Sarturia.com Buchinhalt Vorschau


Aus dem Buch: Andreas Gross - Im Auge des Sturms - (Auswahlband)
 
Im Auge des Sturms

1.
Scipio Banner, Erster Consul Harsians auf Lebenszeit, musterte sich ausgiebig in dem mannshohen Spiegel. Sanft, beinahe liebevoll, strich er die rote Uniformjacke glatt, obwohl keine Falte sichtbar war. Auf den Schulterklappen war ein goldener Komet zu sehen, das Zeichen des Herrschers von Harsian. Sein ranghöchster General und Stellvertreter trug dagegen drei goldene Sonnen. Dies mochte auf den ersten Blick eindrucksvoller wirken, doch Banner war sich bewusst, dass gerade der Komet mit dem langgezogenen Schweif in seiner Einmaligkeit seinen Untergebenen sofort bewusst machte, wen sie vor sich stehen hatten.
Er trug eine rote Uniformhose, die direkt über den Stiefeln aus feinstem Rindleder endete. Über die Jacke hatte er sich eine Schärpe gebunden, die aus Goldfäden gewebt war. An seiner Rechten trug er den traditionellen Offiziersdegen, den er nur zu offiziellen Anlässen anlegte.
Alles saß an seinem Platz. Er wollte heute unbedingt den besten Eindruck abgeben. Es wäre eine Katastrophe wenn man ausgerechnet am Jahrestag seiner Machtergreifung einen Makel an seinem Aussehen feststellen würde. Schließlich sollte jedem seiner Untergebenen klar sein, dass ihr Herrscher keine Nachlässigkeit duldete, auch nicht gegenüber seiner eigenen Person.
Nachdem er sich noch einmal ausgiebig im Spiegel betrachtet hatte, griff er nach der schwarzen, achteckigen Schirmmütze und setzte sie bedächtig auf sein Haupt. Bevor er sich jedoch den Feierlichkeiten widmen konnte, musste er die Endphase seines wichtigsten Projektes einläuten.
Von nun an würde es kein Zurück mehr geben.
Auf seinem Gesicht erschien ein grimmiges Lächeln, das nicht seine Augen erreichte, die sich zu schmalen Schlitzen verengten.
Vor der Tür wartete bereits Steve Coleman auf ihn. Der hochgewachsene Mann war sein Leibwächter und folgte ihm bei seinen öffentlichen Auftritten wie ein Schatten. Er führte dies mit einer Geschicklichkeit aus, dass selbst Banner sich häufig nicht der Anwesenheit seines Leibwächters bewusst war. Es gab natürlich noch weit mehr Angehörige seiner Garde, die sich um seinen Schutz bemühten, doch außer Steve Coleman duldete er niemanden in seiner unmittelbaren Nähe. Die Jacke des Leibwächters spannte sich deutlich über den breiten Schultern. Mit einer leichten Neigung seines Kopfes zeugte er Banner seinen Respekt, während seine rechte Hand auf dem Griff des Strahlers ruhte, der in einem offenen Holster am Gürtel des Mannes befestigt war.
Banner hatte selbst dafür gesorgt, dass Coleman ihm treu ergeben war. Er war ihm aufgefallen, als er ein Waisenhaus besucht hatte. Der Junge hatte, ohne ihn weiter zu beachten, in einer Ecke gehockt und zum Fenster hinaus gestarrt. Als er neben ihn getreten war, um ihm eine Frage zu stellen, hatte der Junge mit einer unheimlich schnellen Reaktion nach seiner Spielzeugwaffe gegriffen und auf ihn gerichtet. Dabei hatte Banner bemerkt, dass kein Funken von Angst in den Pupillen des Jungen lag, sondern eine Kälte, die selbst ihm einen Schauer über den Rücken hatte laufen lassen. Kurzerhand hatte er den Jungen aus dem Waisenhaus geholt und ihn in die Ausbildungseinheit seiner Garde gesteckt.
Mittlerweile konnte er sich keinen besseren Mann für die Aufgabe als Leibwächter wünschen. Er war der einzige Mensch in seinem Palast, dem er völlig vertraute. Wenn er in einer Stunde den Balkon seines Palastes betreten würde, um die Huldigungen seiner Untertanen entgegen zu nehmen, nachdem die Streitkräfte ihre Parade abgehalten hatten, würde Coleman unweit seiner Minister stehen und jeden auf der Stelle töten, der sich Banner ohne ausdrücklicher Erlaubnis näherte.
Jetzt war Banner erstmal auf dem Weg zu einer abschließenden Besprechung mit einem kleinen Kreis von Eingeweihten. Niemand in den Mauern des Palastes würde sich darüber wundern, dass Banner sich vor seinem Auftritt für die Eröffnung der Feierlichkeiten mit einigen ausgewählten Menschen traf. Schließlich würde er an diesem Tag mit vielen Personen zusammenkommen, die ihm nicht nur ihre Glückwünsche übermitteln, sondern auch Bitten vortragen wollten.
Aus genau diesem Grund hatte er genau für heute die vier wichtigsten Persönlichkeiten der ehemaligen Kolonie einbestellt.
Festen Schrittes ging er durch die prunkvollen Gänge des Palastes. Wände und Böden waren aus wertvollem Marmor wie die mächtigen Säulen der Empfangshalle. Es gab Verzierungen und Ausschmückungen aus Gold und edlen Kristallen. Überall glänzte und spiegelte es, damit jeder Besucher einen Eindruck von Reichtum Harsians erhielt.
Kritiker hatten ihm beim Bau dieses Gebäudes Verschwendungssucht vorgeworfen. Doch er hatte dafür sorgen lassen, dass die Stimmen schnell verstummten. Manche von ihnen für immer.
Vor der Tür zu dem kleinen Konferenzraum, blieb er stehen und richtete den Blick auf Coleman.
"Sie lassen niemanden in diesem Raum, solange ich mich darin aufhalte", befahl er. "Ich will auf keinen Fall gestört werden."
Ohne auf die Bestätigung seines Leibwächters zu warten, öffnete Banner die Tür und betrat den Raum. Mit einem Blick, der Wasser zum Gefrieren bringen würde, musterte er die vier Anwesenden, die an dem rechteckigen Tisch saßen. Es waren eine Frau und drei Männer, deren Gesichter sich erwartungsvoll ihm zuwandten.
