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Aus dem Buch: Dieter K├Ânig - Feuerblumen - (Auswahlband)
 
Feuerblumen:

schaurigschöne, schwarzgoldrot pulsierende Blütenpilze mit tödlichem Herzen ...

Hochgiftige Wolken waren über die Erde gekrochen wie glühender, tödlich strahlender Geifer eines verwundeten Drachens. Sie hatten das Antlitz der Welt verändert.
Tausend Jahre war das her ...

Tief unten, geschützt von Millionen Kubikmetern Fels, regte sich noch Leben; der traurige Rest einer einstmals blühenden Zivilisation; traurige Clowns, die sich einmal "Krone der Schöpfung" genannt hatten; zusammengepfercht wie krabbelnde Maikäfer in einem alten Schuhkarton.
Sie lebten nur ? nichts sonst.

Die virtuelle Welt der Unterhaltungselektronik war die einzige Alternative zum tristen, traurigen Leben. Sie sorgte dafür, dass man die Enge, die Frustration des durcheinander quirlenden Ameisenstaates tief unter der verbrannten und vergifteten Oberfläche ertrug; dass man die Demütigungen einer allzu freizügigen Mitbewohnerin vergessen konnte. Die Erlebnisebene machte frei ...

Es war reine Lust, mit den elektronischen Bits und Bytes auf Reisen zu gehen, als Ritter gegnerische Burgen zu erobern, im Mesozoikum auf gefährliche Großwildjagd zu gehen, ganz persönliche und meist verpönte erotische Fantasien auszuleben, vor allem anderen aber die Geheimnisse einer verbotenen Religion zu ergründen, deren Gebote und Dogmatiken zwar Opium für das Volk, aber Gift und Galle für die etablierte Führung war.
Freitag nutzte jede freie Minute für seine Recherchen. Er wollte wissen, was Menschen dazu brachte, sich für ihre Religion hinrichten zu lassen. Er war Moses, er war Noah, er war selbst Jesus in den programmierbaren Schaltkreisen seiner Traummaschinerie. Und er war ihr Sklave. Sie beherrschte ihn, machte ihn zu ihrem Lakaien, machte ihn süchtig und hörig.
Nur manchmal, wenn der Sensor die virtuellen Erlebnisse unterbrach, damit der Träumer seinen Bedürfnissen nachkommen konnte, dann brach die Wirklichkeit über Freitag herein wie ein Sturzbach, wie ein Wasserfall. Ab und zu kam es vor, dass er sich dann einschloss, nichts aß, nichts trank, manchmal sogar weinte, wenn aus der winzigen Nebenzelle das Stöhnen Rosys drang, während sie sich ungeniert mit irgendeinem jüngeren Partner vergnügte.
In solchen Augenblicken mochte es vorkommen, dass ihn ein unwiderstehlicher Drang hinaus auf die Rollbandstraße trieb, zwischen eckige Schultern, stoßende Ellbogen, stumpfsinnige Gesichter. Dann ließ er sich von der Woge flutender Leiber erfassen, durch rote und grüne und blaue Tunnel tragen, unter schreienden Neonreklamen hindurch, vorbei an hämmernden Musikautomaten, überfüllten Bars, hartnäckig flimmernden Zeitungsständen. Bis er jemanden traf, den er kannte.

