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Aus dem Buch: Marianne Schaefer - Schneeflocken au├čer Rand und Band - (Auswahlband)
 
Der gute, alte Mond hatte gerade erst begonnen, seine nächtliche Bahn zu ziehen, als er von der Milchstraße her lautes Kreischen und munteres Lachen hörte. Es war so laut, dass er sich die Ohren zuhalten musste. Langsam schob er sich näher ans Winterland heran, um zu sehen, was da los war. Er kam nicht so recht vorwärts, denn die Himmelswege steckten tief im Schnee. Die Milchstraße war eine einzige Rutschbahn, auf der sich unzählige Schneeflocken tummelten.
Er hörte, wie der brummige Winter laut in die Hände klatschte und rief: "Hopp, hopp! Hinab mit euch auf die Erde! Morgen ist Weihnachten und die Kinder dort unten warten schon auf euch, um Schneemänner zu bauen und Schneebälle zu werfen!"
"Geht es auch etwas leiser?", beklagte sich der Mond beim Winter. "Von dem Gekreische kriegt man ja Ohrenschmerzen!"
Der Winter blickte kurz auf, lächelte dem Mond zu und schüttelte den Kopf, sodass sich die Eiszapfen in seinem weißen Bart berührten und wie tausend kleine Glöckchen tönten. "Zieh nur weiter, mein Alter, gleich wird Ruhe sein", antwortete er und öffnete das große Himmelsfenster zur Erde.
Die Schneeflocken kamen angetanzt und purzelten mit einem hellen Jauchzer wild durcheinander hinaus in die dunkle Nacht.
Übermütig tanzten sie den Schneeflockentanz ? wirbelten auf und nieder, kreuz und quer. Im Schein des Mondes blitzten und funkelten sie wie kleine Diamantsplitter.

Nachdem alle Schneeflocken davongewirbelt waren und der Winter das Fenster schließen wollte, entdeckte er hinter sich drei kleine, neugefrorene Schneeflöckchen, die sich zitternd bei den Händen hielten und ihn mit großen ängstlichen Augen anblickten.
"Und was ist mit euch?", fragte der Winter streng. "Warum steht ihr hier noch herum?"
Zäckchen, Funky und Glimmerle rückten noch näher zusammen. "Wir können noch nicht auf die Erde, wir sind unfertig!", antwortete Zäckchen, das mutigste Flöckchen.
"Soll das heißen, ihr seid nicht auf der Milchstraße gewesen, um den Fertigkeitszacken zu erhalten?", rief der Winter aufgebracht.
Die drei senkten verlegen ihre kleinen Köpfchen. "Wir haben es verpasst!", murmelte Funky. "Wir sind ja frostneu!"
"Bei allen Eisheiligen! Als ob das hunderttausend andere Flocken nicht auch gewesen wären! Die haben eben die wiedergefrosteten Schwestern und Brüder gefragt, wie das hier läuft", knurrte der Winter. "Tut mir leid! Nun reist ihr unfertig zur Erde! Auf eure Angst kann ich keine Rücksicht nehmen!" Freundlicher setzte er hinzu: "Beim ersten Fallen zur Erde haben alle neuen Flocken Angst. Doch schon beim zweiten Mal macht es ihnen Spaß." Der Winter öffnete das Fenster noch einmal weit. "Hört, wie sie jauchzen! Also, hinaus mit euch!", rief er und fegte sie einfach durch das Himmelsfenster hindurch.

