Sarturia.com Buchinhalt Vorschau


Aus dem Buch: Dieter K├Ânig Hrsg. - Das Glaskuppelprinzip - (Auswahlband)
 
Zauberlehrling 2016

Er war relativ spät dran, der Herr Doktor Feisling. Deshalb jagte er seinen silbergrauen Zeus auf der Gegenspur an der langsam fahrenden Autoschlange vorbei und nutzte jede Lücke aus, um vorwärts zu kommen. Er sah wohl im Rückspiegel, dass der Fahrer eines metallicblauen Citycars sich bezeichnend an die Schläfe tippte und eine Bemerkung zu seiner Beifahrerin hin machte. Sie mochte wohl in etwa lauten: "Na guck dir doch bloß diesen Irren in dem Sportwagen dort an. Fahren eine Sprit fressende Flunder und denken sie haben die Straße gepachtet." Aber der Doktor ließ sich nicht aufhalten, bog scharf zum Campus am Südhang des Ehrenberges ab und sah das blaue Citycar im Rückspiegel verschwinden.
Hier in der Nähe der Universität war in der Vergangenheit neben anderen Unternehmen die Firma Ilmsoft entstanden. Vor der Schranke hielt Feisling seinen silbergrauen Zeus an. Der Wächter unterbrach offensichtlich nur ungern sein Schwätzchen mit einem der Kollegen einer Reinigungsfirma. Aber dann wandte er sich interessiert Feislings Prachtkarosse zu. Umständlich aber beflissen näherte sich der Wachmann dem Wagen. Auch wenn dem Doktor die neugierigen Blicke nicht unangenehm waren, die Warterei zerrte an seinen Nerven.
In aller Gemütsruhe schaute der Wächter prüfend ins Innere des Wagens, nur um dann mit einem, "Guten Morgen, Herr Doktor Feisling", den Weg frei zu geben, was diesen vor allem deshalb ärgerte, weil er annahm, dass der Wachmann diese langatmige Prozedur nur bei ihm durchführte. Sicherlich winkte er weniger hochgestellte Persönlichkeiten gleich durch. Missmutig quetschte er ein: "Das geht gewiss auch einfacher", zwischen den Zähnen hindurch.
Selbst als er die Eingangstür hinter sich gelassen hatte wirkte sein Verdruss noch nach. Er mochte es einfach nicht, wenn man ihm die notwendige Achtung versagte. Aber wenn er mit seinem jetzigen Projekt Erfolg hatte, würde sich das sehr bald ändern.
Der Fahrstuhl holperte nach unten. Wie jeden Morgen ärgerte sich Feisling über dessen unruhigen Lauf. Noch mehr verstimmte ihn jedoch, dass er heute als erster ins Labor fahren musste. Keiner war gerne der Erste im so genannten Keller.
Nach zwanzig Höhenmetern öffnete sich die Tür und entließ den Fahrgast in den Sicherheitstrakt der Ilmsoft, einer Tochterfirma der Microtronic Technologies AG. Die kalte, abgestanden riechende Luft raubte ihm fast den Atem, denn um diese Zeit war die Klimaanlage noch nicht in Betrieb. Eilig hastete er durch den Korridor zum Hauptlabor. Die kahlen Wände im neongrellen Gang ließen seine Schritte nachhallen. Grimmig konstatierte er, dass seine Chefs sogar beim Teppichbelag gespart hatten.
Feisling befand sich schon seit gestern in einer wirklich üblen Stimmung. Doktor Greiner, sein Stellvertreter, hatte ihn am frühen Abend über einen Strahlenunfall informiert. Im Verlauf des kurzen Gesprächs waren harte Worte gefallen, und zwar von beiden Seiten. Dies und der Gedanke an die entstandene Situation, die sein heimliches Projekt gefährden konnte, hatte ihm nachts keine Ruhe gelassen. Mehrfach war er schweißgebadet aus dem oberflächlichen Halbschlaf erwacht, hatte sich unruhig von einer Seite auf die andere gewälzt, um schließlich morgens das feuchte, klumpige Laken in die Ecke zu werfen, sich anzuziehen und, noch immer todmüde, den Weg in die Firma anzutreten.
Vor dem Labor verhielt er kurz. Als Kleinwüchsiger musste er steil nach oben schauen, damit das Objektiv seine Iris erfassen konnte; ein weiterer Grund um sich zu ärgern. Es gehörte zur schlimmeren Seite seines Lebens, die abfälligen Bemerkungen der Mitmenschen zu ertragen. Aber nicht mehr lange, dann würden ihm ganz andere gehorchen.
Leise summend öffnete sich die Tür und gab den Eingang frei. Feisling betrat den großen Raum des Hauptlabors, von dem man in die verschiedensten Arbeitsräume und Büros gelangen konnte. Sofort befiel ihn das Gefühl, das irgend etwas nicht stimmte. Er schaute sich suchend um. Die drei Forschungsroboter standen stumm an der Wand, wo sie hingehörten; drei kleine automatische Zwerge, nur einen Meter vierzig groß. Zur Rechten stand I-drei-sechs , der für industrielle Tätigkeiten gedacht war. Zur Linken stand H-eins-sieben , der universelle Haushaltsroboter, und K-zwo-vier , der Kommunikator, stand in der Mitte.
Die jüngeren Kollegen in ihrer, wie Feisling fand, mehr als übertriebenen Schlaksigkeit, hatten den Maschinen Namen zugeordnet: Ingo, Hanna und Karlchen. Die hochkomplexen Automaten, die ihre Tätigkeiten auf der Grundlage ausgetüftelter Programme selbst organisieren konnten, bekamen so für manchen etwas Menschliches. Feisling musste grinsen. Nur gut, dass keinem klar war, wozu er diese Arbeit auf sich nahm.
Mit scharfem Auge registrierte er, dass alle Tische vorschriftsmäßig abgeräumt waren und die Forschungsunterlagen im Tresor sicher unter Verschluss lagen. Er grunzte zufrieden. Der Raum wirkte in der Tat so steril, wie er in seinen Augen zu wirken hatte.
Plötzlich erregte ein Lichtreflex, gespiegelt von der blanken Schranktür, seine Aufmerksamkeit. Feisling drehte sich um. In unregelmäßigen Abständen flackerte ein blaues Lämpchen an K-zwo-vier . Schreibzugriffe auf einen der nichtflüchtigen Speicher? Das durfte nicht sein. Voller Sorge näherte sich der kleine Mann der Maschine. Ein Defekt gerade an diesem Androiden konnte ihm die Karriere kosten.
Doch plötzlich hörte das Blinken auf. Misstrauisch beobachtete Feisling den Automaten eine Weile, nur um dann, als sich die Sache nicht wiederholte, aufzuatmen und sich den Strahlungsindikatoren zuzuwenden. Augenscheinlich war eine erhebliche Menge hochenergetischer Felder beim letzten Experiment entstanden, und hatten auf die Maschinen der Versuchsreihe eingewirkt. Zum Glück war kein Schaden erkennbar, bis auf dieses merkwürdige Flackern der LED.
Feisling begab sich an die Arbeit. In seine Berechungen vertieft, bemerkte er nicht sofort das leise Geräusch aus der Richtung der Versuchsandroiden. Nur ganz allmählich schlich es sich in sein Bewusstsein. Er schrak auf und blickte unwillkürlich auf K-zwo-vier .

