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Aus dem Buch: Reanate Becker - Adrian Troy - (Auswahlband)
 
Wie viel mochte in dieser Zeit geschehen sein?
Ich stand auf und schaute an mir hinunter, neugierig, welchen Körper die Hüter des Lichts mir diesmal gegeben hatten.
Es war ein muskulöser Männerkörper mit leicht gebräunter Haut. Ein Behälter mit Wasser stand in einer Ecke. Ich schaute hinein wie in einen Spiegel. Das Haar war halb lang und von schwarzer Farbe, die Augen schienen ebenso schwarz wie das Haar zu sein. Eine schmale Nase, ein Mund mit Lippen, die nicht zu voll waren, kräftige weiße Zähne und ein markantes Kinn rundeten ein ausdrucksvolles männliches Gesicht ab.
Ich schaute mich um und erkannte das Gewölbe, in dem ich mich vor wer weiß wie langer Zeit zum Schlaf niedergelegt hatte - das Lager mit den weichen Fellen, die kahlen Wände. Es wunderte mich nicht, dass im Kamin in der Ecke ein Feuer brannte und wohlige Wärme verbreitete.
Gabriel hatte gut für mich gesorgt in der langen Zeit.
Ein Knarren ließ mich über die Schulter blicken. Eine geheime Tür öffnete sich und eine unscheinbare, in ein graues Gewand gekleidete Gestalt trat ein. In der rechten Hand hielt sie den Stab des ewigen Feuers, auf dessen Spitze ein blutroter Rubin das Flackern der Flammen reflektierte.
"Lange hast du geruht, aber nun brauchen wir dich wieder, Adrian", hörte ich die Stimme des Unscheinbaren.
"Gabriel, schön dich wiederzusehen", sagte ich leise und spannte die bewegungsungewohnten Muskeln. "Was geschah mit dem Mann, dem dieser Körper gehörte?"
"Er starb an einer Überdosis Heroin", entgegnete Gabriel. "Wir haben ihn entgiftet. Dieser Körper ist so gut wie neu. Er wird dir in jeder Hinsicht gute Dienste leisten."
"Wie lange habe ich geschlafen?", erkundigte ich mich. "Und was soll ich dieses Mal erledigen?"
"Zwei Fragen und zwei Antworten, die ich dir darauf sogleich geben werde. Du wirst später viele weitere haben. Wir werden dich über alles aufklären. Wir - das sind in dieser Dimension derzeit Eva und ich. Die anderen wurden vom Herrn des Universums in andere Welten geschickt." Gabriel schwieg einen Augenblick. "Du hast fünfhundert Jahre geschlafen", fuhr er daraufhin fort. "Du musst eine Menge lernen, sonst kommst du in der gegenwärtigen Welt nicht zurecht."
Das Lernen stand vor jedem Erwachen. Warum sollte es diesmal anders sein? Wenig verwundert fragte ich: "Ihr braucht wieder meine Hilfe. Was ist geschehen?"
"Aguaros ist wieder da. Seine Gier nach Macht ist noch größer geworden und seine Wut auf die Hüter des Lichts unermesslich."

