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Aus dem Buch: Renate Becker - Butterstulle und Pflaumenmus - (Auswahlband)
 
Butterstulle und Pflaumenmus

Es war einmal in einem Dorf.
In diesem Dorf lebte der kleine Basti. Er war ein munteres Kerlchen mit fuchsroten Haaren und so vielen Sommersprossen im Gesicht wie Sterne am Himmel sind. Seine kleine Stupsnase reckte sich neugierig in die Höhe. Aber die Augen erst! Oh! Sie wurden beschattet von langen Wimpern und waren so blau wie ein tiefer, dunkler Bergsee.
Basti spielte den Dorfbewohnern öfter einen Streich, aber niemand konnte ihm lange böse sein.
An einem Sonntagmorgen, als alle Leute des Dorfes ihre Festtagskleidung angelegt hatten und in die Kirche gehen wollten, packte es den Basti wieder einmal. Kurz bevor die Glocken zum Gottesdienst läuteten, schlich er sich in die Kirche und streute Niespulver zwischen die Seiten vieler Gesangbücher. Dann stellte er sich brav neben die Kirchentür und machte jedes Mal eine artige Verbeugung, wenn ein Dörfler die Kirche betrat.
Sobald der Kantor die Orgel zu spielen begann, nahmen die Leute die Gesangbücher zur Hand und schlugen eine bestimmte Seite auf ? sie sangen jeden Sonntag das gleiche Eingangslied.
Es dauerte nicht lange, da nieste erst einer, dann niesten zwei und immer mehr.
Hilflos stand der Pfarrer am Altar. Schließlich segnete er die Leute und rief: "Das wird heute nix mehr mit der Messe. Geht alle heim und betet ein Vaterunser, wenn ihr euch beruhigt habt."
Niesend und sich schnäuzend verließen die Dörfler die Kirche. An der Tür stand wiederum Basti und machte einen Diener nach dem anderen.
Der Pfarrer aber hatte so eine Ahnung, wer hinter diesem Niespulver-Streich steckte. Er schritt als Letzter durchs Kirchenportal, packte Basti unversehens am Kragen und schüttelte ihn wie einen nassen Hund ? Nein! So fest nicht! Der Junge sollte ja durch das Schütteln keinen Schaden nehmen, sondern nur einen Schrecken bekommen. Oh ja! Basti quiekte entsetzt wie ein Schweinchen und strampelte ebenso heftig.
"Was hast du dir nur dabei gedacht, du Lausbub", schimpfte der Pfarrer mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Er dachte daran, wie er ? selbst noch ein Bub ? Tinte ins Weihwasser geschüttet hatte und alle Leute mit einem blauen Kreuz auf der Stirn nach Hause gegangen waren.
Basti versprach Besserung und der Pfarrer fragte ihn: "Magst du eine Butterstulle mit Pflaumenmus?"
Zu Butterstulle mit Pflaumenmus konnte kein Bub NEIN sagen und schon gar nicht der Basti. Er bekam von der Hauswirtschafterin des Pfarrers eine so gewaltige Stulle, dass ein Bauarbeiter davon hätte satt werden können. Die Frau schaute ihm lächelnd beim Futtern zu.
Als er aufgegessen hatte, sagte der Pfarrer: "Basti, nun hast du dich gestärkt und kannst den Unsinn, den du angerichtet hast, wieder gutmachen. Du wirst jetzt alle Gesangbücher vom Niespulver befreien."
"Ist gut", sagte Basti kleinlaut und machte sich in der Kirche an die Arbeit.
Doch wenn der Pfarrer gedacht hatte, nun werde das große Basti-Niesen beginnen, so wurde er enttäuscht.
Der Junge war nicht dumm. Er hatte von seinem Vater, dem Arzt des Dorfes, vorsorglich einen Atemschutz mitgenommen. Den band er sich vor die Nase und brachte jedes Gesangbuch einzeln nach draußen, um es da zu reinigen.
Im Dorf hatte sich schnell herumgesprochen, was geschehen war und welche Strafe den Übeltäter ereilt hatte. Deshalb standen die Leute vor der Kirche und jedes Mal, wenn Basti mit einem Gesangbuch herauskam und die Seiten ausschüttelte, gab es neues Gelächter. Dann gingen die Leute in den Dorfkrug, tranken und aßen ?
Und nun ratet einmal, was es zu essen gab?
Richtig! Butterstullen mit Pflaumenmus.
Basti aber trabte am späten Nachmittag heim, legte sich aufs Bett und griff nach seinem Lieblingsmärchenbuch. Ihr wollt wissen, welche Märchen darin geschrieben stehen?
Hier sind sie!

