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Aus dem Buch: Anna Antony - Balduin - (Auswahlband)
 
"Herr Direktor, Herr Direktor!", rief Balduin aufgebracht. Er war der Schulwart von der ältesten Internat-Schule im Lande.
"Was?", meinte Herr Direktor Bär gelangweilt. Er versuchte ein verständnisvoller Vorgesetzter zu sein, aber dieser Mann trieb ihn irgendwann mal in den Wahnsinn. Balduin sah überall ?Gespenster?, wahrscheinlich weil das Schulgebäude wie ein geheimnisvolles Schloss aussah.
"Balduin, haben Sie wieder seltsame Gestalten gesehen?" Direktor Bär sah nicht einmal von seiner geliebten Tageszeitung auf, die er in der Pause las.
"Jaaa!", rief der Schulwart aufgeregt.
"Balduin", seufzte Herr Bär, "Sie sollten lieber die Böden schrubben, Glühbirnen wechseln ?!"
Weiter kam der Direktor mit seiner Predigt nicht, denn sein Besucher unterbrach ihn mit den Worten: "Wirklich, Herr Direktor. Sie müssen mir glauben ...!"
Direktor Bär konnte ein herzhaftes Gähnen kaum unterdrücken. Auch diese neue Geschichte seines Angestellten würde ihn langweilen. Widerwillig gestattete er: "Also gut, Sie haben zehn Minuten, bitte erzählen Sie mir Ihr Erlebnis."
Endlich konnte Balduin loslegen: "Ich war vorhin bei der alten Weide unten am See; Sie wissen schon, die alte Weide ?"
"Ja, ich kenne die alte Weide, Balduin! Bitte weiter!", drängte der Schulleiter in der Hoffnung, der Schulwart käme endlich auf den Punkt.
"Dort habe ich Frau Wolke, die Geschichtslehrerin und einen Mann belauscht", wisperte der Aufgeregte und beugte sich über den Schreibtisch des Direktors. "Wir müssen etwas unternehmen", forderte Balduin, "denn der Fremde flehte Frau Wolke an, dass sie ihm dringend helfen müsse und die wiederum meinte, sie werde sehen, was sie tun könne, aber versprechen wolle sie nichts." Balduin sah Herrn Bär nun erwartungsvoll an und fragte: "Und - was sagen Sie, Herr Direktor?"
Der Direktor räusperte sich vernehmlich und suchte nach einer geeigneten Ausrede. "Was soll ich sagen? Ich bin sprachlos, Balduin! So eine spannende Geschichte haben Sie mir schon lange nicht mehr erzählt. Gehen Sie jetzt wieder an Ihre Arbeit, meine Pause ist gleich um und die Lehrer kommen zur morgendlichen Besprechung."
So schnell wollte der Schulwart nicht aufgeben und deshalb platzte er heraus: "Aber was sollen wir ??"
Herr Bär winkte ab und klang genervt, als er antwortete: "Nichts werden wir. Ihre Fantasie geht schon wieder einmal mit Ihnen durch. Das war nichts als ein harmloses Gespräch; da bin ich mir sicher. Bitte Balduin, stehlen Sie mir nicht noch mehr wertvolle Zeit!" Der Direktor legte seine Zeitung endgültig zur Seite, erhob sich aus seinem Sessel und winkte den Störenfried hinaus.
Enttäuscht verließ Balduin das Büro des Direktors und machte sich auf den Weg in den großen Schulgarten, um Blumen zu gießen. Dabei murmelte er vor sich hin: "Ich werde der Sache schon auf den Grund gehen. Wäre doch gelacht, wenn mir das nicht gelänge; und dann wird mir Direktor Bär schon glauben."
Die vorbeigehenden Schüler lachten und riefen Balduin zu: "Na, haben Sie dem Direktor wieder eine Ihrer lustigen Spukgeschichten erzählt?"
Der Schulwart beachtete die Kinder nicht und versuchte, sich mit seiner Arbeit abzulenken. Doch das Gespräch von Frau Wolke mit dem fremden Mann ging Balduin nicht aus dem Kopf. Nach seiner Arbeit, es war schon dämmrig, spazierte er noch einmal zur alten Weide.
