasse aus der finsteren Nebelbank lösten. Klar ersichtlich die riesige weiße ?75? auf dem Kommandoturm und die auf Deck fein säuberlich nebeneinander aufgereihten F35C Lightning II. Jeder Eingeweihte würde in dem riesigen Carrier sofort die ?USS Harry S. Truman?, CNV 75, erkannt haben, die mit mächtig aufrauschender Bugwelle freies Fahrwasser zu gewinnen suchte.
Aufmerksame Beobachter würden jedoch auch etwas Alarmierendes erkannt haben. Kein Mitglied der ?Carrier Air Wing? und kein Besatzungsmitglied rührte sich auf dem Flight Deck. Hinter den Fenstern des Kommandoturms vermisste man die Gesichter der Verantwortlichen. Selbst die lange Reihe der startbereiten Jagdflugzeuge ließ jegliches Leben vermissen. Die ?USS Harry S. Truman? schien ein Totenschiff zu sein.
Der erste Eindruck täuschte, denn in der Insel, die als mächtiger Tower neben der Katapult-Startbahn aufragte, regte sich der ?Air Boss?, der für die Flüge verantwortlich zeichnete. Es dauerte eine Weile, bis er vollends zu Bewusstsein kam.
"Was zum Henker ??"
Neben ihm erhob sich der ?Carrier Air Wing Commander? und schaute ihn verdutzt an.
"Alkohol im Dienst ist streng verboten!"
"Schwachsinn!"
Alarm dröhnte durch die Decks und Kabinen und weckte sowohl die Besatzung, als auch die Piloten und Crewmember der ?Carrier Air Wing Three?, aber auch den obersten Befehlshaber des wiedererwachenden Riesenschiffes.
Kapitän William Kent fasste sich an den Hinterkopf. Er lag auf den Beinen seines Ersten Offiziers und lauschte dem leisen Murmeln des unter ihm Liegenden. Offensichtlich war auch er noch nicht bei Sinnen. Hastig rappelte sich der Captain auf und griff nach dem Mikrofon des Bordfunks. Ein Vorfall, wie er hier geschehen war, musste als unverzeihliches Novum gelten, und er konnte ? was auch immer die Ursache sein mochte ? unter keinen Umständen kaschiert und beschönigt werden.
"Hier ist die ?USS Harry S. Truman?. Bitte kommen!"
Keine Antwort.
"Hier ist die ?USS Harry S. Truman?. Kann mich jemand hören? Kommen!"
Nichts war zu vernehmen, außer dem leisen Hintergrundrauschen, das mit übler Hatnäckigkeit aus dem Lautsprecher drang. Verwirrt schaltete der in hohem Grade Verantwortliche auf zivile Sendebereiche um. Ebenfalls ohne jeglichen Erfolg. Verdutzt legte er das Mikrofon aus der Hand. Ohne Funkverbindung zu den Begleitschiffen seines multifunktionellen Marineverbandes war das Trägerschiff eventuellen Angriffen vollkommen schutzlos ausgeliefert. Ihm war klar: Für ein derart unfassbares Desaster würden Köpfe rollen müssen.
Entschlossen versuchte der Erregte eine Verbindung zur ?Insel? herzustellen, in dem sich der Air Boss und der Wing Commander befinden sollten. Aber niemand nahm seinen Ruf entgegen. Der schwimmende Flughafen schien wie ausgestorben. Aber da unten, auf dem Flugdeck, da begannen sich Matrosen und Piloten in kleinen Grüppchen zu sammeln.
"Verdammt noch mal, was ist hier los?", herrschte der Erregte seinen Ersten Offizier an, der gebeugt vor ihm stand und sich die Stirn rieb. "Sie machen sich jetzt sofort auf die Beine und melden mir persönlich, was diese Ausfälle verursacht!"
Schon wollte der Angesprochene losflitzen, da spürte er, wie Captain Kent ihn zurückhielt. "Und bringen Sie jemanden mit", klang es eindringlich an seinem Ohr, "der fähig ist, die Kommunikation wieder in Gang zu bringen. Irgendjemanden! Verstehen Sie? Nun laufen Sie schon. Los, los, los!"

Nach gut zehn Minuten stand endgültig fest, dass die ?USS Harry S. Truman? auch während der nächsten Stunden kommunikationsunfähig bleiben würde.
Von den Begleitschiffen des multifunktionellen Marineverbandes war weit und breit nichts zu sehen. Aber wenigstens schienen die beiden Atomreaktoren des Schiffes zu funktionieren und die vier schweren Dampfturbinen mit Energie zu versorgen. Vier mal zweihundertsechzigtausend PS hielten jeweils eine der dreiunddreißig Tonnen schweren Schiffschrauben in Bewegung und erlaubten dem Carrier damit notwendige Manöver vorzunehmen.
