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Aus dem Buch: Jutta E. Schröder - Blackfire - (Auswahlband)
 
Vor sehr langer Zeit, als die Europäer den amerikanischen Kontinent noch nicht kannten, existierte auf dem fernen, fremden Erdteil ein Land, das Black Hills hieß. Dort lebten Indianer, die Lakota, die dem Stamm der Sioux angehörten.
Die Lakota-Indianer lebten in Tipis, wie die Zelte in der Sprache der Sioux heißen. Die Tipis schützten sie im Sommer vor der Hitze und im Winter vor Kälte. Ein stetig wiederkehrender Ablauf an Arbeiten prägte das Jahr in diesem Land. Während die Indianer im Frühling Nahrung sammelten und auf die Jagd gingen, wanderte der Stamm Anfang des Sommers traditionell in ein höheres Gelände, was wiederum mit Jagd einherging, um die Vorräte aufzufüllen. Im Sommer veranstalteten die Lakota gern Tänze und Feste. Der Herbst brachte viel Arbeit für die Indianerfrauen. Sie sammelten Beeren, Nüsse und trockneten Fleisch für den Winter. Die kalte Jahreszeit verbrachten die Sioux in ihren Winterlagern, die vor der ungemütlichen Witterung geschützt waren.

In den Black Hills lebte auch ein Geschwisterpaar: Der junge Mann wurde Heulender Wolf gerufen und seine Schwester hörte auf den Namen Plappernder Mund, kurz Blabla.

Heulender Wolf liebte seine Schwester sehr. Als sie im heiratsfähigen Alter war, befürchtete er, dass sie keinen Mann bekäme, der für sie sorgte. Blablas ständiges Geplapper hatte schon manchen Krieger in die Flucht geschlagen. Also machte Heulender Wolf sich auf, um einen rechten Ehemann für sie zu suchen.

Er schwang sich auf sein Pferd und ritt einige Tage über weite Ebenen, sanfte Hügel, überquerte einen Fluss, bis er endlich ein großes Dorf erreichte. Seine Bewohner nannten sich Chatickssi-Chaticks oder kurz Pawnee.
Anders als die Sioux wohnten die Pawnees in Hütten, die sie aus einem Grundgerüst mit langen Stangen fertigten, das mit Zweigen, Erde und Grasziegeln bedeckt wurde.
Ein weiser Häuptling war Oberhaupt über diesen Stamm: Laufender Vogel. Er begrüßte Heulender Wolf freundlich und setzte sich mit ihm ans Feuer, wo sie sehr lange miteinander sprachen und Pfeife rauchten.
Die Sonne senkte sich bereits hinter eine der nahen Bergkuppen, als der Häuptling schmunzelte und nach seinem Sohn, Stilles Wasser, verlangte.
Als dieser zu ihnen trat, nickten sich Laufender Vogel und der Bruder von Plappernder Mund zu ? die Männer waren sich über eine Heirat einig.

Heulender Wolf blieb noch einige Tage bei den Pawnee. Während dieser Zeit wurde der Tag vereinbart, an dem die Hochzeitszeremonie stattfinden sollte. In drei Monden, im Monat der reifen Pflaumen, wie in diesem Land der August genannt wurde, erwartete man die Braut im Dorf und Stilles Wasser würde seine Zukünftige würdig empfangen.
Vier Tage vergingen, dann machte Heulender Wolf sich auf die Reise zurück zu seinem Stamm. Sein erster Weg würde ihn zu Blabla führen, um ihr die frohe Kunde zu überbringen.