Blanche

In einem weiten, grünen Tal, umschlossen von hohen Bergen, stand ein kleines Haus mit rotem Dach und schneeweißen Wänden. Die Fensterläden waren grün gestrichen, mit ausgeschnittenen kleinen Herzen in der Mitte. Ein brauner Zaun umsäumte es und hielt die wilden Tiere fern. Zu dem Haus gehörte auch ein kleiner Garten, in dem so allerlei Gemüse wuchs. Ein Apfelbaum stand am Rand des Gartens, mit goldenen Früchten daran. Auf der anderen Seite stand ein Birnbaum, der silberne Früchte trug.
In dem Haus wohnte Blanche, eine wunderschöne Fee. Sie herrschte über das Land ringsum und achtete darauf, dass niemandem, der in dem Land wohnte, ein Unglück geschah. Blanche hatte goldene und silberne Haare, ein schönes ovales Gesicht mit zart-rosa Wangen und einem kleinen, kirschroten Mund. Sie besaß silber-goldene, durchscheinende Flügel, die es ihr erlaubten, sich hoch in den blauen Himmel zu schwingen. Aber das Schönste an der Fee Blanche waren ihre Augen. Sie strahlten in einem hellen Blau und leuchteten wie die Sterne am dunklen Nachthimmel.
In dem Haus war alles hell und freundlich eingerichtet. Auf den Tapeten waren die schönsten Bilder aufgemalt. Da gab es weiße Wolken, grüne fruchtbare Landschaften, Kinder, die mit dem Sommerwind spielten, und viele verschiedene Tiere tanzten einen Reigen der Freundschaft.
Das Königreich von Blanche unterlag den Jahreszeiten, genau wie bei uns hier. Nur etwas war anders: Im Frühling schwirrten tausend kleine Feen durch die Luft und kitzelten die Bäume so lange, bis sie aufwachten und ihre Blätter entfalteten. Die Feen berührten mit ihren Zauberstäben die Erde, damit das Eis schmolz und frisches grünes Gras wachsen konnte. Krokusse streckten neugierig ihre ersten Blätter aus dem Boden und Schneeglöckchen läuteten den Frühling herbei.
Wenn der Sommer an der Reihe war, dann putzten die kleinen Feen die Sonnenscheibe auf Hochglanz, damit ihre Strahlen die Luft erwärmen konnten und die Sommerblumen aus ihrem Schlaf in der Erde erwachten.
Im Herbst malten die kleinen Feen das Obst an. Die Äpfel bekamen rote Bäckchen, die Pflaumen erstrahlten in einem satten Blau, die Kirschen waren so rot wie der Mund der Fee Blanche.
Im Winter aber, da schiefen die kleinen Feen und auch Blanche legte sich zur Ruhe, um erst im Frühling wieder aufzuwachen. Bis dahin regierten Eis und Frost das Land und die Nordwinde verbreiteten kalte Luft. Die Bäche und Seen froren zu und die Wasserfälle glichen großen Vorhängen aus Eis, die von den Bergen herunterhingen. Hinter einem dieser Eisvorhänge verbarg sich der Zugang zum Feental.
In einem dieser harten Winter geschah es, dass ein junger Mann durch das Gebirge reiste. Er war nur in Gesellschaft zweier Maultiere, die warme Kleidung, Waffen und Wegzehrung transportierten.
Der junge Mann war der Sohn des Herrschers der sieben Weltmeere. Er war ausgezogen, um Abenteuer zu erleben, und nun hatte er sich im Gebirge verirrt. Vor ihm erhob sich eine Wand aus Eis, die es ihm nicht erlaubte, weiterzugehen. Schon viele Tage und Nächte hatte er zwischen den Felsen verbracht. Seine Kräfte waren dahingeschmolzen und seine Vorräte so gut wie aufgebraucht. Nur ein paar Linsen und Erbsen waren ihm geblieben.
Seine Gesichtszüge wirkten eingefallen und die Augen fielen ihm immer häufiger müde zu. Das schwarze Haar hing ihm strähnig in die hohe Stirn, sein Mund sah unter der Nase wie ein blasser Strich aus.
