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Aus dem Buch: Renate Zawrel Hrsg. - Weihnachten bei Sarturia
 
Die Pilzwichtel - Winterzeit
Erika Hemmersbach

Im Land der Pilzwichtel war es kalt geworden. Herbststürme hatten die letzten Blätter von den Bäumen gefegt. Ihre Äste ragten wie kahle Finger in den klaren Himmel und morgens glitzerte im Sonnenlicht der Reif auf den Wiesen. Unter den überhängenden Schirmdächern der Pilzhäuser hatten die fleißigen Wichtel fein säuberlich Holzscheite gestapelt. Drinnen in den Häusern verbreiteten die Scheite in bullernden Öfen eine gemütliche Wärme. Vorräte waren gesammelt, getrocknet oder eingekocht worden. So konnten die Wichtel in Ruhe und Beschaulichkeit den Winter überstehen.
Inmitten der Siedlung leuchtete der große Wohnpilz der Familie Maroni im Morgenlicht. Weiß strahlte der gestrichene Stiel des Häuschens und bildete einen hübschen Gegensatz zu dem dunkelbraunen Hut des Daches. Oben, in dem weit ausladenden Schirm, befanden sich die Schlafzimmer der Familie Maroni. Das Licht der aufgehenden Sonne spiegelte sich in den blank geputzten Scheiben der kleinen Sprossenfenster. Es beleuchtete das Gesicht eines jungen Wichtelmädchens und ließ die Locken der noch ungeflochtenen, braunen Haarpracht glänzen.

Mara Maroni lehnte am Fenster ihres Zimmerchens, hauchte gegen die Scheibe und malte Kringel auf das beschlagene Glas. Seufzend dachte sie an die vor ihr liegenden Tage. Sie würden bestimmt langweilig werden. Die Schule hatte seit gestern Winterferien.
Im Sommer war Mara in die rote Klasse der Wichtelschule eingeschult worden. Eine spannende und lustige Zeit lag hinter ihr. Sie hatte in der Schule viel gelernt und neue Freundschaften geschlossen. Nach dem Unterricht hatte man sich verabredet und zum Spielen getroffen. Alle Kinder besaßen Reittiere, auf denen sie die entfernt liegende Schule und Wald oder Wiesen schnell erreichen konnten. Nun hatten sich die Tiere zum Winterschlaf zurückgezogen und die Wichtelkinder konnten sich nicht mehr so leicht treffen.

Auch Maras Rennschnecke Agatha war müde und langsam geworden. Gestern hatte sie heftig über die Kälte geklagt. Als Mara sie nach der Schule in den Stall brachte, hatte sich Agatha tief in das warme Stroh gekuschelt und sich geweigert, ihre Freundin auf einen weiteren Spaziergang zu begleiten.
Mara hatte ihr in der letzten Woche einen dicken, roten Schal gestrickt. Gleich nach dem Frühstück hatte sie vor, Agatha den Schal zu schenken und ihn um ihren grünen Hals zu wickeln. Die Schnecke würde sehr hübsch damit aussehen und nicht mehr frieren.
Das Mädchen blickte stolz auf den langen Schal. Es hatte in der Schule Stricken gelernt und auch für ihre Eltern zum nahen Weihnachtsfest einen Schal angefertigt. Mamas Schal besaß weiße Streifen und in Vaters Schal hatte Mara grüne Streifen eingearbeitet. Die Eltern würden sich bestimmt sehr darüber freuen.

Mara beeilte sich mit ihrer Morgentoilette, um schnell ihrer geliebten Schnecke den wärmenden Schal zu bringen. Sie selbst schlüpfte in einen flauschigen grünen Rock, den ihre Mutter gewebt hatte und streifte einen weißen Pullover über, der mit grünen Blättern bestickt war. Schnell flocht sie ihre Zöpfe und stülpte sich ihre rote Spitzmütze auf den Kopf. So, fertig!
Mara ergriff den Schal und eilte hinaus zu dem kleinen Stallpilz, in dem die Rennschnecke wohnte. Suchend spähte sie in dem Dämmerlicht, das in dem Stall herrschte, nach Agatha. Sie hatte sich offenbar tief in einen Heuhaufen eingewühlt. Mara eilte zu ihr und schob das Heu beiseite. Das Mädchen schrie vor Entsetzen auf. Wo war die Schnecke? Im Heu sah sie nur ihr bunt getupftes Haus. War die Schnecke aus ihrem Haus gekrochen? Mara suchte im ganzen Stall nach ihrer Freundin, hob jeden Stroh- und Heubüschel auf. Sie schaute auch draußen im Garten nach. Nirgendwo war Agatha zu finden. Schließlich lief Mara tränenüberströmt in die Küche.