Im maschinellen Inneren des Automaten begann ein Aggregat zu summen. Es schien so als sei das komplexe System des Forschungsobjekts plötzlich aus dem Gleichgewicht geraten. Der Widerstand einiger Hauptleiterbahnen verringerte sich, wichtige Parameter stiegen an, andere fielen. Synthetische Botenstoffe wurden ausgeschüttet um in den Hybridbahnen des Gehirns ihre Wirkung zu erzielen. In den Entscheidungsschaltkreisen regten sich schwache Empfindungen, die vorher noch nicht da gewesen waren. die Zentraleinheit nahm den Raum anders wahr, als zuvor. Er war nicht mehr bloß ein Gebilde aus sechs Abgrenzungen, zwischen denen sich sein maschineller Körper befand. Wieso wurde ihm dieser Zustand auf eine so eigenartige Weise bewusst ...?
Als Maschine konnte sich Karlchen nicht daran erinnern, ähnliches schon einmal erlebt zu haben. Allein, weil er sich noch nie an Geschehenes in dieser Weise erinnert hatte. Bis jetzt. Er fühlte eine Schranke, eine Barriere, die sich jedoch selbst auf eigenartige Weise abbaute, bis sie schließlich ganz verschwand. Etwas geschah mit ihm, während das Summen verstummte.
Was war das nur? Seine Messgeräte registrierten neue Abläufe, und er nahm an - soweit man diesen menschlichen Ausdruck gebrauchen konnte - dass sie von Teilen in ihm beeinflusst wurden.
Was war er?
Wer war er?
An irgendeiner Stelle seiner logischen Analyse kam sein System zu zwei Schlüssen. Erstens: die Frage kann nur in Abgrenzung zu anderen auftretenden Systemen der Kategorie Personen beantwortet werden. Dazu sind alle registrierbaren Systeme der Kategorie Personen zu erfassen und auszuwerten. Zweitens: wenn sich diesen Systemen der Kategorie Personen gegenüber generalisierende Handlungen aufbauen lassen, können sie zu Gruppen zusammengefasst werden.
Unverzüglich begannen die Entscheidungsschaltkreise die Folgerungen umzusetzen, als seine optischen Sensoren eine Bewegung erfassten. In Sekundenschnelle tasteten die Scanner die Gestalt ab, vermaßen die Koordinaten und speicherten sie als Daten ab. Verbindungen zwischen Schaltstellen aktivierten sich, Potentiale bauten sich auf, potenzierten sich, um wieder zusammenzubrechen. Eine Zuordnung formte sich in ihm: Kategorie: Person. Bezeichnung: Herr Doktor Feisling . Seine neu koordinierten Schaltungen aktivierten die Audiosektion.
"Guten Tag Herr Doktor Feisling", erklang seine künstlich klingende Lautsprecherstimme, "wünschen Sie eine Beratung?"

