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Aus dem Buch: Dieter K├Ânig Hrsg. - Die Null Matrix - (Auswahlband)
 
Gefangen im Klontempel!
Dieter König

Mitten im Menschengewühl des mächtigen Wohn- und Geschäfts-Towers, direkt neben jenen Sperrschildern, die den Zutritt zur verseuchten Zone markierten, stand ich ihm gegenüber. Jemand, der von den Schwarzuniformierten nichts weiß und bisher nichts darüber gehört hat, wie unnachgiebig Klone oder Cyborgs gejagt werden, der kann sich nicht vorstellen, welches Blitzgewitter an Empfindungen mir in diesem Augenblick durch Kopf und Glieder raste. Mein Körper fühlte sich an, als hätte ich einen elektrischen Schlag aus einer antiquierten Stromleitung erhalten. Mein Schädel brummte denn auch wie der Transformator einer Umspanneinrichtung.
Was mich aus der Fassung gebracht hatte, war ein Mann; ein Durchschnittsmensch. Ein ganz gewöhnlicher Typ, der sich vor den Hologrammkubus einer Schaufenstermaschinerie gestellt hatte und die Auftritte der Mädchen verfolgte, die über den virtuellen Laufsteg schlenderten und ihm "perfekt programmiert" aufreizende Blicke zuwarfen. Gerade hatte ich noch gewusst, was ich hätte tun sollen, aber jetzt, nachdem ich den Mann da vor mir entdeckt hatte, wusste ich gar nichts mehr; ich war wie betäubt, wie elektrisiert, wie ausgewechselt.
Der Kerl selbst hätte mich ja nicht gestört. Ja, ich hätte ihn nicht einmal bemerkt, wenn nicht die Schaufenstersimulation zwischen den einzelnen Szenenblöcken, in einer Laune des Schicksals, sein Abbild zurückgeworfen hätte. In der virtuellen Glasscheibe des Hologramms sah ich nämlich beide Spiegelbilder gleichzeitig; seines und meines. Und dieser Anblick raubte mir den Atem, denn der Bursche sah ganz genauso aus wie ich.
Herrgott im Himmel, ich war auf einen Klon gestoßen; auf einen illegal und künstlich erzeugten Menschen! Und damit nicht genug: Die Ermöglichung einer Ergreifung durch mich, konnte mir bestimmt zwanzigtausend Einheiten auf meiner Code-Karte einbringen.
Das Irre daran war bloß, dass ich mich damit selber in Gefahr brachte, denn wenn dieser Kerl im Eifer des Gefechts mit dem Finger auf mich zeigte, dann würden die Schwarzuniformierten auch an mir einen Klon-Check vornehmen; und wer weiß, vielleicht waren ihre Tools und Nano-Maschinen nicht annährend so zuverlässig wie sie uns Glauben machen wollten. Man musste sich nur mal vor Augen halten, wie viele tausend Quadratkilometer Stadtgebiet auf der ganzen Welt inzwischen verseucht waren, von Kraftwerken und Konvertern, die als absolut sicher gegolten hatten und trotz aller Public Relations Maßnahmen ihrem Sicherheits-Zertifikat nicht gerecht worden waren.
Aber vielleicht war das Problem kleiner, als ich dachte. Eigentlich brauchte ich bloß die Hunde auf den Klon zu hetzten, während ich selbst für ein paar Monate spurlos verschwand, bis sich die Wellen gelegt hatten. Wenn der Klon glücklich aus dem Verkehr gezogen war, konnte ich mich ja wieder aus dem Versteck wagen.
Vor Aufregung zitternd, zog ich mich durchs Getümmel zurück, bis zur nächsten Baustelle. So konnte ich mein Double genau im Auge behalten, während ich die Klonjagd einleitete. Nervös nestelte ich den Halsketten-Kommunikator aus dem Hemdausschnitt. Zwei- oder dreimal rutschte mir das winzige Gerät aus den Fingern und baumelte vor meiner Brust herum, ehe ich es in die Nähe meiner Lippen brachte.