"Meine lieben Freunde", eröffnete er seine kleine Ansprache, "ich freue mich sehr, dass ihr meiner Einladung gefolgt seid. Ich denke, ihr wisst alle, zumindest ahnt ihr, warum ich euch ausgerechnet heute hierher gebeten habe. Der Tag, auf den wir alle hingearbeitet haben, ist gekommen. Zu lange musste ich darauf warten, aber jetzt ist der Zeitpunkt da, an dem wir Harsian aus dem Schatten der Geschichte holen und in eine neue, glänzende, alles überragende Zukunft führen."
Er legte eine Pause ein, um die Spannung zu erhöhen. Im Grunde kannte jeder der Anwesenden die wesentlichen Ausführengen seines Vorhabens, aber Banner liebte es, sie ihnen noch ein Mal darzulegen.
"Jahrzehntelang musste Harsian unter dem Joch der Vereinigten Republik ein erbärmliches Dasein fristen. Terra und die UTA ließen uns keine andere Wahl, als die aufgebürdete Knechtschaft zu erdulden. Erst nach der glorreichen Revolution, die von mir und meinen Freunden eingeleitet wurde, konnten wir den ersten Schritt in die Eigenständigkeit vollziehen."
Banner erinnerte sich noch gut an den Tag seiner Machtergreifung, als er sich zum Proconsul ausrufen ließ. Zusammen mit Gaius Shantur und Jason Maskan hatte er ein Triumvirat gebildet. Jeder von Ihnen hatte das Amt eines Consuls bekleidet. Der Preis für den Umsturz war hoch gewesen, denn seit diesem Tag war Harsian von Terra und ihren Verbündeten als Aussätzige behandelt worden. Gott sei Dank gab es genügend weitere Kolonien, die sich in einer ähnlichen Lage befanden. Sie schlossen sich der abtrünnigen Kolonie an und bildeten mit Harsian den Bund der Freien. Damit stand die Vereinigte Republik nach dem Frieden von Scorpius vor ihrer endgültigen Auflösung. Tragischerweise führte das in Banners Augen auch nicht zum Ende der Herrschaft der Erde. Terra schaffte es, mit weiterhin treu ergebenen Kolonien die Solarische Republik zu gründen.
Scipio Banner legte die Arme auf den Rücken und drückte die Brust raus.
"Wir ihr bereits wisst, darf es nicht geschehen, dass Terra und damit die Solarische Republik erneut zu einer beherrschenden Macht im Universum wird und damit die Gefahr entsteht, dass die freien Kolonien wieder von Terra und ihren Vasallen abhängig werden. Wir dürfen einfach nicht zulassen, dass die Solarische Republik zu mächtig wird. Aus diesem Grund habe ich bereits, dank Eurer Hilfe, vor vielen Jahren das Projekt ?Troja? ins Leben gerufen."
Auf sein Gesicht legte sich ein grimmiges Lächeln.
"Nun, meine Freunde, ist der Augenblick gekommen, dass ?Troja? in die heiße Phase tritt."
Morrison war für Banner ein schwer einzuschätzender Mensch. Der Mann war als Achtzehnjähriger zum Militär gegangen und hatte sich durch Einsatzwillen und Opferbereitschaft bis zum Admiral hochgedient. Er hatte nie in seinem Leben geheiratet, war nie länger liiert gewesen und nie von seinem eingeschlagenen Lebensweg abgewichen. Banner waren solche Menschen unheimlich. Offenbar besaßen sie keine Schwächen und keine Fehler. Nicht der geringste Tadel war in Morrisons Akte zu finden. Und doch hatte Banner das dumpfe Gefühl, dass er lieber einen anderen Kommandeur mit der bevorstehenden Aufgabe betrauen sollte. Dummerweise gab es keinen besseren Offizier in der Navy, der eine solche beeindruckte Brillanz in der Ausarbeitung strategischer Pläne besaß. Banner konnte nicht so einfach auf ihn verzichten.
Banner machte sich dennoch gedanklich eine Notiz in seinem Kopf. Er würde den Admiral im Auge behalten, aber sich mit der Person, die er für geeignet hielt, Morrisons Amt zu übernehmen, näher befassen. Vielleicht würde der Tag, an dem er den Admiral ersetzen musste, früher kommen, als er im Augenblick hoffte.
"Ich habe Ihre Berichte gelesen, Admiral, und daraus entnommen, dass die Flotte in vollen Umfang einsatzfähig ist."
"Das ist richtig, Sir." Morrions Miene wirkte leidenschaftlos, als würde er lediglich von einer bevorstehenden Übung sprechen. "Nach der Fertigstellung der letzten zwölf Schlachtschiffe und vierundzwanzig Kreuzer wurden die Besatzungen auf den Ernstfall intensiv vorbereitet und ich muss sagen, dass ich keine besser eingespielte Besatzung kennen lernen durfte. Die Männer und Frauen dieser Schiffe sind hervorragend ausgebildet und brennen darauf, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen."
Scipio nickte zufrieden. "Das dürfen sie. Dennoch muss ich sie noch um ein paar Tage Geduld bitten, denn unser guter Freund Leonard hat noch einige Überraschungen für sie parat."
Leonard Skeller war die Ruhe selbst. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug, der aus einem Material gefertigt war, das selbst Banner sich nicht leisten konnte. Eigenartigerweise fühlte er auch keinen Neid auf den Konzernherrn.
Skeller bekleidete kein Ministerium und öffentliches Amt auf Harsian und galt dennoch als einer der mächtigsten und einflussreichsten Männer innerhalb Banners Reiches. Skeller zeigte sich nie in der Öffentlichkeit. Er zog im Stillen seine Fäden und hatte den Konzern, den sein Großvater Mortimer Skeller nach dessen Verbannung von Terra auf Harsian gegründet und von seinem Vater, David Skeller, geerbt hatte, zu einem unübersehbaren Machtfaktor ausgebaut.
Es gab nichts, was die Skeller-Gruppe nicht herstellte. Niemandem außerhalb des Palastes war jedoch bekannt, dass Skeller mit seinem riesigen Vermögen eine wichtige Stütze von Banners Herrschaft war. Dies galt als ein gutgehütetes Geheimnis, wofür vor allem Skeller selbst sorgte.
"Ich darf ihnen mit Freude mitteilen, dass es den Waffenspezialisten der Entwicklungsabteilung unserer Gruppe gelungen ist, die Energiestrahlen der Strahlenkanonen noch höher zu verdichten, so dass sich ihre Durchschlagskraft um fünfunddreißig Prozent zu den bisherigen Werten erhöht. Dadurch besitzen sie ein beinahe doppelt so hohes Vernichtungspotential."