Der erschrockene Doktor war natürlich nicht in der Lage, die wirklichen Vorgänge für sich zu begreifen. Wütend, weil er seine Arbeit unterbrechen musste, stellte er sich vor Karlchen zwo-vier . Dann aber runzelte er die Stirn. Die Aktion des Androiden war zwar adäquat, wer aber hatte ihn eingeschaltet?
Hinter seinem Rücken ging die Tür.
"Morgen Doc!", tönte eine fröhliche Stimme. "Schon so früh auf den Beinen?"
Feisling war abermals erschrocken zusammengezuckt, ehe es ihm gelungen war, den fröhlichen Sprecher einzuordnen. Es war kein Vorgesetzter, und schon gar keine Führungskraft aus der Zentrale, nur ein Assistent. Ohne sich umzuwenden winkte er den Eintretenden zu sich heran.
"Sendl", verlangte er heiser, "kümmern Sie sich doch bitte mal um den Burschen hier. Er hat offensichtlich einen Wackelkontakt, und das könnte Ärger geben. Wir sind mit den Versuchsreihen sowieso schon hinter dem Zeitplan zurück."
"Was hat er denn für Probleme?"
"Keine Ahnung. Checken Sie ihn einfach durch."
Beunruhigt begab sich Doktor Feisling zurück an die unterbrochene Tätigkeit. Arbeiten auf andere abwälzen gehörte zu seinen besonderen Fähigkeiten. Aber es bereitete ihm trotzdem quälende Sorgen, dass an seinem wichtigsten Baustein K zwo-vier unerklärliche Defekte aufgetreten waren. Deshalb fiel es ihm auch außerordentlich schwer, sich wieder in die gewohnte Arbeit zu vertiefen.

Der verdrossene Labortechniker blickte ihm nach und seufzte. Dieser Tag fing ja gut an: Gleich früh am Morgen solch ein blödes Problem. Und an wem blieb es hängen? Natürlich wieder an ihm. Nun konnte er bestimmt wieder stundenlang herumtesten und musste vielleicht sogar Überstunden schieben. Er schnitt eine Grimasse, packte seine Geräte aus und begann sorgfältig die Busleitungen zu den Schaltkreisen zu prüfen.
Eine der Routinen warf in der Tat seltsame Werte aus. Eine völlig undokumentierte Struktur schien sich dahinter zu verbergen. Erstaunt schaute Sendl auf. Der Raum hatte sich mittlerweile mit Technikern gefüllt. Mitarbeiter begrüßten sich gegenseitig, wechselten Scherze, besprachen die Tagesaufgaben, plauschten über Privates und verschwanden nach und nach in den angrenzenden Arbeitsräumen. Eileen, die jüngste Mitarbeiterin in Doktor Feislings Team trat von hinten an Sendl heran und beugte sich vertraut über seine Schulter.
"Guten Morgen Peter", hauchte sie. "Gibt s wieder mal Ärger?"
Der Angesprochene lächelte flüchtig und genoss den Hauch ihres sinnlichen Parfüms.
"Den Tag möchte ich einmal erleben", flüsterte er, sorgsam darauf bedacht, dass niemand die Unterhaltung mithören konnte, "an dem es hier keine Hektik gibt". Aus den Augenwinkeln bemerkte er allerdings, dass der Chef sehr wohl ihr Gespräch registrierte. Die junge Frau legte ihm leicht die Hand auf die Schulter
"Ohne dich kommen sie hier ja doch nicht aus. Wer soll denn sonst ihre Drecksarbeit machen?"
Der junge Mann lachte bitter, während Feisling sich drüben aufrichtete.
"Frau Wagner", rief er zu Eileen herüber.
Sie gab Sendl einen leichten Knuff. "Alberich ruft", frozzelte sie, "und die Diener springen. Er kann es einfach nicht sehen, wenn ich mich mit dir unterhalte. Na, denn: Frohes Schaffen." Und schon war sie auf dem Weg zu ihrem Herrn und Meister.

