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Aus dem Buch: Barbara Siwik - Das Buch der Magischen Sprüche - (Auswahlband)
 
Dröhnend schlug irgendwo in der Nähe eine Turmuhr Mitternacht. Caspar lag hellwach in einem fremden Bett. Es erwies sich als schwierig, in der neuen Umgebung Schlaf zu finden. Zeit seines Lebens hatte er sich in der kleinen Kammer im Haus am Waldrand die Decke über die Ohren gezogen. Hier war schon mal das Wichtigste anders: Das Bett stand an der falschen Wand. Morgens würde er sich gewiss öfter den Schädel einrennen, weil er nun mal daran gewöhnt war, links statt rechts aus den Federn zu kriechen. Und dann die miese Aussicht! Daheim blickte er von seinem Fenster auf den Wald und auf den Weg hinunter zum Dorf. Hier grinste ihn von jenseits der Gasse Schwärze an. Das war sicher eine Hauswand, sehen konnte man bei dieser Dunkelheit ja nicht viel. Im Haus roch es nach faulenden Kartoffeln. Worauf hatte er sich da nur eingelassen?
Fern von Dorfstadt und allen Menschen, die ihm lieb und vertraut waren, kam ihn etwas wie Heulen an, das über die Augen nach draußen wollte. Nur gut, dass Grit und Louise das nie erfahren würden.
Caspar tastete in der Dunkelheit auf dem Tisch neben dem Bett nach Streichhölzern und entzündete die Petroleumlampe.Die Kammer war schmaler als die daheim. Statt der Truhe warf in der Ecke ein altersschwacher Schrank seinen Schatten. Vor dem kleinen Fenster standen ein Tisch und ein Stuhl und in der Wandnische gegenüber dem Bett behauptete sich ein klappriger Waschständer samt angeschlagener Schüssel. Studentenbude hatte die Wirtin, eine dürre, freundliche Person, die Kammer genannt und betont, dass sich die jungen Leute bei ihr immer wohlgefühlt hätten. Dieses Gefühl war bei ihm noch entwicklungsbedürftig.
"Du hättest es besser haben können", flüsterte Caspars innere Stimme. Sicher, hätte er, sofern er dem Vorschlag von Louises Vater gefolgt wäre, ihn bei einem Geschäftsfreund unterzubringen, der in Rammstadt, Am Rosengarten, eine Villa besaß. Louise und Grit waren völlig aus dem Häuschen geraten, als sie diesen Namen hörten. Es sei Schicksal, hatten sie behauptet - vom Rosengarten in Dorfstadt in den Rosengarten von Rammstadt. Die beiden geheimnisten in alles etwas hinein.
Der Großmutter und dem Doktor wäre die Unterkunft mit Familienanschluss ebenfalls recht gewesen, wenn auch aus anderen Gründen. Für sie blieb er der Hans-Dampf-in-allen-Gassen, dem ein wenig Aufsicht nicht schadete. Dabei hatte er die Lehre in Weißgenaus Labor mit großem Erfolg hinter sich gebracht und selbst die Prüfungen bestanden, die am Ende des Privatunterrichts im Schlösschen wie eine Gewitterwolke gedroht hatten.
Was mussten sich die Ehrfurcht einflößenden, glatzbäuchigen Herren vom städtischen Gymnasium nur gedacht haben, als er, schwitzend vor Anstrengung und eingepfercht in einen schwarzen Anzug, alles Wissen aus sich herausholte, was er finden konnte. Irgendwie war er sich unter ihren Augen wie in jener Nacht vor der Höhle vorgekommen, allein mit dem Gehörnten. Allerdings hatte der entscheidende Unterschied zum Teufel darin bestanden, dass diesen Leuchten der Wissenschaft der volle Zugriff auf seine Person gestattet war. Und sie hatten ordentlich zugepackt!
Nachdem er also alle Lehr- und Lernklippen aus eigener Kraft überkrochen hatte, wäre es jetzt geradezu ein Rückfall in die Kindheit gewesen, in die Bevormundung einer vornehmen Dame zu geraten. Er war neunzehn Jahre und wusste von dem, was in der Welt an scheinbar Unmöglichem möglich war, mehr als jeder Professor der Universität, die er ab morgen besuchen würde. Falls er also nicht fähig sein sollte, während des Studiums auf sich selbst zu achten, gelang das erst recht keinem anderen. Caspars Gedanken wanderten nach Dorfstadt zurück. Einige Tage vor seiner Abreise war er noch einmal in der Höhle gewesen und hatte das Tor zur Welt der Guten Geister geöffnet, um sich vom Urahn Casparius zu verabschieden. Der alte Magier hatte ihm ein Beutelchen gereicht, in welchem sich zu Caspars Verwunderung ein zweiter roter Edelstein befand und erklärt, das sei ein Schäumer, der zu seiner Zeit gute Dienste leisten werde.
