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Aus dem Buch: Renate Zawrel - Märchenhafte Schatzkiste - (Auswahlband)
 
Für Märchen schon zu groß?

"Soll ich dir etwas vorlesen?", erkundigte sich Oma Streusel bei ihrem Enkelkind. Rüdiger hockte missmutig auf der Couch und bohrte seine Finger in die Tastatur der Fernbedienung.
"Nee, danke, Oma", nuschelte der Junge, "lass mal. Ich gucke fern." Mit der freien Hand griff er in die raschelnde Chipstüte.
Omas Stimme klang unschlüssig, als sie fragte: "Soll ich dir vielleicht etwas kochen; einen Schokopudding zum Beispiel?"
"Nee, danke, Oma", wiederholte Rüdiger. Sein Blick war noch immer auf die flimmernde Mattscheibe geheftet. "Ich hab? schon was. Hier!" Er wedelte ohne aufzusehen mit der Plastiktüte.
"Möchtest du etwas spielen? Vielleicht Mensch-ärgere-dich-nicht?" Die Großmutter gab ihre Bemühungen, das Kind von dem Fernsehprogramm wegzubringen, nicht so schnell auf. Ihrer Meinung nach war das nicht die richtige Art von Freizeitgestaltung.
Rüdiger sah das ganz anders. Mittlerweile nervte ihn Oma mit ihrer ständigen Fragerei. Konnte sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen? War ja eine glorreiche Idee von Mama und Papa gewesen, dass Oma heute Abend auf ihn achtgeben sollte. Er hätte gut und gerne auch alleine bleiben können. Immerhin war er schon acht. Wie hatte der spaßige Film noch schnell geheißen, in dem ein Junge alleine daheim war und sogar Einbrecher verjagt hatte? Irgendwas mit Kevin. Zumindest so ähnlich.
"Nee, danke, Oma", murmelte der Junge denselben Text nunmehr zum dritten Mal. "Ich will auch nichts spielen. Lies du ruhig deine Zeitung weiter und lass dich nicht stören."
"Du störst mich nicht, mein Kind", widersprach die Großmutter. "Ich würde dir nur gerne beweisen, dass es auch noch was anderes außer Fernsehen oder diesem Dingsda gibt, mit dem du da immer herumläufst."
Omas Hartnäckigkeit war enorm. Wie konnte man sie abstellen? Gab es da einen Knopf? Einen ?off-button??
Der Bub wusste schon, dass Oma seine heißgeliebte Spielkonsole meinte. Waren ja auch wirklich coole Spiele drauf. Sogar solche, von denen seine Eltern gar nichts wussten. Rüdiger hatte in der Schule getauscht. Seine neue Füllfeder gegen das Action for Hero-Spiel.
Außerdem lernte man gleichzeitig etwas, wenn man all dieses technische Spielzeug benutzte. Woher wüsste er sonst, dass der Ausschaltknopf power-off-button hieß?
Genervt ließ Rüdiger die Fernbedienung sinken.
"Oma, du brauchst mir nichts zu beweisen. Und ich weiß, dass es andere Dinge gibt. Aber die interessieren einen Jungen heutzutage nicht mehr. Das war vielleicht früher so, als du jung warst."
Wow, der Satz war gut gewesen. Omas Mund stand offen. Aber sie sagte nichts.
Der Junge widmete sich wieder dem meep-meep des Roadrunners, der auf der ewigen und sinnlosen Flucht vor Wile E. Coyote war. Aber es war einfach lustig, wenn der tollpatschige Kojote zum hundertsten Mal versagte und dann auch noch eine Tracht Prügel bekam oder irgendwo in den Canyon stürzte.
Es klingelte an der Haustür. Rüdiger wusste, dass er nicht aufmachen brauchte. Man durfte ja schließlich keine fremden Leute hereinlassen.
Oma legte die Zeitschrift zur Seite und erhob sich aus dem quietschenden Lehnstuhl.
Neugierig? Nein, Rüdiger war doch nicht neugierig. Er wollte nur wissen, wer denn um acht Uhr abends noch hier läutete. Mama und Papa konnten es nicht sein, die hatten ihren Schlüssel mit.
Niemand kam zurück ins Zimmer. Es war mucksmäuschenstill im Flur.
Unruhig rutschte der Junge nun auf der Couch herum. So richtig konzentrieren konnte er sich im Moment nicht mehr auf das laufende Fernsehprogramm.
Rüdiger schaltete den Apparat auf lautlos, um ja nichts zu überhören.
"Oma?", rief er zaghaft. "Oma, bist du da?"