"Den Zentralnotruf oder so was ...!", verlangte ich.
Der Implant in meinen Gehörgängen schaltete auf dreidimensionales Rauschen.
"Ich verstehe Ihre Frage nicht", sagte die weiblich klingende Stimme eines Automaten, "würden Sie Ihr Anliegen bitte wiederholen?"
Der Klon vor dem Schaufenster raffte sich auf und tat ein paar Schritte den Korridor hinab. Aber er blieb wieder stehen und betrachtete die Schaufenstersimulation aus einem anderen Blickwinkel. Die abrupte Erleichterung ließ mich aufatmen. Sicher wollte der Bursche bloß den Damen in den Ausschnitt gucken. Gott sei Dank; noch einmal Glück gehabt.
"Ich hätte gerne die Notrufzentrale!", korrigierte ich meine verbale Eingabe.
"Einen Augenblick, mein Herr!"
Es knackte und das dreidimensionale Rauschen im Ohr änderte ein wenig die Klangfarbe.
"Guten Tag, mein Herr. Sie haben sich mit der Notrufzentrale verbinden lassen."
"Ja, genau! Ich habe ...?"
"Handelt es sich um einen Verkehrsunfall ...", unterbrach mich die freundliche Stimme, "so verwenden Sie das Schlüsselwort "Unfall"?. Handelt es sich ..."
Wieder machte der Klon ein paar Schritte. Ich drängte mich hastig durch die Passanten zur anderen Seite des Korridors, damit ich ihn im Auge behalten konnte, während der Automat weiter laberte: "... um einen Terroranschlag, so verwenden Sie ..."
Eine Frau trat auf den Klon zu und reichte ihm die Hand."... das Schlüsselwort Terror! Handelt es sich ..."
Der Klon schüttelte die Hand der Frau immer wieder. Aus diesen Gesten eine besondere Vertrautheit herleiten zu wollen, war also kaum angebracht.
"... um einen industriellen Unfall mit Kontamination der Umgebung durch Gifte, Säuren oder radioaktiven Fallout, so ..."
"Klon!", keuchte ich ins Mikrofon. "Das Schlüsselwort lautet Klon!"
Die beiden vor dem Schaufenster wandten sich um, ohne jedoch die Augen voneinander zu lassen. Sie taten ein paar Schritte ins Achsenkreuz hinaus, wandten mir den Rücken zu und schlenderten den Korridor 12B hinunter in Richtung 12C, wo die Kabinentaxis unter der Gangdecke warteten. Dort lag auch der Zugang zum Holomax-Kino, aber wer geht schon nachmittags Dreizehn-Uhr-Neunzig ins Kino? Ja wenn es Abend gewesen wäre ...
Es knackste in meinem Kopf.
"Das Schlüsselwort lautet Klon!", flötete der Automat. "Sie werden mit der Universität Neu Atlanta, Abteilung Klonforschung, verbunden. Wenn Sie ..."
"Das ist ein Notfall!", fauchte ich. "Verstehen Sie? Ein Notfall ...!"
"Guten Tag Mein Herr", meldete sich eine dritte, weibliche Automatenstimme. "Sie haben sich mit der Notrufzentrale verbinden lassen."
"Die Auskunft!", bat ich verzweifelt, während ich durch die Massen den Korridor entlang eilte, um die beiden nicht aus den Augen zu verlieren. "Verbinden Sie mich mit der Auskunft. Ich brauche dringend eine Verbindung zur Klon-Melde-Einrichtung."
Mein Double und seine Besucherin schienen sich angeregt zu unterhalten, während sie durch die drängelnden Fußgänger schlenderten, als wären sie auf einer Strandpromenade.
Erneutes Knacken.
"Sie sind verbunden mit der Klon-Melde-Einrichtung. Wollen Sie sich freiwillig stellen, so verwenden Sie ..."