Caspar lächelte in der Erinnerung an diesen Augenblick. Was hieß aus Sicht des Urahns: zu seiner Zeit! Der Alte hielt sich seit zweihundert Menschenjahren in der Geisterwelt auf. In welchen Zeitabständen rechnete er? Doch es brachte nichts, darüber nachzudenken.
Für den echten magischen Stein hatte der Greis ihm einen Gürtel übergeben. Dieser bestand aus zwei Schichten, zwischen denen das Kleinod aufbewahrt wurde. Sie öffneten sich, sobald es benötigt wurde und schlossen sich ebenso nahtlos.
"Du darfst den Gürtel nie ablegen", hatte der Greis gewarnt. "Das Gewebe ist aus Nebelfäden gewirkt und nur für dich sichtbar und fühlbar."
Caspar erinnerte sich auch, wie schwer es ihm gefallen war, sein größtes Problem zur Sprache zu bringen - das Lernen, diesen Kampf zwischen gutem Vorsatz und fehlender Durchführungskraft, zwischen Fleiß- und Faulheitsanfällen. Mal schlich die Zeit wie eine lahme Alte, nämlich solange der Unterricht dauerte, mal raste sie wie ein Schnell-Läufer, sobald er sich schöneren Tätigkeiten zuwandte. Würde er dieses Tauziehen durchhalten?
Während er noch darüber grübelte, hatte der Urahn gesagt: "Du wirst alles schaffen, wenn du nur den geraden Weg wählst."
Diese Zusage war einigermaßen tröstlich gewesen, aber - so viel wusste Caspar inzwischen - gerade, das musste er sich bildlich vorstellen. Der Weg würde wohl eher um tausend Ecken führen.
Die Turmuhr schlug die nächste Stunde. Warum war Einschlafen so schwer? Caspar tastete unter der Decke nach dem Gürtel. Er befand sich in ständiger Sorge, das Nebelding könnte sich gelöst haben. Hier in der Stadt musste er besonders auf den roten Stein achten. Zwar hatte er die Kammer abgeschlossen, doch dieses Haus war nicht Großmutters Häuschen. Hier schützte keine Rote Magie vor jener Macht, die weder Fenster noch Türen benötigte, um einzudringen. Wie sollte er sich in der Fremde nur den Gehörnten vom Hals halten? Er musste sich etwas einfallen lassen.
Die Nacht schien indessen kein so guter Zeitpunkt für Ideen zu sein. In seinem Oberstübchen herrschte gähnende Leere. Das bedeutete, die wichtigsten seiner grauen Zellen dösten, wie es sich gehörte. Morgen würde er sich mit Weißgenau erst einmal in der Stadt umsehen. Der Doktor hatte auch hier studiert, kannte alle Straßen, Plätze, Gassen und Wirtshäuser. Letzteres hatte er augenzwinkernd zugegeben. Komisch, dass der Gute auch mal jung und leichtsinnig gewesen sein sollte.
Caspar fühlte die Andeutung einer Augenlid-Schwere und blies eilig die Lampe aus, denn er wollte den Schlaf um Himmelswillen nicht am Arbeiten hindern.

Geschäftig zog die dürre Wirtin am nächsten Morgen die Vorhänge in der Gaststube beiseite und öffnete die Fenster. Tageslicht drang in die verräucherte Kneipe Zum Rosenstock. Das schmale, einstöckige Fachwerkhaus mit Dachgeschoss quetschte sich auf dem Trödel - dem ältesten Teil der Stadt - zwischen zwei breitere mittelalterliche Gebäude, eins davon seit Jahrzehnten unbewohnt. Von Rosen gab es nicht die Andeutung einer einzigen Blüte, wenn man von einem kümmerlichen Blumentopf absah, der auf dem alten Holztresen ein wasserloses Leben fristete. Abends ging es hier laut zu. Tagsüber dagegen fanden sich nur Vorübergehende ein, die sich ein Bier, einen Schnaps oder mittags einen Teller Suppe gönnten.
