Sarturia.com Buchinhalt Vorschau


Aus dem Buch: Sissy Gross - Flatterh├╝bchen Nell - (Auswahlband)
 
NELL - Geheime Königin im Wichtelland

Das Flatterhübchen Nell lebte glücklich auf der Hokuspokusinsel im Zaubersee, wo der Zauberkönig Lupanga regierte.
Eines Tages aber war der arglistige Troll Winzigfuß mit bösen Absichten in das schöne Reich eingedrungen. Er wollte den goldenen Lerchen des Königs die kostbaren Federn stehlen. Nell machte sich auf die Suche nach Hilfe und fand am Ufer des Zaubersees den Teddy Pummel und seinen Freund, den Raben Eddy. Die beiden Tapferen überlisteten den Troll mit einem Stückchen Wunderhonig, das dem Gefräßigen lieber war, als tausend goldene Lerchenfedern. Er verschwand von der Hokuspokusinsel und Nell erwarb sich die Dankbarkeit des Königs Lupanga.
Doch nach einiger Zeit starb der gute König. Nun gefiel es Nell gar nicht mehr auf der Insel.
"Ich suche mir ein anderes Zuhause", dachte sie. "Erwachsen bin ich ja, denn meine bunt schillernden Flügelchen sind inzwischen kirschrot geworden. Nur schade, dass sie so klein bleiben. Weites Fliegen wird damit nie möglich sein. Aber deshalb heißen Wesen wie ich ja auch Flatterhübchen. Aber wo soll ich hin? Im Regenbogenland liegt nun auch alles im Schweigen, denn der Teddy Pummel wird sich längst zum Winterschlaf zurückgezogen haben. Genau das müsste ich auch. Der Winter steht vor der Tür, also muss ich mir ein Land suchen, in dem noch Sommer herrscht. So kann ich meine Winterruhe überlisten." Nein, das Flatterhübchen hatte zum Schlafen gar keine Lust. Das Leben war zu schade, um davon ein paar Monate zu verschlafen.

Nell flatterte also mit Hilfe des Südwindes Pustebacke über den Zaubersee auf und davon, um ein eigenes Reich für sich zu finden. Lange waren sie unterwegs. Dann aber erhielt der Wind einen dringenden Auftrag.
"Ich muss fort, Kleines", säuselte er bedauernd. "Es kann eine Weile dauern, ehe ich wiederkomme." Er setzte das Flatterhübchen auf einer Wiese ab und machte sich eilig davon.
Weil Nell müde war, schlüpfte sie in eine Distelblüte, schlürfte vom süßen Nektar und schlief auch bald ein. Leider enthielt der Nektar ein Gift, das dem kleinen Flatterhübchen die Stimme raubte. Als Nell am nächsten Morgen erwachte, bekam sie daher außer Wimmern keinen Laut heraus.
Blumenelfen fanden sie zusammengekrümmt in der Blüte liegen.
"Oh weh", riefen sie. "Ein verlassenes Elfenkind. Und noch dazu in einer Kratzdistel. Es wird eine Weile dauern, ehe es wieder sprechen kann." Sie nahmen das winzige Wesen bei sich auf und Nell genoss ihre ungeteilte Fürsorge und liebevolle Zuwendung.
Bald schon wurde den Blumenelfen klar: Nell war keine der ihren.
"Ich glaube, das ist ein Flatterhübchen", sagte ein alter Elf, der schon viele Sommer gesehen hatte. "Das sind sehr seltene, anmutige Wesen, die vor langer Zeit aus einer anderen Welt zu uns gekommen sind. Nicht umsonst ist die Kleine in die Distelblüte geschlüpft, deren Nektar besonders süß ist. Flatterhübchen haben eine große Vorliebe für Honig. Und schaut nur, das rabenschwarze Haar ist kurz und stoppelig, nicht weiß und glatt wie das unsere, dazu die großen jadegrünen Augen. Unsere sind blau."
Nell wurde unter der Pflege der Elfen mit jedem Tag schöner.
Ihre Flügelchen glitzerten in der Sonne wie mit Rubinen bestückt. Aber sie schaffte es eben nur, ein wenig zu flattern, statt zu schweben wie die Elfen.
Diese gaben ihr fürsorglich jeden Tag Tau zu trinken, obgleich er Nell nicht besonders schmeckte.
"Trink, Kleines", wurde sie überredet. "Trink. Sonst erhältst du deine Stimme nicht wieder."
Die Warnung wirkte. Und eines Tages zeigte sich auch der Erfolg der Tau-Kur. Nell krächzte erst etwas Unverständliches, dann etwas nicht genau Verständliches und dann sagte sie klar und deutlich: "Ich heiße Nell und bin ein Flatterhübchen."
Nun herrschte große Freude bei den Blumenelfen und es ging ans Erzählen.
Da erfuhren die Elfen, dass sie sich in etwas Wesentlichem von den Flatterhübchen unterschieden: Während sie in einem blumenreichen, unterirdischen Schloss in der kalten Jahreszeit frohe Feste feierten, lagen die Flatterhübchen in tiefem Winterschlaf. Sie schlüpften, wenn die Zeit dafür gekommen war, zwischen die kräftigen Wurzeln eines Baumes und träumten in deren schützender Umarmung von Sonne und Honig. Der Wind überdeckte den Schlafplatz mit einer dicken Schicht Laub, später fiel noch weicher Schnee darüber. Bei den ersten warmen Sonnenstrahlen und dem ersten Vogelzwitschern erwachten die Flatterhübchen mit neuen Kräften. "Und deshalb", sagte Nell, "deshalb ist mein Platz nicht bei euch. Ich muss meine eigene Welt finden."
Das sahen die Blumenelfen ein, obgleich sie sich nur ungern von dem hübschen Wesen trennten.
Als habe er genau gewusst, dass er nun dringend gebraucht werde, stellte sich auch der Südwind Pustebacke wieder ein. "Wohin soll ich dich bringen?", säuselte er.
"Das weiß ich nicht", gab Nell verlegen zu. "Erst einmal weiter geradeaus." Und sie rief den Elfen zu: "Ich danke euch für die Rettung meines Lebens. Ihr werdet immer in meiner Erinnerung bleiben."

