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Aus dem Buch: Dieter K├Ânig - Ringfalle - (Auswahlband)
 
ÜBERLEBEN

Es krachte laut, und jemand schrie. Die kleine Claire schrak aus dem Schlaf. Sie lag lange Momente zitternd auf ihrem Prallfeld und wagte nicht, einen Laut von sich zu geben. Schließlich bemerkte sie, wie jemand ins Kinderzimmer kam. Dieser Jemand keuchte beängstigend. Als der Sensor schließlich die Anwesenheit eines Besuchers registrierte und das Licht aufblenden ließ, erkannte sie Vater. Claire entdeckte Blut an seinen Händen. Starr vor Schreck und Angst ließ sich das Kind aus dem Bett heben und ankleiden. Sie zitterte dabei so sehr, dass ihre Zähne klapperten.
"Wo ist Mama?"
"Vorausgegangen, mein kleiner Engel. Du musst jetzt ganz tapfer sein. Tapfer und leise."
Das Mädchen ließ sich den Allzweckdress anziehen. Es fragte sich, warum Vater eine Waffe aus dem Wandfach nahm und ins Innenfutteral der Jacke steckte. Schließlich fühlte Claire sich emporgehoben. Und hinaus ging es in den nächtlichen Lärm der Gänge und Rollways der Wohnmaschine.
Vater nahm den Schwebelift. Er hielt Abstand zu den anderen Schwebegästen. Oben angekommen führte er Claire in einen notdürftig erhellten Gang. Es roch nach Staub und altem Öl.
Licht blendete auf. Roter Schein huschte in rascher Folge an den Wänden entlang. Der beängstigend gellende Ton eines Alarmsignals gesellte sich zu den bunten Lichtspielen. Weit hinter ihnen bog ein Magnetfahrzeug in den Korridor und hielt geradeswegs auf sie zu. Das Fahrzeug gehörte nicht der Polizei. Polizeifahrzeuge hatten eine andere Farbe, keine schmutzigbraunen Flecken.
Ein Blitz löste sich von dem heranjagenden Gefährt und schlug dicht neben den Fliehenden ein. Es regnete blausprühende Funken. Claire schrie auf. Vater wandte sich jedoch um und nestelte die Pistole aus der Jacke.
Dann ging alles sehr schnell: Gleißende Lichtnadeln jagten in unvorstellbar schneller Folge aus dem Lauf der Waffe. Es zischelte und krachte. Von den Pranken des Verfolgerfahrzeugs sprühten blendend helle Funken. Das Gerät geriet ins Schlingern, prallte gegen die Gangwand und wurde von dort zur gegenüberliegenden Begrenzung zurückgeschleudert. Bei jedem Aufprall stoben Funkenfontänen aus den Magnettatzen.
Vater tat zwei Schritte rückwärts. Das Fahrzeug raste sich überschlagend auf sie zu. Kein Chance zu entkommen. Doch im letzten Moment verlor es die überwältigende Fahrtenergie. Wie durch ein Wunder blieb es zum anfassen nah vor ihnen liegen, die kaputten Tatzen in die Höhe gereckt. Winzige, blaue Energieschlangen geisterten knisternd über die Metallteile der Trümmer. Es roch säuerlich scharf nach giftigen Ausdünstungen und nach irgendetwas Elektrischem.
Vater wandte sich ab und bemühte sich intensiv, eine der Sicherheitsverschlüsse zur Außenwelt zu öffnen.
"Illegaler Versuch, die Wohnmaschine zu verlassen!" sagte ein wachsamer Automat. "Die zuständigen Behörden werden benachrichtigt. Bitte bleiben Sie stehen und verhalten Sie sich ruhig."
Vater richtete die große Pistole auf die Mechanik des Schotts. Die Nadelkette blitzte wieder auf, und es krachte laut. Die metallene Klappe sprang aus dem Riegel und pendelte schräg in den Angeln.
Vater schob die weinende Claire vor sich her durch den entstandenen Spalt, hinaus in die kühle Nacht. Hinter den beiden heulte es erneut auf. Zwei weitere Magnetfahrzeuge bogen in den Korridor ein.
"Hier!" sagte der Vater. "Nimm die Chip-Box und laufe bis es hell wird. Lass dich zu einer Station der Purple Cross Leute bringen. Irgendein Lexi-Fun Bär nimmt dir die Box ab und erzählt dir etwas von einer geheimen Gruppierung und von einem unendlich wertvollen Raumschiff, das sich in den falschen Händen befindet."
Im Korridor hinter den Beiden krachte es erneut. Das aufgebrochene Schott spie Flammen und Rauch. Vater drückte seinem Kind die Box in die Hand.
"Vielleicht kannst du später meinen Kampf fortsetzen! All die vielen Menschen brauchen jemand, der sich ehrlich um sie kümmert. Und jetzt ab wie ein Blitz ...!"
Das war das Letzte, das sie von ihm hörte.