Skeller legte seine Hände flach auf den Tisch und schob den Oberkörper nach vorne. "Ferner können wir den Schiffen die ersten Prototypen einer ferngesteuerten Fusionsrakete zur Verfügung stellen, die einen Sprengkopf mit einer Explosionswirkung von zehn Komma fünf Megatonnen TNT besitzt. Damit blasen sie bei einem Volltreffer einen Kreuzer mittlerer Bauklasse aus dem All. Es gibt derzeit nichts Vergleichbares an Waffengewalt bei den uns bekannten Flotten. Wir wissen nicht, was die Cyborgs besitzen, aber die Zerstörungskraft ihrer Waffen erreichen wir auf jeden Fall. Damit diese Waffen ihre volle Wirkung erzielen können, haben wir zusätzlich neuartige Granaten entwickelt, die einen starken elektromagnetischen Impuls auf Lichtwellenbasis ausstrahlen. Diese LEMP werden schwere Störungen in den elektronischen Systemen der Schiffe hervorrufen. Die genauen Details und Funktionsweise dieser Waffen werde ich gerne zur Verfügung stellen, wenn sie es wünschen sollten. Somit dürfte jedenfalls die Flotte ein kaum zu besiegender Gegner sein."
Banner bemerkte, wie Morrison die Augenbrauen hoch zog.
"Sie haben Einwände gegen die Ausrüstung der Schiffe mit diesen neuartigen Waffen vorzubringen?"
Morrison schüttelte bedächtig den Kopf. "Keineswegs, Sir. Ich bin für jede Neuentwicklung dankbar, die uns weiterhilft, dem Gegner eine verheerende Niederlage beizufügen. Doch ich kann Ihnen versichern, dass ich davon überzeugt bin, dass wir auch ohne diese Waffensysteme den Sieg erringen werden."
"Ich teile Ihre Einschätzung", stimmte Banner zu. "Dennoch bin ich sehr dafür, dass wir auf diese Neuentwicklungen nicht verzichten sollten. Die Cyborgs sind schließlich ein nicht zu unterschätzender Gegner."
Scipio blickte Morrison scharf an, um jede weitere Erwiderung im Keim zu ersticken. Der Admiral zog es aber vor, zu schweigen und Banners Entscheidung wortlos zu akzeptieren.
"Wie ich sehe, ist dieser Punkt damit geklärt. Dennoch würde ich gerne die neueste Einschätzung der Lage innerhalb der Solarischen Republik von ihnen hören, Gregory."
Weber, der neben Skeller saß, hob den Kopf, so als hätte er den bisherigen Erklärungen mit großer Langeweile gelauscht. Doch der Eindruck täuschte, denn Banner kannte den Mann schon zu lange, als dass er sich von dessen Gehabe noch in die Irre führen ließ. Keiner wurde von Banner in seine Regierungsmannschaft berufen, der nicht mehrmals auf seine Gesinnung überprüft wurde. Weber war ein Militarist bis in den letzten Knochen. Er hatte Karriere in der harsianischen Armee gemacht und war als Hardliner bekannt geworden. Genau diese Einstellung hatte ihm das Amt eingebracht, das er jetzt bekleidete. Äußerlich wirkte Weber mit seiner zur Fülligkeit neigenden Figur eher wie ein behäbiger Bär, der mehr den fleischlichen Genüssen zugeneigt war. Doch wer in seine Augen sah, erkannte die unerbittliche Härte darin.
Banner mochte Männer, die bereit waren, auch einmal einen Angriff zu befürworten und, wenn es notwendig sein sollte, den ersten Schlag zu führen. Weber war schnell zu einem seiner engsten Berater geworden. Außerdem galt Weber als einer der am besten informierten Menschen auf Harsian, wovon auch Banner schon häufiger profitiert hatte.
"Es ist allgemein bekannt", führte Weber aus, "dass der neue Erste Präsident von Terra seine Bemühungen verstärkt und Diplomaten zu den zum Solsystem nächstgelegenen Kolonien ausgesandt hat, um neue Bündnispartner und Mitglieder für die Solarische Republik zu gewinnen. Seit der Friedenserklärung von Scorpius, die von Imperator Ravan abgegeben wurde, hat Terra versucht, ihre Flotte neu aufzubauen. Immerhin haben sie nach den Zusammenbruch der Vereinigten Republiken die Hälfte ihrer Schiffe verloren."
Leonard Skeller fuhr sich nachdenklich mit der Hand durch die Haare. "Wie sieht es mit der United Terra Association aus? Hätten sie sich nicht auflösen müssen, nachdem die Kolonien ihre Verträge nicht mehr erneuert haben?"
Weber stieß einen Seufzer aus. "Die UTA wird uns erhalten bleiben und somit immer ein Problem sein. Nachdem die Organisation sich von den Kolonien losgesagt hat, ist sie sogar noch stärker geworden. Offenbar verfügt sie über finanzielle Mittel in einer Größenordnung, die außerhalb der UTA niemandem bekannt war. Wir müssen davon ausgehen, dass die UTA, auch wenn sie ihre neue Unabhängigkeit und Neutralität ständig betont, Terra jederzeit zur Seite stehen wird."
Für Banner enthielt die Aussage keine ernsthaften Überraschungen. Er war in seinen jungen Jahren selbst einmal ein Agent der UTA gewesen und schon damals hatte der First Admiral die Stellung der UTA zu Terra deutlich zu verstehen gegeben. Banner hatte dies immer als einen Fehler angesehen und dies war auch ein Grund gewesen, warum er sich entschieden hatte, die UTA zu verlassen und sich zum Herrscher von Harsian zu putschen.
"Die UTA verfügt nur über eine kleine Flotte", erklärte Banner, "da die letzten Chefs der Organisation alles daran gesetzt haben, das Agentennetz auszubauen. Schon John Cage hatte erkannt, dass Informationen und eine schlagkräftige Truppe wichtiger für das Bestehen der UTA sind, als der Ausbau einer eigenen Flotte. Immerhin ist der Bau von Schiffen weitaus teurer als die Ausbildung einer Hundertschaft von Agenten. Aus diesem Grund können wir zumindest die UTA in dieser Hinsicht bei unseren Planungen vernachlässigen."