"He du, Pierre ?!"
Freitag drehte sich nur mäßig interessiert um.
"Ja?"
"Ich weiß etwas, das du nicht weißt ?!"
"Jerry, Mann ?! Sag an, was gibt?s Neues?"
Der kleine Bursche da vor ihm, mit einer hohen Stirn, die ihm fast bis zum Hinterkopf reichte, stellte eine wichtigtuerische Miene zur Schau.
"Schnee!", sagte er. "Weiß wie der Gipfel des Kilimandscharo!"
Freitag rümpfte die Nase.
"Da gibt es längst keinen Schnee mehr", entgegnete er. "Da gibt es vielleicht nicht mal mehr einen Kilimandscharo. Hast du dich wieder mit Baretts Leuten eingelassen? Du weißt doch, dass er nach der Strafbehandlung niemanden mehr richtig wahrnimmt. Handel mit Heroin kostet dich alles, was du an dir kennst."
"Das ist kein Heroin." Jerry blickte sich nach allen Seiten um. "Das ist neues Zeug. Man sagt, es käme von oben ?!"
Freitag lachte. Ein böses Lachen.
"Und darum ist es auch so teuer, wie ??" Er stieß den Freund mit der flachen Hand vor die hohe Stirn. "Denken ist Glücksache, Mann!"
Er schaute sich nun selber um, ehe er sich zum Ohr des Kleinen niederbeugte.
"Hör zu, Jerry", drängte er. "Schau zu, dass du das Zeug loswirst! Alles, was du hast! Und dann lass dich nie mehr in Baretts Nähe blicken. Ich will, dass du mich noch kennst, wenn wir uns nächste Woche beim Jobben treffen. Vor allem möchte ich mich selber noch kennen. Verstehst du? Halte meinen Arsch da raus!"
Jerry schien noch etwas sagen zu wollen. Mit der flachen Hand fuhr er sich über den Mund und seine Augen huschten unstet vom Freund zu den Reklamedisplays und zurück.
"Ich pass schon auf", sagte er dann, während er sich rückwärts entfernte. "Ich halte dich da raus! Versprochen ?!"
Freitag wurde danach zweimal von Leuten mit grauen Anzügen und blauen Krawatten festgehalten und durchgecheckt. Sie verfolgten offensichtlich Jerrys Spuren. Manchmal verfolgten sie auch die Spuren junger Mädchen, sofern sie hübsch waren. An Freitag hatten sie nur mäßiges Interesse.
Später fand sich der Frustrierte in einem der brodelnden Vergnügungszentren wieder, ließ sich in rasenden Zentrifugen die stickige Luft um die Ohren blasen, schaukelte wie wild in den Rotationsschiffchen. Wie so oft, vergaß er auch diesmal all seine guten Vorsätze und belastete seine Kreditkarte bis an die Grenzen, indem er in Jimmys Bar zu einem der Mädchen ging.

Sandy war ein schwarzer Engel mit sprühenden Glutaugen.
"Ärger gehabt?", erkundigte sie sich mit rauchig klingender Stimme.
Freitag hob resigniert die Schultern, versuchte einem Gast auszuweichen, trat dafür einem andern auf die Zehen. Kopfschüttelnd schob er die schwarze Venus auf eines der Separees zu; sie biss ihm während des Gehens ins Ohrläppchen.