"Es hat dir also bei den Blumenelfen gefallen?", erkundigte sich der Wind, während er Nell sacht vor sich her blies. Sie erzählte ihm so dies und das und bat zuletzt: "Hilfst du mir, nach einer neuen Bleibe zu suchen? Am liebsten wäre mir ein ruhiges Plätzchen in einem Wald, in welchem ich auch Honig finde."
"Ja, ja. Immer nur Honig, auch wenn du davon stumm wirst", neckte Pustebacke und blies das leichte Wesen senkrecht in der Luft. In null Komma nichts waren sie weit weg vom Elfenland.
"Schau mal nach unten, Kleines", rief Pustebacke plötzlich. "Wäre das nicht ein geeignetes Plätzchen für dich?"
Nell hielt Ausschau und gluckste voll Freude: "Ich sehe einen Wald aus Eichen und Tannen. Da gibt?s sicher Tannenhonig. Und da ist auch ein kleiner See und eine Blumenwiese und und und ? Lass mich runter, bitte."
Das Flatterhübchen war ganz aus dem Häuschen.
"Immer langsam mit dem alten Südwind." Pustebacke lachte und wehte allmählich immer weniger. Endlich spürte Nell Boden unter den Füßen.
"Guck mal weg, Pustebacke", bat sie den Wind. "Ich muss mein Kleidchen richten. Es rutscht mir bei jeder Bewegung hoch. Kann es sein, dass ich gewachsen bin?"
"Ha, das ist mir längst aufgefallen", bestätigte Pustebacke mit tiefer Stimme. "Allerdings ist vor allem dein Bäuchlein gewachsen. Das kommt davon, wenn eine gewisse Nell zu viel Honig nascht. Dein Kleidchen wird zu eng."
Nell drehte verlegen den Kopf zur Seite. "Pöh, du redest Quatsch, weil du keine Ahnung hast. Oder trägst du Kleider?"
"Oh je, das möchte ich mir gar nicht vorstellen", prustete der Wind los.
Nell lachte nun mit Pustebacke um die Wette und alles war wieder gut.
Gemeinsam blickten sie sich dann im Wald um.
"Hoffentlich wird es dir hier nicht zu einsam", sorgte sich der Wind.
"Ach was, da mach dir mal keine Sorgen", antwortete Nell munter. "Es gibt keinen Wald ohne Bewohner. Mit den Tieren kann ich auch sprechen; Flatterhübchen sind nicht so einfältig wie du denkst. Ich werde mich bestens einleben und mache alles so, wie ich es mir wünsche. Danke, Pustebacke, dass du mich hergebracht hast." Nells jadegrüne Augen strahlten.
"Gern geschehen", säuselte der Wind geschmeichelt. "Du weißt doch, wenn ich keinen wichtigen Auftrag erhalte, bin ich für dich da, ganz gleich zu welcher Tageszeit. Von Zeit zu Zeit werde ich bei dir vorbeischauen, um mich zu vergewissern, dass es meiner kleinen Freundin gut geht." Dann brauste der Südwind seines Weges aber nicht, ohne zuvor noch ein paar Blätter aufzuwirbeln.

Das Flatterhübchen stand nun inmitten des großen Waldes. Es drehte sich mit ausgestreckten Armen nach allen Seiten und rief: "Mein schönes, neues Leben! Ich kann es riechen."
Als erstes beschloss Nell, sich nach einer Unterkunft umzusehen, denn einen Schlafplatz brauchte sie schließlich am dringendsten.
"Die Blumenwiese", dachte sie. "Ja, die muss ich wiederfinden."
Sogleich machte sie sich auf den Weg.
Nell liebte den kühlen Waldboden unter ihren nackten Füßen und den säuerlichen Geruch, den ihre Nase wahrnahm. So roch nur die freie Natur und in dieser würde sie fortan leben. Langsamer und langsamer schlenderte sie dahin. Es trieb sie ja niemand.
Plötzlich ließ ein lauter Pfiff das Flatterhübchen zusammenzucken.
Vor ihr wippte auf dem Zweig einer Tanne ein buntgefiederter Vogel. Er hatte gepfiffen und nun rief er Nell zu: "Willkommen, Majestät! Hattet Ihr eine gute Reise?"
Nell blickte verdutzt ins Geäst hinauf und fragte: "Weshalb nennst du mich Majestät? Du musst mich verwechseln."
"Bist du denn nicht die neue Königin, die wir uns so sehr wünschen?", schnarrte der Buntgefiederte.
Sie lachte und schüttelte das schwarzhaarige Köpfchen. "Aber nein. Ich bin nur das Flatterhübchen Nell auf der Suche nach einem Zuhause."
"Oh, wie schade", quarrte der Vogel enttäuscht und beäugte das zarte Wesen eingehend. "Möchtest du vielleicht Königin werden? Du bist so schön. Mir gefällt der Gedanke, dich auf dem Thron zu sehen."


Hier endet die Vorschau!
Legen Sie sich deshalb das Buch gleich in den Warenkorb oder bestellen Sie es bei Amazon als Ebook für Ihren Kindl.
.