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Aus dem Buch: Elfriede Kerschbaumsteiner - Es is scho a neichtl her - (Auswahlband)
 
Hansbauernhof

Der Eisenstraße von Altenmarkt etwa ein Kilometer nach Norden folgend, erreicht man den Frenzbach, der die geografische Grenze zwischen der Steiermark und Oberösterreich bildet. Er durchfließt den langen Frenzgraben, an dessen Scheitelpunkt, dem Frenzsattel, auch Niederösterreich angrenzt, sodass man hier wirklich von einer Dreiländerecke sprechen kann. Über ihr erhebt sich der Kegel der Essling- oder Voralpe mit der Stumpfmauer als letzter massiver Vorposten der Gesäuseberge. Man hat von ihrem Gipfel einen prächtigen Rundblick, lieblich ist der Blick ins nahe Ybbstal, währen in südlicher Runde unzählige Gipfel der Oberösterreichischen Kalkalpen herüberblicken: die vielen Zacken der Gesäuse-, der Eisenerzer Berge und des Hochschwabs.
Wo der Frenzbach in die Enns mündet, steht das Frenzwirtshaus, ein alter Einkehrgasthof, den sowohl Flößer wie auch Fuhrleute in ihrer guten Zeit viel besucht haben mögen, die Flößlend ist noch immer betriebsfähig. Die Flößerei floriert noch heute, wenn auch in geringem Umfang, weil infolge des Baues der Ennskraftwerke in Ternberg und Großraming das Flößen nur mehr bis Küpfern möglich ist.
Hier beginnen auch, zuerst ganz schmal, die Wiesen des Hansbauernhofes, da an der Frenzbachmündung die Berge so nahe an die Enns heranrücken, dass mit Mühe für Straße und Eisenbahn Platz blieb. Der Hof steht ungefähr ein Wegkilometer weiter nördlich.
Auf dem Weg dahin können wir keinerlei Unterschied feststellen. Keinen Hinweis, der uns eine überschrittene Landesgrenze bestätigen würde. Hier wie dort der gleiche blaue Himmel, derselbe grüne Hochwald. Der vielleicht in Oberösterreich etwas mehr mit Buchen durchsetzt ist und daher besonders im Herbst ein noch farbenprächtigeres Bild liefert.
Ebenso wenig ist an den Menschen ein Unterschied zu merken, hüben wie drüben ein prächtiger Bauernschlag, der den Dialekt spricht, wie er eben im mittleren Ennstal Brauch ist. Ist auch kein Wunder, dass kein Unterschied herrscht, denn es sind zu viele Bande, die hinüber und herüber leiten: Die Bauerntochter aus Nach der Enns, wie die zerstreute Bauernsiedlung längs der Enns als Ortschaft heißt, hat oft in das benachbarte steirische Altenmarkt geheiratet. Umgekehrt fand der Bauernbursche aus der Steiermark in Oberösterreich die Braut, um hier als Bauer seine Zukunft einzurichten Daher fast das gleiche Blut, hier wie dort.
Auch andere Beziehungen gibt es, welche die geografischen Grenzen verwischen, bis über die Schönau hinaus, ja selbst noch Sattlhack inbegriffen. Da wandern die Schulkinder nach Altenmarkt, da die Entfernung nach Kleinreifling mehr als doppelt so groß wäre. Ebenso ist dieser Teil von Nach der Enns in Altenmarkt eingepfarrt, denn bis Weyer, dem nächsten oberösterreichischen Friedhof, sind es mehr als drei Wegstunden.
Somit ist das Leben dieser Menschen zwischen beiden Bundesländern aufgeteilt. Politisch gesehen, gehören sie jedoch zu Oberösterreich.
Ein Umstand, der sich gerade in Zeiten der beiden Weltkriege ganz besonders bemerkbar machte: Beim Einrücken ergab sich ein großer Unterschied, ob der eine zu den Vierzehnern nach Linz, zu den Kaiserjägern nach Salzburg oder Tirol, oder als Steirer nach Graz kam. Aber beide waren Angehörige großer Regimenter, ob sie nun dem Edelweißkorps oder dem Eisernen Korps angehörten, alle mussten sie schon im Ersten Weltkrieg die schwersten Opfer auf sich nehmen.
Jeder konnte sich glücklich schätzen, der aus diesem Völkerringen gesund an seinen Hof wiederkehren durfte und den die Gräuel des Krieges verschont hatten. Dankbar betreute solch einer wieder den Heimatboden, hoffend, dass nie mehr ein solcher Abschied ins Ungewisse notwendig werden würde. Und dies, soweit das der Mensch ermessen konnte, seinen Nachfolgern erspart bliebe, was er in den harten Kriegsjahren mitmachen musste

Und er streut die Saat in die oberösterreichische Heimaterde, führt Jahr für Jahr den Pflug und die Egge und ist bereit, wenn einst der Herr ihn abberuft, sein Haupt in die steirische Erde zur ewige Ruhe zu legen.


Die Geschichte des Hofes

Breit und behäbig liegt er da, der Hansbauernhof, zehn Meter seitlich der Straße. Das gemauerte Wohnhaus, durch den Hofraum von den Stallungen und Stadeln getrennt, zeigt an, dass wir noch nicht am Land draußt sind, wo die Vierkanthöfe stehen. Vielmehr ist hier noch die steirische Bauweise eingehalten, wie sie das mittlere Ennstal zeigt. Rechts und links reihen sich die Äcker und Wiesen um den Hof, auf jedem geeigneten Platz steht ein Obstbaum, damit in jedem halbwegs günstigen Jahr die Mostfässer mit dem guten Haustrunk gefüllt werden können. Auf der anderen Seite der Eisenstraße erstreckt sich das Reich des Hansbauern, hier steigt die Lehne aber bald so an, dass sie in die Hald übergeht und weiterhin dem Wald Platz macht. Der ganzen Anlage nach war das Besitztum seinerzeit so abgerundet, dass es das Eigenjagdrecht besaß. Bei irgendeinem Erbgang aber muss eine Teilung stattgefunden haben. Vielleicht ist damals auch erst der Name Hansbauer entstanden, wie auch jener seines Nachbarn Modlbauer. Es dürften zwei Brüder, Hans und Modl, wie ein Mathäus hierzulande angesprochen wird, gewesen sein, die sich den Besitz teilten.