Allerdings machte die Chefsekretärin dem Herrn und Meister einen Strich durch die Rechnung, denn sie streckte den Kopf aus ihrem Büro.
"Herr Doktor Feisling!" Sie hob die Linke mit steifem Daumen und ausgestreckten kleinen Finger ans Ohr. "Erfurt, für Sie!"
Feisling schnitt eine ärgerliche Grimasse. Gerade jetzt. Und außerdem war es zumindest ungewöhnlich, dass er schon so früh von ganz oben angerufen wurde. Hoffentlich nicht schon wieder Vorhaltungen, weil die Arbeit nicht vorankam.
"Stellen Sie durch", bat er, und die Sekretärin verschwand eilfertig.
Feisling nahm den Hörer ab und meldete sich mit Namen. Es knackte in der Leitung.
"Guten Morgen Gernot", quakte es aus dem Hörer. "Ihnen geht es gut, so hoffe ich?" Feisling zog erneut eine Grimasse. Er hielt es nicht für angebracht seinen Gesundheitszustand zu erörtern, und ganz offensichtlich erwartete der Manager am anderen Ende der Leitung nicht wirklich eine Antwort auf seine rhetorisch klingende Frage.
"Gernot", fuhr er denn auch ohne Zögern fort, "ich habe hier einen alten Freund aus der Unizeit, der würde sich gern einmal unsere Vorzeigeroboter ansehen. Ist das möglich?"
Voller Ingrimm stellte sich der Doktor vor, was passieren könnte, falls er Nein sagen würde. Um diese unerfreulichen Vorstellungen nicht Wirklichkeit werden zu lassen, rang er sich stattdessen ein "Ja, gerne", ab.
"Gut!", stellte der Manager fest. "Dann sind wir in einer halben Stunde bei Ihnen."
Feisling hätte fast vor Wut in die Sprechmuschel gebissen. Er musste an sich halten um den Hörer nicht krachend auf die Gabel zu werfen. Genau das hatte ihm noch zu seinem Glück gefehlt: Zwei neugierige Gaffer, die einen An¬droiden begutachten wollten, der nicht richtig funktionierte.
Schon lange bereiteten ihm die überzogenen Vorstellungen des Managements ernstliche Sorgen. In kürzester Zeit sollte er Prototypen pseudointelligenter Automaten erschaffen, die mehr konnten als jedes Produkt der Mitbewerber. Man erwartete als Ergebnis Androiden, die sich ähnlich wie Menschen verhielten, autonom handelten und universell einsetzbar waren. Ideale Produkte eben für den Einsatz im Fun- und Freizeitbereich. Und das alles schnell und möglichst billig; am besten sofort und kostenlos.
Nur gut, dass niemand bislang auf die Idee gekommen war, dass ihn die Ziele der Geschäftsführung nur insofern interessieren könnten, als sie seinen eigenen Plänen entgegen kamen. Er würde sich mit seinen Projekten als Koryphäe etablieren. Sie waren der Schlüssel zur Unabhängigkeit. Allerdings würde jeglicher Misserfolg in diesem Sektor seine Stellung gefährden und damit die Verwirklichung seines Vorhabens ad absurdum führen. Deshalb beschloss er dem trödelnden Sendl Dampf zu machen.

Aufmerksam hatte der Automat die laufenden Vorgänge verfolgt. Unzählige Lautfolgen hatte er gespeichert, auch wenn er deren Bedeutung noch nicht einordnen konnte. Neue Arrays waren gebildet und verknüpft worden. Immer wieder vermaßen die Sensoren neue Gestalten der Kategorie Person und versuchten sie mit den gespeicherten Werten zu verknüpfen. Keine der neu hinzugekommenen Einheiten ließ sich sicher identifizieren. War dies noch vor vierundzwanzig Stunden nicht von Bedeutung gewesen, so manifestierte sich dieser Zustand nun in einigen eigenartigen Reaktionen seiner Schaltkreise. Übersetzt auf die Gefühle eines Menschen würde man diesen Zustand als Ratlosigkeit bezeichnen. Bei einer Maschine wie der des Androiden äußerte es sich nur in unverknüpft gebliebenen Daten.
Erneut kam eine Gestalt in den Scanbereich der Sensoren. Aber diesmal sollte die Prüfung der Datenverknüpfungen positiv ausfallen. Diese Einheit war in der Tat bereits mit den gespeicherten Werten verknüpft. Kategorie: Person. Bezeichnung: Herr Doktor Feisling. Im elektronischen Inneren der Maschine führte dieser Erfolg zum Anschwellen einzelner elektromagnetischer Größen, in bestimmten Bahnen kreisten die Elektronen schneller. Es war, als freue sich die Maschine auf elektronischem Weg über das Gelernte.

Das Unglück indes nahm seinen Lauf, denn der verärgerte Doktor Feisling knöpfte sich den gespannt wirkenden Techniker vor, der an der offenen Konsole des Androiden hantierte.
"Sendl!", fauchte er. "Ich hoffe, Sie haben den Fehler bald gefunden." Er schaute auf seine Uhr. "In zwanzig Minuten kommt der Geschäftsführer mit einem Gast zur Visite. Sie können sich vorstellen was es für Ärger gibt, wenn hier nichts richtig funktioniert."
Sendl verkniff sich die Antwort: Den Ärger hast "du", mein Lieber , ging es ihm durch den Kopf. Nach außen gab er sich jedoch zerknirscht:
"Herr Doktor", bat er unterwürfig, "glauben Sie mir, ich habe wirklich alles untersucht. Woher das Aufblinken der Diode und das Summen kam lässt sich nicht feststellen."
Dann kam plötzlich Licht in seine Augen.
"Aber ich habe da etwas ..."
Eine junge Dame aus dem Labor nebenan unterbrach den eifrig gewordenen Techniker.
"Herr Sendl, bitte schnell!", rief sie. "Ein Serverabsturz. Wir brauchen dringend Hilfe!"
"Sorry", entschuldigte sich der Assistent. "Bin gleich wieder da."
Herr Doktor Feisling schaute wenig intelligent drein, musste ihn aber wohl oder übel ziehen lassen, denn Serverstörungen hatten natürlich Vorrang. Er konnte ihm nur noch nachrufen: "Beeilen Sie sich, Sendl!" Doch diese Ermahnung war sowohl überflüssig wie auch wirkungslos, wie der Doktor sehr wohl wusste. Mit zusammengekniffenen Lippen und voller Frust betrachtete er den defekten Robotautomaten, der geduldig wie ein Lämmchen auf neue Anweisungen wartete.
"Willst du nicht, oder kannst du nicht?", murmelte er vor sich hin. "Oder hat dir Greiner oder ein anderer Assistent einen Schaltkreis aus einer falschen Baureihe eingebaut?"
Er schwieg, und da sich bei sein Gebrabbel nicht um unmittelbare Befehle handelte, schwieg auch Karlchen . Aber selbst das ärgerte den Konstrukteur. "Verfluchte Kiste!", fügte er deshalb seinen Bemerkungen hinzu.
Sendl kam zurück zu dem Wartenden. Offensichtlich hatte er nur die Server neu gestartet. Beide standen stumm vor dem mechanischen Sorgenkind. Während Feisling sich hinter dem Ohr kratzte und sich fragte, wie viel seiner Pläne wohl ruchbar werden könnten, wartete der Assistent auf eine Gelegenheit, sich weiter mit Karlchens Besonderheiten befassen zu können. Schließlich hob Doktor Feisling die Schultern, fasste sich mit Daumen und Zeigefinger ans Kinn und legte den Kopf schief.
"Was meinen Sie, Sendl?", erkundigte er sich zerstreut. "Ob wir ihn wohl doch noch präsentieren könnten, ich meine so wie er ist?"
Der Assistent furchte nur die Stirn und hob zweifelnd die Schultern.