Ich erinnerte mich: Vor fünfhundert Jahren war ein Riss im Zeitgefüge entstanden mit verheerender Wirkung auf die Zwischenwelt. Dort wimmelte es von Dämonen, die irgendwann einmal durch die Hüter des Lichts von der Erde verbannt worden waren. Einige hatten die Gunst des Augenblicks genutzt, waren durch den Riss entkommen und hatten die Erde erneut unsicher gemacht. Sie zerstörten vieles, was die Menschheit im Laufe der Jahrhunderte aufgebaut hatte. Sie quälten und zerstörten irdisches Leben. An willigen Helfern hatte es ihnen nicht gemangelt. Die so Verführten hatten sich einen Vorteil davon versprochen, mit den bösen Mächten verbündet zu sein. Damals hatten wir - die Kämpfer des Lichts, Energiewesen in menschlichen Körpern - die Dämonen bald besiegen können. Nur ihr Anführer Aguaros, ein Urteilsvollstrecker Satans, des Fürsten der Hölle, war nicht so leicht zu überwältigen gewesen. Zuletzt aber war uns auch das geglückt. Wir hatten ihn in die Zwischenwelt zurückgedrängt und das Portal mit einem Artefakt aus fünf unterschiedlichen Siegeln verschlossen, die - zusammengesetzt - die Form eines Pentagramms ergaben. Eingraviert waren die vier Zeichen Wasser, Erde, Luft, Feuer und in der Mitte das Zeichen der Sonne.
Diese fünf Teile wurden von den Hütern des Lichts in fünf unterschiedlichen Zeitzonen versteckt. Kein Unbefugter sollte sie je finden können und die Möglichkeit haben, sie zusammenzusetzen. Geschah dies, dann öffnete sich die Zwischenwelt und die Dämonen würden über die Menschheit hereinbrechen wie Riesenwellen über die Küstenregionen der Erde. Und wenn ich Gabriel recht verstanden hatte, schien genau diese Gefahr nun zu drohen.

"Wie konnte es passieren, dass Aguaros sich befreite?"
"Wir wissen es nicht, denn die Artefakte befinden sich in Sicherheit. Vielleicht ein neuerlicher Zeitriss? Doch scheint er nur allein entkommen zu sein. Er befehligt wie einst Satans Höllenheer. Deine Aufgabe wird nun sein, den Dämon wieder dahin zu befördern, wohin er gehört: In die Verbannung."

Ich begann, mich mit den Begebenheiten der neuen Zeit vertraut zu machen. Erst dann konnte ich es wagen, mich der neuen Aufgabe zu stellen.
Schließlich kam der Tag, an dem ich mein Domizil verlassen durfte, um einen Kampf aufzunehmen, der gefährlicher und kräftezehrender sein würde, als alle bisherigen Auseinandersetzungen. Denn dieses Mal standen mir lediglich zwei Hüter des Lichts zur Seite: Eva und Gabriel, deren verlängerter Arm ich war - der Kämpfer Adrian Troy.