Morrison schob seinen Stuhl ein Stück zurück. "Dennoch sollten wir dabei bedenken, dass sich auch auf Harsian ein UTA-Agent aufhalten könnte. Diese Organisation sollten wir auf keinen Fall unterschätzen."
Banner winkte abfällig mit der Hand. "Die neuen Agenten besitzen nicht längst das Format der Männer der ersten Stunde bei der UTA. Nein, größere Bedenken habe ich eher gegenüber dem Botschafter, der in den kommenden Tagen eintreffen soll. Ich konnte leider nicht offen aussprechen, dass der Mann auf Harsian nicht willkommen ist. Das hätte unnötigerweise die Solarische Republik misstrauisch uns gegenüber gemacht. Immerhin haben wir kein Hehl aus unserer Meinung über Terra gemacht und schließlich gelten wir in ihren Augen als Abtrünnige, als Verbrecher, mit denen man zwar Geschäfte machen aber niemals ein engeres Bündnis eingehen würde. Daher bin ich gespannt, was der Botschafter wirklich mit seinem Besuch bezweckt."
"Ihr wollt ihn doch auf keinen Fall frei herum laufen lassen?", brachte Skeller aufgebracht hervor.
Banner lächelte. "Er wird eine ganz besondere Behandlung erfahren, die ihn am Ende wieder nach Hause bringen wird. Doch keinesfalls so, wie er sich das vorstellt."
Keiner der Anwesenden zeigte eine Regung. Jedem war bewusst, dass der Besuch des Botschafters ein Risiko darstellte.
Zufrieden schlug Banner mit der flachen Hand auf den Tisch.
"Um unser Vorhaben umsetzen zu können, müssen wir dennoch auf den Rückhalt der Harsianer bauen. Wie sieht es in der Medienwelt mit der Einstellung zu der Solarischen Republik aus, Natalie?"
Gegenüber von Skeller räkelte sich Natalie Haritonov, seine Ministerin für Öffentlichkeitsarbeit auf Harsian, auf ihren Stuhl.
Sie schlug elegant die Beine übereinander, sodass der Rock ihres schlichten Kostüms noch ein Stück höher rutschte und noch mehr von ihren Oberschenkeln freilegte, die von schwarzen Strümpfen bedeckt waren. Die obersten drei Knöpfe ihrer weißen Bluse standen weit offen und gewährten jedem Mann einen tiefen Einblick auf den Ansatz ihrer wohlgeformten Brüste, von deren genetischer Echtheit sich Banner selbst überzeugt hatte.
Natalie besaß nicht nur eine umwerfende Schönheit, sondern verfügte auch über einen messerscharfen Verstand. Ihr Intelligenzquotient lag weit höher als der jeder anderen Person in diesem Raum. Sie hätte so viel erreichen können, doch sie liebte es, die Menschen zu manipulieren. Banner hatte sie daher nicht umsonst in sein Kabinett berufen. Trotzdem behielt er sie im Auge, denn er wollte nicht das Wagnis eingehen, dass sie irgendwann doch noch ihren Ehrgeiz entdeckte und nach höheren Aufgaben zu streben begann.
Haritonov warf ihre schwarzen Haare zurück. "Unsere Hetzkampagne zeigt ihre ersten Früchte. Nachdem immer mehr Berichte erschienen sind, in denen vor der Herrschaft der Solarischen Republik gewarnt wurde und wie es uns ergehen würde, sollte Harsian sich der Republik anschließen müssen, ist die Mehrheit der Bevölkerung gegen den Anschluss an die Republik. Mehr denn je befürworten sie den Gedanken eines eigenständigen Systems, das sich niemandem unterwirft. Viele Harsianer sind sogar bereit, kriegerische Mittel einzusetzen, um diesen Status zu erreichen."
"Sehr gut gemacht, Natalie", erwiderte Banner. "Ich habe von dir nichts anderes erwartet. Bitte sorge dafür, dass noch weitere Berichte, die eine möglichst schlechte Behandlung der Kolonien durch die Solarische Republik beinhalten, gebracht werden. Am liebsten wären mir auch persönliche Erfahrungsberichte von sogenannten Flüchtlingen, die über an ihnen begangene Gräueltaten erzählen. Je furchtbarer der Eindruck ist, den wir vermitteln, umso mehr sind die Harsianer für unsere Pläne zu begeistern, wenn wir sie ihnen offenbaren."
"Wir werden den Medien so viel Futter geben, dass sie sich förmlich darin übertrumpfen werden wollen, wer die meisten Abhandlungen bringt", erklärte Natalie. "Die Solarische Republik ist weit genug entfernt, als dass sie schnell darauf reagieren könnte."
Banners Zufriedenheit wuchs. Bei Haritonov konnte er sich darauf verlassen, dass sie die Medien geschickt in die politische Richtung steuerte, die von ihm gewünscht wurde.
Beinahe bedauerte er es, dass er es für ratsamer gehalten hatte, die Beziehung zu ihr abzubrechen. Aber er wollte sich vorrangig mit aller Kraft auf die wesentliche Dinge des Lebens konzentrieren und auf sein Lebenswerk, das sein Denkmal für die Nachwelt werden sollte.
"Das klingt gut und da unsere Fortschritte sich innerhalb des festgelegten Zeitrahmens bewegen, halte ich den Zeitpunkt für gekommen, dass wir den nächsten Schritt einleiten. Wie sie alle wissen, ist unser gemeinsames Ziel Harsians Eigenständigkeit für alle Zeit zu festigen. Daran haben wir bisher hart gearbeitet. Sobald die restlichen Arbeiten an den Schiffen abgeschlossen sind, sollten wir ohne zu zögern den Angriff durchführen. Ich halte es für angemessen und erreichbar, dass die 101. Flotte in genau, von heute an gerechnet, sechzig Tagen, von Hellstone abfliegt."
Skeller nickte zustimmend. "Das dürfte machbar sein."
"Offenbar habe ich mich unglücklich ausgedrückt", fuhr Banner den Konzernherrn an. "Ich erwarte, dass die Flotte bis dahin startbereit ist. Über jede weitere Verzögerung wäre ich sehr ungehalten. Habe ich mich nun klar genug ausgedrückt?"
"Ich habe es bereits beim ersten Mal genauso aufgefasst", rechtfertigte sich Skeller. "Meine Techniker werden im Akkord die letzten Waffen montieren."