Als er näher kam, entdeckte er zwei Leute unter dem Baum und wollte seinen Augen kaum trauen. Da standen schon wieder die Geschichtslehrerin und der seltsame Fremde.
In diesem Augenblick wollte der Mann Frau Wolke gerade etwas geben. Da rannte sie wie eine wild gewordene Hummel davon. Na ja, fliegen konnte sie schließlich nicht.
"Komisch", dachte sich Balduin und schaute der Lehrerin nach. So schnell hatte er sie noch nie laufen sehen. Wenn das Frau Flott, die Sportlehrerin, sehen könnte, sie wäre entzückt.
Der Schulwart nahm all seinen Mut zusammen; er wollte den Unbekannten ansprechen und fragen, was er hier zu tun hatte. Bei der Weide angelangt, sah Balduin nach links und nach rechts und um den Baum herum. Wo war der Fremde abgeblieben?
Da war nur die alte Weide, der See, der Steg und das kleine Boot - aber kein Mensch weit und breit. Na so was, wo war der Mann hin?
Oh, nein ? Er konnte doch nicht ? Er würde sich doch nicht ? ins Wasser gestürzt haben ... Balduin huschte zum Ufer, betrachtete das Wasser und versuchte, etwas zu erkennen. Danach inspizierte er das hölzerne Ruderboot. Niemand zu sehen. Doch da ? etwas blitzte auf im Gras. Zwischen den Halmen steckte ein Stückchen von einem Brief.
Große Buchstaben waren zu sehen: Wer rettet den Regenbogen?
Balduin hob die Nachricht auf und las weiter: "Rot-Orange-Gelb-Grün-Blau-Violett in Gefahr! Bitte warnen Sie die ?"
Oje, genau an der Stelle endete die Schrift. Wer hatte die andere Hälfte? Vielleicht Frau Wolke? Hatte sie den Brief zerrissen, als sie so eilig wegrannte?
Aber warum lag dieses Papier noch hier? War es dem Mann bei seiner hastigen Flucht entglitten?
Fragen, nichts als Fragen.
Balduin seufzte laut: "Was soll ich tun, ich armer, alter Narr? Keiner wird mir glauben, dass dies eine bedenkliche Geschichte ist." Traurig schlug er den Rückweg ein und kehrte zur Schule zurück.


Oki und Osamu waren Zwillinge. Beide erfreuten sich großer Beliebtheit bei ihren Mitschülern. Die Mutter des Geschwisterpaares war eine Schwedin und der Vater ein Japaner. Die Kinder waren ausgesprochen gute Schwimmer.
Oki war das Mädchen und konnte fabelhaft ins Wasser springen und ihr Bruder Osamu war ein erstklassiger Taucher. Die Mitschüler beobachteten die beiden Wassernärrischen sehr gerne, wenn sie ihre Kunststücke vorführten.
Osamus bester Freund war Garvin.
Dieser Junge war kein guter Schwimmer und konnte dem Wassersport nicht viel abgewinnen. Vielmehr liebte er die Natur und war außerdem ein Träumer. Am liebsten hielt Garvin sich bei der alten Weide auf. Von dort beobachtete er auch Osamu und Oki bei ihren Wasserkunststücken im See.
Okis beste Freundin war Olena. Beide Mädchen waren sehr höfliche und hilfsbereite Mitschülerinnen.
Aber mit zwei Klassenkameradinnen krachten sie ab und zu zusammen. Das waren Ruby und Gleda.
Ruby war ein sehr auffälliges und selbstbewusstes Mädchen. Sie hatte rubinrotes Haar. Gleda war Ruby sehr ähnlich; ihre Haarfarbe war ein leuchtendes Orange. Man konnte die zwei Mädchen nicht übersehen und überhören.
Letzteres nervte Oki und Olena, die gerne unter der alten Weide faulenzten und ihre Ruhe haben wollten.
Manchmal setzte sich auch Garvin dazu. Erschien allerdings auch Osamu, dann sprangen die wasserbegeisterten Geschwister sicher in den verlockenden See und tauchten bis hinunter auf den Grund.
Garvin und Olena störte es nicht, alleine zu bleiben. Sie lagen dann in der Wiese, kauten jeder an einem Grashalm und träumten vor sich hin.