Das Lärmen und Brodeln und Quirlen endeten abrupt, als der elektronische Vorhang fiel. Ein Hauch nach duftenden Narzissen hüllte die beiden ein, umschmeichelte sie, entrückte sie der Realität. Warme, sanfte Haut schmiegte sich an Freitags Körper; volle, sinnliche Lippen streiften seinen Mund.
"Du bist ganz schön down", girrte die Rauchstimme, "du brauchst mich dringend ..."
Freitag seufzte, schwieg, betrachtete ihr langfingrigen, eleganten Hände, wie sie geübt streichelnd über wohl geschwungene Hüften fuhren, die zarten, nur spärlich verhüllten Brüste berührten, gekonnt und aufreizend im Schoß verweilten, den ein hauchzarter Slip mehr enthüllte als bekleidete.
Freitag erglühte in Feuerbränden.
"Eine Scheißwelt ...!", kam es ungestüm über seine Lippen. Grimmig ließ er sich in einen der pneumatischen Sessel fallen, öffnete den Mund, ließ die aufklingenden Harmonien einer Sphärenmusik in sich hinein und die Leere, die Frustration, die Enttäuschung aus sich heraus. Sie manifestierten sich inmitten des Separees, zerfaserten dann in den plastischen Tonfolgen ätherischer Melodien.
Die rauchige Stimme girrte, lachte.
"Du musst das nicht so ernst nehmen", besänftigte sie ihn leise. "Einmal oben ? einmal unten. Das Leben tut nun mal nicht das, was wir gerne hätten."
"Wie recht du hast", seufzte Freitag ergeben, ließ es zu, dass sie niederkniete, seine Hüften umfing, ihre Lippen in seinen Schoß presste, "wie unbarmherzig recht!"
"Natürlich", sagte sie dunkel. "Steck deine Kreditkarte in den Buchungsschlitz, dann unterhalten wir uns weiter ..."
Innerlich verfluchte Freitag die Unterbrechung, schob aber gehorsam die kleine Karte in die Abbuchungsautomatik. Er musste sich zwingen, um nicht seine Erregung zu verlieren.
"Ich will raus hier!", kam es gequält über seine Lippen. "Ich werde sonst verrückt!"
Sie schien plötzlich etwas kühler.
"Du willst wohl ein zweiter Matzinger werden!", äußerte sie trocken. "Für ein paar Minuten Freiheit an einer radioaktiven Oberfläche einen Schnitt ins Gehirn; ein Leben lang Marionette sein, Zombie ?!"
Sie schüttelte zynisch ihr Köpfchen.
"Nein", keuchte Freitag atemlos, "nur das nicht. Matzinger war zu ungeschickt, er hätte der Patrouille entkommen können!"
Sie erhob sich energisch.
"Wir sollten von der Wirklichkeit reden", sagte ihre Rauchstimme.
Die Musik wurde lauter, der Narzissenduft übermächtig, schwemmte Freitag vor sich her wie auf dem Kamm einer schäumenden Woge. Halb in Trance sah er zu, wie sich Sandys Körper ekstatisch bewegte, fühlte den Reiz, den sie ausstrahlte, der sich in seinem Schoß konzentrierte. Das Blut pochte in seinen Schläfen.
"Ja ...!", hauchte er heißer, als sie sich aus ihrem Slip schälte und provozierend zwischen die Beine griff. "Oh, ja ...!"