Banner warf dem Konzernherrn einen herablassenden Blick zu, ehe er sich an Morrison wandte. "Kommen wenigsten Sie mit der Vorgabe zurecht? Sehen Sie ein Problem darin, dass die Flotte den Präventivschlag nicht durchführen kann?"
Morrison schüttelte den Kopf. "Selbst wenn wir die neuen Waffen nicht ausgiebig testen konnten, werden die Crews der Schiffe alles geben, damit wir einen glorreichen Sieg einfahren werden. Die Männer und Frauen sind hoch motiviert. Und sobald wir unterwegs sind, werden sie mit ihren Herzen und ihrem Blut unserem Feind entgegen treten. Sie fragen sich bloß, welches Ziel die Flotte ansteuern wird."
Über Banners Gesicht huschte ein triumphierender Ausdruck, ehe er seine Hände faltete und sie locker auf den Tisch legte.
"Ich halte es für ratsam, wenn Sie der Flotte das Angriffsziel erst nach dem Start enthüllen. Es muss um jeden Preis verhindert werden, dass man dort von dem geplanten Angriff erfährt. Gregory wird dafür sorgen, dass man den Start für eine fest eingeplante Übung hält, die eine Simulation umsetzen soll, die bisher auf den Computern gelaufen ist. In diesem Zusammenhang werden wir alle vom Planeten X sprechen, der sich am Rande des Imperiums von XUS befinden soll. Diese gezielte Desinformation wird hoffentlich dafür sorgen, dass wir in Ruhe Projekt ?Troja? vorantreiben können. Morrison, Sie erhalten ihre Befehle in Kürze. Gregory, du wirst alles Notwendige für eine besondere Behandlung des Botschafters vorbereiten. Sobald deine Planungen abgeschlossen sind, informierst du mich darüber."
Ohne die Zustimmung der beiden Männer abzuwarten, erhob sich Banner von seinem Stuhl. "Leonard, ich halte es für ratsamer, wenn Sie sofort nach Hellstone abreisen und die Arbeiten beaufsichtigen. Niemand wird Sie auf dem offiziellen Empfang zu meinem Jahrestag vermissen und wir vermeiden unnötige und lästige Fragen zu ihrer Anwesenheit."
Skeller senkte schweigend den Kopf, während Banner auf Haritonov zutrat.
"Natalie, meine Schöne, es wäre mir eine Ehre, wenn du an meine Seite dinieren würdest. Deine scharfe Zunge gibt diesem langweiligen Event immer eine gewisse Würze."
"Ich freue mich schon jetzt darauf, die daraus entstehenden Gerüchte am kommenden Tag kommentieren zu dürfen", sagte Natalie süffisant und entlockte Banner ein breites Grinsen.
"Es gibt Tage, die können nicht besser verlaufen. Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit und muss euch hoffentlich nicht daran erinnern, dass kein Wort, das hier besprochen wurde, diesen Raum verlässt. Und nun lasst uns feiern gehen. Die Menschen erwarten ein alles überstrahlendes Ereignis."
Banner nickte zufrieden in die Runde. Seine Pläne hatten bisher nicht besser laufen können. Selbst die Bewohner Harsians ahnten nichts von dem einprägenden Erlebnis, das auf sie zukam.

2.
Die Loki, ein Kreuzer der Corona-Klasse, war weitaus größer, als er es erwartet hatte. Seinen ersten Einsatz hatte er auf einer heruntergekommenen Fregatte geleistet, die ihre besten Jahre lange hinter sich hatte. Alles in dem Schiff war fruchtbar eng gewesen und es war kein Tag vergangen, an dem man nicht irgendjemanden auf die Füße getreten war.
Er schaute sich ausgiebig um, nachdem er das Eingangsschott passiert hatte. Die zierlich wirkende Frau, die vor ihm stand, ließ ihm jedoch nicht viel Zeit dazu. Sie wippte ungeduldig mit dem Fuß auf und ab. Die Hände hatte sie in die Seiten gestemmt und auf ihrem Gesicht lag ein grimmiger Ausdruck. Erwartungsvoll hob sie den Kopf.
Er schlug die Hacken zusammen und hob die Hand zum militärischen Gruß an seine Uniformmütze.
"Lieutenant Callum McCloud meldet sich an Bord."
Die Frau erwiderte den Gruß. Sie führte ihn mit einer Mischung von Arroganz und Lässigkeit aus, die schon an eine Beleidigung ihm gegenüber grenzte.
"Wurde auch langsam Zeit, dass sie auf der Loki eintreffen", sagte die Frau in einem scharfen Tonfall. "Der Captain erwartet sie schon sehnsüchtig. Ich bin Lieutenant Allison Kreuk, Zweiter Waffenoffizier und derzeitiger Adjutant des Captain. Würden Sie mir bitte folgen."
In ihren Augen blitzte ein verächtlicher Ausdruck auf, ehe sie sich mit einer schneidigen Bewegung umdrehte. Er wusste nicht, was er getan hatte, aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass seine Anwesenheit an Bord keine Begeisterung bei ihr hervorrief.
Auf dem Weg zur Kajüte des Captains kreuzten sie den Weg weiterer Besatzungsmitglieder, die ihn meistens im Vorbeigehen kurz mit mehr oder weniger Interesse musterten.
Die Gänge waren angenehm breit, was es sogar ermöglichte, ohne Schwierigkeiten zu zweit nebeneinander zu gehen oder entgegen kommenden Besatzungsmitgliedern mühelos auszuweichen. Neugierig betrachtete Callum auf dem Weg in das Innere des Schiffes seine Umgebung, auch wenn er auf den ersten Blick nur wenige Eindrücke sammeln konnte. Zumindest stellte er erleichtert fest, dass die Loki sich in einem hervorragenden Zustand befand. Nirgends lagen Abdeckungen herum oder blitzen frei gelegte Komponenten auf, wie er es von seinem bisherigen Dienst gewohnt war. Das deutete eindeutig darauf hin, dass der Captain dafür sorgte, dass sein Schiff ordnungsgemäß gewartet wurde und jederzeit einsatzbereit war. Es war der Loki deutlich anzusehen, dass es sich bei ihr um einen modernen Kreuzer handelte, dessen Aufgabe in erster Linie darin bestand, Erkundungsmissionen zu übernehmen, sowie bei größeren Gefechten als Flankenschutz zu operieren.
Callums Anspannung wuchs, je näher die Begegnung mit dem Captain rückte.
Als sie die Kajüte des Captains erreichten, klopfte Kreuk kurz an, ehe die Tür lautlos zur Seite glitt und der Lieutenant mit Callum im Gefolge eintrat.