Mutter Maroni stand am Herd und backte zur Feier der beginnenden Ferien einen großen Kuchen. Es duftete köstlich nach warmer Schokolade und heißer Nussmilch, Maras Lieblingsspeisen. Heute hatte sie jedoch keinen Sinn dafür.
Schluchzend warf sie sich in die Arme ihrer Mutter und stammelte schniefend: "Mama, Agatha ist weg. Ich habe überall gesucht. Ihr war gestern so kalt. Ich wollte ihr den Schal bringen. Jetzt ist sie fort! Hätte ich ihr den Schal doch gestern gegeben, dann hätte sie es warm gehabt." Weitere Tränenfluten strömten aus Maras Augen.
Mutter Maroni zog ein fein gewebtes Taschentuch aus ihrer Schürzentasche hervor und putze ihrer Tochter damit die laufende Nase. Dann strich sie leise lächelnd über Maras Wangen und drückte das Mädchen liebevoll an sich.
"Mara, deine Schnecke ist in ihr Haus gekrochen und hält Winterschlaf. Komm, wir gehen zu Agatha und sehen nach, ob es ihr gut geht."
Eilig lief Mara neben ihrer Mutter zu Agathas Stall. Mutter Maroni zeigte ihrer Tochter, dass Agatha ihr Häuschen mit einer Tür verschlossen hatte und jetzt warm und gemütlich drinnen schlief. Mara presste ihr Ohr auf das Schneckenhaus und hörte leise Schnarchgeräusche. Das verweinte Gesicht des Wichtelmädchens verzog sich zu einem strahlenden Lächeln.
"Agatha schläft wirklich, ich höre sie schnarchen." Liebevoll wickelte Mara den gestrickten Schal um das Häuschen. "Jetzt hat sie es richtig warm!"
Mutter Maroni schüttelte noch einen großen Schwung Heu auf und verteilte ihn um die schlafende Schnecke.
"So", meinte sie dann befriedigt, "das wird erstmal reichen. Wenn es kälter wird, bekommt Agatha noch eine warme Decke dazu. Ich habe ein Kissen für sie genäht und mit Distelflocken dick ausgepolstert"

In der Küche trank Mara mit Genuss einen großen Becher heiße Nussmilch. Dann meinte sie nachdenklich, während sie Schokoladenkuchen kaute: "Ich hätte gerne einen Spielgefährten, der immer bei mir ist und keinen Winterschlaf hält."
Mutter Maroni strich über ihren Bauch, der sich stark unter der Schürze wölbte.
"Nun ja, bald wirst du einen Spielkameraden haben, Mara! Und du sollst doch nicht mit vollem Mund reden!"
Mara schluckte den Bissen hinunter.
"Hm, ein Baby! Rita hat ein Schwesterchen bekommen. Sie hat keine Zeit mehr, mit mir zu spielen und redet andauernd davon, wie niedlich es ist." Mara dachte daran, dass sie ihre Freundin besucht und den schreienden Winzling überhaupt nicht nett gefunden hatte. Dann kam ihr ein anderer, schrecklicher Gedanke und sie fragte zögernd: "Mama, hast du mich denn auch noch so lieb wie jetzt, wenn wir ein neues Kind bekommen?"
Mutter Maroni zog ihre Tochter liebevoll an sich.
"Aber, meine Große, wie kommst du auf solche Ideen? Hör, wie mein Herz klopft. Es hat Platz für alle und ganz besonders viel Raum für dich."
Zufrieden kuschelte sich Mara fest in die Arme von Frau Maroni und lauschte auf ihren gleichmäßigen Herzschlag. Dann spürte sie, wie sich im Bauch ihrer Mutter etwas bewegte.
"Mama, unser Baby will mitknuddeln. Ich bin sehr gespannt, ob ich ein Brüderchen oder Schwesterchen bekomme."
Mutter Maroni drückte Mara einen dicken Kuss auf die Wange und schenkte ihr dann einen weiteren Becher Nussmilch ein.

Es klopfte an der Tür und das rotbackige Gesicht von Rita Röhrling, Maras bester Freundin schaute um die Ecke.
"Oh, Nussmilch und Schokoladenkuchen!", rief sie vergnügt und hüpfte in die Küche. "Guten Morgen, bekomme ich auch etwas?"
Während sie mit Mara frühstückte, erzählte Rita wie üblich von ihrem Schwesterchen. Abschließend meinte sie: "Mutter fragt, ob du Lust hat, mit uns Kekse zu backen? Wir wollen für die große Weihnachtsfeier Gewürzplätzchen backen."
Mara strahlte und Mutter erlaubte ihr gerne, den Tag bei Familie Röhrling zu verbringen.
"Und morgen helft ihr mir bei den Früchtekuchen", schlug Mama Maroni vor. "Für die Feier will ich mehrere zubereiten."
Die Freundinnen nickten zustimmend. Mara hüllte sich in ein dickes, gewebtes Tuch und die beiden Wichtelmädchen eilten hinaus in die Kälte.