"Melden!", fauchte ich ungehalten. Die Passanten drehten sich irritiert nach mir um. "Melden will ich einen! Nicht mich selbst, Herrgott noch mal! Ein verdammter Klon läuft hier frei herum, und ich will ihn melden, damit ich meine Prämie bekomme!"
Klon und Begleiterin blieben vor einem Quickrun-Parkautomaten stehen. Der Kerl steckte seine Plastikkarte in den dafür vorgesehenen Schlitz. Dann blieb er abwartend vor der Konsole stehen, während über den Köpfen der beiden die Kabinentaxis singend an den Schienen entlang huschten. Die Frau griff sich an die Brust. Anscheinend kommunizierte sie mit jemandem, denn sie schaute nicht den Klon an, sondern stierte auf einen Fleck vor sich auf dem Boden, während sie sprach. Um nicht aufzufallen, blieb ich mitten im Gedränge stehen. Das dreidimensionale Rauschen in meinem Kopf wurde lauter.
"Ich habe Ihre Frage nicht verstanden", bekannte der Automat. "Hatten Sie die Absicht, einen entflohenen Klon bei den Behörden zu melden?"
"Na, endlich!" Erleichtert schöpfte ich Atem. "Was muss ich tun, wenn ich mir die Prämie für die Meldung eines illegalen Klons sichern möchte?"
"Geben Sie uns bitte Ihren Standort und den Aufenthaltsort des Klons bekannt."
Ich hasse Automaten! Ich hasse alles, mit dem man sich beschäftigen muss ohne dass man sich dafür aus eigenem Wunsch und Willen hatte frei schalten lassen.
"Tuscaloosa Tower!", sagte ich in das Mikrofon. Ebene 912. Achsenkreuz BC. Ende Korridor 12C. Das ist sowohl mein eigener Standort, als auch der Aufenthaltsort des Klons!"
In diesem Augenblick klappte dort vorne ein Quickrun aus der Ausgabemechanik, dessen Kennung mir absolut vertraut war. Ich betrachtete den schnittigen Zweisitzer genauer. Die Sitze waren hintereinander angeordnet. Der Gastsitz vorne war etwas tiefer eingehängt als der Hauptsitz des Command-Drivers. Dann blinzelte ich zweimal, denn unter dem inneren Rückspiegel baumelte ein Paar niedlicher Babyschuhe. Und plötzlich konnte ich kaum noch Atem schöpfen, so sehr schnürte mir die Erkenntnis die Kehle zu. Es gab nur ein einziges Paar schwarz-weiß karierter Babyschuhe auf der Welt, das eine Widmung an der rechten Ferse hatte. Und dieses Paar hatte Caroline getragen, als ihr kleiner Körper unter den Trümmern der FreeMind-KennedySchule gelegen hatte. Sie und ihre Mutter waren beim "hässlichsten alle Terroranschläge" ums Leben gekommen. Ich hatte die winzigen Schuhe als Andenken aufgehoben. Und nun hingen sie da vorne in meinem eigenen Quickrun ...!
"Rückfrage!", meldete sich die weibliche Stimme in der virtuellen Telefonzelle meines Gehirns. "Hatten Sie den Aufenthaltsort dieses Klons nicht bereits vor wenigen Minuten durchgegeben?"
Ich bin wirklich nicht auf den Kopf gefallen. Binnen einer Millisekunde hatte ich die wahre Situation kapiert: Der Klon da vorne war mir zuvor gekommen, und nun war ich es, der statt des Klons über die Bildschirme der Security geisterte.
Hastig deaktivierte ich den Kommunikator und ließ ihn im Hemd verschwinden. Nein, bislang war noch kein Remote-Cop im Korridor aufgetaucht. So schätzte ich meine Chancen ab. Ich musste durch eines der angrenzenden Kaufhäuser entkommen. Nein! Besser keines der Kaufhäuser! Nur ein paar Dutzend Schritte entfernt lockten die Sperrschilder zur verseuchten Zone. Da würde ich ihnen entkommen.