"Der Ersatzmann für Lieutenant Commander Campbell ist eingetroffen, Ma?am", meldete Kreuk.
"Danke, Allison", ertönte eine dunkle, samtweiche Stimme. "Bitte sorgen Sie dafür, dass ich in der nächsten halben Stunde nicht gestört werde."
Kreuk neigte den Kopf, drehte sich um, wobei sie Callum einen kühlen Blick zuwarf, ehe sie mit langen Schritten hinaus eilte. Sie bewegte sich dabei mit einer Anmut, die ihn für einen winzigen Moment erregte. Jedoch befürchtete er, dass sie jeden Annäherungsversuch knallhart zurückweisen würde und sollte ihr es gelingen, ihm dabei auch mächtig in die Weichteile treten würde.
Callum wandte hastig seine Aufmerksamkeit der Gestalt zu, die sich hinter dem Schreibtisch erhoben hatte, ehe man bemerken konnte, dass er mit seinen Gedanken abgeschweift war.
Captain Ellen Weaver war von hohem Wuchs, wobei sie fast an Callum McCloud heranreichte, der immerhin stolze einmeterneunzig maß. Da er übermäßig schlank war, wirkte er aufgrund seiner Größe ein wenig ungelenk und schlaksig.
Ellen Weaver war dagegen kein bisschen hager. Die Uniform schmiegte sich wie eine zweite Haut um ihren Körper. Sie wirkte durchtrainiert und Callum vermutete, dass unter dem Stoff sich kräftige Muskeln verbargen. Auf ihrem Gesicht zeichneten sich um die Augenwinkel kleinere Fältchen deutlich ab. Ihre Wangenknochen traten stark hervor, als sie ihren Mund zu einem leichten Lächeln verzog. Dabei entblößte sie makellose Zähne, was keine Besonderheit darstellte. Wer nicht von Geburt an aufgrund einer gentechnischen Aufwertung ohne Makel war, sorgte später dafür, dass sein Aussehen durch kleinere Operationen aufgewertet wurde. Dennoch strahlte Ellen Weaver eine angeborene Attraktivität aus.
"Ich freue mich, Sie an Bord begrüßen zu können, Lieutenant", sagte sie mit einer Herzlichkeit, die ihn nach dem kühlen Empfang von Kreuk überraschte.
Seine Rechte schoss zur Schirmmütze hoch. Erst nachdem er salutiert hatte, streckte er die Hand aus und ergriff ihre ausgestreckte Rechte. Ihr Händedruck war fest und ihm fiel sofort auf, dass ihre Finger sich geschmeidig um seine Hand legten, ohne dabei zu nachgiebig zu sein, was von einer inneren Stärke zeugte.
"Es ist mir eine Ehre, auf Ihrem Schiff dienen zu dürfen", erklärte er respektvoll.
Weaver nickte wohlwollend und ließ seine Hand los. "Wie ich gehört habe, stammen Sie von New Ireland?"
"Jawohl, Ma?am."
"Auf meinem Schiff befinden sich viele Offiziere, die von dieser Kolonie stammen."
"New Ireland ist sehr stolz auf seine Tradition, zu den treusten Anhängern der Republik zu gehören. Wir können uns nie vorstellen, Terra abtrünnig zu werden, denn letztendlich stammen unseren Vorfahren von der Erde und niemals werden wir dies vergessen."
Weaver strich sich mit der Linken durch ihr militärisch kurz geschnittenes Haar. "Der Erste Präsident besitzt nach meiner Kenntnis eine hohe Meinung von Ihrer Heimat. Es gibt nur noch wenige Kolonien, die nach dem Frieden von Scorpius der Republik treu geblieben sind. Von daher bin ich erst recht froh, dass Sie unter meinen Befehl abkommandiert worden sind."
Callum biss sich auf die Unterlippe. "Die Beförderung und die damit verbundene Abberufung kam wirklich sehr überraschend für mich, Ma?am."
Weaver nickte. "Das kann ich mir gut vorstellen, aber Sie sollten nicht so bescheiden sein. Immerhin ist Ihre Leistung bei dem Gefecht bei Karthago schon jetzt legendär. Schließlich besaß ihre Fregatte nicht den Hauch einer Chance im Kampf gegen zwei mit modernen Waffen ausgerüstete Piraten."
"Es war ein Gefecht, das auf Messers Schneide stand. Wir hatten viel Glück, dass wir nicht vernichtet worden sind."
Weaver verzog die Lippen und bleckte die Zähne wie eine gierige Wölfin, die eine fette Beute vor sich sah. "Das war kein Glück, Lieutenant", sagte sie scharf. "Ich habe die Berichte über diesen Kampf intensiv studiert. Die York stand von Beginn an auf verlorenen Posten. Sie ist direkt nach dem Austritt aus dem Überlichtflug in die Falle der Piraten geflogen. Im Grunde hätten sie die beiden Schiffe niemals orten können. Doch durch das wundersame Geschick ihres Ortungsoffiziers ist der York das gelungen. Dadurch gelang es dem Captain, das Schiff in letzter Sekunde klar zum Gefecht zu machen. Dennoch hätte die kleine Fregatte den Kampf verlieren müssen, da ihre Feuerkraft nur ein Drittel der ihrer Gegner betrug. Was ist also geschehen, dass die York das anschließende Manöver überstand? Zwar nicht unversehrt, aber immerhin im flugfähigen Zustand? Verraten Sie es mir?"
Callum schluckte. "Sie wissen doch sehr gut, was passiert ist. Warum wollen Sie die Geschichte noch einmal von mir hören?"
"Weil sie einfach unglaublich klingt?", erwiderte Weaver, "und weil in dem Bericht nicht alles enthalten ist."
Callum hatte befürchtet, als er den Marschbefehl erhalten hatte, dass sein neuer Captain sich nicht mit der kurzen Fassung der Ereignisse bei Karthago zufrieden geben würde.
"Im Grunde gibt es nicht viel mehr zu erzählen, als das, was mein Captain aufgezeichnet hat."
"Versuchen Sie es ruhig. Ich habe gerade nichts Besseres vor, als mir ihre Geschichte anzuhören. Die Loki befindet sich bei meinem Ersten Offizier in guten Händen."
Weaver faltete die Hände vor ihrer Gürtelschnalle und neigte erwartungsvoll den Kopf zur Seite.