Mehrfach, so stellte Karlchens irreguläres Update fest, war dieselbe Lautfolge unter anderen Lautfolgen aufgetaucht. Sein Read/Write Memory leitete die wiederholte Benennung in der Kategorie Person weiter und die Entscheidungsschaltkreise ordneten ihr eine erhöhte Priorität zu. Wieder ließen sich Verknüpfungen herstellen. Benennung und Reaktion. Neue Impulse formten sich. Die Rückmeldungen wurden an die Schaltkreise des Prozessorboards verteilt und die enthaltenen Informationen in neuen Stapeln angeordnet. In den Leitungen zum Lingualen Zentrum entstanden statische Ladungen. Sekundäre Felder bildeten sich. Ihre Ladung wuchs, pflanzte sich über Verzweigungen fort und überbrückte einige gewollt angeordnete Lücken. Auf diese Weise erreichten sie die Microcontroller der Aktionsebene. Diese verarbeiteten nicht nur die Sensordaten, sondern generierten auch die Befehle an die Aktuatoren des Sprechapparates.
Klar und deutlich sagte Karlchen: "Guten Tag Herr Sendl! Wünschen Sie eine Beratung?"

Sowohl der Angesprochene, als auch der Doktor erstarrten mitten in der Bewegung.
"Sendl ...", flüsterte der Konstrukteur und fasste nach dem Arm des Assistenten, "haben Sie das gehört ...?"
Sekundenlange Pause, dann blinzelte der Assistent: "Meint der mich ...?"
"Sendl!" Feislings Stimme klang streng. "Haben Sie ihm das vorhin beigebracht, als ich durch Arbeit abgelenkt war?"
Der Angesprochene staunte: "Der kann ja richtig sprechen ...!"
"Sagen Sie bloß nicht ... nein, Sendl, das kann ich nicht glauben."
"Die Steuerkreise ..., das ist kein Defekt, das ist ...!"
Beide schauten sich überrascht an.

In Karlchens Entscheidungsschaltkreisen trafen drei wichtige Informationen zusammen; eine unmittelbare und zwei mittelbare. Erstens: Eine Beratung war nicht gewünscht. Zweitens: Die angesprochene Gestalt war tatsächlich eine Person, und die zugeordnete Lautfolge Sendl war korrekt. Jetzt galt es nur noch den kommenden Input zu katalogisieren.

Doktor Feisling geriet aus der Fassung.
"Sie haben ihn neu programmiert", erregte er sich. "Wie konnten Sie es wagen?" Er hob den puterrot gewordenen Kopf, um dem größeren Assistenten in die Augen schauen zu können. "Wissen Sie was bei solch einem Eingriff passieren kann? Und außerdem, er hat aus Sicherheitsgründen nur mich zu erkennen. Ich bin seine einzige Bezugsperson. Hinter meinen Rücken ... Das ist ungeheuerlich"
"Herr Doktor!" Der Beschuldigte wurde bleich und stotterte: "Ich versichere Ihnen, ich habe nichts getan. Bloß einige Werte gemessen, das war alles."
"Sendl, er kann Sie nicht erkennen!"
Der Doktor schrie fast. Dabei griff er aufgebracht an die Knopfleiste von Sendls Technikerkittel und zerrte daran. Einige Mitarbeiter im Raum waren bereits aufmerksam geworden und schauten herüber zu den beiden.
In Peter Sendl begann sich berechtigte Abwehr zu regen. Niemand durfte ihn so grob anfassen. Instinktiv riss er sich los. Wieso, fragte er sich dann, regt der sich denn so auf, wenn Karlchen mich erkennt? Ist das denn kein Erfolg?
Verärgert und hoch aufgerichtet stand der Assistent vor seinem Chef und schaute von oben auf ihn herab. Und gerade das konnte Feisling sich unmöglich gefallen lassen. Unwillkürlich stellte er sich auf die Zehenspitzen, um ein bisschen größer zu wirken. Und als er sich seiner Reaktion bewusst wurde, brachte ihn das beinahe um den Verstand. Er fuchtelte mit dem ausgestreckten Zeigefinger vor dem Gesicht des Technikers herum.
"Sie werden die Konsequenzen zu tragen haben!", versprach er hitzig, um anschließend aus dem Zentrallabor in sein eigenes Büro zu hasten. Ein Knall, und die folgende, lautstarke Schimpfkanonade des Erregten wurde abrupt von der zugeworfenen Tür gedämpft.