Er trug den stolzen Namen Ozeanus nach den Meeren, über die sein Vater herrschte. Jetzt aber war ihm gar nicht stolz zumute!
Er sattelte die Maultiere ab und gab ihnen das letzte Futter, das noch übrig war. Dann jagte er sie auf dem Weg zurück, den sie gekommen waren. Er selbst aß die wenigen Linsen und Bohnen, die er sich mit dem letzten Feuerholz gekocht hatte, und wickelte sich danach in seinen Mantel. Mit einem Seufzer legte er sich unter einem verschneiten Busch nieder, betete und war sich sicher, dass er hier sterben werde. Aus diesem Schlaf würde er nicht wieder erwachen, wenn nicht ein Wunder geschah.
Langsam erlosch das Feuer ...
Eisiger Wind wehte den Schnee in das enge Tal und bedeckte den Körper des jungen Mannes mit einer weißen Decke.
Der Nordwind war ein rauer Geselle mit langem weißen Bart, in dem die Eiszapfen aneinander schlugen und leise Klingeltöne erzeugten, wenn er sich bewegte. Er war groß wie ein Turm und seine Augen waren schwarz wie die Kohlen tief aus dem Berg. Er schaute auch in dieser Nacht wie stets in das enge Tal und sah einen Stiefel aus dem Schnee herausragen. Neugierig wehte er näher und erkannte, dass der Stiefel zu einem jungen Mann gehörte, den der Schnee völlig zugedeckt hatte. So wild wie sich der Nordwind auch gab, böse war er nicht. Er hatte Mitleid mit Ozeanus, fegte den Schnee beiseite und hob ihn hoch, als sei er eine Feder.
Dann rief er seinen Bruder, den Südwind, und sagte: "Ist es nicht Zeit, dass du aufstehst, du Faulpelz? Ich habe schon viel zu lange regiert. Nun bist du dran. Mach im Tal der Fee Blanche, dass es Frühling wird. Ich lege das Menschenkind vor das Haus der Fee. Sie wird wissen, was zu tun ist."
Der Südwind gähnte, reckte und streckte sich, plusterte sich auf und schaute aus gelben guten Augen auf den jungen Mann, der leblos zwischen Zeigefinger und Daumen des Nordwindes hing. "Ist gut!", sagte er. "Ich mach mich ans Werk."
Der Nordwind legte Ozeanus vor das Haus der guten Fee, der Südwind holte tief Luft und erwärmte mit seinem Atem die Erde im Tal. Die kleinen Feen erwachten und begannen die Bäume zu kitzeln und mit ihren Zauberstäben die Erde zu berühren.
Auch die Fee Blanche erwachte aus ihrem tiefen Schlaf. Sie trat vor die Haustür und erblickte den reglos im Gras liegenden jungen Mann. Schnell rief sie die kleinen Elfen herbei, die ihr halfen, den Fremden ins Haus zu bringen. Dort legten sie ihn auf eine weiche Wolke und deckten ihn mit warmen Daunen zu.
Blanche kochte einen süßen Hagebuttentee und als Ozeanus wieder zu sich kam, gab sie ihm diesen zu trinken. Langsam kehrten seine Lebensgeister wieder zurück.
Staunend blickte er sich um und fragte: "Wo bin ich hier? Und wer bist du? Bin ich tot und im Himmel? Bist du ein Engel?"
Blanche legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen und gebot ihm, still zu sein. "Wenn es an der Zeit ist, werde ich dir alle Fragen beantworten. Nun schlafe, damit du wieder zu Kräften kommst", raunte sie.
Ozeanus schloss die Augen und war gleich darauf eingeschlafen.
Blanche aber rief eine Taube herbei und gab ihr einen Brief an den Herrn der Ozeane mit. "Flieg, kleine Taube, und bring dem Herrn der Meere die Botschaft, dass sein Sohn lebt und es ihm gut geht."


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