Nicht nur das ? der Captain atmete auf ? zwei der nagelneuen F35C Lightning II befreiten sich brüllend und fauchend aus der Faust des Pressluftkatapults und schwenkten unter Hinterlassung einer zerfasernden Rauchfahne in eine erste Kurve ein, die sie auf Kurs zu einem Aufklärungsflug bringen würde. Aber es änderte nichts an der Tatsache, dass der schwimmende Flughafen gänzlich ohne jegliche Verbindung zu Irgendwem im Irgendwo bleiben würde.
Kapitän Kent legte sich die Hand an die heiße Stirn.
Allein, schutzlos und völlig abgeschnitten! Ein Novum in der Geschichte der Navy und ein wahrer Supergau in Bezug auf seine militärische Laufbahn.
Wie war es bloß soweit gekommen? War dieses unbekannte Wetterphänomen vielleicht gar keine Laune der Natur, sondern die Folge einer neuen, bislang völlig unbekannten Waffe? Herrgott im Himmel, vielleicht ging es nicht nur bloß um seine künftige Laufbahn als Navyoffizier, sondern auch um sein Leben. Um ihrer aller Leben ? Das Nachdenken fiel ihm schwer, denn seine Kerndienstzeit war längst überschritten und der Vorfall hatte an seinen Kräften gezehrt. Aber irgendwie musste er einen klaren Kopf bekommen. Er musste Zeit gewinnen.
Kurzerhand überließ er dem Ersten Offizier die Brücke, begab sich in seine Kajüte und setzte sich vor das Logbuch. Vielleicht half ihm der Bericht, seine Gedanken zu sammeln.
"Datum: Sechster Mai Zweitausendzwanzig. Uhrzeit: ?" Der Blick auf seine Armbanduhr machte ihn stutzig. Sie war stehen geblieben. Dabei handelte es sich nicht um eine billige Digitaluhr, sondern um ein wertvolles Chronometer, um eine Schweizer Präzisionsuhr, die richtig viel Geld gekostet hatte. Doch der Blick zur Borduhr, deren Signale von der geeichten und weltweit gültigen Atomuhr gesteuert wurden, zeigte dem Kapitän, dass mehr als nur seine Armbanduhr stehen geblieben war. Die Zeiger der Borduhr meldeten ungerührt: Drei Uhr elf, nachmittags.
Ihm wurde plötzlich kalt.
Konnte es denn wirklich sein, dass alle Verhandlungen und Sicherheitseinrichtungen nicht in der Lage gewesen waren, das Schlimmste des Schlimmsten zu verhindern? Hatte irgendwer dem allgegenwärtigen, militärpolitischen Druck nachgegeben, und in einer Kurzschlussreaktion den Roten Knopf gedrückt? Hatte irgendwer die Nerven verloren und die Raketen aus den Bunkern gestartet? Die Annahme eines allumfassenden atomaren Präventivschlags wäre durchaus in der Lage, die meisten der aufgetretenen Phänomene zu erklären.
Captain William Kent schüttelte den Kopf. Er versuchte sich zusammenzunehmen. Es musste nicht gleich zum Schlimmsten gekommen sein. Schließlich war der gültige Status Quo nicht mehr so leicht zu erschüttern, wie zu Zeiten des Kalten Krieges mit der ehemaligen Sowjetunion. Vielleicht war er bloß ein bisschen durcheinander; vielleicht brauchte er bloß eine Mütze voll Schlaf. Danach würde sich schon eine Lösung für die Probleme finden. Zuvor sollte er jedoch wenigstens einen vorschriftsmäßigen Logbucheintrag zustande bringen.
?Uhrzeit: unbekannt?, gab er an, ?Letzte bekannte Position: 32° 44? N, 66° 16? W. Funkkontakt verloren. Zeitmessgeräte außer Funktion. Empfangen kein GPS-Signal. See, ruhig. Sicht, klar. Keine Feindsichtungen.? Er zögerte einen Moment, fuhr dann aber doch entschlossen fort::
?Unerklärliches Wetterphänomen aufgetreten. Gesamte Besatzung vorübergehend ohne Bewusstsein. Carrier Air Wing und Personal inzwischen wieder auf den Beinen.?
Er richtete sich auf strich sich das Haar aus der Stirn.
Die Angelegenheit hatte ihn mehr mitgenommen, als er zugeben wollte. Als er sich das eingestand, kam ihm ein Gespräch in den Sinn, das er vor langer Zeit mit seinem Schwager geführt hatte. Dan Foster war kein Offizier der Marine, sondern ein bescheidener Autohändler. Kent erinnerte sich an den Tag, als der arme Kerl sich einen feuerroten Firebird hatte andrehen lassen. Vielleicht mochte ihn das blendend weiße Luxusverdeck gelockt haben. Es ließ sich zwar öffnen, zerlegte sich aber beim Versuch, es zu schließen, in sämtliche Einzelteile. Auf die Schimpfkanonade seines Schwagers über das Thema ?böse Überraschungen?, hatte William Kent nur geäußert, genau dies sei der Grund, warum er zur Marine gegangen wäre, denn da gäbe es keine Überraschungen. Jetzt, in diesem Augenblick an Bord der ?USS Harry S. Truman?, tat ihm dieser Ausspruch leid, denn zum ersten Mal in seiner langjährigen Karriere wünschte er sich, dass er doch lieber Autohändler geworden wäre.