Callum fuhr sich verlegen mit der Hand über das Kinn.
"Ich muss voraus schießen, dass dies mein erster Einsatz auf einem Schiff der Flotte war. Als Ensign war ich besonders stolz darüber, auf die York abkommandiert worden zu sein. Immerhin war mir viel Gutes über Captain Bruce Kent zu Ohren gekommen, der als altgedienter Veteran unter den Offizieren galt. Ich muss gestehen, dass Kent seine Fregatte, auch wenn sie in die Jahre gekommen war, mit einer Souveränität führte, dass wir eine Einheit bildeten, die im All seinesgleichen suchte. Als die Piratenschiffe auftauchten, war er es, der uns die Kraft gab, den Kampf aufzunehmen. Gut, eine Flucht war nicht mehr möglich, da uns die beiden Schiffe in die Zange genommen hatte, doch Kent zweifelte nicht daran, dass wir eine Überlebenschance besaßen."
"Das klingt eindeutig nach dem alten Haudegen", unterbrach Weaver seinen Redefluss, "doch nach meiner Kenntnis war es nicht Kent, der nach dem ersten Angriff weiterhin die Befehle auf dem Schiff gab. Die York wurde bei dem ersten Feuergefecht schwer getroffen. Und der Captain schrieb, dass er schwer verwundet worden sei. Dennoch hat er es geschafft, die York mit einer taktischen Meisterleistung zum Sieg zu führen. Beim besten Willen, aber ich halte das im Gegensatz zum Hauptquartier der Navy für Bullshit. Wer gab also die Befehle?"
Callum wand sich, ehe er schließlich mit gesenkter Stimme fortfuhr: "Ich führte das Schiff in die letzte Schlacht."
Weaver stieß tief die Luft aus. Ihre Augen verengten sich, als hätte er gerade eine Meuterei gestanden. Dabei war ihm die Befehlsgewalt völlig unerwartet zugefallen.
"Der erste Treffer traf die Brücke der York. Es war uns nicht mehr rechtzeitig gelungen, die Schutzschirme aufzubauen, Ma?am. Der Einschlag verwundete nicht nur Captain Bruce Kent so schwer, dass er auf die Sanitätsstation gebracht werden musste, sondern tötete auch den Ersten und Zweiten Offizier auf der Stelle. Von einem Moment auf den anderen war die York führungslos."
"Was geschah dann?", fragte Weaver. Überraschenderweise klang ihre Stimme entspannt.
"Ich übernahm die taktische Konsole, da auch der zuständige Offizier für das Gefecht nicht mehr einsatzfähig war. Augenblicklich erkannte ich, dass die beiden Piratenschiffe uns offenbar nach dem ersten erfolgreichen Beschuss als leichte Beute ansahen. Anstatt ihre Positionen zu halten, rückten sie enger zusammen, um uns den Rest zu geben. Dabei minderten sie ihre Angriffsgeschwindigkeit, um ihre Treffgenauigkeit zu erhöhen. Offenbar waren sie darauf aus, die York in ein Wrack zu verwandeln und nicht völlig zu zerstören, um wertvolle Geräte zu erbeuten, sowie die bordeigenen Computer auszuwerten. Kurzerhand befahl ich dem Steuermann, die Fregatte auf die rechte Seite der beiden Schiffe zu bringen. Unglücklicherweise waren nur noch unsere Waffen auf der Backbordseite einsatzbereit. Dabei ließ ich das Schiff mehrmals um die eigene Längsachse rotieren, um den Eindruck bei unserem Gegner zu erwecken, dass wir nicht mehr manövrierfähig wären."
"Ein genialer Einfall, McCloud", entfuhr es Weaver.
Ein Gefühl von Stolz wallte in Callum auf, das er sofort unterdrückte. Es stand ihm nicht zu, sich an etwas zu erfreuen, das zum Tod vieler seiner Freunde geführt hatte.
"Jedenfalls war meine List erfolgreich und die Piraten näherten sich uns mit abgeschalteten Schutzschirmen, um ihre Barkassen abzusetzen, die uns entern sollten. Ich wartete bis zum spätestmöglichen Zeitpunkt, um die schweren Strahlengeschütze zu aktivieren. Mit der ersten Salve feuerte ich auf das neben uns fliegende Schiff. Gleichzeitig jagte ich die funkgesteuerten Raketen los, um sie auf das zweite Schiff zu lenken. Trotz der Nähe zu den angreifenden Schiffen war es nicht zu verhindern gewesen, dass sie unseren Angriff erwiderten. Mit ihren Nahbereichswerfern schickten sie ihre Raumtorpedos gegen uns aus. Es war unser Glück, dass unsere erste Salve die Energiekonverter des vorderen Piratenschiffs zerstörten. Dadurch waren sie nicht mehr in der Lage, ihren Schutzschirm aufzubauen und ihre schweren Strahler gegen uns einzusetzen. Ich ließ eine zweite Salve abfeuern. Der Pirat konnte die weiteren Treffer nicht mehr kompensieren und verging in einer gigantischen Explosion. Die Trümmer rasten so dicht an der York vorbei, dass ich beinahe befürchtete, dass sie uns ernsthaft gefährden konnten. Leider war unser Glück damit aufgebraucht. Dem zweiten Piratenschiff war es gelungen, die meisten unserer Raketen abzufangen. Die wenigen, die ihr Ziel erreichten, richteten keine großen Schäden an. Indessen trafen uns die Raumtorpedos schwer. Sie bohrten sich tief in den Bauch unseres Schiffes und zerfetzten ausgerechnet die Mannschaftsräume. Es sind ...", seine Stimme stockte, "es sind sehr viele gestorben. Ein weiterer schwerer Treffer vernichtete zwei Drittel der Triebwerkskammern, sodass die York nicht mehr über genug Vorschub verfügte, um eventuelle Ausweichbewegungen vornehmen zu können. Aus diesem Grund entschloss ich mich, zu einem riskanten Plan: Ich bestückte die Barkasse des Captains mit den Energiepatronen und Bomben dreier Raketenköpfe und schleuste sie aus. Gleichzeitig sendete ich einen Notruf, um zu verhindern, dass der Pirat uns den Gnadenstoß versetzte. Eigentlich glaubte ich nicht ernsthaft daran, dass diese List uns gelingen würde. Doch die Piraten fingen die Barkasse ab und schleppten sie zum hinteren Rumpf des Schiffes. Genau in diesem Augenblick sandte ich den Zündimpuls aus und die gewaltige Explosion zerriss nicht nur die Barkasse sondern das Heck des Piraten. Zu meinem tiefsten Bedauern musste ich mit ansehen, wie der Pirat hilflos auf Karthago zutrieb. Wir waren nicht in der Lage, die Menschen zu retten, da wir dem Schiff nicht folgen konnten."