Ich hatte den Eindruck, als hätte jemand die Zeit verlangsamt. Wie in einer Slow-Motion-Aufnahme wichen mir die fremden Menschen aus. Wie in Zeitlupe deutete der Klon vom Achsenkreuz her in meine Richtung, und wie mit einem Audio-Tool gedehnt, erklang die Einsatzsirene der Remote-Cops.
Die unmenschlichen und gnadenlosen Häscher waren auf meiner Spur. Ich war es, den sie jagten, nicht den verdammten, illegalen Klon!
Und doch hatte ich eine Chance. Die seelenlosen Maschinen wurden alle von entfernt agierenden Beamten gesteuert, die vor einem Wald aus bunten Bildschirmen virtuelle Tänze aufführten, welche in der Folge die Glieder all der tödlichen Maschinen in meinem Nacken lenkten. Ich aber war ein Mensch aus Fleisch und Blut. Meine Reaktionszeiten waren unvergleichlich kürzer als die der latenzbehafteten Maschinen.
Ich durchbrach die Sperren und hetzte den leeren Korridor entlang, bis der zerstörte Bereich ein weiteres Vordringen unmöglich machte. Mein Armreif meldete zwar noch keine Radioaktivität; aber man konnte nie wissen.
Hinter mir das Jaulen eines behördlichen Quickruns. Rasch! Ich wandte mich der zerstörten Gangwand zu. Hier gab es einen Weg hinab zum unteren Stockwerk. Die Trümmer lagen immer noch da, so als wäre das Unglück erst gestern passiert; kein Geld für Reparaturen. Mein Armreif meldete die ersten Becquerel an Kontamination, während ich mich hinab hangelte.
Ein schwarz uniformierter Remote-Cop zwängte sich hinter mir durch die aufgesprengte Gangwand und versuchte mir über die Trümmer hinweg zu folgen. Aber hier offenbarte sich das Handicap der ferngesteuerten Maschinen. Sie waren vollkommen ungelenk. Sie waren beim Klettern über Trümmer einem sportlich veranlagten Menschen gnadenlos unterlegen. Die Maschine stolperte hinter mir durch Schrott und Müll, während ich flink wie ein Wiesel über die scharfkantigen Trümmer hetzte. Meine Genugtuung war unbeschreiblich.
Rein in die ungesperrte Zone und hinauf mit dem Lift. Nun war ich wieder auf dem ursprünglichen Stockwerk und blickte den schwarz Uniformierten in den Rücken. Aber der verdammte Klon stand immer noch da. Er und die Unbekannte schauten den Maschinenmenschen zu, die mich jagen sollten, bis ein Beamter aus Fleisch und Blut zu ihnen trat und einige Worte mit ihnen wechselte.
Jetzt hätte ich ein Agent sein müssen; ein Typ wie Bob Taylor aus "Spione vom Mars" oder wie James Bond aus einem der zweidimensionalen Kinofilme. Ich hätte den Beamten überwältigt und ihm die Schallpistole von der Hüfte gerissen.
Das hätte den Klon in meine Gewalt gebracht. Aber etwas hielt mich davor zurück, und ich wusste zu diesem Zeitpunkt wirklich nicht, was es war.
Aber ich musste verschwinden und zwar schleunigst.
In der gegebenen Situation schien es mir nun doch angebracht, mich durchs Gewühl des nächstliegenden Kaufhauses zu verdrücken.
Rechts von mir lag das Portal des "De La Ware". Das Foyer war großzügig ausgelegt. Es glich dem Entree in einem der berühmten Orbital Hotels, in denen sich die zahlenden Gäste aussuchen durften, wie schwer sie während ihres Aufenthalts sein wollten. Ein Heer von Teenagern und jungen Frauen drängte sich im warmen Licht speziell getönter Leuchtplatten vor den blitzenden Glasvitrinen und begutachteten Masken und Glimmer-Sticks oder auch kreative Augen in jeglicher Modefarbe. Hier konnte ich mich wohl kaum verbergen.