"Wo warst du?" Rosy Frage traf ihn wie der Stich eines Messers.
Wenn sie nur nicht stets so forsch und rechthaberisch auftreten würde. Er hätte ihr freiwillig alles gesagt, was er getan und gedacht hatte, wenn sie ihn nur darum gebeten hätte. Aber stattdessen forderte sie, drängte sie, ärgerte sie ihn.
"Warum willst du das wissen?"
"Stell dich nicht so an!", rügte sie ihn. "Das Neuronale Netz schickt uns Nachrichten auf die Erlebnisebene, dass wir auf ein einzelnes Zimmer herabgestuft würden, wenn wir keinen größeren Beitrag zur Allgemeinheit leisten könnten. Ich kann wirklich nicht mehr tun, ich will schließlich auch meine Freiheit. Aber du könntest wenigsten einmal in der Woche auf deine Machoerlebnisse verzichten ? oder wir sollten ein Kind nachweisen ?"
Er ärgerte sich maßlos über sie, wenn sie in diesem Ton mit ihm sprach, aber sie war schön. Sie hatte die naturschwarzen Haare über den Ohren abrasiert und nur einen lockigen Streifen von der Stirn bis in den Nacken stehen lassen. Im linken Ohr trug sie mindestens ein halbes Dutzend silberner Ringe. Am rechten Ohr trug sie den geschwungenen Klapphalter der Benachrichtigungseinheit. Sobald wieder Andrang auf der Krankenstation herrschte, würde sie mit dieser Einheit reden und sie würde jede Beschäftigung unterbrechen, sich anziehen und gehen, wenn die Einheit es verlangte. Pierre Freitag sprach aus Erfahrung.
"Ein Kind ??", kam es frustriert über seine Lippen ohne dass er es zurückhalten konnte, "Wie sollten wir, wenn dein Piepser uns ständig davon abhält?"
Kaum hatte er ausgesprochen, erschien es wieder, dieses harte Funkeln in ihren Augen. Freitag kannte es - es etablierte sich stets kurz bevor sie anfing, ihn absichtlich zu verletzen.
"Außer dir", kam es kalt von ihren schwarz bemalten Lippen. "Hat sich noch keiner beklagt. Vielleicht sollte ich mir einen besseren Mitbewohner aussuchen. Einen, der weniger redet und mehr zeigt."
Himmel noch mal! Warum tat sie das? Sie setzte ihm die prächtigsten Hörner auf, nur um sie ihm im nächsten Augenblick mitten ins Herz zu stoßen? Gewaltsam versuchte er sich zu beherrschen.
"Rosy", kam es mühsam über seine Lippen, "wir sind beide aufgeregt. Komm, lass uns etwas unternehmen. Etwas, bei dem wir uns aussprechen können. Lass uns essen gehen, vielleicht zu Winters, über dem Casino, da gibt?s echtes Fleisch."
Sie schwieg. Hatte sie sich?s überlegt? Hatte sie tatsächlich seinen guten Willen akzeptiert? Hatte sie inzwischen ebenfalls die Absicht, einzulenken?
"Du bist", ließ sie vernehmen, und es hörte sich an, als schärfe sie ein bereits geschärftes Messer ein zweites Mal, "der naivste Trottel, der mir jemals unter die Augen gekommen ist!"
"Ach, und wieso?" Ärger drohte ihn zu übermannen.
Sie schöpfte Atem, und das klang ebenfalls als ziehe sie ein Messer über den Wetzstein.
"Du bist der einzige, der nicht weiß, woher das Fleisch kommt. Du bist der einzige der äußert, sein Steak sei weich wie ein Kinderpopo, und der trotzdem nicht über die Säuglingssterblichkeitsrate nachdenkt. Du bist der einzige, der nicht fragt, warum es nirgends in unseren Städten einen Friedhof gibt. Du bist der einzige, der sich von der Werbung sagen lässt, dass es in unseren Überlebenseinrichtungen Rinder gäbe, die Schweinefleisch fressen und trotzdem gesund bleiben könnten ?!"
"Und? Ist das denn nicht richtig ??"
Sie zuckte zusammen, als litte sie unter einem Stromschlag. Tränen schossen in ihre Augen. Sie schien etwas sagen zu wollen, brachte aber kein Wort über die Lippen. Schließlich wandte sie sich brüsk um. Die Tür glitt hinter ihr so laut und heftig ins Schloss, dass die Wände zitterten.
Freitag stöhnte auf. "Was habe ich jetzt wieder Falsches gesagt?"
Lärm von draußen flutete in die winzige Wohnung. Rosy schien die Tür zur Rollbandstraße geöffnet zu haben. Wollte sie schon wieder alleine fortgehen? War sie schon wieder so sehr aufgebracht? Ihr waren doch bloß die Argumente ausgegangen. Wie immer! Oder tat sie das nur, um ihn noch mehr zu verletzen? Ganz sicher kam sie auch diesmal erst am nächsten Morgen nach Hause.
Zornig drehte er sich um, kickte einen heruntergefallenen Trinkbecher in die Ecke. Ablenkung war alles, was er jetzt brauchte! Frustriert aktivierte er die Erlebnisebene der vom Neuronalen Netz gesteuerten Unterhaltungselektronik. Heute wollte er bloß noch Aliens jagen. Einfach bloß drauflos ballern und Trefferpunkte sammeln.