"Sie haben vollkommen richtig gehandelt, McCloud. Wir führen einen Krieg gegen diese Verbrecher. Und Opfer sind dabei unvermeidlich. Die Piraten zählen mittlerweile, abgesehen von den Cyborgs, zu der größten Bedrohung der menschlichen Zivilisation. Terra hat sich nicht umsonst entschlossen, diese Geißel massiv zu bekämpfen." Weaver legte eine kurze Pause ein. "Wie ging es dann weiter?"
Callum befeuchtete seine Lippen. "Es gelang uns, die Feuer zu löschen und das Überlichttriebwerk soweit zu reparieren, dass wir uns zurück nach Terra schleppen konnten. Es war der schlimmste Rückflug, den ich bis dahin erlebt habe."
"Das kann ich mir sehr gut vorstellen", erklärte Weaver zustimmend. "Wenigstens haben Sie für Ihr vorbildliches Verhalten und ihren Wagemut eine Auszeichnung erhalten."
Callum verbarg seine Bitterkeit vor dem Captain. Was nützte ihm ein Orden, den er nicht vorzeigen konnte, da man den offiziellen Bericht dahingehend bereinigt hatte, dass Kent als gefallener Held dieses Gefechts dastand. Das HQ der Flotte hatte ihm sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass man einen Ensign nicht zu einem Helden hochstilisieren wollte, selbst wenn seine Tat als Vorbild für alle angehenden Offiziere nützlich wäre.
Er richtete erneut seine Aufmerksamkeit auf Weaver, die von seinem inneren Zwiespalt nichts ahnte.
"Ich habe Ihre Akte jedenfalls intensiv studiert", fuhr sie ungerührt fort, "als ich auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger für meinen ausscheidenden Ortungs- und Signaloffizier war. Und trotz ihres jungen Alters habe ich mich für Sie entschieden, da ich glaube, dass Sie mit ihren Fähigkeiten eine Bereicherung für meine Crew sein werden. Nach meiner Einschätzung habe ich mich für den besten Mann für diesen Posten entschieden."
Callum öffnete den Mund zu einer Erwiderung, schloss ihn aber, als Weaver die Hand hob.
"Finden Sie sich pünktlich morgen um Siebenhundert im Besprechungsraum ein. Ich werde dann die Offiziere über die anstehende Mission unterrichten."
Sie drückte mit dem Zeigefinger auf ein Sensorfeld, das auf ihren Schreibtisch eingelassen war. Es vergingen nur wenige Augenblicke und Allison Kreuk betrat den Raum.
"Bitte führen Sie McCloud in seine Kabine. Ich sehe sie beide morgen bei der Einsatzbesprechung."
Callum salutierte, ehe er die Kajüte des Captain verließ und ein zweites Mal in den Genuss der eisigen Kälte kam, die von Allison Kreuk ausging. Er hoffte, dass nicht alle Offiziere die gleiche Ablehnung ihm gegenüber an den Tag legten. Ansonsten dürfte sich die Zusammenarbeit schwierig gestalten und er Captain Ellen Weavers Erwartungen niemals erfüllen können.
Kreuk blieb nach einem Marsch zu den Offiziersunterkünften vor einer schmalen Tür stehen und reichte ihm wortlos ein Armband. Es enthielt den Impulsschlüssel, der ihm den Zugang zu der Kabine gewährte.
Ohne zu Zögern griff er danach und hielt den Schlüssel vor ein rotes Lichtfeld, das nicht größer als sein Daumennagel war und innerhalb weniger Millisekunden die Farbe auf Grün wechselte. Sofort glitt die Tür auf.
Callum blickte hinein und stellte auf den ersten Blick fest, dass sein Seesack, wie man das Reisegepäck umgangssprachlich in der Navy gemäß den alten Traditionen weiterhin bezeichnete, noch nicht eingetroffen war.
Er wandte sich nach Allison Kreuk um, die mit einem unschuldigen Lächeln die Schultern anhob.
"Offensichtlich befindet sich Ihr Gepäck noch im Shuttle. Die Hangarmannschaft hat es wohl noch nicht geschafft, die Fracht zu löschen."
Callums Augen blitzten kurz wütend auf. "Dann sehen Sie bitte zu, dass ich meine Sachen innerhalb der nächsten Stunde erhalte." Er machte einen langen Schritt in die Kabine hinein und hämmerte mit der Faust auf den Verriegelungssensor, um die Tür hinter sich zu schließen. Im Grunde war es eine sinnlose Geste, denn das Feld registrierte nicht die Stärke mit der man es betätigte. Eigentlich hätte eine leichte Berührung daher vollkommen ausgereicht, aber es gab Callum zumindest eine innere Befriedigung.
Er fragte sich, als er sich in dem nüchtern eingerichteten Raum umschaute, womit er die offene Feindseligkeit Kreuks verdient hatte. Er konnte nur hoffen, dass die restliche Besatzung in mit mehr Gegenliebe aufnahm, denn sonst würde er einen schweren Stand haben. Er wusste, dass man sich nicht überall Freunde schaffen konnte, doch es musste einen Grund geben, warum er bei Allison Kreuk auf offene Feindseligkeit stieß. Er kramte tief in seinem Gedächtnis, ob er ihr schon einmal begegnet war. Doch er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, dass dies schon einmal der Fall gewesen war. Außerdem hätte er die zierliche Frau nicht so schnell vergessen, wenn er jemals mit ihr zusammengetroffen wäre.
Kurzerhand fasste er den Entschluss, sobald sich eine Gelegenheit ergab, sich Allison Kreuk vorzunehmen, um den Grund für ihr Verhalten heraus zu finden. Im Augenblick konnte er nichts anderes tun, als auf seine Sachen zu warten.
Mit einem resignierenden Seufzer ließ er sich auf das Bett fallen. Zumindest mit einem neuen Kopfkissen und einer sauberen Decke hatte man es ausgestattet.


Hier endet die Vorschau!
Legen Sie sich deshalb das Buch gleich in den Warenkorb oder bestellen Sie es bei Amazon als Ebook für Ihren Kindl.