Nichts. Keine Antwort. Ganz behutsam legte er die Fernbedienung auf die lederne Couch. Nur kein Geräusch machen! Noch vorsichtiger stützte er sich mit den Händen ab, um sich lautlos zu erheben. Ein seltsames Rascheln war zu hören. Rüdiger zuckte erschrocken zusammen. Ganz langsam drehte er sich dorthin, woher das Geräusch gekommen war.
"Puh", stöhnte er verhalten. Es war bloß die Chipstüte gewesen, auf die er sich gelehnt hatte.
Immer noch keine Stimme von Oma.
Wie er es aus sämtlichen Zeichentrickfilmen, Actionabenteuern und sonst woher kannte, schlich der Bub in Richtung Vorraum. Erst suchte er Deckung unter dem Tisch, dann hinter der ausladenden Lehne des Ohrensessels. Nervös presste Rüdiger seinen Rücken an den Wandschrank.
Seine Finger wanderten ein paar Zentimeter nach vorn, sein Körper rutschte nach, seine Finger wanderten wieder und so fort, bis er hinter der offenen Wohnzimmertür stand.
Nur, wie sollte er jetzt ungesehen hinausschauen können? Diese Tür befand sich genau gegenüber der Eingangstür.
Rüdiger ließ sich auf die Knie sinken und robbte so weit, bis sein Kopf sich nur mehr um die hölzerne Kante wenden musste. Seine Hände waren ein bisschen feucht. Den anfänglichen Mut hatte er wohl auf der Couch vergessen. Er presste die Augen ganz fest zu und schob seinen blonden Haarschopf um das letzte trennende Stück vor dem entscheidenden Zielpunkt. Wenn er nichts sah, dachte Rüdiger hoffnungsvoll, würde man auch ihn nicht bemerken. Irrtum!
Ein Luftzug streifte seine Nase. Was roch hier so komisch?
Der Achtjährige öffnete zuerst vorsichtig ein Auge. Er konnte nicht glauben, was er sah. Auch sein zweites Auge war nun weit aufgerissen und starrte gebannt auf ?
Rüdiger wischte sich mit beiden Händen über die Augen. Das war nicht möglich! Er blickte nach hinten, zurück in das Wohnzimmer. Es sah aus wie immer: Die Couch, der kleine Tisch mit der Marmorplatte, der Fernsehapparat auf der Kommode, der Bücherschrank und der Lehnstuhl, auf dem Oma gesessen hatte.
An der Türklinke zog sich der Junge hoch, ging ein paar Schritte, stand im Flur und starrte durch die offene Haustür.
Das war nicht der Kiesweg, der von einer Straßenlampe nur spärlich beleuchtet wurde; nicht ihr Blumenbeet, das rechts von diesem Weg angelegt war; auch nicht der gemauerte Brunnen mit dem kitschigen Froschkönig als Dekorationsfigur. Das war einfach nicht das, was sich sonst vor der Tür befand.
Je näher Rüdiger der Haustür kam, umso lauter wurden die Geräusche, die er von draußen hörte. Lachende Kinder tobten mit einem Ball über eine saftig grüne Wiese, Mädchen mit langen Zöpfen, Burschen in kurzen Hosen und bunten Shirts. Dort vorne, bei dem Apfelbaum, war das nicht Sonja, die aus seiner Klasse, die immer in ihren Büchern las? Rüdiger wurde ein bisschen rot, als er sie so beobachtete. Sonja gefiel ihm nämlich sehr gut, aber er hatte ihr das noch nicht sagen können. Sie sprach nämlich nicht mit Jungs. Zumindest nicht mit denen, die keine Bücher mochten.
Längst war der Bub vor die Haustür getreten, um seinen Blick ungläubig nach rechts und links zu wenden.
Was war dort drüben zu sehen? Ein lustig plätschernder Bach, darauf schwammen selbstgebastelte Papierschiffchen. Da kamen auch schon die Jungen, die ihre Boote weiter oben ins Wasser gesetzt hatten und ihnen jetzt fröhlich aufgeregt folgten.
Unter dem majestätischen Kastanienbaum war ein Tisch aufgestellt. Darauf gab es Schalen mit leuchtend roten Äpfeln, einen Teller mit Butterbroten. Der Duft von Apfelkuchen mit Schlagsahne stieg in Rüdigers Nase.
Er blickte neugierig zurück: Dort war die offene Haustür zu sehen. Weiter drinnen liefen, stummgeschaltet, Zeichentrickfiguren im andauernden Wettstreit über staubige Straßen.


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