GEISELNAHME

Seit zwanzig Stunden waren die Kinder nun in der Gewalt einer Gruppe von rund zwei Dutzend Männern. Zwanzig Stunden ohne Schlaf und Nahrung. Es war den Jungs und Mädchen nicht einmal erlaubt, alleine zur Toilette zu gehen. Jedes Mal schaute einer dieser schwer bewaffneten Kerle zu.
Die Männer hatten ein Segment von zwölf Stockwerken unter ihre Gewalt gebracht. Es war sehr schnell gegangen. Sie redeten nicht viel und taten das, was getan werden musste, um einen Nachrichten-Tron der IGPA ins besetzte Areal zu bekommen. Sie hofften damit, die Öffentlichkeit an ihren Ideen zu interessieren. Das Ganze hätte sehr geschäftsmäßig und professionell gewirkt, wenn die Waffen nicht gewesen wären.
Die Verantwortlichen draußen, in der relativen Sicherheit der Wohnmaschine, ließen die gefangen gehaltenen Geiseln natürlich nicht im Stich. Schließlich standen sie alle für Stunden im Blitzgewitter der galaktischen Massenmedien. Nein, sie planten, organisierten und trafen Vorbereitungen.
Der erste Befreiungsversuch einer kurzfristig beauftragten Anti-Terror-Einheit hatte nach sechzehn Stunden leidvollen Wartens stattgefunden. Er war fehlgeschlagen. In der Folge hatte sich ein Terrorist eine der Mentorinnen gegriffen, sie vor die aktivierte Hologrammkonsole des IGPA Trons gezerrt und ihr mit der Laserpistole ein Loch durch den Schädel gebrannt. Die Tunnelung der Mediasignale sorgte dafür, dass die Augenblicke der Hinrichtung galaxisweit on demand zu sehen waren.
Somit war das erste Ziel der Geiselnehmer erreicht; sie hatten ein überaus großes Auditorium für ihr Anliegen. Trotzdem ließen sie keineswegs nach in ihren Anstrengungen. Sie schickten sofort neue Drohungen in die Galaktische Vernetzung. Binnen Stundenfrist würde eine weitere Hinrichtung stattfinden. Daraufhin noch eine. Und noch eine. So lange, bis keine Geisel mehr für eine Hinrichtung übrig war.
Im Innern des besetzten Kubus herrschte Panikstimmung. Kein Mentor und kein Schützling, der nicht den Tod vor Augen hatte. Inwieweit die Leute da draußen wirklich an einer Lösung arbeiteten, konnte hier drinnen natürlich nicht festgestellt werden. Eine Zeit lang kam sogar überhaupt keine Meldung mehr durch.
Claire Douphnier befand sich mit unter den hochbegabten Schülern und Schülerinnen. Sie weinte jedoch nicht wie die meisten anderen Kinder. Im Gegensatz zu ihnen verhielt sie sich sogar ungewöhnlich ruhig.
Sie war zwar erst elf Jahre alt, doch sie wusste aus den komprimierten Aufzeichnungen ihres Vaters, dass solche Terroristengruppierungen zu einem Heer hoffnungsloser Idealisten gehörten. Nie und nimmer würde irgendein Machthaber mit ihnen verhandeln. Auch nicht, wenn sie drohten, einen ganzen Ausbildungssektor voller hochbegabter Kinder und Jugendlicher zu opfern. Mit Terroristen verhandelt man nicht.
Diese Gruppe hier verlangte den Abzug imperialer Truppen von irgend welchen verarmten Planeten, da das Argument der Geheimhaltung superwichtiger Technologien längst nicht mehr gegeben sein sollte.
Vermutlich war dies ein berechtigtes Verlangen, dem man sicherlich eine opportune Öffentlichkeit wünschen würde. Und doch hätten die Terroristen sogar die Übergabe der gesamten imperialen Flotte verlangen können. Niemand hätte ihnen jemals Gehör geschenkt. Sie würden aller Voraussicht nach rund Tausend hochbegabte Kinder und Jugendliche und drei Dutzend brillanter Mentoren mit sich in den Untergang reißen.
Mit elf Jahren weiß man noch nicht sehr viel über die grotesken Verschlingungen in der undurchschaubaren Welt der Erwachsenen. Aber man kennt sich im Areal seiner Bildungsstätte aus. Zumindest weiß man, wo die Schlupfwinkel sind, an denen man sich heimlich mit Jungs der höheren Stufen treffen konnte.
Es gab da verwaiste Computerdepos oder nicht mehr gewartete Knotenpunkte Technischer Anlagen. Dort konnte man sich ungestört mit Petting beschäftigen oder gemeinsam nicht freigegebene Links abgrasen. Manchmal konnte man sogar verbotene Narkotika miteinander teilen. Oder man konnte sich bloß vor einer unangenehmen Sache drücken, bis die Wellen sich geglättet hatten.
Claire Douphnier hatte keinen wirklichen Plan. Sie hatte noch nicht einmal eine konkrete Idee, wie sie sich unbemerkt von den anderen Kindern absondern könnte. Ihr einziger Vorteil schien, dass sie weniger paralysiert war als ihre Mitschüler. So kam es, dass sie sich nicht verängstigt in einer Ecke verkroch als die Anti-Terror-Einheit ihren zweiten Befreiungsversuch startete.