Er öffnete die Uniformjacke und ließ sich rückwärts auf die zusammengefaltete Decke in der Koje fallen. Mit einem Mal rückten die gegenwärtigen Probleme in weite Ferne. Ihm war, als hätte er nur einen schlechten Traum gehabt. Er schloss die Augen mit der Hoffnung, dass er gegen Abend aufwachen und die Nachricht erhalten würde, dass sich alle Probleme in Wohlgefallen aufgelöst hätten.
Er träumte ?
? dass ihn die sengende Mittagssonne blendete. Fremdartige Gesänge stiegen unweit seiner Position gen Himmel. Der heiße Wind drohte ihm die Luft aus den Lungen zu saugen. Dennoch war er auf seltsame Weise von einer inneren Erregung ergriffen, die er nicht einordnen, nicht erfassen konnte. Plötzlich vernahm er einen peitschenartigen Knall, ganz in seiner Nähe.
Was war das und wo kam es her?
Er wandte sich in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war und blinzelte, um sich zurechtfinden zu können. In seiner Rechten hielt er eine lederne Peitsche. Doch seine Uniform mochte er verloren haben. Das konnte doch nicht wahr sein, denn seine angetraute Ehegattin behauptete ernstlich, dass er die Uniform nur zum Duschen ablegen würde, und auch das sei nicht gewiss. Aber er war sicher, dass er nicht unter der Dusche stand.
Wo war er dann?
Unwillkürlich bewegte sich sein Arm und die Peitsche knallte erneut. Es drängte ihn herauszufinden, was hier mit ihm passierte, doch die Stimme, die aus seinem Mund kam, war die eines Anderen und sie gehorchte seinen Gedankengängen nicht im Geringsten.
"Bei Osiris!", hörte er sich selber brüllen. "Wollt ihr euch wohl beeilen? Noch vor Dunkelheit muss der Quader oben sein. Zum Ruhme des Pharao ?!" Seine Linke deutete die schräge Rampe empor. Um Himmels Willen, was tat er da ??
Die Männer ? alles schlanke, braungebrannte Burschen ? blickten keck zu ihm auf, mit einer Mischung aus Untertänigkeit, aber auch schwelender Aufsässigkeit in den Gesichtern. Sie trugen nur schmale Tücher, die sie um ihre Hüften geschlungen hatten. Über ihre muskulösen Schultern hinweg spannte sich ein armdickes Tau zum Nächsten und wieder zum Nächsten, bis hinab ans Ende der Rampe, wo es um einen mächtigen Steinquader geschlungen war.
Diese Szene kam William Kent irgendwie bekannt vor, obgleich er nicht verstehen konnte, warum dies seine Richtigkeit haben sollte. Um nicht weiter darüber grübeln zu müssen, wandte er den Kopf in die Richtung, in die sein linker Arm wies.
Jetzt war ihm alles klar: Er hatte während des unerklärlichen Vorfalls auf der ?USS Harry S. Truman? den Verstand verloren und glitt nun auf den Wogen des Wahnsinns in die Hölle.
Das, was er gerade zu sehen glaubte, konnte nur eine Halluzination sein, denn Bauvorhaben wie dieses, gab es längst nicht mehr! Was sich da vor seinen Augen als anwachsende Ansammlung aufeinandergeschichteter Quader präsentierte, war eine von drei pyramidenförmigen Grabkammern, die ? den Nachschlagewerken zufolge ? bereits vor viereinhalbtausend Jahren fertig gestellt worden waren.
Himmel ?! Womöglich hatte er bisher nur geträumt und das hier war die wahre Wirklichkeit, in die er unversehens zurückgekehrt war ?
Vor Verzweiflung schwang er erneut die Peitsche. Der erwartete Peitschenknall blieb aus. Das Geräusch, das die Peitsche verursachte, erinnerte ihn eher an den scharfen Klang einer Trillerpfeife; ein Laut, der hier ziemlich deplatziert wirkte. Aus dem Sand erhob sich eine Stimme und sprach in unbekannter Sprache zu ihm. Er lauschte den fremden Worten, musste aber feststellen, dass die lange Reihe schwitzender Arbeiter keinerlei Notiz von dieser Stimme nahm.
Jetzt wollte er es wirklich wissen. Grimmig startete er einen neuen Test. Er hob die Peitsche und ließ sie schnalzen. Irritiert stellte er fest, dass erneut wieder nur die Trillerpfeife erklang. Die Arbeiter zuckten jedoch zusammen wie eh und je, ganz so, als hörten sie den Peitschenknall statt der Trillerpfeife.