Doch Plappernder Mund war gar nicht erfreut. "Wie kannst du mich so weit wegschicken? So viele Tagesritte von dir entfernt", jammerte sie. "Ich sehe dich dann ja kaum noch. Wer wird sich um dich kümmern? Und ich, ich bin ganz allein in der Fremde."
"Schwesterlein, es geht nicht anders", versicherte der Bruder. "Hier will dich keiner heiraten. Dein Mundwerk steht nie still. Stilles Wasser aber braucht gerade dich; ihr werdet euch gut ergänzen."
"Ist er wenigstens schön anzuschauen?", fragte Blabla mit jäh erwachter Neugier.
"Oh ja, ich finde schon", antwortete Heulender Wolf. "Und eine gute Partie ist er auch, denn er ist schließlich des Häuptlings Sohn. Nur, dass er eben ein bisschen schüchtern und leise ist. Darum heißt er ja auch Stilles Wasser." Der Krieger schmunzelte und schaute seine Schwester von der Seite an. Er kannte Blabla, doch, oh Wunder, sie blieb still und lächelte nur ein wenig.
Bald jedoch klagte sie erneut: "Aber von dir getrennt sein, das geht nicht, Bruder! Das geht überhaupt nicht!"
"Lass gut sein", tröstete Heulender Wolf. "Wir werden uns noch viele Male sehen, ganz sicher!" Er drückte Blabla fest an sich und erstickte jeglichen Widerspruch in der liebevollen Umarmung. Als Mann in der Familie trug er die Verantwortung für Plappernder Mund. Die Eltern der Geschwister waren vor vielen Jahren von einer Jagd nicht mehr zurückgekehrt. Wilde Tiere waren, wahrscheinlich beim nächtlichen Lager, über sie hergefallen.
Die nächsten Wochen waren erfüllt mit Vorbereitungen für die große Zeremonie. In drei Monden sollte alles bereit sein. Es war Sitte, dass jedes Stammesmitglied im Dorf des Bräutigams von der Braut ein Geschenk bekommen sollte. Und je ausgefallener und wertvoller diese Gaben waren, desto höher würde ihr Ansehen steigen.
Heulender Wolf ritt täglich auf die Jagd und brachte reiche Beute mit. Das Fleisch wurde unter den Lakota verteilt. Die Felle wurden bearbeitet und zur Brautausstattung hinzugefügt. Aus der Haut von Büffeln nähte Plappernder Mund Taschen und Köcher für Pfeile. Für die Frauen im Dorf des Bräutigams fertigte sie hübsche Ketten aus Muscheln, die sie im Fluss gefunden hatte. Außerdem arbeitete Blabla fleißig an einem kostbaren Gewand und weichen Mokassins, die sie Stilles Wasser schenken wollte.
Ehe sich die Geschwister versahen, waren die drei Monde verstrichen. Aufgeregt machten sie sich in Begleitung vieler Freunde auf den Weg zu den Pawnees.
Im Dorf des Bräutigams herrschte große Aufregung, als der Brautzug sich aus weiter Ferne näherte. Lange ehe die Reiter auftauchten, erblickte man über den Hügeln den Staub, den sie aufwirbelten. Jubelnd und tanzend wurden die Gäste empfangen.
Es war ein sonniger, heißer Tag. Der Große Geist Manitu breitete seinen Segen über die Hochzeit aus, denn als man das Brautpaar zusammenführte, geschah, womit keiner gerechnet hatte: Plappernder Mund fiel dem Häuptlingssohn um den Hals und weinte vor lauter Glück. Er gefiel ihr so gut, dass sie alle geltenden Regeln vergaß.
"Psst, reiß dich zusammen, Plappernder Mund", flüsterte Stilles Wasser verlegen. Ihm war es ein wenig peinlich, dass seine Braut ihre Gefühle für ihn so offen zeigte.
Die Umstehenden lachten jedoch herzlich, denn ein solch spontanes Indianermädchen hatten sie noch nie gesehen.
Bei den Indianern gab es keine Hochzeitszeremonie, wie ihr sie hier zu Lande kennt. Aber es wurde gefeiert, gegessen und getrunken. Die nächsten Tage vergingen mit Tanz, Gesang und dem Austausch der Geschenke.
Doch das kostbare Gewand mit den bunten Perlen und den prachtvollen Federn, welches Blabla in vielen schlaflosen Nächten angefertigt hatte, das übergab sie ihrem Mann erst in der Hütte, als sie allein waren.


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