Nicht dass die Elfjährige eine wirkliche Chance gehabt hätte. Aber als die erste Explosion die äußere Wand zwischen dem Ausbildungskubus und dem angrenzenden Kaufhaussektor aufriss, rannte sie geistesgegenwärtig in den zentralen Korridor.
Die überraschten Geiselnehmer hatten nicht die Gelegenheit, sich um die davon wieselnde Kleine zu kümmern. Zwei von ihnen wurden durch Projektile der unter Mimikry Tarnung hereinstürmenden Terror-Ranger getötet. Der Rest versuchte sich in den höher und tiefer liegenden Räumlichkeiten in Sicherheit zu bringen. Die durchscheinenden Silhouetten der Angreifer huschten wie losgelöste Lichtbrechungen über die scharfkantigen Bleche der aufgerissenen Wand. Die Ranger folgten den Fliehenden erbarmungslos. Bereits zu diesem Zeitpunkt versprach der zweite Befreiungsversuch ein Medienspektakel sondergleichen zu werden.
Claire Douphnier wandte sich instinktiv dem Levitations-Lift zu. Aber natürlich war dieser außer Betrieb. Was hatte sie auch anderes erwartet. Einhundertzwanzig Stockwerke tiefer endete der Schacht über einem trittsicher versiegelten Metallfundament. Allein der Gedanke an die Tiefe ließ das Kind erschauern. Aber sie musste nach oben.
Für lange Sekunden hatte die Kleine ihre Hand an der seitlich eingelassenen Leiter, ohne sich weiterbewegen zu können. Da riss hinter ihr die Wand der Länge nach auf. Die neue Gefahr lieferte ihr den notwendigen Energieschub. Sprosse für Sprosse hangelte sie sich nach oben, währen die Auswirkungen naher Explosionen den Schacht erschütterten. Sie zitterte unkontrolliert; hundertzwanzig Stockwerke Luft unter sich ergeben kein beruhigendes Gefühl. Zwölf Stockwerke höher krabbelte Claire schließlich hinaus in den leeren Korridor. Erst jetzt begann sie zu weinen.
Mascha und ihre Freundin hatten schon vor ihr den Weg in das Hardware Depot gefunden. Die beiden hielten sich verzweifelt an den Händen. Plötzlich rissen sie entsetzt die Augen auf, aber sie starrten an Claire vorbei. Unwillkürlich fuhr das Mädchen herum. Aus dem Korridor kam einer der bewaffneten Männer. Ein Ausweichen war nicht möglich. Gleich würde er sie haben, und er würde mit ihnen tun können was ihm beliebte.
Aber er beachtete sie gar nicht. Er ließ einfach die Waffe fallen und machte sich stattdessen an einem gefährlich erscheinenden Gerät zu schaffen.
Claire Douphnier nutzte die Gelegenheit und rannte hinaus auf den Korridor und hinein ins nächste Depot. Hastig kletterte sie über die aufgestapelte Hardware zur defekten Klimaanlage hinauf, und hinein in den mannshohen Wärmetauscher. Aus ihrem Versteck heraus konnte sie das eigentlich Geschehen nicht mehr verfolgen. Sie hörte nur den Lärm, die Schüsse und die Schreie. Schluchzend und zitternd vor Angst kauerte sie sich zusammen, jeden Augenblick darauf gefasst, von einem der mitleidlosen Männer aufgespürt zu werden.
Und plötzlich erschütterte eine unvorstellbar heftige Detonation das komplette Segment der Wohnmaschine. Der abgrundtiefe Rumms raubte dem Mädchen den Atem; sie schwebte für eine halbe Sekunde losgelöst in der Luft ehe sie schließlich gegen den stillstehenden Rotor geschleudert wurde.
Die lange Finsternis hellte sich nach und nach wieder auf. Claire Douphnier erwachte. Überall war sie von makellosem Weiß umgeben. Es roch nach Desinfektionsmitteln. Ein weißer Medicon bemerkte die Änderung ihres Zustands und zitierte eine der weißgekleideten Schwestern herbei. Diese wiederum verständigte einen der weißgekleideten Ärzte. Nach einer Stunde wusste Claire Douphnier, dass sie und fünf weitere Mädchen die Einzigen waren, die das blutige Massaker überlebt hatten.
Vater hatte offensichtlich Recht behalten: Die Terroristen hätten ihr Ziel so und so nicht erreicht. Nicht in hundert Jahren. Wie man sehen konnte auch nicht mit der wahnsinnigen und kriminellen Absicht, tausend Kinder zu opfern.
Die größeren und wirklich großen Spiele wurden dem Anschein nach völlig anders gespielt, denn die Geheimnisse um die unsagbar wertvollen Technologien auf den verarmten Planeten der Erzürnten blieben weiterhin gewahrt, versteckt unter dem unangreifbaren Schutzmantel wachsamer Geheimdienste.
Als man der Elfjährigen die Gelegenheit bot, das Erlebnis aus ihrem Gedächtnis tilgen zu lassen, lehnte sie ab. Sie begründete ihre Entscheidung damit, dass ihr Vater dies sicher nicht gewollt hätte.


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