Gehörte auch das zum beginnenden Wahnsinn?
Unerbittlich bedrängte die Stimme aus dem Sand sein Ohr. Sie schien inzwischen von überall her zu kommen. Allerdings kamen ihm die Worte doch schon ein wenig vertrauter vor. Sie kündeten etwas von einer Flussbrücke. Aber am Nil gab es keine Brücken, nur Schiffe, unendlich viele Schiffe, mit schwerem Baumaterial auf ihren Decks.
Noch einmal ließ er die Peitsche schnalzen und wieder gab sie nur das schrille Pfeifen von sich. Gellender diesmal, lauter und näher. Und diese Stimme ? Diese Stimme kannte er, und auch die Worte. Aber es war nicht die Rede von einer Flussbrücke.
Nein die Stimme sprach von einer ganz anderen Brücke, und diese hatte nicht das Geringste mit dem Nil zu tun. Er wusste nicht, woher er das auf einmal wusste, aber er erinnerte sich an ?
"? die Brücke! Kapitän! Kommen Sie schnell. Wir brauchen Ihre Befehle!"
Kapitän William Kent schwebte trotzdem noch einen winzigen Augenblick lang zwischen Wachsein und Traum. Dann richtete er sich hastig auf, wobei er ein Knacken ? ähnlich eines Peitschenknalls ? hörte und einen stechenden Schmerz im Nacken spürte.
"Verdammt!", entfuhr es ihm. "Hätte ich mich nur richtig ins Bett gelegt."
Den Nacken massierend verließ er die Kapitänskajüte. Ihm war immer noch, als tummelten sich auf dem Flight Deck spärlich bekleidete Männer, die einen Steinquader hinter sich herzogen. Trotzdem rannte er kopfschüttelnd dem Ersten Offizier hinterher, in Richtung Brücke.
Der Eins O gab sich nicht mit langen Erklärungen ab. Er deutete einfach aus dem Bordfenster. William Kent wollte ihn schon darauf hinweisen, dass die Start- und Landebahnen in der anderen Richtung lagen, entschloss sich aber dann doch intuitiv dagegen. Schließlich wusste jedes Besatzungsmitglied, wo sich das Flugdeck befand. So tat der Kapitän seinem Ersten Offizier den Gefallen und schaute neben den neugierig gewordenen Besatzungsmitgliedern auf die ruhig gewordene See hinaus.
Eine Weile versuchte er das sich ihm bietende Bild einzuordnen. Es hätte direkt aus einem Film von Wolfgang Petersen stammen können, nur war niemand in der Nähe, der ?Achtung, Klappe!? gerufen hätte. Kent wandte sich um und starrte seinen Ersten Offizier an.
"Was wird hier gespielt?", entfuhr es ihm unwillkürlich.
Der Angesprochen hob die Schultern.
"Das Ding ist wie aus dem Nichts hier aufgetaucht?, entschuldigte er sich.
Kapitän Kent schnitt eine ärgerlich wirkende Grimasse.
"Das Einzige", knurrte er böse, "das wie aus dem Nichts auftaucht, ist der Gestank nach einem Furz!"
Ein paar der Anwesenden versuchten angestrengt, ihr Lachen zurückzuhalten. Kent musterte sie vorwurfsvoll, wandte sich dann aber an den Radar-Offizier. Unter dem strengen Blick des Captains hob dieser die Schultern. "Es ist von einem Augenblick zum nächsten auf dem Schirm erschienen."
William Kent musterte ihn immer noch. "Eine Erscheinung, also?" Es klang ziemlich sarkastisch.
"Na, ja, es ist zwar ein U-Boot, aber es ist nicht einfach bloß aufgetaucht; es ist wirklich von jetzt auf gleich ? erschienen."
"Und wann haben Sie die Erscheinung zum ersten Mal wahrgenommen?"
"Vor etwa zweieinhalb Minuten." Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.
"Sagen Sie", erkundigte sich William Kent verwundert, "wie konnten Sie denn die Zeit so schnell bestimmen, wo doch alle Zeitmessgeräte ausgefallen sind?"
"Anhand der RRF!"
"RRF ??"
"Jawohl, Sir! Das ist die Radar-Rotations-Frequenz. Ich muss wissen, welche Umdrehungsgeschwindigkeit meine Antenne hat, die Rechenarbeit kann ich dann dem Bordcomputer überlassen. Es waren genau zweieinhalb Minuten."
"So, so", murmelte der Kapitän. "Nicht schlecht. Aber hat schon jemand versucht, mit dem U-Boot Kontakt aufzunehmen?"
"Jawohl, Sir!", entgegnete der Erste Offizier beflissen. "Und zwar seit seinem Erscheinen. Über Funk bekamen wir keinen Kontakt, also haben wir es mit Lichtsignalen versucht. Bisher ohne Erfolg."