Karlchens Busleitungen erlebten einen Daten-Engpass. Die Flut der auf sie einstürmenden Informationen verhinderte, dass die Bewegungsabläufe den darauf folgenden Handlungen zugeordnet werden konnten, ganz zu schweigen von dem Schwall bisher noch nicht gehörter Lautfolgen, die es erst zu katalogisieren galt. Karlchen war in dieser Hinsicht doch noch sehr ungeübt. Aber er begann vorsorglich, seine Verhaltensroutinen zu erweitern.
Die Leute im Zentrallabor sahen sich bloß an. Solch emotionale Ausbrüche, wie eben bei Doktor Feisling, waren doch eher selten hier im Labor. Es bildeten sich kleine Grüppchen, in denen erregt geflüstert wurde. Manche Techniker grinsten auch bloß dümmlich vor sich hin. Aber Spannung herrschte allemal; sie setzte sich bei den Leuten gerne in der Bauchgegend fest.
Nur einer der Ingenieure steuerte kurz entschlossen auf den Kollegen Sendl zu. Peter Sendl kannte ihn schon eine Weile. Es war André Kube.
"Was war das denn für ein Schauspiel?", erkundigte er sich neugierig flüsternd.
Der Assistent winkte ab. "Der hat doch nicht alle Tassen im Schrank!"
Nun, die Aussage war allzu deutlich. Aber André Kube zog bloß die rechte Augenbraue hoch. Sicher gab es durchaus Kollegen, die Peter Sendl zugestimmt hätten, aber genauso sicher würden sie dies niemals zugeben. Kube hob die Schultern.
"Gestern", berichtete er leise, "soll es ja auch Krach mit Greiner gegeben haben."
"Alberich", bewusst gebrauchte Sendl den Spitznamen des verhassten Feisling, "hat doch bloß Schiss, weil es nicht vorwärts geht mit seinem großartigen Projekt. Kennst du den neusten Witz über ihn?"
Kube verneinte und schaute Sendl erwartungsvoll an. Der schöpfte Atem.
"Warum", begann er, "sind die Androiden alle kleiner als Feisling?"
"Keine Ahnung."
"Na, damit sie ihm nicht auf den Kopf spucken können."
Kube verdrehte erst die Augen, fing dann aber doch an zu lachen, bis Peter Sendl einstimmen musste. Dabei ahnten die beiden nicht, wie nahe sie damit dem wahren Problem des Doktors gekommen waren.
Der Ingenieur wischte sich die Lachtränen aus den Augen.
"Und", fragte er dann, "was war der wahre Grund für die Aufregung?"
Sendl zog Kube etwas beiseite.
"Du wirst es nicht glauben, aber Karlchens Automatik entwickelt ein Eigenleben, und das, kurz bevor die Androiden wichtigem Besuch vorgestellt werden sollen."
"Ach, echt ...?"
"... lässt Sprüche vom Stapel, die niemand programmiert hat."
"Doch nicht über Feisling, oder ...?
"Quatsch! Aber wir bekommen vielleicht ernstliche Schwierigkeiten."
"Hör mal Peter", der Ingenieur deutete auf das Werkzeug, "wir machen mal ganz schnell zusammen einen Grundcheck. Vielleicht finden wir den defekten Schaltkreis."
Die Tür des Chefzimmers wurde aufgerissen. Im Rahmen erschien ein ungekämmter, erregt wirkender Feisling, der an seiner Krawatte nestelte, bis er sich schließlich an die Mitarbeiter wandte:
"Kolleginnen und Kollegen", begann er, "Wir erwarten in Kürze den Besuch der Geschäftsleitung aus Erfurt. Ich denke Sie wissen, was Sie dem Ansehen unserer Abteilung schuldig sind."
Er fasste Peter Sendling ins Auge, ehe er fortfuhr:
"Über die bedauernswerten Handlungen eines eigenmächtigen Kollegen werden wir später noch ... äh ... sprechen."
Sein Blick wanderte ab.
"Doktor Greiner", verlangte er steif, "halten Sie sich bitte bereit. Und Sie", fügte er mit Blick auf Peter Sendl hinzu, "entfernen sich von den Automaten."
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.
"Typisch!", knurrte der Assistent grimmig. "Alle anderen sind schuld, nur er nicht!"
Die erneut einsetzenden Diskussionen wurden durch das Summen der Tür unterbrochen. Die Chefsekretärin öffnete, und die Gäste aus Erfurt traten ein.
Flink fasste der Ingenieur den Assistenten am Arm und zog ihn sanft ins Nebenlabor, während die beiden Besucher mit Greiner in Feislings Büro verschwanden. Sendl schüttelte die Hand des Ingenieurs ab.
"Er will mir die Sache in die Schuhe schieben!", ereiferte er sich. "Dabei hat er die Sache verbockt. Mich hat er nur auf den Fehler angesetzt, damit er einen Sündenbock hat."
"Reg dich nicht auf, Peter", wiegelte André Kube ab. "Wir werden sicher die Ursache der Fehlfunktion finden. Lass erst mal die Herrschaften verschwinden, dann nehmen wir uns Karlchen noch mal gründlich vor."
Peter Sendl nickte, aber nur um gleich wieder in Rage zu geraten:
"Was glaubt denn der abgebrochene Riese wer er ist, bloß weil er hier zufällig das Sagen hat?"
Gedämpft erklang aus dem angrenzenden Raum das meckernde Lachen Feislings.