Vor Aufregung zitternd drängte ich mich durch den Notausgang, stürmte aber dann die Metalltreppen empor zu den höheren Verkaufsebenen. Babysachen, Spielconsolen, Herrenkonfektion. Einen Moment lang war ich versucht, mir ein neues Outfit zuzulegen, aber das würde mein Gesicht nicht verändern. Wie aber um alles in der Welt konnte ich mir diese verfluchte Jagdgesellschaft vom Leibe halten?
Ich hatte keine Wahl. Ich musste den Irrtum korrigieren, mich aus der Schusslinie bringen und die Schwarzen auf den tatsächlichen Klon hetzten. Längst ging es nicht mehr um die Prämie; die konnte ich in den Wind schreiben. Es ging ums pure Überleben. So stürmte ich die Treppen auf der anderen Seite des Verkaufsbereichs nach unten.
Mit Genugtuung stellte ich fest, dass der Klon noch da war. Diesmal sollte sich das Blatt wenden. Und zwar zu meinen Gunsten. Entschlossen drängte ich mich zur Notrufsäule und hob den Alarmgriff. Dreidimensionales Rauschen erklang.
"Sie wollen einen Notruf aufgeben!", bemerkte eine weibliche Automatenstimme. "Welche Art von Notfall wollen Sie melden? Wenn Sie ...!"
"Einen Klon!" unterbrach ich sie. "Zwanzig Yard von mir entfernt steht ein entflohener Klon und spricht mit einem Beamten, der aber nicht weiß, dass er mit einem Klon spricht."
"Ich habe Ihre Frage nicht verstanden ...!"
"Klon!", wiederholte ich ungeduldig. "Ich möchte einen entflohenen Klon melden."
"Nennen Sie mir bitte Ihren Standort, und den Aufenthaltsort des Klons."
"Mein Standort ...!" Ich schöpfte tief Atem, um nicht unversehens die Geduld zu verlieren. "Mein Standort ist der Standort der Notrufsäule. Der Aufenthaltsort des Klons ist Achsenkreuz ...!"
Ich verspürte ein Kribbeln im Nacken, wandte mich langsam um und blickte in die Augen eines hoch aufgeschossenen Mannes. Er trug einen grauen Straßenanzug und hatte seinen schwarzen Lackschuh auf einen der obligatorischen Papierkörbe gestellt. Sein Ellbogen war auf dem Oberschenkel gestützt, und seine Hände spielten lässig mit einer entsicherten Schallpistole. Stumm und ungerührt musterte er mich.
Aus! Aus und vorbei! Ergeben hängte ich den Griff der Notsprechanlage wieder ein und wandte mich ihm zu.
"Sie warten auf mich ...?" Eine reichlich dumme Frage. Der Graubekleidete nickte kaum wahrnehmbar.
"Es wäre besser", äußerte er wie beiläufig, "wenn Sie ohne Aufhebens mit mir kommen würden."
Aus! Endgültig aus! Sie hatten mich. Sie würden mich mit ihren Tools und Nano-Maschinen durchchecken und wenn sie sich irrten, würden sie mich sogar einkerkern oder umbringen, oder beides, während der Klon sich ins Fäustchen lachte. Was aber konnte ich jetzt noch tun?
"In Ordnung!", stimmte ich zu; mein Mund war trocken. "Aber Sie machen einen großen Fehler."
O Mann, was für ein ausgemachter Blödsinn ...! Schon während ich die Worte aussprach, erschienen sie mir banal und idiotisch. Ich kam mir vor wie in einem der miesen Krimis, in denen die Protagonisten genau diesen Satz von sich gaben, ehe sie die Handschellen angelegt bekamen. Doch ich hatte sie sagen müssen, diese Worte; denn sie entsprachen der Wahrheit!
"Ich bin der Falsche", versuchte ich es erneut. "Das heißt, ich bin der Richtige. Der Klon, der Falsche, der steht dort drüben."