Der Radaroffizier hob den Zeigefinger, wie in der Schule.
"Es handelt sich ganz augenscheinlich um ein deutsches U-Boot", bemerkte er auf den fragenden Blick des Captains. "Ich würde es also der NATO zuordnen, wenn nicht ? wenn es nicht ein so antiquiertes Aussehen hätte."
William Kent schien zu nicken.
"Die Replik eines Museumsstücks", sinnierte er leise. "Den Deutschen ist alles zuzutrauen."
Er richtete sich auf und strich seine Uniform glatt.
"Aber", fügte er streng hinzu, "wenn sich dort drüben irgendetwas regt, bevor uns die Herrschaften geantwortet haben, dann setzen wir sie auf Grund!"

5

An Bord der "U 4892" herrschte Verwirrung. Der Maat im Ausguck faselte etwas von ?riesig?. Kapitänleutnant von Ameln kletterte schließlich selbst auf den Turm, um sich einen Überblick zu verschaffen. Erschrocken starrte er auf eine monströs anmutende Metallwand, die sich über ihm in den Himmel reckte, und doch war diese Wand ein gutes Stück von seinem U-Boot entfernt.
"Heiliger Strohsack ?!", entfuhr es dem Staunenden.
Der Junge neben ihm entließ einen Laut, der sich wie trockenes Lachen anhörte.
"Kann man wohl sagen", gab er dann zurück. "Bis vor kurzem haben die da drüben versucht mit Hilfe von Lichtsignalen Kontakt aufzunehmen. Aber ich glaube, das sind keine von den Unseren."
"Dann", stellte von Ameln leidenschaftslos fest, "sind wir im Arsch! Wie haben die uns bloß aufgespürt? Vor allem aber: Wer, zum Henker, baut überhaupt solche monströsen Kriegsschiffe?"
Der Junge neben ihm rührte sich.
"Sollen wir nicht einfach wegtauchen?"
"Tja, wenn ich wüsste, mit was die auf uns schießen."
Kaum hatte er ausgesprochen, jagte dort drüben ein feuerspeiendes Gespenst dicht über das Deck des Monsterschiffs hinweg und schraubte sich mit glühenden Auspuffgasen in den Himmel.
Ein Donnerschlag und ein gewaltiges Grollen folgten dem Schemen; es klang wie anhaltender Gewitterdonner. Und noch ehe es verklungen war, jagte ein zweites Gespenst donnernd und grollend über den Riesen hinweg, ehe er dem ersten Schemen hinauf in die Abendsonne folgte.
"Alle Mann unter Deck!", kommandierte von Ameln überhastet und rutschte die Leiter hinab in den Bauch seines Bootes. "Wir gehen auf Tauchstation!"
Der korpulente Gast, der sich bislang zurückgehalten hatte, versuchte sich ihm in den Weg zu stellen.
"Keine Angst ?", begann er. "Das ist vollkommener Unsinn ?"
Von Ameln ignorierte seine Bemerkungen und stieß ihn zur Seite. Die Luke schloss sich. Hektik machte sich breit. Es zischte und hupte. Die Wassertanks wurden geflutet.
"Beide Torpedorohre klar machen."
"Torpedos sind klar!", ertönte es vom Vorderschiff.
Der KaLeu spähte bereits durch das Periskop.
"Peilung 1,3; Winkel 50 Grad."
"Peilung 1,3; Winkel 50 Grad", echote es.
"Und Feuer!"
Jetzt würde sich erweisen ?
Eine Erschütterung ging durch das Unterwasserfahrzeug. Knirschen. Schreie. Lautes Rauschen. Harte Schläge und metallenes Klingen. Jemand versuchte Wassereinbrüche zu stoppen.
"Sind wir getroffen?", fragte Kommissar Poppe mit blutleeren Lippen.
"Nein", antwortete der Kommandant, "aber irgendetwas muss uns gerammt haben. Das Periskop ist weg. Es benimmt sich sonst wohl kaum wie ein Brausekopf."
Die ohnmächtige Wut in seiner Stimme konnte man nicht überhören.
"Was ist mit den Torpedos?"
"Sind raus! Sie dürften in genau ? fünfundvierzig Sekunden ?"
Der Namenlose erhob sich und rieb sich den Kopf. Blut rann aus seinem Mundwinkel und die Umgebung des rechten Auges schwoll an. Er schien zornig.
"Die feine englische Art war das ja wohl nicht gerade", knurrte er in Richtung des KaLeu.
Der krauste die Nase.
"Halten Sie die Klappe, oder ich lasse Sie über Bord werfen."
"Dies wäre äußerst unklug, denn wir befinden uns immer noch unter der Wasserlinie."
"Denken Sie, es würde mich davon abhalten?"
"Wenn Sie nicht selbst absaufen wollen ?"