Schluss mit Lustig und vorbei mit der Idylle war nur, wenn Ruby und Gleda ebenfalls zur Weide kamen.
Dann gingen die Sticheleien und Kichereien los.
"Schau dir das alte Liebespaar an!", rief Ruby.
"Garvin und Olena sind verliebt, hahaha!", sang Gleda laut und hüpfte wie ein Kaninchen um die alte Weide herum.
Zornig schrie Gleda, die einmal mehr von den singenden Sirenen erschreckt worden war: "Verschwindet, ihr blöden, aufgedonnerten Pudel!"
Das hat gesessen. Aufgedonnerte Pudel! Frechheit! Schließlich waren Ruby und Gleda ja so modebewusst. Beleidigt liefen die Mädchen davon.
Garvin und Olena hatten wieder ihre Ruhe.

Balduin klopfte vorsichtig an die Tür von Frau Wolke.
"Herein! - Ach, Sie sind es, Balduin." Die Stimme der Geschichtslehrerin klang, als sei sie sehr beschäftigt.
Der alte Schulwart hielt Frau Wolke die eine Hälfte der Nachricht hin, die wahrscheinlich von dem seltsamen Mann stammte.
Die Lehrerin beachtete Balduin nicht gleich. Aber als sie das Stückchen Briefpapier entdeckte, wurde sie blass.
"Balduin, wieso, woher ??" Frau Wolke schien sehr nervös zu sein.
Das war der Schulwart von dieser sonst so ausgeglichenen und selbstbewussten Lehrerin gar nicht gewohnt.
Die beiden schauten sich lange an, ehe Frau Wolke das Wort ergriff: "Also gut, Balduin. Wie ich Sie kenne, waren Sie schon beim Herrn Direktor!" Als ihr Gegenüber zu einem "Jaaa, aber ?" ansetzte, winkte sie ab und wollte wissen: "Was hat er zu Ihnen gesagt?"
"Er glaubt mir nicht", maulte Balduin. "Aber Sie, Frau Lehrerin", der Schulwart fuchtelte mit seinem rechten Zeigefinger herum, "Sie, machen mir nichts vor."
"Balduin!" Frau Wolke wurde wieder ein bisschen blass um die Nase und sah den Schulwart ernst an. "Sie müssen mir etwas versprechen. Was ich Ihnen jetzt erzähle, dürfen Sie dem Herrn Direktor nicht sagen, bitte! Er wird Ihnen eh nicht glauben; und Sie mir jetzt vermutlich auch nicht. Auch wenn Sie sonst überall Gespenster sehen!" Bei diesen Worten lächelte sie den Schulwart an. Irgendwie mochte sie den alten, komischen Kauz.
Frau Wolke strich sich verlegen eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Dann begann sie zu erzählen: "Es gibt zwischen Himmel und Erde Dinge, die wir Menschen nicht sehen können. Ja, in unserer Fantasiewelt, da existieren sie. Die wunderbaren oder schrecklichen Fabelwesen!"
Balduin sah die Lehrerin erschrocken an. Frau Wolke, die dafür bekannt war, mit beiden Beinen fest auf der Erde zu stehen, redete von seltsamen Gestalten und einer Fantasiewelt? Er hielt den Atem an, denn sie hatte so einen geheimnisvollen Blick und schaute weit, weit aus dem Fenster: Richtung Weide und des kleinen Sees.
"Ja, wo war ich?" Die Erzählerin blickte Balduin wieder an und fuhr mit ihrer Geschichte fort. "Sie wissen, ich bin gerne in der Bibliothek. Ich kenne alle Bücher, also fast alle."
Frau Wolke lächelte kurz und sprach weiter: "Mir ist ein Buch aufgefallen. Es war nicht alt, aber auch nicht neu, und was ich erblickte, als ich es aufschlug, war seltsam. Sie kennen mich, Balduin. Ich glaube eigentlich nicht an merkwürdige Geschehnisse. Daher nahm ich das Buch mit nach Hause. Am Abend holte ich es aus meiner Tasche und setzte mich damit auf die Veranda. Als ich den Band in meinen Händen hielt, fiel mir auf, dass er so leicht wie eine Feder war. Obwohl es so viele Seiten umfasste."


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