Freitag war schon lange nicht mehr im Club gewesen ? zu voll dort - aber jetzt musste er einfach hin gehen. Leute aus der Verwaltung waren da, Leute, die er vom Wettbüro her kannte und Willard, den er öfter beim Kartenspielen im Kasino traf.
Willard schien clever. Er konnte sich merken, welche Karten gefallen waren und welche noch im Paket sein mussten. Er erzählte auch viel von Simulationen für die Abwehr organisierter Angriffe aus dem Weltraum. Er hatte mit Philosophie und Religionsgrundsätzen, wie sie Pierre Freitag interessierten, nicht viel am Hut, ihn interessierte vielmehr Militärstrategie in jeglicher Form. Willard schien der richtige Mann. Freitag wartete, bis er ihn an der Bar erwischte.
"Sag? mal, alter Freund", begann er. "Du bist doch kein Vegetarier? Du magst doch auch hin und wieder ein Stück Fleisch auf dem Teller ??"
"Klar, wieso?" Der Kartenspieler musterte Freitag mit wässrigen Augen, deren blauverwischte Iris im Weiß der Augäpfel zu verschwimmen schien.
Freitag hob auf die Gegenfrage hin bloß die Schultern.
"Nur so ?! Es könnte doch sein, dass die Werbung lügt, und wir haben gar keine Schweine oder Rinder in den unterirdischen Stadtanlagen?"
Willard fuhr sich nachdenklich über den ziemlich widerspenstigen Haarschopf.
"Könnte natürlich sein", räumte er ein. "Die relevante Frage muss allerdings lauten: Wem nützt das? Ich meine, du kannst nicht einfach irgendwelche Annahmen publik machen, ohne zumindest theoretisch zu überprüfen, ob die zugrunde liegende These auch haltbar ist. Weißt du, Napoleon hat damals seine Soldaten zweimal durch die ganze Welt gejagt, ohne vorher eine Simulation zu programmieren, ob er die Fronten auch wirklich halten könnte. Wenn du jetzt behauptest, es gäbe keine Nutztiere ?"
"Das habe ich nicht behauptet!"
"?dann musst du auch die logische Gegenprobe machen: Wem würde es nützen, wenn es keine tierischen Fleischlieferanten in unseren Ghettos gäbe?"
Willard schaute ihn recht bedeutungsvoll an. Freitag hob abermals die Schultern und schöpfte tief Atem.
"Ja, schon ?", gab er zurück. "Uns persönlich würde es vermutlich an Fleisch fehlen ? glaube ich mal. Also sollten wir schon über Nutztiere verfügen. Andererseits: Wohin wandert dann das Fleisch unserer Leichen?"
Eine Weile rührte sich der Blondschopf nicht, während er Freitag anstarrte, als ob dieser ein Loch im Kopf hätte, hinter dem es bestimmt bald etwas zu entdecken gäbe. Schließlich wandte er den Blick ab und betrachtete das Whiskeyglas in seinen Händen.
"Die Frage ist in der Tat berechtigt", gab er leise zu. "Die Verwaltung unseres Höhlendorfes könnte unter Umständen auf Rinder und Schweine verzichten, und damit ein leidiges Entsorgungsproblem aus der Welt schaffen. Wir würden uns dann selber ?"
"Igitt ?!"
"Beruhige dich!", Willard zeigte so etwas wie ein Grinsen. "Vielleicht mag alles auch ganz harmlos sein. Ich meine ja nur ?"
Freitag wartete hoffnungsvoll auf weitere Worte von Willard, denn er glaubte, dass er das, was er jetzt noch zu hören bekommen würde, viel lieber hören würde, als das, was er gerade eben gehört hatte. Willard wiegte seinen Blondschopf hin und her.
"Auf der Oberfläche", sinnierte er laut, "gab es Jahrtausende lang ein funktionierendes Ökosystem, das sogar ziemlich intelligentes Leben hervorgebracht hat ? wie ich annehme, wenn ich unser Potential betrachte. Die elektronischen Maschinen hier unten, mit ihrem verfilzten Netzwerken, sind nicht intelligent! Sie beschützen uns bloß, solange sich kein Fehler ins System schleicht!"
"Du willst mir doch keine Angst machen ?"
Willard furchte die Stirn.
"Wir haben das ursprüngliche Ökosystem verloren", ließ er verlauten, "vielleicht aus Dummheit, vielleicht auch bloß auf der Flucht vor fremden, aggressiven Lebewesen, die scharf auf unsere Rohstoffe waren, vielleicht auch bloß um den Planeten vor uns selbst zu schützen. Aber wir könnten diese Verhältnisse wieder zurückerobern, wenn wir am Leben bleiben ? und wenn wir Mut haben ?!"
"Glaubst du wirklich an das, was du da sagst?"
Willart zog mit einem schmatzenden Geräusch die Luft durch die Zähne.
"Schau mal, Pierre", dozierte er dann, "wenn da unten irgendwo in den Eingeweiden der Stadt riesige Tanks mit Algen stehen, dann leiten wir da unsere Abfälle rein, unseren Kot, unseren Urin und die Erntemaschinen ernten aus den Behältern saubere Algen, aus denen man leckeres Cordon bleu machen kann. Wären damit Nutztiere wie Schweine überflüssig? Oder erfüllen sie vielleicht noch einen weiteren Zweck? Und Rinder? ? na, ja, vielleicht fressen die Rinder in Wirklichkeit Schweinefleisch, oder das, was von den Schweinen übrig bleibt ?"
Frustriert beendete Freitag das Gespräch. Nichts von dem. was er gehört hatte, gefiel ihm sonderlich. Aber sicherlich würde er so viele Meinungen zu diesem Thema zu hören bekommen, wie es Clubmitglieder gab, wenn er nur weiter danach fragte.
Nun ja, die virtuellen Gesprächspartner waren ja auch noch da. Vielleicht lohnte es sich tatsächlich, wenn er sich einmal wirklich mit dieser Thematik auseinandersetzte, und tiefer ins wuchernde System der allgewaltigen Neuronalen Netze einstieg.
Er nahm sich vor, bei der nächsten Session daran zu denken.

