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Aus dem Buch: Marianne Schaefer - Der zerbrochene Spiegel - (Auswahlband)
 
Nobbelquatz und die Moorhexe Bösina

Im Wurzelland standen die größten und kräftigsten Bäume.
Von morgens bis abends huschten Eichhörnchen über ihre Zweige und knabberten von ihren Früchten. Vögel saßen auf den Ästen und sangen zwitschernd ihre Lieder. Häschen spielten im Schatten der Bäume und so manches Tier legte sich in ihrem Schutz zum Schlafen nieder.
Ihre Größe und Schönheit verdankten die Bäume den Schniefmuggeln, einer Zwergenart, die sowohl unter als auch über der Erde lebte und die Wurzeln hegte und pflegte.

Langsam ging im Wurzelland der Tag zu Ende. Die letzten Sonnenstrahlen hatten sich bereits zurückgezogen. Die Tiere lagen aneinandergekuschelt auf ihren Moosbetten und schliefen.
Nur Nobbelquatz war noch wach. Er war immer der Letzte! Bevor er zu Bett ging kontrollierte er, ob im Wurzelland auch alles in Ordnung war. Danach saß er gewöhnlich noch eine Weile auf der Bank vor seinem Haus, rauchte gemütlich seine Wurzelpfeife und schaute versonnen in den dunkler werdenden Nachthimmel.
Als die Pfeife nicht mehr qualmte, klopfte er sie sorgfältig aus und beschloss, ins Haus zu gehen. In diesem Augenblick schlurfte die Moorhexe Bösina heran und grüßte scheinheilig: "Guten Abend, lieber Nobbelquatz! Wie geht es dir?"
Nobbelquatz war über den Gruß und die Frage nach seinem Wohlergehen verwundert, weil die Alte sonst nie ein freundliches Wort für ihn übrig hatte. Sein eigener Gruß fiel deshalb auch sehr kurz aus. Als er nun aufstehen wollte spürte er, dass er wie festgenagelt auf der Bank hockte und dachte beunruhigt: "Sicher wieder so ein Unfug von Bösina." Er ließ sich jedoch nichts anmerken.
Die Hexe war im Wurzelland nicht gern gesehen.
Die Schniefmuggel fürchteten sie vor allem wegen ihrer Boshaftigkeit. Sie hatte nichts anderes im Sinn als anderen zu schaden. Das bereitete ihr die größte Freude.
"So spät noch auf?", fragte Bösina lieblich säuselnd.
Nobbelquatz überhörte das Gebrabbel und gab keine Antwort. Noch einmal versuchte er, von der Bank loszukommen, denn er wollte mit der Hexe nichts zu tun haben. Doch auch dieser Versuch scheiterte.
"Was willst du von mir?", fragte er barsch. Ihm war klar geworden, dass die Alte ihn mit einem Zauber belegt hatte, damit er nicht davonlief, denn das tat er meistens, wenn er sie erblickte.
"Zieh deines Weges und nimm deinen Hexenzauber gleich mit", knurrte er aufgebracht.
"Von welchem Zauber sprichst du?", fragte Bösina scheinheilig. Doch ihr breites Grinsen war selbst im Dunkeln nicht zu übersehen, als sie auf Nobbelquatz zutrat. Dabei stolperte sie über den Korb mit dürren Wurzeln, die der Zwerg am Nachmittag ausgebuddelt und noch nicht verbrannt hatte. Sie fiel so unglücklich aufs Gesicht, dass ihr einer der oberen Schneidezähne abbrach und Nobbelquatz vor die Brust sprang. Der griff zu, ehe das gelbe Ding zu Boden rutschte, und reichte es Bösina hin. Die Hexe achtete jedoch nicht darauf. Sie war außer sich vor Zorn, tobte und schrie, als ginge es ihr ans Leben. Da steckte Nobbelquatz den Zahn einfach in die Jackentasche.
Vom Gekreisch der Hexe wurden die Tiere aus dem Schlaf gerissen und hoben verwirrt ihre Köpfchen.
Viele Schniefmuggel rissen die Türen ihrer Wurzelhäuschen auf, um zu sehen, wer es wagte, ihnen den wohlverdienten Schlaf zu rauben. Als sie Bösina erkannten, zogen sie sich schnell wieder zurück, verriegelten die Türen von innen und lauschten hinter den Fenstern.
Von der Moorhexe war noch nie etwas Gutes gekommen. Nobbelquatz würde schon mit ihr fertig werden, so dachten sie. Das hatte er bisher immer geschafft. Sie ahnten ja nicht, dass es diesmal anders kommen sollte!
"Du einfältiger Wursselswerg!", schrie Bösina lautstark, damit es auch jeder im Wurzelland hören konnte. "Verwünschs ssollst du ssein!" Durch den fehlenden Zahn klang sie eher wie eine zischende Schlange.