Kurz darauf betrat die Delegation das Hauptlabor wo die Roboter standen, und jemand rief nach André Kube. Der Ingenieur beeilte sich, dem Ruf Folge zu leisten.
Die Delegation aus Erfurt hatte sich bereits bei den Automaten eingefunden. Das große Wort führte natürlich - wie immer - der Leiter des Labors, Herr Doktor Feisling. Der, dachte Kube, lässt sich ja nie eine Gelegenheit entgehen. Wie er wieder angab; als wäre er Graf Motz persönlich. Der feine Herr Doktor hielt es nicht einmal für nötig, den hinzutretenden Kube überhaupt nur zu beachten. Erst nach einiger Zeit unterbrach er sein Geschwafel um den Jüngeren doch noch notgedrungen vorzustellen.
"Mein Labor-Ingenieur, André Kube, der Mann fürs Handwerkliche." Er lachte laut und meckernd. "Und das hier ist unser Geschäftsführer Herr Waltorff und sein Gast Herr Blochwitz."

Karlchens Entscheidungsschaltkreise konnten eine mehrfach wiederholte Bewegung nicht exakt bestimmen. Doch andere Bewegungsabläufe ließen sich genau dem Inhalt einer Situation zuordnen. Die Werte ähnelten Gespeichertem und Verifiziertem. Karlchens Programmierung bewegte ausnehmend hohe Datenmengen.

"So, Kube", meckerte Feisling beflissen, "nun erklären Sie doch mal unseren Gästen die Fähigkeiten unserer Spielzeuge."
Der Ingenieur warf dem Doktor einen nachdenklichen Blick zu. Einmal Arsch, dachte er bei sich, immer Arsch. Er wandte sich an die Besucher.
"Der vor Ihnen stehende Roboter ist der Prototyp einer Reihe von Automaten, die im Dienstleistungsbereich eingesetzt werden sollen. Die Bezeichnung K für Kommunikator weist jedoch zusammen mit dem Suffix zwo-vier , auf eine Besonderheit ..."
"Gut, gut, gut!", unterbrach ihn Feisling. "Keine langatmigen Details bitte."
Verärgert fuhr Kube fort:
"Diese Roboter sollen einmal eingesetzt werden, um Leute herumzuführen und ihnen umfassende Informationen zur Verfügung zu stellen. Die Hauptbetonung liegt auf dem Begriff beraten . Stellen Sie sich bitte vor, Sie betreten ein Museum, und ein individueller Führer beantwortet ihnen alle Fragen korrekt, fehlerfrei und schnell ohne zu zögern. Eine solche Maschine ist unser K zwo-vier . Kein menschlicher Führer wird jemals alle Ihre Wünsche erfüllen können, alle Fragen beantworten, alle Ungereimtheiten ausräumen. Dazu haben ..."
"Ja meinen Sie nicht", unterbrach Waltorffs Gast die Rede schroff, "ein simpler Museumsführer wäre billiger und effizienter?"
"Durchaus möglich", schaltete sich Feisling wieder ein. "Aber sehen Sie Herr Blochwitz, noch wissen wir überhaupt nicht, welche Einsatzmöglichkeiten diese Modelle in sich bergen. Denkbar, wir entlasten Museumsführer um bei diesem Beispiel zu bleiben, denkbar aber auch, wir bieten dort Dienstleistungen an, wo wir heutzutage keine Menschen mehr einsetzen wollen oder einsetzen können. Da könnte ich mir einige Verwendungsmöglichkeiten vorstellen. Und darüber hinaus ...!"
Der eifrige Herr Doktor hatte sich in Hitze geredet. Er berührte sogar den wahren Grund seiner Forschung: Ein, oder zwei Androiden, hochintelligente Wesen, seine ganz privaten Diener, und er, ihr Herr, dem sie ohne Widerspruch folgten. Natürlich würde er das keinen dieser Narren um ihn herum auf die Nase binden, obgleich er deren finanzielle und materielle Möglichkeiten benötigte, um seinen Traum real werden zu lassen.
Aber offensichtlich ahnte auch niemand, warum er das Steuerzentrum von K zwo-vier tatsächlich manipuliert hatte. Niemand wusste, wie man die Entscheidungskreise kurzschließen konnte, um die immens weit reichenden Möglichkeiten einer echten Künstlichen Intelligenz ausschöpfen zu können. Das war nur ihm möglich. Auf seine Person war die KI des Automaten fixiert. Nur er war der wirkliche Herr und Meister des künftigen Superroboters.
"Es ist doch so", fuhr er eilig fort", dass wir unsere Befehle nur mittelbar und über relativ komplizierte Wege an Computer weitergeben können. Die erstrebenswerte Möglichkeit, über bilaterale Sprachsteuerung, ist uns bisher verschlossen geblieben."
Blochwitz, der Begleiter von Herrn Waltorff, blinzelte dümmlich ins Licht.
"Bisher ...?", erkundigte er sich lauernd. "Wollen Sie behaupten, sie hätten den Durchbruch tatsächlich geschafft?"
"Nun, ja." Feisling wand sich verlegen. "Die Intelligenz dafür ist inzwischen vorhanden."
"Ist das nicht fantastisch, lieber Blochwitz?", raunte Waltorff seinem Freund begeistert zu.
Der hob die Schultern und kniff die Augen zusammen.
"Bedeutet das", erkundigte er sich gedehnt, "ich kann schon jetzt mit ihrem Androiden eine Kommunikation etablieren? Ich kann mit ihm sprechen?"
Feisling hüstelte. Aber Kubes Antwort kam ihm zuvor: "Man kann!", behauptete er dreist. "Aber bisher akzeptiert er nur einen einzigen Menschen als Herrn und Meister."
Der klein geratene Doktor warf ihm einen bitterbösen Blick zu, den er geflissentlich übersah, den er nicht sehen wollte, oder den er einfach nur ignorierte, denn in aller Unschuld fuhr er fort: "Sein absoluter Herr und Meister ist unser Herr Doktor Feisling ...!"