Von Ameln suchte offensichtlich nach Worten. Dann besann er sich. Es gab Wichtigeres zu erledigen, als sich mit der Schweinebacke zu streiten. Brüsk wandte er sich dem Obermaat zu.
"Stellen Sie fest, was uns gerammt hat!", verlangte er. "Der Riese war es nicht ?"
"Nicht was", mischte sich der Namenlose erneut ein, "sondern wann."
Von Ameln fuhr vor Zorn bebend herum. "Ich erwürge Sie mit meinen bloßen Händen, Sie mieser, kleiner ?"
Doch er kam mit seiner Rede nicht zu Ende. denn eine Detonation schüttelte das U-Boot durch und brachte die Besatzung ins Taumeln. Ganz offensichtlich hatte wenigstens einer der beiden Torpedos sein Ziel getroffen.

6

Die Galeere leckte. Etwas hatte sich ins Vorschiff gebohrt.
"Die Götter sind uns nicht gewogen", jammerte der Zenturio. Der Befehlshabende, Valerius Gracchus war an sich kein frommer Mann. Er glaubte nicht wirklich an die Götter. Dennoch hätte es sein können, dass er sich bisher geirrt hatte.
"Ja, bei Neptun", antwortete er deshalb leise. "Ein Unterwassergott war uns im Weg."
Das Loch im vorderen Rumpf, aus dem immer noch ein fremdes Stück Eisen herausragte, ließ sich nicht einfach wegdiskutieren.
Die Ruderer in vorderster Reihe lamentierten laut, es handle sich um Neptuns berühmten Dreizack. Aber ein paar der Gardesoldaten machten sich auf einen Wink des Befehlshabenden gehorsam daran, die Leckage abzudichten. Sie schraken jedoch allesamt heftig zusammen, als ein gewaltiges Donnergrollen die Galeere zum Erzittern brachte.
"Das ist die Rache der Götter", jammerte der Zenturio erneut.
"Oder die Magenverstimmung deiner Schwiegermutter." Valerius Gracchus wirkte ungehalten. "Nun sieh gefälligst zu, dass die Leute das Leck vernünftig abdichten!"
Alleine begab er sich zurück aufs Oberdeck.
Der Anblick, der sich ihm und den staunenden Ruderern bot, war wirklich atemberaubend. Nicht weit vor dem Bug ragte eine Insel aus dem Wasser. Ein ganzes Gebirge. Ein Palast der Götter. Eine schwimmende Festung. Etwas weiter weg und achteraus brannte das Meerwasser lichterloh und schickte schwarze Rauchfahnen gen Himmel.
Der römische Kapitän griff sich unwillkürlich an den Hals. Konnte es wirklich sein, dass die Götter existierten? Dass sie den Olymp verlassen hatten, um ihn als Ungläubigen zu finden und über den Rand der Welt zu stoßen? Vorsichtshalber verneigte er sich demütig.
Der Zenturio kletterte nun ebenfalls neben ihn an Deck.
"Wir haben den Wassereinbruch eingedämmt. Die ?" Weiter kam er nicht. Ungläubig starrte er auf die aufrauschende Bugwelle der ?USS Harry S. Truman?, welche mit unglaublicher Geschwindigkeit auf sie zukam. Er sah Valerius Gracchus ans Ruder stürzen.
"Rammgeschwindigkeit!", erklang der Befehl des Kapitäns.
Der Zenturio kletterte zu ihm hinauf.
"Wir haben doch selbst ein Leck", gab er zu bedenken. "Wir können doch nicht ?"
"Jupiters Faust soll dich treffen, Octavian!", brüllte der Angesprochene. "Ich habe Rammgeschwindigkeit befohlen. Sofort!"
Die Trommel unterhalb des Befehlsstandes klang nun lauter und schneller. Die Ruder klatschten hastiger aber immer noch synchron ins Wasser und trieben die Galeere auf den Bug des hoch über sie aufragenden Flugzeugträgers zu. Der bronzene Rammsporn versprühte feine Nebeltröpfchen. Von Angesicht zu Angesicht dem Feind gegenüber, mit hoch erhobenem Haupt, so stand Valerius Gracchus stolz am Ruder. Ihn konnte nichts schrecken. Er würde sich vor nichts fürchten. Sein Zenturio jedoch stand stocksteif an Deck und starrte mit weit aufgerissenen Augen hinauf zum Landedeck des heranrasenden Flugzeugträgers. Noch zehn Herzschläge! Noch neun! Acht ?! Er öffnete die zitternden Lippen zur letzten Klage:
"Die Götter werden uns zermalmen ?"
"Möglich", echote Valerius Gracchus vom Ruder her. "Dennoch könntest du deinen Hintern bewegen und eine sinnvolle Leistung erbringen."
"Was denn? Soll ich den Göttern ein Opfer bringen?"
"Nein, du Trottel. Schau zu, dass die Leckage dicht bleibt!"
Beflissen eilte der Zenturio zum unteren Deck.