Kapitel 2

Der Übergang in die reale irdische Welt erfolgte wie immer im Zustand der Bewusstlosigkeit. Als ich meiner Sinne wieder mächtig war, schien sich nichts verändert zu haben: Noch immer umgaben mich die gleichen tristen Wände, stand da das Lager mit den Fellen, nur das Feuer im Kamin war erloschen ?
Dieses Szenario glich dem vergangener Einsätze. Ich nahm die Ausrüstung, die mir diesmal zugedacht war, in Augenschein und war gespannt darauf, wie sich die Umgebung im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hatte.
Die Kleidung, die ich trug, war zweckmäßig: Das Obergewand nicht mehr zweiteilig, sondern aus einem einzigen Stück bestehend, in das man hineinschlüpfte.
Ich holte noch einmal tief Luft und betätigte den geheimen Mechanismus, der eine Wand zurückgleiten ließ und mir den Weg in eine unbekannte Welt freigab.
Der erste Blick fiel auf einen dichten Vorhang aus Schlingpflanzen, deren sattgrüne Blätter eine Aussicht auf die Landschaft verbargen. Vorsichtig schob ich das Blattwerk beiseite und musterte neugierig die Umgebung.
Mein Versteck lag diesmal in einem Urwald. Farne wuchsen zwischen Bäumen, die hoch in den Himmel ragten. Als ich das letzte Mal hier war, dehnte sich vor mir eine Steppe mit hohem Gras, soweit das Auge reichte. Die Landschaft hatte sich im Laufe der Jahrhunderte also drastisch verändert. Die Bäume, die hier standen, mochten um die dreihundert Jahre alt sein.
Ich holte meine Ausrüstung aus dem Versteck. Sie umfasste nichts weiter als einen wetterfesten Umhang und das Wichtigste - mein Lichtschwert. Es hatte eine Länge von gut einem Meter und bestand aus der geweihten Energie der Magierinnen von Bustoro, die dieses Schwert zu einer wirkungsvollen Waffe gegen alle Kreaturen der Hölle machte. Kein Dämon hatte ihr etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen.
Ich legte den derben Umhang um und verbarg die Waffe darunter. Besorgt beobachtete ich durch das dichte Geäst die am Himmel aufziehenden Wolken. Die ohnehin nicht übermäßige Helligkeit des Waldes nahm sichtlich ab. Es würde nicht lange dauern, bis ich die Hand nicht mehr vor den Augen sah. Vielleicht sollte ich doch besser den morgigen Tag abwarten, ehe ich aufbrach, Aguaros zu suchen. Wie ich die Mächte der Finsternis einschätzte, waren sie über mein Erscheinen längst unterrichtet. Lohnte es sich, im Dunkeln gegen Bäume zu laufen, nur um Zeit zu gewinnen? Mein Schwert würde leuchten, wenn ich es wollte ? diese Option barg allerdings das Risiko, dass man mich leichter aufspüren konnte.
Ich entschied, abzuwarten, mir noch etwas Ruhe zu gönnen ? und die Augen zu schließen. Mein Geist ging auf Reisen - er löste sich von seinem geliehenen Körper und trieb hinaus in die Dunkelheit ?
Als ich erwachte, war es Tag geworden, und ich machte mich auf den Weg durch dichten Farn und verflochtenes Unterholz. Die Sonne stand hoch, es musste demnach Mittag sein, als ich einen Trampelpfad erreichte. Erleichtert folgte ich dem ausgetretenen Weg bis zum Ende des Waldes. Vor mir erstreckte sich eine hügelige Landschaft in den leuchtenden Farben des Sommers. Der Pfad führte geradewegs in diese wunderschöne Gegend hinein. Ich folgte ihm auch weiterhin und hoffte, bald auf eine menschliche Ansiedlung zu stoßen. Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllen sollte.
Als es Abend wurde, war die hügelige Landschaft in eine weite Ebene übergegangen. Am Horizont blinkten winzige helle Lichter. Vielleicht befand sich dort eine Ortschaft oder gar eine größere Stadt. Heute war sie auf keinen Fall mehr zu erreichen. Also richtete ich mir ein Lager ein und entzündete ein kleines Feuer, das kaum Rauch abgab. Ich wickelte den Umhang um mich, legte mich in die Nähe der leise knisternden Flammen und schlief ziemlich schnell ein.
Es war ungefähr Mitternacht, als mich ein Rauschen in der Luft weckte. Das Feuer war erloschen.