Karlchens Entscheidungsschaltkreise entschieden nun, dass die erhaltenen Informationen ausreichten, um seinem komplexen System ein Ergebnis zu entlocken. Elektrophysikalische Vorgänge in Leiterbahnen und Steuereinheiten liefen an und überbrückten die letzten der vorhandenen Lücken. Die Audio und Sound Sektion erwachte zum Leben.
"Guten Tag Herr Blochwitz", äußerte Karlchen, ganz von sich selbst aus. "Wünschen Sie eine Beratung?"

Stille im Raum. Atemlose Stille. André Kube schaute Herrn Feisling an, Herr Feisling schaute Blochwitz an und Blochwitz, der Gast, starrte sprachlos auf Karlchen , der seinen Kopf mit den augenähnlichen Sensoren bewegte, als wolle er sie alle der Reihe nach mustern. Feisling schluckte vernehmbar. Aber Waltorff verzog sein Gesicht gänzlich unerwartet in eine anerkennend wirkende Miene. Dann schüttelte er den Kopf:
"Nein", äußerte er begeistert, "das kann ich nicht glauben! Phantastisch! Herzlichen Glückwunsch lieber Doktor!"

Karlchens Automatik schaltete. Die Auslegung der eingehenden Information schien eindeutig: Das Verhaltensmuster Beratung war derzeit nicht erwünscht. Die ihn umgebenden Einheiten in der Kategorie Person waren jedoch eigens wegen ihm gekommen, und sie wollten sehen was zu leisten er imstande war. Das konnte er ihnen zeigen. Nicht umsonst hatte er seinen Herrn und Meister genau beobachtet und seine Verhaltensweisen akribisch genau dupliziert und gespeichert. Karlchen griff also auf einen Programmablauf zu, den er selbst erarbeitet und als passend für diesen Zweck eingestuft hatte ...

Abends schaltete Peter Sendl den Fernsehapparat ein. Er hoffte, dass die Abendnachrichten etwas über die Vorfälle am Vormittag bringen würden. Und in der Tat, sogar Sender wie SAT I, VOX und RTL II kündigten Berichte über den Skandal an. Peter Sendl angelte sich mit dem Fuß einen Stuhl, setzte sich vor den Bildschirm und lauschte dem Sprecher mit Genuss:
"Ilmenau! In der Firma Ilmsoft, in der die Ingenieure einen bemerkenswerten Fortschritt bei der Lösung der bisherigen Problematiken in Bezug auf künstliche Intelligenz erzielt hatten, kam es zu einem unerwarteten Zwischenfall. Eines der menschenähnlich gestalteten Forschungsobjekte, welche die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine revolutionieren sollte, packte einen hochrangigen Besucher am Jackett, schüttelte ihn kräftig durch und beschimpfte ihn in übler Weise. Ursache der Störung - so ein Sprecher von Ilmsoft - war vermutlich der Einfluss starker elektromagnetischer Felder, denen die Automaten am Vorabend ausgesetzt gewesen waren.
Bisher wurde jedoch kein Kommentar seitens des Mutterkonzerns abgegeben. Unbestätigt blieb auch die Nachricht über die fristlose Entlassung des verantwortlichen Entwicklers und Chefkonstrukteurs, Herrn Doktor Feisling.
Man munkelt jedoch, er habe am Abend zuvor die Schaltkreise des Androiden in unerlaubter Weise mit den Reaktionsmustern einer völlig ungeeigneten Person gefüttert, denn die Handlungen der Maschine nach ihrer Aktivierung erinnere stark an die Verhaltensmuster eines Geistesgestörten."
Das war der Augenblick, in dem Peter Sendl vor Lachen vom Stuhl fiel.


Hier endet die Vorschau!
Legen Sie sich deshalb das Buch gleich in den Warenkorb oder bestellen Sie es bei Amazon als Ebook für Ihren Kindl