Bald erreichten sie das Haus von Familie Röhrling. Maras Freundin wohnte in einem schönen, großen Birkenpilz mit grauem Stiel und rotem Dachhut.
Frau Röhrling begrüßte Mara freundlich. Sie hatte schon alle Zutaten zum Plätzchenbacken in der Küche bereitgestellt. Neben Mehl und Butter warteten Nüsse, Schokolade, Gewürze, Marzipan, Honig und Zucker auf die Verarbeitung. Beide Mädchen schnupperten. In der Küche duftete es herrlich nach Weihnachten.
Dann meinte Rita: "Holen wir schnell Rana, sie soll auch dabei sein!" Mara schluckte ein "Muss das sein?" herunter, weil sie ihre Freundin nicht betrüben wollte. Sie erinnerte sich noch gut daran, dass Ritas Schwesterchen bei ihrem letztem Besuch andauernd geschrien hatte. Als sich jedoch die Tür öffnete und Rita stolz den Nussschalenkinderwagen in die Küche schob, rief Mara ganz überrascht aus: "Wie niedlich! Das ist deine Schwester?"
Rana Röhrling sah aus wie ein kleines Püppchen. Über ihrem runden Gesichtchen kräuselten sich rote Locken und ihre grauen Augen strahlten. Der rote Mund verzog sich zu einem glucksenden Lachen.
Rita krabbelte ihr Schwesterchen am Bauch und sie antwortete mit einem glucksenden Kichern. Mara war begeistert. Ihre Freundin hatte eine süße Spielgefährtin. Plötzlich konnte sie es nicht mehr abwarten, bis sie selbst ein Brüderchen oder Schwesterchen bekam.
Beide Mädchen halfen fleißig beim Plätzchenbacken. Sie stachen aus dem Teig kleine Pilze aus und pinselten nach dem Backen Zuckerguss in den Farben der Pilzhäuser darauf. Bei der Arbeit sangen sie die Weihnachtslieder, die sie in der Schule gelernt hatten. Die kleine Rana schaute zu und klatschte fröhlich brabbelnd zu dem Gesang in ihre Händchen.

Abends verabredeten sich die Freundinnen für den nächsten Tag zum Kuchenbacken bei Familie Maroni. Beide hatten ihren ersten Ferientag sehr genossen. Mara war ganz begeistert von dem kleinen Schwesterchen ihrer Spielgefährtin. Beim Gute-Nacht-Kuss flüsterte sie ihrer Mutter ins Ohr, dass sie sich sehr auf ihr Geschwisterchen freute.

So verging die Zeit bis zum Weihnachtsfest mit eifriger Arbeit. Die Pilzwichtel feierten wie in jedem Jahr das Fest gemeinsam. Im Dorfversammlungspilz, einem großen, dicken, weißen Pilz mit grünem Hut wurden die Feste der Pilzwichtel gefeiert und man hielt dort Versammlungen ab.
Für das große Fest wurde er weihnachtlich geschmückt. An den Wänden hingen Tannengirlanden mit braunen Zapfen und die Beeren der Stechpalme glänzten rot in dem frischen, dunklen Grün.
Alle Familien bereiteten etwas für das Weihnachtsbüfett vor. Es war Tradition, dass die Wichtel nach der Feier zusammen an langen Tafeln aßen. Die Geschenke wurden jedoch später am Abend in den einzelnen Familien übergeben.
Die Kinder des Wichtelkindergartens durften den großen Weihnachtsbaum schmücken. Sie hatten viele bunte Päckchen und Sterne gebastelt, die im Licht der Kerzen glänzten. Auch die Schulkinder hatten fleißig geübt, die blaue Klasse sollte Gedichte vortragen, Maras rote Klasse sang Weihnachtslieder und die grüne Klasse wollte ein Theaterstück aufführen. So warteten alle gespannt auf den Heiligen Abend.