Gegen den sternenbedeckten Nachthimmel hoben sich schemenhaft eigenartige Wesen ab. Mit Schwingen, deren Spannweite sicher mehrere Meter betrug, glichen sie den geflügelten Wesen der Urzeit. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich vermutet, in der Zeit der Dinosaurier angekommen zu sein. Doch Gabriels Versicherung zufolge befand ich mich in einer modernen Welt. Wie war es möglich, dass Tiere die Erde bevölkerten, die doch längst ausgestorben sein sollten?
An Schlaf war nicht mehr zu denken und so eilte ich dem Schwarm hinterher, der am nächtlichen Himmel lautlos und gemächlich in großen Kreisen dahinzog. Die Verfolgung der Vögel, die in nördlicher Richtung unterwegs waren, brachte mich von meinem Ziel ab, dorthin zu gehen, wo ich am Abend den hellen Lichtstreifen gesehen hatte. Aber die Anwesenheit dieser Tiere erregte meine Neugier mehr als eine mögliche Ortschaft.
Die Kreaturen verschwanden am Horizont ? und aus meinem Blickfeld. Ich hoffte, dass sie ihren Kurs nicht wechselten und folgte der einmal eingeschlagenen Route.
Nach einem weiteren Tag Fußmarsch durch menschenleeres Gebiet, und einer kurzen Rast während der Nacht, erreichte ich den Fuß einer Gebirgskette: Unüberwindlich für mich, für die Vögel kein Problem. Ich überlegte, den Rückweg anzutreten, als ich im Fels eine Kaverne entdeckte, die scheinbar quer durch den Berg verlief. Mit aller gebotenen Vorsicht betrat ich die schmale Schlucht und folgte ihrem Verlauf. Bald traten die Felswände zurück und ein umfänglicher Talkessel tat sich auf. Er war gut überschaubar und - am westlichen Rand des Kessels entdeckte ich die Kreaturen, denen ich gefolgt war. Ich suchte mir an Ort und Stelle einen günstigen Beobachtungsplatz.
Stundenlang geschah gar nichts. Die Wesen hockten unbeweglich auf dem nackten Fels. Hin und wieder reckten sie die säbelartigen Schnäbel in die Luft, als erwarteten sie etwas Entscheidendes.
Wolken zogen auf. Zögerlich erst, dann immer schneller braute sich ein Unwetter zusammen. Blitze zuckten aus dem Gewölk hervor und Donner hallte zwischen den Felsen wider. Unerwartet formierten sich die Vögel kreisförmig, die Schnäbel wie Leitlinien in das Innere des Kreises gerichtet. Und dann sah ich, dass die Wolken über dem Kessel zu rotieren begannen. Die Wurzel des Wirbels befand sich in der Mitte des Vogelkreises. Immer schneller werdend, bildete sich dort eine Windhose.
Plötzlich senkten die Vögel ihre Köpfe, als wollten sie sich verbeugen. Blitz und Donner folgten ein letztes Mal dicht hintereinander, die Windhose schien zu zerplatzen und dort, wo sie gerade noch mit Macht Staub aufgewirbelt hatte, erhob sich eine scheußliche Kreatur. Es schien, als sei sie nicht formbeständig. Sie waberte wie schwarzer Nebel und bildete sich neu. Kleine Flammen umgaben sie von allen Seiten und beleuchteten das Szenario schemenhaft. Die geflügelten Kreaturen hatten einen schaurig krächzenden Gesang angestimmt, zu dem die Gestalt in ihrer Mitte zu tanzen schien.
Fasziniert schaute ich dem Schauspiel zu. Der tanzende Dämon - denn was sollte das Gebilde sonst sein? - erhob sich zuletzt mit den Vögeln in die Luft und zog mit ihnen gemeinsam nach Norden davon.
Sobald die Schar meinem Blick entschwunden war, näherte ich mich vorsichtig dem seltsamen Tanzplatz. Deutlich konnte ich dort die Ausstrahlung des Bösen spüren.
Ich würde diesen Kreaturen folgen müssen, denn ich fühlte, sie hatten etwas mit meiner Aufgabe zu tun. Trotz fortgeschrittener Tageszeit machte ich mich daher auf den Weg ins Ungewisse.
Nicht weit von Mitternacht entfernt, erreichte ich ein Dorf. In einer Senke gelegen, machte es einen friedlichen Eindruck. Ich spürte nichts Böses im Umfeld und betrat den Ort. Die einzige Straße, die mitten durch die Ansiedlung führte, war unbeleuchtet. Auf einem großen freien Platz, der sicher der Marktplatz war, hielt ich inne. Hoffentlich gab es hier einen Gasthof, der um diese Zeit noch geöffnet hatte, denn ich verspürte Hunger und Durst.
Hell stand der Mond am Himmel. Von fern meldete sich ein Käuzchen. Eine fette Ratte huschte lautlos an mir vorüber und verschwand in einer Lücke im Gemäuer. Das Dorf schien wie ausgestorben, die Stille greifbar.

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