Draußen erfasste die drei der Ostwind. Mit frostroten, aufgeblähten Backen wirbelte er die Schneeflocken durcheinander. Es machte ihm Freude, sie durch die dunkle Nacht zu pusten und tanzen zu sehen!
Die anderen Flocken hatten auch wirklich Spaß am Hinabtrudeln zur Erde, nur Zäckchen, Funky und Glimmerle nicht. Sie kreischten angstvoll, schlugen Purzelbäume und schließlich konnten sie sich nicht mehr an den Händen halten und verloren einander zwischen den Millionen anderer Brüder und Schwestern aus den Augen.
Glimmerle, das kleinste Schneeflöckchen, fühlte sich ohne Zäckchen und Funky verloren. Das ungewohnte Fallen zur Erde schien kein Ende zu nehmen. Doch plötzlich saß es fest! Es war auf einer kleinen Tanne gelandet. Der Zweig, auf dem Glimmerle saß, schüttelte sich kräftig und warf das Flöckchen ab. Es segelte hinunter auf die vielen anderen Schneeflocken. "Wo sind wir hier?", rief es, aber die Flocken schwiegen.
Glimmerle fand keine Zeit, sich darüber zu wundern, denn vom Hang herunter rollte ein großer weißer Ball genau auf das Flöckchen zu, erfasste es, wickelte es ein und nahm es mit. Innen drin war es eng und die Talfahrt wurde immer schneller, bis Glimmerle nicht mehr wusste, wo oben oder unten war. Ängstlich rief es: "Hilfe! Ich will hier ?raus!" Doch die anderen Schneeflocken schienen nichts zu hören. Glimmerle wurde wütend. "Warum antwortet keiner? Das hätte ich von euch nicht ?"
Da traf der Riesenschneeball mit dumpfem Plopp! auf irgendetwas und platzte auseinander. Sofort kämpfte sich Glimmerle nach oben und sah: Die Reste des Balls klebten am Fuß einer uralten Tanne. Erschöpft lehnte es sich an den Stamm. Die Sterne am Himmel begannen vor seinen Augen zu tanzen, so schwindlig war ihm. "Wo mögen Zäckchen und Funky gelandet sein?", fragte sich Glimmerle und begann leise zu schluchzen.
Das hörte die Tanne und fragte: "Hast du Kummer, kleine Schneeflocke? Gefällt es dir hier unten auf der Erde nicht?"
Glimmerle schluchzte lauter: "Neihein! Neiiin! Hier will ich ? will ich nicht ? bleiben! Ich will zurück ? zu meinem ? meinem Herrn Winter."
"Das wird nicht möglich sein", sagte die Tanne. "Jedenfalls nicht gleich und nicht so! Flocken kehren als Wasser in den Himmel zurück."
Sogleich stellte Glimmerle das Weinen ein. Was sagte die Tanne da? Aus den Brüdern und Schwestern ? aus ihm, Funky und Zäckchen wurde Wasser? Glimmerle musste die beiden finden! "Hast du zufällig meine Freundinnen gesehen?", fragte es hoffnungsvoll.
"Wie sehen die denn aus?", erkundigte sich die Tanne mitfühlend. "Beschreib sie mal!"
"Schau mich an!", sagte Glimmerle. "Wir haben ein weißes Hemdchen an, haben kleine Arme und Beine, auf denen sich winzige glitzernde Zacken befinden und weiße Locken, auf denen ein silberner Zackenkranz sitzt."