Endlich war es soweit.
Ein klarer, kalter Wintertag brach an. Bis zum Abend fielen die ersten Schneeflocken. Sie bedeckten die kahle Erde mit einem weißen Schleier und einige Wichtelkinder versuchten schon, einen Schneemann zu bauen.
Mara zog für die Feier ihren besten Rock an. Er war aus weißer Wolle gewebt und Mutter hatte rote Blumen darauf gestickt. Dazu passte der rote Pullover mit weißen Blüten.
Frau Maroni hatte sich viel Mühe gegeben und für Mara in den letzten Tagen noch schnell den dicken Pullover gestrickt.
Mara stülpte sich ihre rote Schulspitzmütze auf den Kopf und war fertig für den Abend. Noch einmal sang sie alle neu gelernten Weihnachtslieder, um später ja keinen Fehler zu machen. Dann hopste sie die Treppe zur Küche hinunter. Zu ihrer Überraschung wartete dort ihre Freundin Rita auf sie. Mutter Maroni legte Mara einen warmen Umhang um die Schultern, gab ihr einen Kuss und bat sie, mit Familie Röhrling zur Feier zu gehen, weil sie selber sich nicht wohl fühlte. Vater Maroni würde später zur Feier kommen und Mara dann abholen.
Mara war sehr enttäuscht. Ihre Mutter würde ihr bei der Feier fehlen. Die Familie hatte immer gemeinsam gefeiert. Sie wollte ihre Mutter jedoch nicht betrüben und lächelte sie tapfer an. "Ich komme schon klar, Mama, hoffentlich geht es dir bald wieder gut!"
Arm in Arm eingehakt schlenderten die beiden Freundinnen zu dem Dorfpilz hin. Es gab viel zu sehen. Die Wichtelfamilien hatten auch ihre eigenen Pilzhäuser weihnachtlich geschmückt. Tannenbäume und Lichter blinkten hinter den Fenstern und in den Hausgärten. Von den Haustüren schickten bunte Kränze den Vorübergehenden einen Gruß zu.
Rita knuffte Mara in die Seite "Da schau mal, oben am Himmel! So viele Sterne!"
Mara legte den Kopf in den Nacken und sah einen Schwarm leuchtender Sternschnuppen vorüberziehen. Eine schien gerade auf ihr Dorf zu fallen. "Ich wünsche mir?", begann sie, schwieg dann aber, weil man die Wünsche nicht laut aussprechen durfte. "Ich habe mir auch etwas gewünscht!", meinte Rita.
Einträchtig eilten die Mädchen weiter. Sie trafen ihre Schulfreunde und es wurde viel gelacht und gekichert. Alle hatten einander viel zu erzählen.
Zum gemeinsamen Abendessen war auch Maras Vater anwesend. Er strahlte, tat sehr geheimnisvoll und flüsterte Mara zu, dass sie ein ganz besonderes Geschenk bekommen würde. Auch Mara war sehr gespannt, was ihre Eltern zu den für sie gestrickten Schals sagen würden. Sie konnte es kaum abwarten, musste sich aber noch während des Abendessens gedulden. Nachdem hinterher gute Wünsche gewechselt worden waren, eilten Vater und Tochter nach Hause.
Im Wohnzimmer stand ein dickes Paket. Mara wickelte es schnell aus. Der Vater hatte aus einer großen Muschel einen Schlitten gebaut. Für den Sommer konnte man sogar noch Räder an den Seiten befestigen. Mara jubelte. "Das ist ja eine Kutsche, die kann meine Schnecke Agatha im Sommer ziehen!"
Auch der Vater freute sich sehr über seinen warmen Schal und bewunderte Maras Fleiß.
"Und jetzt gehen wir zu Mama. Sie hat sich hingelegt. Es geht ihr aber schon wieder besser."
Vater Maroni öffnete die Schlafzimmertür und schob Mara hinein. Mutter Maroni lag im Bett und strahlte über das ganze Gesicht. "Frohe Weihnachten! Schau, Mara, wir haben ein ganz besonderes Geschenk für dich!"
Gespannt trat Mara näher. Ein kleines Wesen kuschelte sich schlafend in die Kissen. Fragend sah sie ihre Mutter an. Diese legte ihr das Baby in den Arm. "Unser Geschenk ist ein Brüderchen. Es soll Mano heißen."
Behutsam strich Mara über das Köpfchen des Kleinen. Weiche braune Löckchen kräuselten sich über dem winzigen Gesicht. Mano öffnete die Augen und sah seine Schwester an. Kleine Lichtpünktchen funkelten in seinen Augen. Mara war entzückt. Ihr Wunsch an die Sternschnuppe war in Erfüllung gegangen. "Du bist mein Sternenbruder!", raunte sie in sein Ohr. Der kleine Mund verzog sich zu einem Lächeln. Mara küsste ihren Bruder zart auf die Stirn und legte ihn vorsichtig zurück ins Bett ihrer Mutter. Dann umarmte sie ihre Eltern kräftig. "Ich wünsche euch auch frohe Weihnachten. So ein tolles Geschenk wie ich hat niemand bekommen!"
Morgen wollte sie gleich zu ihrer Freundin laufen und ihr von dem Brüderchen berichten. Rita würde sich mit ihr freuen. Mara überlegte schon, dass sie und Rita im Sommer viele Ausflüge mit den kleinen Geschwistern unternehmen konnten. Es würde bestimmt ein fröhliches und spannendes neues Jahr werden.

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