Der römische Kapitän jedoch verfolgte atemlos, wie die Kante der Startplattform über seinen Kopf hinweg raste. Sie schien wie von Riesenhand stumpf abgesägt, wie ein flaches Dach von der Größe eines Marktplatzes. Dann war der Bug des Riesen nur noch eine Galeerenlänge entfernt. Kein Schiff, das Valerius Gracchus kannte, hatte eine solche Farbe. Kein Holz war in solch steinern wirkendem Graublau gewachsen. Kein Wehrturm in keinem Verteidigungswall zeigte ein so glattes Mauergefüge wie das jener Festung, deren Vorderfront gerade über ihn hinweg zog. Und dann war die rauschende Bugwelle des Carriers heran.
Die Wucht der verdrängten Wassermassen hob die Galeere empor wie ein Spielzeugboot und spülte sie zur Seite. Ihr Mast brach und schlug mit der gesamten Länge eine Bresche ins obere Deck. Einzelteile wirbelten durch die Luft und trafen hier und da einen der Ruderer. Quietschend und knirschend schrammte der hölzerne Rumpf an der Metallflanke der schwimmenden Festung entlang, bis das gesamte Fahrzeug kurzzeitig unter Wasser gedrückt wurde. Doch wider Erwarten löste sich das ramponierte Gefährt aus der Grenzschicht des monströsen Rumpfes und richtete sich langsam wieder auf.
Gerettet!
Das zerschlagene Oberdeck bot ein jämmerliches Bild der Zerstörung. Keine Reling mehr, keine Planken. Eine riesige Bresche dort, wo kurz zuvor der Mast eingeschlagen war. Durch eine Lücke konnte man die Leichen einiger erschlagener Ruderer erkennen. Die Ladung der Galeere lag zerquetscht unter den Trümmern. Nur die Kabine am Heck unterhalb des Steuermanns schien die Havarie einigermaßen heil überstanden zu haben. Valerius Gracchus legte die flache Hand über die Augen, um das Elend nicht sehen zu müssen.
Doch einer der Gardesoldaten wollte sich partout nicht durch den gewaltigen Radau ängstigen lassen. Es war Darius Litinius Crassus. Durch den Befehl des gestrengen Kapitäns in die reichlich ramponierte Kabine verbannt, sah er nun seine Chance gekommen. Behutsam räumte er die Trümmer der zerstörten Tür beiseite, kletterte auf die Reste des Decks und schaute sich um.
In der Tat, stellte er befriedigt fest, jetzt hatte er sein großes Abenteuer.

7

Minuten zuvor hatte der noch funktionierende Schiffscomputer der ?USS Harry S. Truman? die heranjagenden Torpedos registriert und die Verteidigung ausgelöst.
Künstliche Ziele jagten den Unterwassergeschossen entgegen. Eines davon wurde von einem Blindgänger getroffen und zeigte keine Reaktion. Der zweite Torpedo explodierte jedoch mit Macht und zauberte eine gewaltige Wasserfontäne in den angebrochenen Abend.
Der Erste Offizier entließ ein anerkennendes Pfeifen.
"Ein verdammt originalgetreuer Nachbau", meinte er.
William Kent brummte etwas Unverständliches vor sich hin. Seine Aufmerksamkeit war von einem zusätzlich aufgetauchten Schiff abgelenkt, das aussah wie eine zerstörte römische Galeere.
"Und was, bitteschön, wird das hier?" Er deutete hinaus auf das Wrack.
Der Erste Offizier übersah, wohin der Kapitän schaute. Seine Gedanken waren bei der Explosion des Torpedos.
"Nur der Furz von vorhin", entgegnete er deshalb lapidar.
"Verdammt", schimpfte William Kent. "Ich dachte, Wahnvorstellungen befallen immer nur einzelne Personen! Ruder hart Steuerbord ?"
Er wollte die Reste des antiken Schiffs unbedingt retten, denn er hatte den heimlichen Verdacht, dass das alles irgendwie mit seinem Traum zu tun hatte. Dass es auch umgekehrt hätte sein können, kam ihm zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht in den Sinn.

In der Tat war die Galeere nicht ganz gesunken. Noch nicht. Aber da man annehmen konnte, dass von der U-Boot-Replik keine Gefahr mehr ausgehen würde, befahl der Kapitän eines der Beiboote mit einem Rettungstrupp zu bemannen. Fünf schwer bewaffnete Marinesoldaten nahmen Kurs auf die Reste der römischen Galeere.
"Museumswerbung", äußerte Lance Corporal O?Hara beim Näherkommen. "Eine Replik älter als die andere!"
"Eine Oldtimer-Regatta!", vermutete ein anderer der Marines. "Zumindest geben sie das vor! In Wirklichkeit ist das der bislang cleverste Versuch einen Flugzeugträger zu kapern."