Leidlich taumelnd und schwankend kam er nach Hause, stolperte in den Nebenraum. Leere gähnte ihm entgegen; winzig und unscheinbar flimmernd nur der Merkschirm mit einer Nachricht: "Bin auf einer Party, Liebling. Erwarte mich nicht vor übermorgen zurück! Rosy ?!"
Hämisch grinsten ihm die Worte entgegen.
"Blödmann ...!", knurrte Freitag den Bildschirm an, streckte ihm die Zunge heraus.
Schwankend begab er sich in seine eigene Wohnzelle, fingerte an dem Steuergerät der Panoramawände herum; sie flammten auf, stabilisierten sich.
Feuergarben stoben aus mehreren Bergkegeln, gleichmäßig verteilt auf alle vier Wände; nahtlos, kontinuierlich, dreidimensional; eine bestechend farbenfrohe Apokalypse der Weltentstehung ? vielleicht auch des Weltuntergangs ...
Befriedigt starrte Freitag auf die lautlos tobenden Gewalten, in das aufgischtende Wasser mit den Dampfwolken darüber, das von goldroten Feuerströmen erst zerrissen, dann hoch geschleudert wurde. Vor ihm, hinter ihm, neben ihm. Es war begeisternd, die Zerstörung zu beobachten, die entfesselten Gewalten zu genießen ...
Eine Weile betrachtete Freitag das Flammenmeer, die lodernden Gewalten, die berstenden Berge. Dann atmete er ernüchtert aus. Mit seinem Atem entströmte die wilde Wut, die Lust an dem Schauspiel, die gerade eben noch erwachsene Kraft.
Die Projektion auf den Zellenwänden verlor ihre magische Anziehungskraft, verwandelte sich in aneinander gereihte Abläufe physikalischer Gesetzmäßigkeiten von strömender Lava, verdampfenden Wassers; die Farben verloren ihre Brillanz, lösten sich auf in bläuliche, gelbe, goldrote Töne, erstarben zu einem elektronischen Abbild projizierter Phantasie auf plastikkaltem Hintergrund.
Mit einem entschiedenen Druck auf die empfindlichen Sensortasten löschte Freitag den unwirklichen Traum aus, verjagte ihn von den Wänden, verbannte ihn in den Speicher des Panoramagerätes und ließ die Lieblosigkeit der Wohnzelle über sich hereinbrechen. Trist war sie. Trist und verletzend.
Raus hier, schrie alles in ihm, nur auf und davon. Nur fort! Nur weg hier! Vor seinem geistigen Auge sah er die Brandung eines längst zerstörten Badestrandes. Er fühlte den Wind im Haar, roch den salzigen Geruch der sprühenden Gischt.
So etwas geschah wirklich, irgendwo da oben. Oder es war zumindest geschehen. Der Nukleus der Neuronalen Netze hatte diese Empfindungen und Erlebnisse mit herunter gebracht in die verdammten Ghettos. Er hatte sie über die langen Zeiträume hinweg auf den verschiedensten Servern gespeichert, nur um damit Nacht für Nacht die Gehirne frustrierter Stadtbewohner einzulullen. Nur um sie Tag für Tag zu betäuben.
Aber die dargestellte Welt war real. Sie musste real sein! Freitag war sich dessen sicher: Da oben wartete die wirkliche Welt!
Aufstöhnend presste er sich die Fäuste gegen die Schläfen, wand sich wie unter innerem Schmerz, ließ sich schließlich auf die Knie fallen; seine Schultern zuckten wie unter elementarem Schluchzen.
"Wie hat Matzinger das nur herausgefunden?", presste er gequält durch die zusammengebissenen Zähne, während seine Tränen wie morgendlicher Tau auf dem Teppich glitzerten. "Wie hat er nur den Weg zur Oberfläche entdeckt?"
Konnte es sein, dass es in diesem Geschwür vernetzter Leitungen, Controller und Server eine Lücke in irgendeinem Protokoll, in irgendeiner Firewall gab? Konnte es sein, dass jemand wie Matzinger in der Lage war, eine solche Lücke zu finden? Konnte es sein, dass jeder sie fand, wenn er nur eifrig genug danach suchte?