Der alte Hansbauer, der sich Wöhri schrieb, hatte noch eine Anzahl von Dienstleuten, wie es eben früher auf allen Bauernhöfen der Fall war. Es gab damals keine oder wenige Fabriken, die später die ländlichen Arbeitskräfte unwiderstehlich in ihren Bann zogen und so die Landflucht einleiteten. Mit seinen Kindern aber war er nicht lange glücklich, da der einzige Sohn schon im Jahr 1895 und auch die Tochter in jungen Jahren verstarb.
So waren keine Kinder oder sonstige Nachkommen da, als er im Jahre 1921 in Wien einer hartnäckigen Krankheit erlag.
Seine Witwe, eine geborene Ahrer aus Essling, versuchte einige Zeit, die Wirtschaft weiter zu führen, aber der große Brand, der in den 90er (gemeint um die 1890) Jahren das Anwesen zerstört hatte, wirkte sich in seinen Folgen noch immer aus und so war der Hof arg verschuldet.
Als sie aber im Jahre 1924 vom Schlage getroffen wurde, musste sie daran denken, den Hof anderen, vor allem jüngeren Kräften zu übergeben. Ein Ver wandter in der Essling, den sie dazu in erster Linie ausersehen hatte, lehnte die Übernahme wegen der hohen Schuldenlast ab und so kam es, dass ein anderer Plan reifte: Den ältesten Sohn des Anton Weißensteiner, Besitzer des Gutes Sattlhack, zu adoptieren und ihm so, im Wege einer verwandtschaftlichen Schenkung, zu ihrem Nachfolger auf dem Hansbauernhofe zu machen.

In der Sattlhack hatte dreihundert Jahre lang die Familie Hintsteiner gewirtschaftet und dieses Anwesen zu einem stattlichen Besitztum gestaltet. Aber es gab nur sieben Töchter und keinen einzigen Sohn! Die Erbfolge musste daher auf die weibliche Linie übergehen und die Drittälteste, Romana, die den Schoberbauernsohn Anton Weißensteiner zum Bräutigam hatte, bekam den Hof.
Schoberbauer ist allerdings nicht ganz der richtige Hofname, denn auf der Breitau gab es nur einen Klein- und einen Großschoberbauern. Und unser Anton stammte vom Erstgenannten ab, der ja in Wirklichkeit ein größeres Grundausmaß aufweist als der andere Hof. Das war die Ursache, warum ein Vorfahre, wenn ihm gerade eine elegische Stimmung überkam, immer den schmerzerfüllten Ausspruch tat: ?Und wenn ich noch so groß wäre, als ich eh bin, ich bleibat doch immer nur der Kleinschoberbauer!? Und darum wollen wir uns aus Rücksicht auf seinen Lebensschmerz mit dem Hausnamen Schoberbauer begnügen.
Jetzt wurden nacheinander Buben geboren: Gleich fünf Söhne gab`s und nur eine Tochter! Der Älteste war wieder ein Anton, der künftige Hansbauer.

Nicht nur nachbarliche Freundschaft, sondern echte Zuneigung zu dem hochgeschossenen Jungen, bewog die Hansbäurin zu dieser Adoption. War der Toni doch schon damals, als er mit dem Schulranzen täglich beim Hof vorüber gekommen war, ein gern gesehener Gast im Hause gewesen. Ihm zu Ehren wurde sogar ein Edelbirnbaum Tonibirnbaum genannt.
Das war so gekommen: Wie es schon bei den Knirpsen der Brauch war, trieben sie auf dem stundenlangen Schulweg allerlei Schabernack. So teilten sie sich zum Beispiel in der Obstzeit die Bäume längs der Straße untereinander auf. So, als wären diese ihr Eigentum und wehe dem, der da dem anderen ins Gäu gegangen wäre ? eine Keilerei war unausbleiblich und so war denn auch einmal der alte Hansbauer Zeuge, wie der kleine Toni seinen Schulkameraden vom Modlbauern, und noch andere mit ihm, arg verdrosch, weil sie seinem Birnbaum einen unerlaubten Besuch abgestattet hatten. Diese energische Verteidigung seines, wenn auch selbst zuerkannten Eigentumsrechtes, gefiel dem Alten derart, dass er dem kleinen Helden den Baum schenkte und diesen nach ihm benannte.
Die Adoption wurde also Wirklichkeit: Toni fügte seinem Schreibnamen Weißensteiner noch den Namen seiner Adoptivmutter, Ahrer, bei und am 2.September 1924 wurde beim Bürgermeisteramt in Weyer durch den Notar die Überschreibung des Besitzes durchgeführt.
Und so zog denn bald darauf ein neues Geschlecht am Hansbauernhof ein, das entschlossen war, mit Gottes Hilfe und angespannter eigener Kraft das Anwesen wieder in die Höhe zu bringen. Leicht war es nicht, denn die Schuldenlast betrug, der damals herrschenden Inflation entsprechend, gegen zweihundertvierzig Millionen Österreichische Kronen. Die Nachbarn meinten ganz offen: "Wenn es dir gelingt, aus diesem Berg von Schulden herauszukommen, dann verstehen wir das Hausen nicht!"


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