"Von der Sorte gibt es unzählige!", knarrte der Baum. "Sieh dich doch um. Da liegen sie stumm im Großen Schweigen. Sicher sind auch deine Freundinnen schon in diesem Ruhezustand! Darin findest du sie nicht wieder!"
"Was heißt das ? Großes Schweigen?", fragte Glimmerle ängstlich.
Die Tanne überlegte, wie sie dem Schneeflöckchen in seinem weißen Hemdchen das erklären sollte. "Ich merke schon", begann sie vorsichtig, "du weißt nicht viel über dein Schneeflockenleben auf Erden, oder? Hat man euch im Winterland nicht aufgeklärt?"
"Ich verstehe nicht, was du meinst?", sagte Glimmerle. "Gibt es denn etwas, das ich wissen sollte? Dann sag? es mir, bitte!"
Eine Weile blieb es still. Schließlich sprach die Tanne: "Es ist zwar schon einige hundert Jahre her, seit ich in der Grünen Schule war, aber ich erinnere mich gut: Schnee, der auf die Erde fällt, geht in das Große Schweigen über und wird zu einer schützenden Decke für Saaten, Häuser, Felder und Wälder. Das ist seine Bestimmung. Wenn im Frühjahr warm die Sonne scheint, beginnt die weiße Decke zu schmelzen. Die Flocken werden zu Wasser, die Sonne zieht das Wasser zum Himmel hinauf und bringt es auf die Milchstraße. Dort macht Meister Frost wieder Flöckchen daraus. Sobald die kalte Jahreszeit beginnt, schickt der Winter die wiedergefrosteten Flocken aus dem Himmelsfenster und das Fallen zur Erde beginnt erneut. Fallen, Ruhen, Schmelzen, Aufwärtssteigen, Fallen ? Jahr für Jahr. Das ist das Leben der Schneeflocken."
Glimmerle fuhr der Schreck in alle Glitzerzäckchen: Es würde Teil einer weißen, stummen Decke werden!
"Halt!", sagte die Tanne, "da fällt mir noch etwas ein. Es gibt da noch die unfertigen Schneeflocken. Das sind meist junge neugefrostete, die noch nie auf der Erde waren! Sie tollen im Himmel umher wie Kinder und versäumen es, auf der Milchstraße den Fertigkeitszacken zu erwerben. Ihre Zacken sind nicht spitz, sondern oben rund. Die Unfertigen können denken, hören, reden, fliegen und gehen, denn ihre runden Zacken haften nicht fest an den Spitzen ihrer Brüder und Schwestern. Du scheinst eins dieser Flöckchen zu sein!"
"Funky und Zäckchen auch!", stöhnte Glimmerle. "Was wird nun aus uns?"
"Oh! Das weiß ich nicht so genau!", gestand die Tanne. "Erst einmal seid ihr besser dran als die anderen, aber irgendwann geht auch ihr in das Große Schweigen über."
"Ich will aber nicht!", rief Glimmerle trotzig. "Ich will meine Freundinnen wiederfinden und etwas erleben." Die runden Zacken der kleinen Schneeflocke wurden warm vor Ärger und begannen sich einzurollen.
Die Tanne bemerkte es und warnte: "Hör gut zu, Dummerchen! Erwärmst du dich jetzt, wird sofort Wasser aus dir und mit dem Erleben ist es vorbei. Es hat zwar einmal eine Zeit gegeben, heißt es in einer Legende, da vertrug sich die Kälte mit der Wärme, das Wasser mit dem Feuer, die Finsternis mit dem Licht."
Glimmerle starrte die Tanne verständnislos an, die bereits mit ihrer Erzählung fortsetzte.
"Und irgendwann soll es wieder so werden. Aber gewiss nicht schon heute oder morgen! Achte also darauf, dass du kalt bleibst."
Die Warnung der Tanne verfehlte ihre Wirkung auf Glimmerle nicht: Seine Zacken nahmen augenblicklich eine bläuliche Färbung an und glätteten sich wieder. Es überlegte, was zu tun sei, um möglichst viel von der Erde zu sehen. Jedenfalls durfte es nicht hier am Stamm kleben bleiben, es musste sich bewegen!
"Danke, liebe Tanne, für deine Belehrung!", rief Glimmerle laut. "Jetzt weiß ich, was ich machen muss: Ich werde meine Freundinnen suchen. Die ahnen ja nicht, was ihnen bevorsteht."
Es glitt auf den Überresten des Schneeballs hinunter. Das ging ganz leicht, denn die Zacken blieben nirgendwo hängen! Bald stand es auf einer weißen, stillen Fläche und setzte seine Beinchen in Bewegung. Aber ach! Das Laufen war mühselig! Doch vielleicht half ihm jemand?


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