Plötzlich beherrschte ihn diese Idee vollkommen. Unvermittelt trockneten die Tränen, das Schluchzen verstummte: Freitag starrte erregt auf das Schaltpult seiner Unterhaltungselektronik.
Ja, so musste es gewesen sein: Das Erlebnisgerät wurde ? genau wie alles andere ? von den Neuronalen Netzwerken gesteuert. Sie erweiterten sich selbst, nach einem Bauplan, den vielleicht nur sie allein kannten. Aber irgendwo in diesen verfilzten Nervensträngen und Ganglien musste der verdammte Nukleus sitzen, der diesen Bauplan kannte. Es musste nur gelingen, diesen Speicherbereich aufzuspüren und in ihm nach dem Beginn des Neuronalen Wachstums zu suchen. In den Bits und Bytes dieses Sektors sollte noch die ursprüngliche Beschreibung der unterirdischen Städte schlummern, bereit, von jedem aufgeweckt zu werden, der die richtigen Fragen beherrschte.
Hatte er, Pierre Freitag, nicht alles über eine verbotene Religion herausgefunden? Hatte er nicht aus all den zensierten Daten etwas erfahren, das ihm das Netzwerk niemals auf direkte Anfragen mitgeteilt hätte?
Erregt erhob er sich. Was einmal möglich gewesen war, musste auch ein zweites Mal möglich sein. Sicher hatte Matzinger auf dieselbe Weise den Weg zur Oberfläche gefunden ...
Freitags Herz schlug spürbar in der Brust; in seinen Gliedern war ein Ziehen. Eine Kraft flutete in ihm empor, eine gewaltige, nie gekannte Energie. Hastig verrammelte er alle Türen, legte sich atemlos unter das Steuerpult und wählte den Anschluss an die Informationen des Netzwerks.
Blauer Raum breitete sich aus um ihn her, erfüllt mit orangefarbener Musik. Die Automatik erweiterte die Simulation um eine weitere Ebene und die Musik wirkte plötzlich dreidimensional. Die Startseite der Informationsräumlichkeiten etablierte sich.
Freitag begann sich einen Weg durch den Datendschungel zu suchen. Verwaltungslisten blätterten vorbei, technische Abhandlungen, militärische Waffensysteme und zerklüftete Flugscheiben, die den halben Himmel bedeckten. Weiter mit Kriegsgeschehnissen und pulsierenden Feuerblumen. Dann zurück zu architektonisch wertvollen Bauwerken und Stadtplänen.
Freitag arbeitete wie ein Verrückter, rief Daten ab, fluchte, wenn ihm die Neuronalen Netze hin und wieder einige der Antworten verweigerten, jubelte innerlich, wenn er über scheinbare Nebensächlichkeiten auf eine wichtige Link stieß und webte dabei aus vielen kleinen Einzelinformationen ein feinmaschiges Netz, bis er ihn hatte, den Nukleus. Bis er offen vor ihm lag, der zentrale Netzwerkknoten, in dem der Weg zur Oberfläche gespeichert sein musste.
Eine wilde Freude blühte in Freitag auf, ein Tatendrang sondergleichen. Wie besessen grub er sich hinein in die Informationen, verhaspelte sich, musste sich korrigieren und sprach dabei ? ganz aus Versehen ? die Schaltkombination für die Erlebnisebene aus.
Durch diesen Eingabefehler füllte die ungeheure Datensammlung des wild wuchernden Computergeschwürs die pulsierenden Zellen von Freitags Gehirn, induzierte ein noch nie da gewesenes Erlebnis mit übersteigerter Intensität. Es wischte Freitag fort, löschte ihn aus ...

Nun war er endgültig auf der Flucht.
Eintausendzweihundertundelf Stockwerke, eintausendzweihundertundzwölf.
Der Lift hielt.
Hämisch blinkte die Informationstafel den Text in Freitags Augen: "Ende des bewohnbaren Bereichs. Weiterbeförderung nur mit Legitimation!"


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