"Du boshaftes altes Weib!", schrie Nobbelquatz zurück. "Was hast du hier zu suchen? Wo du auftauchst, gibt es nur Ärger und Unheil!"
"Da hass du ganss recht!", zischte Bösina höhnisch durch die Zahnlücke. "Und dass wird auch diessmal sso ssein! Ich wünsch? dir einen Buckel und Sspinnenfinger dassu."
Nobbelquatz erschrak. Deutlich spürte er, dass sich sein Rücken krümmte und sah entgeistert zu, wie sich seine Finger in Spinnenbeine verwandelten.
Aber die bösartige Alte war noch nicht am Ende mit ihren Verwünschungen. Sie zischelte weiter: "Fort ssolls du in die Menschenwelt. Für immer ssolls du einssam in einem Sspiegel gefangen ssein. Niemand ssoll dich finden und erlössen!" Sie schnippte dreimal mit den Fingern.
Ein Windstoß riss Nobbelquatz von der Bank und trug ihn fort.
Um jedoch in die Menschenwelt zu gelangen, musste der Wind mit seiner Last über die Blumenwiese des Wurzellandes hinwegbrausen. Hunderte winzig kleine Blumenelfen lagen dort in ihren Blütenkelchen und schliefen. In der Eile knickte der Wind einige Blütenstängel.
Die Elfen rutschten aus ihren duftenden Betten und landeten unsanft im kühlen Gras.
Auch Arella, der Elfenkönigin, erging es so. Sie blickte als Einzige nach oben, sah im Wind etwas vorüberwehen und dachte: "Hoppla, das war doch Nobbelquatz, mein Freund, der da weggetrieben wurde!"
Und weil sie auch nachts einen besonders scharfen Blick hatte, bemerkte sie noch etwas anderes: Seit wann hatte der Schniefmuggel einen Buckel und Finger wie Fäden? Da stimmte doch etwas nicht!
Sie befahl den bettlos gewordenen Elfen, bei den anderen weiterzuschlafen, öffnete die bunt schillernden Flügel und flog dem Wind eilends hinterher.
Arella erkannte bald, sein Weg führte ins Menschenland. Einmal, vor langer Zeit, hatte sie sich dorthin verirrt. Kein schöner Ort für Elfen und Zwerge! Was wollte Nobbelquatz da?
Während Arella dem Wind auf den Fersen blieb, dachte sie daran, wie schnell sich doch manches änderte: Noch vor wenigen Stunden war im Wurzelland alles in Ordnung gewesen. Ab und zu raschelten ein Käfer oder eine Eidechse im Gras. Alles war erfüllt vom Duft der bunten Blumen. In der Vorfreude auf den kommenden Tag hatten sich die Elfen zur Ruhe gelegt, bewacht vom Funkeln der Sterne. Und dann raste plötzlich der Wind daher, dieser Grobian, knickte die Blumenstängel, warf die ahnungslosen Elfen grob aus ihren Betten und trieb Nobbelquatz wie ein Staubkorn vor sich her. Ach, wie verändert und verängstigt der Freund ausgesehen hatte!
Die Elfenkönigin blickte in die Tiefe.
Ihre Vermutung erwies sich als richtig: Sie befand sich über dem Land der Menschen. Dunkle Häuser warfen im Mondlicht Schatten, Bäume drohten nach oben wie Ungeheuer.
Arella erschauderte. Lange wollte sie im Menschenland nicht verweilen und immer hier zu leben wünschte sie sich schon gar nicht. Der Wind ließ Nobbelquatz plötzlich über einem Haus fallen und machte sich davon. Der Zwerg aber verschwand wie von Geisterhand.
"Wo ist er nur hingefallen?", fragte sich Arella. Sie wischte sich den silberglänzenden Elfenschweiß aus dem Gesicht, denn es war anstrengend gewesen, mit dem Wind Flügelschlag zu halten. Dreimal umflog sie suchend das Haus, blickte ebenso oft ergebnislos in die Fenster und entdeckte endlich eines, das einen Spaltbreit offen stand. Mutig flog sie hindurch. Drinnen war es zu dunkel, um etwas zu erkennen, selbst Arellas scharfer Blick reichte da nicht aus. Also versteckte sie sich in einer Falte der Gardine und beschloss, auf den Anbruch des Morgens zu warten.

Nobbelquatz im Menschenland

Ehe Nobbelquatz sichs versah, befand er sich in einem Raum mit einem kleinen Fenster. Es war finster, aber Schniefmuggel hatten Nachtaugen, Dunkelheit macht ihnen nichts aus. Ihm schien nur, als sähe er alles von oben. Vorsichtig versuchte er, einen Fuß vor den anderen zu setzen, aber er war zu keiner Bewegung fähig, etwas Starres hielt ihn fest.