Ella, wie sie auf dem Trödel genannt wurde, lebte vor allem vom Besuch der abendlichen Stammgäste und von zwei Kammern, die sie vermietete, Kost inbegriffen. Vor einigen Wochen war eine davon auf ein Jahr im Voraus von einem Fabrikanten König für den Studenten Caspar Fröhlich bezahlt worden. Sehr erfreulich für Ella, denn in der Regel musste sie ihrem Geld nachlaufen, weil die fidelen Burschen lieber verjubelten, was ihnen von daheim für den Lebensunterhalt geschickt wurde. Der junge Mann, der gestern Abend mit einem Doktor Weißgenau angereist war, sah jedoch nicht wie ein Bruder Leichtfuß aus, eher wie ein Land-Ei aus bescheidenen Verhältnissen. Der alte Herr schien sich auf dem Trödel auszukennen, denn er hatte sich bei Ella nach diesem und jenem Namen erkundigt - nach Leuten, die längst gestorben waren. Sie hatte ihm die zweite noch freie Dachkammer als Übernachtung angeboten, worauf er zielsicher die steile Treppe hinaufgestiegen und auf die fragliche Tür zugesteuert war. Das ließ nur eine Erklärung zu - er hatte zu Lebzeiten ihres Vaters im Rosenstock logiert.
Es kam häufiger vor, dass ehemalige Studenten der Kneipe einen Erinnerungsbesuch abstatteten, selten aber waren das so alte Herren wie der Doktor. Sie musste noch ein kleines Kind gewesen sein, als er die Universität besucht hatte.
Ella blies im Küchenherd die Asche von der Glut und legte Holz auf. Bald breitete sich in dem verwinkelten Raum Wärme aus. Jemand betrat die Gaststube. Die Wirtin hielt inne und warf einen Blick in den Schankraum: Der Doktor hatte es sich mit der Morgenzeitung an einem Tisch bequem gemacht.
"Frühstück kommt gleich", rief sie und brühte Kaffee auf. Der angehende Student schien kein Frühaufsteher zu sein. Na, der würde sich umgucken! Der Weg bis zur Universität zog sich hin und die Professoren liebten es gar nicht, wenn jemand verspätet in ihre Vorlesung einbrach. Doch bald vernahm Ella das Scharren eines weiteren Stuhls.

Auf Caspars Stirn leuchtete eine Beule.
Mit wem hast du denn heute Nacht gekämpft?", spottete der Doktor gutmütig.
"Das Bett steht auf der falschen Seite", murmelte Caspar verlegen.
Glücklicherweise erschien die Wirtin mit dem Frühstück und enthob ihn dadurch weiterer Erklärungen. Hungrig fiel er über das Rührei her. Weißgenau betrachtete Caspar lächelnd, während er seinen Kaffee trank und ein Butterbrötchen aß. Der Bursche konnte von Glück reden, dass der Fabrikant König für diesen Appetit gerade stand.
"Hörst du irgendwann auch auf zu essen?", erkundigte er sich, als Caspar nach dem letzten Brötchen griff.
"Sofort", versicherte Caspar. "Es ist ohnehin nichts mehr da."
Ella verschwand bei dieser Antwort grienend in der Küche. Wenn der junge Mann so studierte, wie er aß, würde er es weit bringen.

Auf dem Trödel war es inzwischen lebendig geworden. Zurufe wurden laut, Menschen eilten an den Fenstern vorüber und Karren rumpelten übers Katzenkopf-Pflaster. Gestern, als sie nach mehrstündiger Bahnfahrt Rammstadt erreicht hatten, war die Dunkelheit bereits hereingebrochen. Weißgenau hatte Caspar eine hell erleuchtete, um diese Zeit wenig belebte Geschäftsstraße entlang geschleust, vorbei an einem mittelalterlichen Turm.
Aus dem elektrischen Laternenlicht waren sie zuletzt in die dörfliche Finsternis des Trödels eingetaucht. Hier gab es noch keine moderne Beleuchtung. Die Gasfunzeln über der Tür zur Kneipe hatten gerade ausgereicht, die Schwelle zu erkennen. Doch bei Tageslicht sah die Welt auch in diesem von der neuen Zeit vergessenen Stadtteil freundlich aus.
"Grundgütiger!", rief Caspar in komischem Entsetzen, als sein Blick auf das Schild über dem Eingang fiel. "Zum Rosenstock! Ich werde das duftende Gemüse nicht los!"
Auch Weißgenau lachte, wurde dann aber ernst und sagte, er solle froh sein, wenn es bei dem Dauerkontakt mit Rosen bliebe, es gäbe Schlimmeres. Caspar winkte ab. "Ich nehms ohnehin wies kommt."