Ich erhielt keine Antwort. Im Gegenteil, der Graugekleidete wippte ungeduldig mit der Schallpistole.
Irritiert drehte ich mich um und starrte zum Achsenkreuz. Mein Quickrun war weg und der Klon und seine Begleiterin und der Beamte in Uniform, die waren ebenfalls weg. Ich schluckte trocken und wandte mich vorwurfsvoll an meinen Häscher. "Jetzt haben Sie ihn laufen lassen ...!"
"Na, steigen Sie schon ein!"
Unvermittelt hörte er auf, mit der Waffe zu spielen. Seine Körperhaltung wirkte mit einem Mal nicht mehr so lässig wie noch kurz zuvor.
Jetzt oder nie!
Mit einem mächtigen Satz war ich mitten im Getümmel. Geduckt hetzte ich durch die Leiber der Auseinanderstiebenden, um ein möglichst kleines Ziel für seine Schallwaffe abzugeben. Hinter mir heulte eine Sirene. Roter Lichtschein huschte über Decke und Wände.
Um mich zu orientieren, musste ich mich kurz aufrichten. Da! Ich hatte nicht mehr weit bis zu den Sperrschildern des verseuchten Bezirks. Doch ein elementares Erdbeben erschütterte meinen Körper. Ich spürte es nur für den Bruchteil einer Sekunde.

"Der schläft wie ein Murmeltier", hörte ich eine weibliche Stimme sagen. "Ich probiers mit einer höheren Dosis!"
Es zwickte im Oberarm, als jemand einen Druck-Injektor abfeuerte.
"Schon gut", brachte ich über die geschwollenen Lippen. "Ich bin wach!"
"Okay, weiter!", hörte ich eine Männerstimme hinter mir.
Ehe ich mich umsehen und orientieren konnte, fühlte ich, wie meine Rückenlehne hochgeklappt wurde, so dass ich in eine sitzende Stellung kam. Alles um mich her schien weiß. Die Wände die Leute, die spartanische Einrichtung des Zimmers und der Helm, den ein junger Mann gerade von der Decke zu mir herabzog.
"Halt!" Ich hob abwehrend die Hand. "Sie verschwenden Ihre Zeit mit mir, während draußen ein illegal gezüchteter Klon frei herumläuft!"
"Okay, weiter!", erklang es abermals unbarmherzig.
Meine Arme wurden von einem kräftigen Burschen festgehalten und ich konnte nicht verhindern, dass der weiße Helm sich über meinen Kopf senkte.
Ein grelles Licht explodierte in meinem Hirn. Es löschte alle Empfindungen aus und füllte mich doch wieder mit neuem Leben. Es war, als tauche ich aus einer engen, schmutzigen Kloake empor ins helle Morgenlicht einer neuen, gerade eben erst entdeckten Welt, auf der noch blaue Berge in der Sonne glitzerten und weißgekrönte Wellen grüner Meere gegen die Strände schlugen. Ich hatte meine Erinnerungen wieder und wartete im zentralen Klon-Camp, hoch oben in Alaska, auf meinen nächsten Einsatz für die Regierung. Falls es einen neuen Einsatz geben würde. Ich erschrak, denn mir wurde klar, dass erst herausgefunden werden musste, ob der Fehler während der vergangenen Mission bloß in der Chip-Programmierung zu suchen war, oder ob ich selbst, als hoch ausgebildeter Master-Klon, für den Fehler verantwortlich gemacht werden würde, denn ich hatte versagt.
Ich hätte - um den Weltfrieden aufrecht zu erhalten - mein Original beseitigen und es durch mich selbst ersetzen sollen. Klone wurden für solcherlei Aktionen gezüchtet. Hatte ich wirklich meinen Auftrag vermasselt? Hatte ich wirklich meine Kameraden enttäuscht? Hatte ich wirklich meine Regierung verraten ...?