Oh, grünes Durcheinander! Der Fluch der Hexe tat seine Wirkung! Nobbelquatz wusste, dass die Menschen Dinge besaßen, die im Wurzelland niemand kannte und brauchte. Zu diesen nutzlosen Dingen gehörten Spiegel. Jetzt steckte er also in solch einem fest, hatte einen Buckel und Spinnenfinger und konnte nichts dagegen tun.
"Ob mich jemand in diesem Ding sieht?", fragte er sich, ließ seine Augen durchs Zimmer schweifen und erblickte einen Schrank, ein Bett, einen Tisch und einen Stuhl. Einen Menschen sah er nicht.
Bösina hatte recht: Hier würde ihn in hundert Jahren keiner finden. Nobbelquatz wusste nicht, wann er das letzte Mal geweint hatte, aber nun rannen ihm dicke Tränen über die runzligen Wangen. Vor seinen Augen verschwamm alles in Undeutlichkeit - das Spiegelglas wurde durch die Tränen getrübt. Ach, nicht einmal richtig weinen war möglich. Undeutlich erkannte er, dass etwas im Raum herumflatterte und wieder verschwand. Aber vielleicht machte er sich nur etwas vor.
Als der Tag anbrach und es im Raum heller wurde, erwachte Arella. Ihre Blicke huschten von einem Gegenstand zum anderen, sie konnte Nobbelquatz jedoch nirgendwo entdecken. "Aber er ist hier!", sagte ihr eine innere Stimme. Dann blickte sie zufällig auf den Spiegel an der Wand. Das Glas war inzwischen wieder klar und da stand der Freund - bucklig, spinnenfingrig und traurig.
"Nobbelquatz", rief sie glücklich und flog auf seine Nase zu, um ihn zu necken, wie sie es stets tat, wenn sie sich begegneten.
Peng! prallte sie gegen das Spiegelglas!
Der Freund verzog mühsam den Mund, als versuche er, etwas zu sagen. Da ahnte Arella, dass er sie zwar sehen, aber nicht hören und ebenso wenig etwas sagen konnte. Vor ihm schwebend hob sie hilflos die Schultern und schüttelte den Kopf.
Nobbelquatz schloss die Augen, um nicht wieder weinen zu müssen.
Arella ließ sich dem Spiegel gegenüber auf dem Schrank nieder.
Lange saß sie da und überlegte, was sie tun könne, um den Freund aus diesem Gefängnis zu befreien. Hin und wieder flog sie zum Spiegel und streichelte dem Eingeschlossenen die runzligen Wangen, obgleich sie nur kühles Glas spürte.
Dann geschah etwas Unerwartetes.
Ein Junge betrat das Zimmer, warf sich aufs Bett und schluchzte bitterlich. Als er sich etwas beruhigt hatte, trat er vor die Wand und starrte auf ein Bild, das dort hing.
Arella erkannte darauf eine Frau.
Wahrscheinlich war das die Mutter des Jungen. Schließlich warf dieser auch einen Blick in den Spiegel. Es schien, als sähe er den Zwerg an. Nobbelquatz wurde nervös.
Auch Arella hielt die Luft an: Ob das Menschenkind ihren Freund bemerkte? Leider nein! Der Junge strich sich nur die Haare glatt und wischte sich mit dem Ärmel seines Hemdes die Tränen fort. Dennoch wuchs in Nobbelquatz die Hoffnung auf Befreiung. Er befand sich ja nicht mehr allein in diesem Raum: Arella war hier, seine Freundin, und ein Mensch, der sehr unglücklich zu sein schien. Noch einmal verließ der Junge den Raum und als er gegen Abend zurückkam, warf er sich aufs Bett und starrte stumm die Decke an.
Nobbelquatz überlegte angestrengt, wie er sich dem Menschenkind bemerkbar machen könnte. Sie hatten sich beide im Spiegel angeblickt, aber der Junge hatte ihn nicht gesehen. Menschenaugen waren so schwach!
Arellas Augen durchdrangen zwar den Zauber der Hexe, aber hören konnte auch sie den Freund nicht. Es schien alles hoffnungslos!
Der Junge stand plötzlich entschlossen auf, öffnete den Schrank und packte einige Dinge in ein Tuch, das er zu einem Bündel verknotete.
"Heute Nacht laufe ich davon", sagte er leise.
Arella, die lauschend auf dem Schrank saß, hörte es und dachte: "Wenn ich das Menschenkind verstehe, wird es vielleicht auch meine Stimme vernehmen. Gemeinsam könnten wir einen Weg finden, den Schniefmuggel zu befreien."