Die Gerbergasse, in der sich die Kneipe befand, mündete auf einen kleinen Platz. Der Doktor zeigte auf einen alten Ziehbrunnen.
"Zu meiner Zeit war der noch in Gebrauch", erinnerte er sich mit einer gewissen Wehmut. Caspar beugte sich über den Brunnenrand und rümpfte angewidert die Nase.
"Die werfen da bestimmt ihren Abfall rein. Es stinkt wie auf dem Plumps-Klo."
Nach zwei weiteren Gassen hatten sie den Trödel hinter sich und traten auf die breite Hauptstraße hinaus. Allerdings war bei deren Überquerung einige Vorsicht geboten, denn hier gab es nicht nur Autos. Kreischend näherte sich ein sonderbares Schienenfahrzeug, das mit Stahlseilen an einer zweispurigen Leitung hing, die oberhalb der Straßenmitte gespannt war. Der Doktor nannte das Ding Straßenbahn. Wieder etwas Neues!
Wie Autos funktionierten, wusste Caspar bereits. Der Fabrikant war eines Tages mit einem solchen Vehikel in Dorfstadt aufgekreuzt, hatte auf der staubigen Straße Scharen gackernder Hühner vor sich hergetrieben und das wütende Gebell sämtlicher Dorfköter heraufbeschworen. Zu Caspars Freude hatte der König erst ihm und dann Louise das Fahren beigebracht - Wiesenweg rauf, Wiesenweg runter. Alles, was Zeit und Beine besaß, erschien, um diesem Spektakel zuzusehen. Die Großmutter war fast in Ohnmacht gefallen, als er die Höllenmaschine in Gang setzte und in Bocksprüngen mit ihr davon hüpfte. Doch als der Enkelsohn - entgegen ihrer Befürchtung - nicht im nächsten Graben landete, sondern im Wesentlichen geradeaus fuhr, war ihr Zetern in Stolz über seine Geschicklichkeit umgeschlagen.
Die Prinzessin hatte sich beim Fahren gleichfalls nicht dumm angestellt, jedoch erklärt, sie werde sich mit dem Auto niemals in die Stadt wagen, weil dort ja noch mehr von diesen Vehikeln gleichzeitig dieselbe Straße beanspruchten.
Selbst Grit hatte der König zum Probieren aufgefordert, aber die wehrte sich mit Händen und Füßen, in die motorisierte Kutsche einzusteigen.
Ach, Dorfstadt! War er wirklich erst einen Tag von daheim weg?
Lautes Hupen riss Caspar jäh aus seinen Gedanken. Erschrocken sprang er auf den Bürgersteig zurück. Ein Auto rauschte vorbei - der Fahrer zeigte ihm den Vogel.
"Du darfst hier nicht wie auf der Dorfstraße vor dich hinträumen", warnte Weißgenau. Tatsächlich hatte auch er das Auto viel zu spät bemerkt. Zum Glück würde er sich nicht mehr an den technischen Fortschritt gewöhnen müssen. Zu seinen Patienten brachte ihn nach wie vor die Pferdekutsche.
Das Universitätsgebäude erwies sich als beeindruckend. Neugierig äugte Caspar rundum. Sein Blick blieb an den Löwen vor dem Portal hängen.
"Kannst du mir verraten, Doktor, was die für eine Aufgabe haben? Sollen sie die Leute nun nicht rein- oder nicht rauslassen?"
Weißgenau lachte und behauptete augenzwinkernd, zu diesem Thema seien schon Doktorarbeiten verfasst worden.
Sie schlenderten weiter. Die Stadt lag an der Ramme, die sich unterhalb einer Burgruine vorbeischlängelte. "Kann man da drin rumstöbern?", erkundigte sich Caspar und zeigte zum Felsen hinauf. Der Doktor nickte zustimmend und meinte, auf dem Fluss könne man auch bis unterhalb der Burg Kahn fahren.
"Solltest du kentern, musst du eben schwimmen."
"Wenn ich deinen Tonfall richtig verstehe, heißt das, du bist geschwommen", grinste Caspar und setzte kleinlaut hinzu, er würde allerdings ersaufen, weil er Nichtschwimmer sei.
Der Doktor winkte ab.
"Du ahnst ja nicht, was man alles fertig bringt, wenns einem an den Kragen geht."