Beim Näherkommen vernahmen sie jedoch die Schreie der Verletzten und erkannten auch das Malheur und den Schaden, den das verhältnismäßig kleine Schiff durch die Havarie mit dem Flugzeugträger erlitten hatte. Und als sie längsseits gingen, kamen auch die überlebenden Ruderer und ein paar der Prätorianer, die sich aus der Kajüte gewagt hatten, ins Blickfeld.
"Heilige Madonna!", murmelte einer der Marines entgeistert. "Wollten die einen Maskenball veranstalten, oder was ??"
"Kein Risiko!", verlangte der Verantwortliche der Truppe. "Lösen wir die Karnevalsveranstaltung so schnell wie möglich auf!"
Mit vorgehaltener Waffe enterten sie das Wrack.
Keine der Halloween-Gestalten machte auch nur den Versuch, die Hände zu heben. Nein, alle nacheinander sanken sie auf die Knie nieder und beugten den Oberkörper demutsvoll, bis auf den Anführer, der sich dem Anschein nach mit einem Wolfsfell geschmückt hatte. Er blieb stehen, flehte aber laut: "Zürnet uns nicht, oh ihr mächtigen Götter!"
Er äußerte dies jedoch in Latein.
"Reden Sie keinen Stuss!", verlangte der Leader der Truppe. "Mein Name ist First Class Sergeant Marvin. Legen Sie sofort Ihre Waffen nieder!"
Der Angesprochene schien nicht zu verstehen. Er machte ein dümmlich wirkendes Gesicht. Die Marines schauten sich bloß gegenseitig an. Aber Sergeant Marvin richtete die Waffe auf den Kerl, der immer noch keine Anstalten machte, die Hände zu erheben.
"Wird?s bald?"
Die römischen Gardesoldaten konnten natürlich sein Amerikanisch nicht verstehen. Deshalb blieben sie lieber demütig auf den Knien liegen. Aber Valerius Gracchus, der als klug genug galt, nicht nur eine Galeere sondern einen ganzen Konvoi zu führen, schien langsam aber sicher zu begreifen und gab seinen Gardesoldaten ein Zeichen.
Einer nach dem anderen legten die Männer Schwerter, Lanzen, Messer, Bögen und Pfeile zu Boden. Der römische Kapitän selbst zeigte die leeren Hände. First Class Sergeant Marvin krauste die Stirn. Das Verhalten der mutmaßlichen Terroristen passte in kein Schema. Aber sie schienen Respekt vor ihm zu haben.
"Identifizieren Sie sich!", verlangte er von ihrem Anführer.
"Quid?"
"Wer Sie sind, will ich wissen!"
"Ego non comprehendere."
Dem First Class Sergeant schwoll die Stirnader, aber einer der Marines trat neben ihn.
"Der spricht Latein", erklärte er. "Der Typ will mit uns Latein reden. Lassen Sie mich übersetzen."
Der Mann im Wolfsfell richtete sich auf.
"Ihr Götter, wenn ich euch erzürnt haben sollte, so verschont wenigstens meine ?"
"Ihr Götter, wenn ich euch erzürnt haben sollte ?", begann der Soldat.
"Hören Sie mit diesem Blödsinn auf!", fauchte Marvin. Und zu dem Anführer gewandt: "Ich frage Sie noch einmal: Wer sind Sie?"
"Wer seid Ihr?", wiederholte der Soldat auf Latein.
"Valerius Gracchus, Kapitän im Dienste Kaiser Hadrians."
"Valerius Gracchus", übersetzte der Soldat gewissenhaft. "Kapitän im Dienste des ?" Er stutzte und schaute sich um, ob ihm auch wirklich niemand einen bösen Streich spielte. "? im Dienste Kaiser Hadrians!", vollendete er schließlich die Übersetzung.
"Schon gut, schon gut", winkte Marvin ab. Entweder waren die Leute völlige Spinner, oder hier ging etwas vor sich, das er nicht verstehen konnte. Also räusperte er sich und instruierte den Möchtegernkapitän: "Wir schleppen Euch und Eure Replik zur ?USS Truman?. Dort dürft Ihr Eure Geschichte dem Commander erzählen.
Meine Soldaten werden Eure Waffen einsammeln. Macht währenddessen keine Mätzchen."
Der Soldat übersetzte treu und brav: "Wir schleppen Euch und Eure ?", er schaute seinen Vorgesetzten fragend an. "Was heißt eigentlich ?Replik? auf Latein ??"
"Das weiß ich doch nicht, Mann! Sammeln Sie gefälligst diese Waffen hier ein! Und dann ab mit Ihnen an Bord."
"Und die Leichen?"
"Darum darf sich ab jetzt unser Captain kümmern."

Während der Überfahrt schwiegen die Mitglieder der Galeerenbesatzung. Aber an Bord des Flugzeugträgers wiederholte sich das Schauspiel übergroßer Demut. Auch Valerius Gracchus warf sich vor dem Kapitän aufs Flugdeck.


Hier endet d