Das, was ich "mein zu Hause" nannte, war ein multiples Zimmer von acht Quadratmetern Grundfläche. Schon als ich eintrat, hatte ich ein seltsames Gefühl in der Magengegend. Wie unter Hypnose ließ ich das Unterhaltungsmodul mit seinen vier Plasmabildschirmen aus den Wänden klappen. Den Relax-Sessel beachtete ich gar nicht erst. Wie unter Zwang legte ich den Stirnreif mit den Kontrollmechanismen an. Aus irgendeinem Grund wollte ich die News erfahren und der Reif konvertierte meine Gedanken in Schaltimpulse. Aber statt mit den Nachrichten, sah ich mich mit meinem eigenen Abbild konfrontiert.
"Wenn du das hier siehst", sagte mein Spiegelbild zu mir, "dann steckst du bis über beide Ohren in der Klemme. Du hast diese Aufzeichnung hier vor deiner Abreise gemacht, um dich danach selbst zu warnen.
Du weißt, dass die Abteilung für Innere Sicherheit deine aufgezeichneten Erinnerungen auswerten wird, um herauszufinden, warum du deinen DNS-Spender nicht umgebracht hast. Man wird also herausfinden, dass du lange vor deinem letzten Einsatz die geheimen Nachrichtenkanäle der Regierung angezapft hast. Eine Reihe brisanter Aufträge an die jeweiligen Geheimdienste wird ans Licht kommen, und die Bürger der Vereinigten Nordatlantik Staaten werden erfahren, welche horrenden Summen ausgegeben werden, um all die kleinen Schweinereinen zu kaschieren."
Alle Feuer der Welt schienen gleichzeitig in meinem Körper zu brennen. Ich stand da, unfähig, mich zu rühren oder einen klaren Gedanken zu fassen. Die wiederkehrenden Erinnerungen fluteten über mich herein wie aus einem Sturzbach. Alles, was ich durch Selbsthypnose ausradiert hatte, war plötzlich wieder da. Klar und unanzweifelbar. Ich hatte meine Integrität gewahrt, indem ich mich gegen das Regime auflehnte, doch leider hatte ich mich selbst damit ans Messer geliefert. Eiskalte Schauer rannen mir den Rücken hinunter. Der pure Überlebenswille lag im Widerstreit mit der Erkenntnis, dass ich mit verletzter Integrität nicht würde weiterleben können.
"Du hast dir eine reale Überlebenschance gesichert", fuhr das Abbild fort, "wenn deine Chancen auch nicht allzu gut stehen ...!"
Ich hörte die Worte kaum noch. Ich hatte Tränen der Wut in den Augen. Hastig versuchte ich das Notwendigste zusammenzupacken, während ich weiterhin zuhörte, wie ich mir selbst vom Bildschirm her meinen Fluchtweg beschrieb.
Ein Geräusch an der Tür ließ mich herumfahren. Die Kiefern der Schiebemechanik glitten auseinander und enthüllten den Blick auf mehrere Tiefseeungeheuer; schwer bewaffnete Security-Guards der Regierung, mit Gesichtsschutz aus Flex-Acryl und Brustpanzern aus Spiderweb. Der erste in der Reihe schaute sich um, entspannte sich dann und senkte die schwere Projektilwaffe, ehe er den Acrylgesichtsschutz zur Stirn empor schob. "Alles klar!", stellte er fest. "Keine Waffen!"
Er kam auf mich zu und nahm mir das notdürftig geschnürte Bündel aus der Hand.
"Sie kommen doch freiwillig mit?", erkundigte er sich jovial. "Wissen Sie, es wäre äußerst unverantwortlich von einer Abteilung der Inneren Sicherheit, wenn sie die immensen Investitionen in einen hervorragend ausgebildeten Klon einfach so mir nichts, dir nichts, abschreiben würde."
Völlig taub und abgestumpft ließ ich mich von den Bewaffneten hinaus auf dem Gang führen. Hinter mir sagte mein Spiegelbild völlig ohne Hohn:
"... ich wünsche dir viel Glück auf deiner langen Reise ...!"


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