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Aus dem Buch: Manfred Basedow - Es war einmal - (Auswahlband)
 
Der Drache mit dem Goldpanzer

Es war einmal in einem fernen exotischen Land. Wollte man dorthin gelangen, musste man die Welt dreimal umrunden und dann ganz scharf nach links abbiegen. Das Land trug den ausgefallenen Namen Dragonien.
Dort herrschte König Bromius I. in einem großen Schloss. Es war auf dem Berg Silberschein erbaut worden, der so genannt wurde, weil er aus reinem Silber zu sein schien, sobald das Mondlicht ihn erhellte. Der Berg war über siebentausend Meter hoch, der höchste im ganzen Reich.
Tief in seinem Inneren befand sich eine Drachenhöhle, in welcher der uralte, feuerspeiende, siebenköpfige Drache mit dem Goldpanzer lebte. Ihm musste alle sieben Jahre eine Jungfrau als Opfer dargebracht werden. Die Bedauernswerte wurde an eine dicke Marmorsäule festgebunden, die sich beim Eingang zur Drachenhöhle befand. Pünktlich um Mitternacht tauchte das gepanzerte Untier auf, spie ein Flammenmeer gegen den Nachthimmel und ließ durch sein schauerliches Gebrüll das Land vor Angst erzittern. Danach schleppte der Drache die Jungfrau in seine Höhle und das Reich hatte erneut sieben Jahre Ruhe. Niemand erfuhr je, was mit den unglückseligen Mädchen geschah.
Eltern, denen eine Tochter geboren wurde, verließen das Reich und für das kommende Jahr blieben nur noch drei Jungfrauen für das Drachenopfer übrig: Die drei schönen Prinzessinnen Marissa, Larissa und Clarissa, die Töchter von König Bromius I.
Ängstlich und ratlos befragte er seinen Minister: "Wie können wir verhindern, dass meine älteste Tochter Marissa im kommenden Jahr dem Drachen geopfert werden muss? Ich kann es nicht dem Volk gleichtun. Ich darf mein Reich nicht im Stich lassen, schließlich bin ich der König."
Der Minister antwortete: "Majestät, ruft einen Wettstreit aus. Junge Prinzen, die mutig genug sind, gegen den Drachen anzutreten, mögen vorsprechen. Wem es gelingt, unser Reich von diesem Ungeheuer zu befreien, erhält als Belohnung die Prinzessin Marissa zur Frau."
"Minister", erwiderte der König, "das ist Euer bisher weisester Rat. So soll es sein. Schickt Herolde ins Land. Sie sollen verkünden, dass der Prinz meine Tochter Marissa zur Frau bekommt, dem es gelingt, den Drachen zu töten. Außerdem erhält die Braut eine königliche Mitgift."

In den folgenden Monaten versuchten viele Prinzen, den Drachen mit dem Goldpanzer zu besiegen. Sie begaben sich mutig in die Höhle des Ungeheuers. Doch kein Prinz war stark genug. Sie bezahlten ihren Wagemut entweder mit dem Leben oder ergriffen rechtzeitig die Flucht.
Das Jahr ging herum, und der Drache war immer noch am Leben. Die Siebenjahresfrist war erneut abgelaufen und der König musste schweren Herzens und unter Wehklagen seine Tochter, Prinzessin Marissa, zur Opferstelle vor der Drachenhöhle geleiten. Bromius I. häufte Goldschätze vor der Prinzessin auf, in der Hoffnung, dass der Drache sich statt des Mädchens vielleicht lieber die glänzenden Münzen und Schmuckstücke mitnehmen würde. Doch als zur Mitternacht das Gebrüll des Schuppentiers erklang, verschwand auch Marissa, wie all die Mädchen, die zuvor geopfert worden waren.
Nach der Trauerzeit beratschlagten König und Minister, was zu unternehmen sei, damit die noch schönere Prinzessin Larissa nicht ebenfalls ein Opfer des Drachen werde. Dieses Mal verkündeten die Herolde auch in den Nachbarländern: "Edle Prinzen, kämpft gegen den Drachen mit dem Goldpanzer! Wer ihn besiegt, bekommt die Prinzessin Larissa zur Braut und deren königliche Mitgift dazu."
Doch so viele Prinzen in den folgenden sieben Jahren auch gegen den Drachen kämpften, keiner vermochte ihn zu besiegen.
So wurde auch Prinzessin Larissa dem Untier geopfert und der König war voller Trauer. Nur eine Tochter war ihm noch geblieben, Clarissa. Ihr Schicksal schien ebenso besiegelt, wie das ihrer Schwestern.