Am Nachmittag fanden sich die beiden wieder im Rosenstock ein. Ella wärmte die Bohnensuppe auf, denn die offizielle Mittagszeit war längst vorüber. Für Weißgenau wurde es danach höchste Zeit, an die Heimreise zu denken. Caspar bestand darauf, ihn zum Zug zu bringen.
Diesmal stiegen sie auf dem Platz vor der Kathedrale in die Straßenbahn, die sie schaukelnd und quietschend durch die lange Geschäftsstraße - am Turm vorbei - zum Bahnhof brachte. Zielsicher steuerte der Doktor dort einen der sechs Bahnsteige an. Als der Zugführer zum Einsteigen mahnte, drückte er Caspar einen Umschlag in die Hand und versicherte, Geld könne ein Student immer gebrauchen.
Schon schloss sich die Waggontür hinter Weißgenau, ein schriller Pfiff ertönte und der Zug setzte sich in Bewegung. Urplötzlich stand Caspar in einer fremden Stadt mutterseelenallein dem Ernst des Lebens gegenüber und der hieß in diesem Fall Straßenbahn.
"Schiet!", dachte er. "Wie komm ich jetzt zum Trödel?"
Ein Weilchen dümpelte er vor dem Bahnhofsgebäude auf und ab und beobachtete die Bahnen. Schließlich fasste er sich ein Herz und fragte einen Schaffner, wie er zur Kathedrale käme.
Es war weniger schwierig als er gedacht hatte, doch während der Fahrt quälte ihn eine neue Unsicherheit: Wann musste er aussteigen? An jeder Haltestelle wurde er weiter in die Mitte der quietschenden Schaukel geschoben. Auf hoher See konnte es kaum schlimmer sein. Mal fiel er rechts, mal links gegen die Fahrgäste, denen das Schlingern nichts auszumachen schien. Schließlich klammerte er sich an eine der Lederschlaufen, die von der Waggondecke baumelten und äugte besorgt aus dem Fenster. Sobald sie am Turm vorüber waren, kämpfte er sich verbissen zwischen den Leuten hindurch zum Ausstieg. Da kurvte die Bahn auch schon kreischend aus der Straße heraus auf den Marktplatz. Erleichtert gewann Caspar gepflasterten Boden und trottete benommen auf bekanntem Weg dem Trödel zu.
Wie eine Straßenbahn zu handhaben war, wusste er jetzt, aber auf eigenen Füßen ging es sich, ehrlich gesagt, besser.
In der Gaststube Zum Rosenstock war bereits eine Menge los. Blauer Tabaksqualm waberte in der Luft. Ella hastete mit Bier und Schnaps von einem Tisch zum anderen. Kein Wunder, dass sie so dürr war.
Zwischen zwei Bestellungen winkte sie Caspar in die Küche. Dort stand in einem Winkel ein kleiner Tisch mit seinem Abendbrot.
"Wollen Sie ein Bier?", fragte die Wirtin, schon wieder an der Tür zum Schankraum. Caspar war noch nie mit Sie angesprochen worden und fühlte sich plötzlich sehr wichtig. Er hatte auch noch niemals Bier getrunken. Warum also sollte er das nicht heute tun, am ersten Tag eines neuen, aufregenden Lebens?
Das Bier schmeckte herb und nach mehr. Ella brachte ihm auch bereitwillig ein zweites Glas. Der Gönner des jungen Mannes hatte reichlich vorausgezahlt und sie war eine ehrliche Geschäftsfrau, die sich nichts schenken ließ. Das Getränk bescherte Caspar eine unbekannte Beschwingtheit. Vermutlich geriet er ins Wohlfühlen, von dem die Wirtin gestern Abend gesprochen hatte. Na, wenn alles so gut klappte!
Ella huschte währenddessen geschäftig zwischen Küche und Schankraum hin und her und warf immer mal einen Blick auf den Burschen. Als Caspar sich unsicher schwankend erhob, bot sie an, ihn morgen beizeiten zu wecken. "Jaaa, das wä-ree vielleich-t guu-t", lallte er, sehr um deutliches Sprechen bemüht. Grienend schob die Wirtin ihn durch eine Tür, die geradewegs hinaus ins Treppenhaus führte.
Entlang der Stiege verbreiteten Gaslampen eine gewisse Helligkeit.
"Grundgütiger, ist die Welt wackelig", dachte Caspar. Der Weg über die Stufen hinauf ins Dachgeschoss kam ihm gefährlich und endlos vor. Eine Weile kämpfte er mit dem Kammerschlüssel, dann sprang die Tür auf. Während er aufs Bett sank, schlief er schon.


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