Leider war der Junge inzwischen auf dem Bett neben seinem Bündel eingeschlafen.
Arella nahm allen Mut zusammen und kitzelte seine Nasenspitze. "Junge, kannst du mich hören?", rief sie, so laut es ihr möglich war. "Ich bin Arella, die Elfenkönigin. Ich brauche deine Hilfe! Mein Freund Nobbelquatz ist im Spiegel gefangen!"
Der Junge fuhr sich mit dem Handrücken über die Nase, lächelte, drehte sich um und schlief weiter.
Enttäuscht flog Arella zum Spiegel und schüttelte den Kopf.
Nobbelquatz verstand - das Menschenkind war nicht aufgewacht.
Arella legte den geneigten Kopf in die rechte Handfläche, ein Zeichen dafür, dass sie müde war und ebenfalls ein wenig schlafen wollte. Wer hätte ihr das verdenken wollen? Hurtig schwebte sie auf den Schrank zurück.
Nobbelquatz dachte nach und dachte nach ...
Mitten in der Nacht hatte er eine Idee: Der Hexenzahn war ihm eingefallen, der noch in seiner Jackentasche steckte. Wenn er mit dem ans Spiegelglas klopfte, vielleicht hörte der Junge das?
Nur - wie bekam er seine Hand in die Jackentasche? Er stand ja hier wie ein Blatt zwischen zwei Flächen gepresst. Versuchsweise bewegte der Zwerg die Spinnenfinger seiner rechten Hand und siehe da - was er für ein großes Unglück gehalten hatte, erwies sich nun als noch größeres Glück! Die fadenartigen Gebilde schlängelten sich am Glas entlang in seine Tasche hinein und wickelten sich um den Hexenzahn.
Sobald sie ihn bewegten, geriet der Spiegel aus dem Gleichgewicht. Er schwang von links nach rechts und von rechts nach links, rutschte vom Nagel, fiel - plumps - auf den Fußboden und zerbrach in viele Stücke. Doch wenn Nobbelquatz gehofft hatte, er könne nun einfach aufstehen, den Raum verlassen um ins Wurzelland zurückkehren, so hatte er sich geirrt. Auch er fühlte sich in viele Einzelteile zerlegt.
Als der Spiegel zersprang, schreckte der Junge in seinem Bett auf.
Dick und rund stand der Mond am Himmel und leuchtete ins Zimmer hinein.
"Gott sei Dank!", murmelte der Bursche erleichtert. Eigentlich hätte er schon längst unterwegs sein wollen. Was hatte ihn geweckt? Etwas war mit Klirren zersprungen!
Als Erstes fiel dem Jungen das Bild der Mutter ein. Er tappte zum Schalter und machte Licht. Was er erblickte, ließ ihn erleichtert aufatmen: Das Bild hing unbeschädigt an der Wand, der Spiegel jedoch lag zersplittert auf dem Fußboden. Ein Wunder, dass er nicht in die Scherben getreten war!
"Weshalb ist der Spiegel von der Wand gefallen?", grübelte der Junge. "Spukt es hier etwa?"
Nicht, dass er sich vor Geistern gefürchtet hätte! Wollten sie ihn vielleicht davor warnen wegzulaufen? Er wusste eigentlich gar nicht, wohin er gehen sollte!
Die Splitter durften jedenfalls nicht liegen bleiben. Doch mitten in der Nacht Kehrblech und Besen zu holen bedeutete, die knarrende Treppe hinabzuschleichen. Er würde die Bauersleute wecken und da gab es nur wieder Ärger. Davon hatte er am Tag genug, nachts musste das nicht auch noch sein. Seit seine Mutter gestorben war und ihn allein zurückgelassen hatte, kümmerten sich diese Menschen um ihn. Sie ließen ihn oft genug spüren, dass er ein Fremder war, obwohl er für sein tägliches Brot arbeitete, so gut er konnte. Schon lange hatte er ans Davonlaufen gedacht und es heute Nacht endlich wahr machen wollen.
Wieder blickte der Junge auf die Spiegelscherben. Was gingen sie ihn an? Sollten sie doch liegen bleiben!
Plötzlich begannen sich viele Splitter vor seinen Augen zu verfärben. Jeder nahm eine besondere Farbe an, schien Teil eines Bildes zu sein: Da erkannte er ein halbes Hosenbein, dort ein Stück von einer Glatze, ein Viertel Bein, einen Fuß, viele Stücke eines roten Bartes, ein Auge ... und das blickte ihn tatsächlich an und zwinkerte ihm zu. Abseits lag ein Stück mit Fäden, die wie Spinnenbeine aussahen, und daneben noch eins ... Das war gruselig!
Der Junge bekam nun doch eine Gänsehaut.


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