In einem anderen, von Dragonien weit entfernten Land wuchs wohlbehütet ein Prinz auf, der Julius hieß. Er erfuhr von den geopferten Jungfrauen, insbesondere den zwei Prinzessinnen Marissa und Larissa. Es war Zufall, dass Julius ein Bildnis der lieblichen Prinzessin Clarissa zu Gesicht bekam. Auf der Stelle verliebte er sich in ihr Lächeln und ihre langen, blonden Locken.
Der Wunsch, dieses bezaubernde Wesen zu retten, wuchs rasch heran und Prinz Julius suchte eine weise Frau auf. Sie lebte tief inmitten des Waldes, dort, wo die Bäume am höchsten in den Himmel wuchsen.
Ungeduldig klopfte der Prinz an die hölzerne Pforte der Hütte.
Eine altersschwache Stimme war kurz darauf zu hören: "Prinz Julius, komm herein. Ich habe dich erwartet."
Der junge Mann öffnete die knarrende Tür und betrat den ärmlichen Raum.
In der Nähe des Kamins saß ein uraltes Mütterchen in einem Lehnstuhl. Die runzelige Alte winkte den Prinzen heran und krächzte heiser: "Du also bist der auserwählte junge Mann, der den Drachen mit dem Goldpanzer besiegen wird." Sie musterte den Burschen von oben bis unten.
"Ich möchte den Drachen schon gerne besiegen", meinte der Prinz und nickte zur Bestätigung mit dem Kopf. "Aber wie? Verratet es mir, Mütterchen, bitte!" Julius trat näher zu der weisen Frau hin und ging vor ihr auf die Knie, damit sie nicht ständig ihren Kopf in den Nacken legen musste, wenn sie mit ihm sprechen wollte.
Mit einem Lächeln dankte die Alte für die nette Geste des Prinzen und setzte fort: "Wandere ohne Begleiter in das Land der Sieben Berge. In einer Höhle im fünften Berg befindet sich ein kostbares Kästchen aus Sandelholz. Darin schlägt das Herz des Drachen." Aus der Tasche ihrer blaugeblümten Kittelschürze zog sie einen in groben Stoff eingewickelten Gegenstand und reichte ihn dem Prinzen. "Ich gebe dir dieses besondere Messer mit. Nur mit ihm wird es dir möglich sein, das Herz zu durchbohren. Doch sei auf der Hut: Je näher du dem fünften Berg kommst, desto mehr fühlt der Drache die drohende Gefahr für sein Leben. Er wird dich suchen."
"Oh!", rief der Prinz. "Ich werde vorsichtig sein."
Das Mütterchen nickte zufrieden. "Sieh zu, dass du die Höhle nur betrittst, wenn die Sonne am höchsten steht", riet es. "Um diese Zeit hält der Drache seinen Mittagsschlaf."
Der Prinz bedankte sich bei der weisen Frau und verstaute das in Leinen gehüllte Messer in einem Beutel, den er bei sich trug. Als die Holztür hinter ihm wieder ins Schloss fiel, verhielt Julius noch für einen Moment vor dem Haus und prägte sich alles, was die Alte ihm gesagt hatte, genau ein. Ohne noch einmal zu seinen Eltern zurückzukehren, machte er sich vom Wald gleich direkt auf den beschwerlichen Weg ins Land der Sieben Berge. Oft musste er nach dem Weg fragen und viele Male unter freiem Himmel schlafen. Doch nichts konnte Julius von seinem Vorhaben abbringen.
Je näher er den Bergen kam, desto stürmischer wurde es. Tapfer kämpfte sich Prinz Julius durch das Unwetter und erreichte schließlich, nach vielen Mühen und völlig erschöpft, den ersten der sieben Berge.

Im Land Dragonien machten sich die Einwohner erneut große Sorgen. Besonders aber König Bromius I., denn das verflixte siebente Jahr rückte immer näher. Mittlerweile hatten wieder alle Familien mit Jungfrauen das Reich verlassen und wie es schien, musste der König wohl oder übel auch seine jüngste Tochter Clarissa opfern.
Hin und wieder waren zwar wieder edle Jünglinge dem Drachen entgegengetreten, aber dessen sieben Köpfe spieen glühende Feuer, denen keiner standhalten konnte. Und war es einem Kämpfer gelungen, einen Drachenkopf vom Rumpf zu trennen, wuchs an dieser Stelle sofort ein neuer nach.
Diese Kämpfe ermüdeten das uralte Ungeheuer. Um die Mittagszeit, wenn die Sonne am höchsten stand, fielen ihm unweigerlich die Augen zu. Während dieser Zeit hätte ihn nicht einmal Kanonendonner aus dem Schlaf gerissen. So entging ihm auch, was im Land der Sieben Berge geschah.
Dort hatte der Prinz inzwischen die Höhle des fünften Berges gefunden. Vorsichtig hielt er in der Gegend Ausschau, ob etwa der Drache irgendwo auf der Lauer läge. Doch alles blieb ruhig. Julius wartete dennoch die Mittagszeit ab, ganz, wie die weise Frau ihm geraten hatte.

Erst als die Sonne am höchsten stand, entzündete der mutige Prinz eine Fackel und betrat vorsichtig die Höhle. Lange suchte er nach dem kostbaren Kästchen aus Sandelholz. Endlich fand er es in einer Mauernische, die hinter einem lockeren Stein versteckt war. Das kleine Felsenstück ließ sich leicht entfernen ? und da lag es ? das Herz des Drachen mit dem Goldpanzer!
Es leuchtete so wundersam, dass der Prinz es nicht sofort fertigbrachte, hineinzustechen. Plötzlich pochte und pochte das Herz immer schneller. Da begriff Julius, dass der Drache erwachte und die Gefahr für sein Leben vielleicht schon erkannt hatte.


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